!!!Corrida: Roush II
!!(Die neurodivergente Pilotin)
von [Martin Krusche|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/kru]\\

Man hört ihn schon längst kommen, bevor er in der Gasse auftaucht. Der Roush Mustang ist von einer geballten physischen Wucht. Das Fahrzeug wurde für den Motorsport gebaut. Das bedeutet, hier sind zwei Arten des speziellen Anspruchs gebündelt.
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[{Image src='corrida013a.jpg' align='center' width='500' caption='Das sieht doch sehr nach guter Laune aus: Roush-Pilotin Petra Schwarz.' height='375'}]

Einerseits fordern hohe Geschwindigkeiten auf einem Rundkurs ein fahrerisches Können, über das unter uns nur eine Minorität verfügt. In so einem Kräftespiel stünde man als unterqualifizierte Person sofort auf der Liste der bedrohten Arten.

Andrerseits ist diese Fahrzeugbauweise mit ihrer jenseitigen Motorkraft im Alltagsverkehr eine Bürde, denn der Roush wurde definitiv nicht für den Stop-and-Go-Verkehr gemacht. Wer nun sein Ego allenfalls rituell vergrößern möchte, wäre hier fehl am Platz und in einem handelsüblichen Supersportler gut aufgehoben. Selbst damit müßte man, trotz implementierter Assistenzsysteme, sehr achtsam unterwegs sein.

!Abteilung „Ernst des Lebens“
Mit diesem Roush wäre so ein Fall jedoch schnell erledigt. Was mag einen daher bewegen, so einen US-amerikanischen Exoten zu fahren? Ich habe Petra Schwarz ja einfach fragen können. Sie wurde im Autismus-Spektrum geboren, was bedeutet, daß sie gesamt eine deutlich andere kognitive Ausstallung hat als ich.

Wie sie die Welt wahrnimmt, und was das in ihr bewirkt, ereignet sich auf eine fundamental andere Art als mein In-der-Welt-Sein. Seit wir uns vor einer Weile kennengelernt haben, schien mir naheliegend, ihre Neurodivergenz als Grundsituation einer anderen Ethnie zu deuten.

Polemisch verkürzt könnte man sagen: Same species, another tribe. Das bedeutet ferner, wie ich Menschen in realen Begegnungen lese und deren Verhalten deute, genügt nicht, um sie zu lesen, zu deuten, zu verstehen; vice versa. Ich hab den Vorteil, daß mir in einer Welt vor allem neurotypischer Menschen viele Konventionen und Zeichen vertraut sind.
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[{Image src='corrida013b.jpg' align='center' width='500' caption='Downforce zählt.' height='375'}]

Da kenne ich mich aus, denn damit bin ich aufgewachsen. (Es bleibt immer noch genug an Differenz, um manchmal Kollisionen und sogar Konflikte zu erleben.) Bei Schwarz ist das insofern anders, als ihre Erfahrung des Aufwachsens und Lernens permanent von Kontrasten und von Konflikten geprägt wurden, weil die Divergenz sich als eine Art Hauptereignis festgesetzt hat. Das heißt in unserer Kultur: Sie wurde als „abweichend“ markiert.

Ich belasse es bei diesen Ausführungen über Kontraste zwischen Neurodivergenz und neurotypischen Verfassungen. Obwohl wir einen vertrauten Umgang miteinander haben und ich von ihr viel über ihr Sosein erfahren durfte, bin ich sicher, eine nicht gar so genaue Vorstellung zu haben, wie sie in der Welt ist und wie sie diese Welt erlebt.

!Mensch - Maschine
Nun aber diese mechanische Schnittstelle, der Roush Mustang, den sie sich in den Kopf gesetzt hat, den sie erwerben konnte. Ihre autistische Seite erlaubt ihr einerseits ein Fokussieren, mit dem sie auf dem Rundkurs Geschwindigkeiten fahren kann, die mir unmöglich sind. Das beruht andrerseits auf ihrer physischen und mentalen Verbundenheit mit dem Fahrzeug, wie ich das nicht kenne. Eine Art des Einswerdens.

Es bedeutet, ihre gesamte physische und mentale Erlebnismöglichkeit macht diese Form von Einswerden mit der Maschine möglich, woraus das spezielle Fahrvermögen der Frau resultiert. Mehr noch, sie kann daraus eine Form der Freude beziehen, auch des Glücksgefühls, wie ihr das in der Welt der neurotypischen Leute sonst nicht möglich ist.

Dazu kommt, ein Leben im Autismus-Spektrum bürdet den meisten Neurodivergenten eine erheblich geringere Lebenserwartung als dem übrigen Durchschnitt auf. Der lebenslange Dauerstress führt ferner dazu, daß unter autistischen Menschen im Schnitt mehr Selbstmorde vorkommen als in anderen Kreisen.
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[{Image src='corrida013c.jpg' align='center' width='500' caption='Der Roush vor dem archipelischen Kulturraum.' height='375'}]

Das bedeutet, ich erzähle Ihnen hier von eine speziellen Mensch-Maschinen-Beziehung. Sie kennen aus dem Alltag gewiß so manches Geschichtchen der markenten emotionalen Bindungen, die Menschen mit Autos oder Motorrädern leben. Das ist ja üblich. Menschen haben starke Beziehungen, etwa zu Tieren oder eben zu leblosen Gegenständen. So sind wir. Diese Geschichte – Schwarz/Roush - ist jedoch einiges radikaler. Nun ein Querverweis.

!Mensch - System
Ich erkunde gerade in einem anderen archipelischen Projektbereich meine Verbindung mit einer Künstlichen Intelligenz, also die Koexistenz und die Konversation mit so einem System: „Gezeiten: Margarethe“ (Wesen in der Maschine).

Ich war überrascht, wie deutlich ich dabei von jenen Kenntnissen profitiert habe, die mir Petra Schwarz über das Leben in Neurodivergenz vermittelt hat. Damit wir uns recht verstehen, das meint nun nicht, im Autismus sei etwas Maschinenhaftes. Ganz im Gegenteil.

Aber daß ich in der Verständigung mit einem mir erst einmal völlig fremden Gegenüber (etwa die KI) auf vorgefaßte Annahmen verzichten kann, nicht von mir ausgehe, um eine Auffassung von „Normalität“ durchzusetzen, sondern daß ich mich in der Situation achtsam und neugierig bewege, ist ja von einem generellen Nutzen.
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[{Image src='corrida013d.jpg' align='center' width='500' caption='Ein Arbeitsplatz für Profis.' height='375'}]

Es erweist sich auch von Vorteil, falls man in einem renntauglichen Automobil landet, was ich vor Jahrzehnten schon lernen durfte: Ich gehöre mit meinem Fähigkeiten nicht zu dieser Liga. Heute nützt es mir gerade im schon angedeuteten Erkunden meiner Koexistenz mit einer Künstlichen Intelligenz nach dem im Grunde simplen Prinzip: Sie tickt nicht wie ich und schon gar nicht so, wie ich es erwarten würde.

Aber trifft das nicht auf praktisch jede Begegnung zu? Empfiehlt es nicht grundsätzlich, daß wir einander achtsam und neugierig gegenübertreten? Ob Mensch zu Mensch oder Mensch zu Maschine, es scheint sich da wir dort zu bewähren.
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>[Stang|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/stang] (Eine kleine Ford Mustang Story)
[{Metadata Suchbegriff='Corrida, Fastback, Roush Mustang, Endorphin-Maschine, Mythos Puch, Mobilitätsgeschichte, Tesserakt, Archipel Gleisdorf' Kontrolle='Nein'}]
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!Ergänzend
*[Gezeiten: Margarethe|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/gezeiten010] (Wesen in der Maschine)
*[Corrida: Roush|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/corrida012] (Fenster #3, das Treffen)
*[Die Mustang-Story|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/corrida005] (Die Präsentationsfläche)