[{Image src='bachmann009a.jpg' align='right' width='600' caption='Adam Willaerts Gemälde „Wildziegenjagd an der Küste“ per KI im Stil von Käthe Kollwitz.' height='260'}]
!!!Bachmann: Das zweite Böhmen
!!(A sea-port in Sicilia)
von __[Martin Krusche|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/kru]__\\
Dieses Bachmann’sche „Böhmen liegt am Meer“ ist ein inhaltlich und formal unglaublich raffiniertes Gedicht. Nach meiner Einlassung dachte ich, als ein erfahrener Lyriker könnte ich meinerseits darauf mit einem Gedicht reagieren. Dabei wurde mir schnell klar, daß ich dieser Idee nicht gewachsen bin.
Die Dichte, der Rhythmus, der Klang, die enthaltene Erzählung… Außerhalb meiner Möglichkeiten. Daher hab ich mich einem der Hintergründe dieses Bachmann-Textes gewidmet. Die Mutmaßungen über jene topographische Abweichung, die sich nicht übersehen läßt.
Manche Quellen verweisen auf William Shakespeare, der in seinem „Winter's Tale“ Bohemia als „A sea-port in Sicilia“ vorkommen ließ. Antigonus: ''„Thou art perfect then, our ship hath touch'd upon the deserts of Bohemia?“'' Mariner: ''„Ay, my lord…“''
Das übersetzte August Wilhelm Schlegel nach der Überschrift der dritten Szene („Böhmen, eine wüste Gegend am Meer.“) folgendermaßen. Antigonus: ''„Bist du gewiß, daß unser Schiff gelandet an Böhmens Wüstenei'n?“'' Matrose: ''„Ja, Herr…“''
Daher kursieren Annahmen, Shakespeare könnte sich geirrt und etwas verwechselt haben. Mir leuchtet das nicht ein. Bei einem Leben in der Kunst halte ich es für naheliegend, daß jemand auf Elemente und Motive der Welt nach Neigung zugreift, um daraus ein neues Arrangement zu formen.
[{Image src='bachmann009b.jpg' align='right' width='600' caption='Adam Willaerts Gemälde „Wildziegenjagd an der Küste“ per KI im Stil von Tamara de Lempicka.' height='260'}]
Danuše Siering notierte jüngst zu diesem Böhmen am Meer, es wurde ''„Vor allem aber zu einem eigentümlichen europäischen Traum von einem Ort, der nicht existiert – und den wir dennoch sehen können.“'' Ingeborg Bachmann sagte 1973 in einem TV-Interview: ''„Es ist das Gedicht meiner Heimkehr, nicht einer geographischen Heimkehr, sondern meiner geistigen Heimkehr…“''
Zu all dem paßt, daß der Maler Roelant Savery von seinen Reisen nach Tirol und Böhmen Felsstudien in die Niederlande mitgebracht hatte.
Die hat, so heißt es, der Maler Adam Willaerts genutzt, um etwa in seinem Gemälde „Wildziegenjagd an der Küste“ ganz auffallend „die Felsen Böhmens steil aus dem Meer ragen“ zu lassen, wie man 1999 in der Hamburger Kunsthalle notiert hat.
Damals galt die Ausstellung „Böhmen liegt am Meer“ einem bemerkenswerten Thema. Zitat: ''„Im 16. Jahrhundert wurde die Landschaft zu einem selbständigen Thema in der niederländischen Malerei. Bergketten, Wiesen und Wälder bildeten nicht mehr nur den Hintergrund in Gemälden, ihnen galt das eigentliche Interesse der Künstler. Auf ihren Reisen über die Alpen nach Italien, nach Böhmen oder Tirol fertigten sie Zeichnungen nach der Natur an, in denen sie das individuelle »gezicht« der Landschaft festzuhalten versuchten.“''
Was also anderen Menschen Atlantis ist, dient uns dieses „zweite Böhmen“, von dem Bachmann in ihrem Gedicht schrieb:'' „Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land, / ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr“''. Nein, ich sehe da keinen Irrtum und kein Mißverständnis. Es ist eine sehr genaue poetische Ortsangabe.
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