!!!Cyberspace: Wann ist Kunst?
!!(Neigungsgruppe Dark Matter)
von __[Martin Krusche|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/kru]__\\

In schlampig geführten kulturpolitischen Debatten höre ich wiederkehrend, was die Kunst alles sein und können soll. Sie möge die Menschen erfreuen, läutern, erheben, sie solle auch Brücken bauen, Völker verbinden. Sie müßte zu all dem irgendwie immer noch das antike Ideal vom Wahren, Schönen und Guten mit sich herumschleppen.
[{Image src='cyberspace010a.jpg' align='center' width='600' caption='Vier ehrenwerte Gentlemen per KI mitten im Kunstdiskurs, ausgerechten in einer Warhol-Ausstellung. Von links: Jürgen Kapeller, Heimo Müller, Martin Krusche und Ewald Ulrich.' height='338'}]

Das ist in meinem Milieu nicht einmal mehr Sokrates auf schlampig oder Herder für die billigen Plätze. (Herders „Von Deutscher Art und Kunst“ erschien 1773.) Ich finde solche Posen in meinem aktuellen Umfeld als die Kopie einer Kopie einer Kopie von einer Kopie, über deren Quellen und Bedeutung mir kaum noch jemand Auskunft geben kann.

Ich halte gar nichts davon, Kunstpraxis mit anderem Zeugs zu befrachten und sie auf vielfältige Art für weitere Ressorts nutzbar machen zu wollen. Am allerwenigsten als Magd des Marketings. Die Kunst selbst ist ohnehin pure Transzendenz und darin praktisch nicht nutzbar. Daran kann niemand herumschrauben. (Sie verstehen? Poisesis, Praxis, Transzendenz.)

!Die Lüpertz-Sache
Wer mich kennt, weiß überdies, daß ich diesbezüglich im Lager von Markus Lüpertz stehe. Die Kunst beschäftigt sich hauptsächlich mit sich selbst. Sie ist immer Renaissance und stellt sich den Jahrhunderten. Nicht „um zu…“, also um zur Alltagsbewältigung nützlich zu sein, sondern in eigener Sache, in Sachen Wahrnehmung, Erkenntnis und Transzendenz. (Ich fürchte, das könnte man mir als quasireligiöse Pose auslegen.)

Jedenfalls sprechen wir deshalb wenigstens seit der Renaissance von einer Autonomie der Kunst und fragen heute nicht einmal mehr „Was ist Kunst?“, wir fragen „Wann ist Kunst?“, weshalb ich allen, die hinter diese Position zurückkehren möchten, „Bon Voyage!“ wünsche.

!Nun aber ich als Künstler?
Ich ringe um Qualität und Vollendung. Das betrifft meine inneren Vorgänge und Werke, die mir gelingen. Wo das auf meinem Weg gelegentlich halbwegs taugliche Ergebnisse möglich macht, spreche ich von Kunst. Alles andere? Etüden.

Das sind innere Vorgänge in Reaktion auf meine Welterfahrung, auch aufgrund meiner langjährigen Befassung mit dem, was an Kunstwerken schon da ist. Und mit Debatten darüber. Es war für mich immer schon etwas da, woran ich mich geschult habe. Es ist also immer Renaissance.
[{Image src='cyberspace010b.jpg' align='center' width='600' caption='Zugegeben, ich bin ein antiquiertes Wesen. Deshalb muß ich auf der Suche nach der Höhe der Zeit bestehen, sonst kennt sich mit der Kunst ja kein Mensch aus.' height='338'}]

Ich blicke zurück, ich stelle mich den Jahrhunderten. Das bedeutet auch, ich kläre individuelle Sinnfragen und bringe mich dabei in einen größeren Zusammenhang, der als Menschheitsgeschichte beschrieben wird.

All das ergibt für mich keinen Anlaß, diese Prozesse mit den heutigen Vorgängen in Maschinen zu assoziieren. Selbst wenn eine Maschine das entwickelt, was wir Intention nennen würden, hat sie keinen Leib, keine vergleichbaren Erfahrungen, keine ähnlichen inneren Vorgänge, daher wohl auch keine Handlungsweisen, die meinen gleichen könnten.

Deshalb fehlt mir allein schon aus semantischen Gründen die Notwendigkeit, den Begriff Kunst auf die Werke einer Maschine anzuwenden. Allerdings stelle ich nicht in Abrede, daß sich etwas wie „der Geist in der Maschine“ entwickeln kann. Hier gabeln sich aber die Wege. Ist eine Maschine bloß mein Werkzeug, fällt ihr keine Urheberschaft zu, auch keine Prominenz auf der Etage neben mir.

Wäre eine Maschine zu eigenen Intentionen fähig, würde sie unabhängig von meinem Willen respektable Werke zustandebringen, hätte ich keine Scheu, die ästhetische Qualität solcher Werke anzuerkennen. Dafür sollten wir Menschen aber einen passenden Begriff finden können. Ein Bezeichnendes, das dem Bezeichneten gerecht wird, ohne es in die gleiche Kategorie zu schieben wie Menschenwerk.

Und das möglichst mit etwas mehr Esprit, als es die Logik der Begriffe „Pinselkunst“, „Computerkunst“, „Videokunst“ etc. offenbaren. Ich meine, Begriffe wie Kunst, Kunsthandwerk und Deko sind abgenutzt.

Vielleicht könnten wir es der KI selbst überlassen, einen passenden Begriff zu kreieren, ohne dabei einen Mangel an poetischer Potenz offenzulegen. Ich habe schon bisher erlebt, daß eine KI mir gelegentlich weit originellere Texte anbietet als so mancher Mitmensch, welcher sich unter die Flagge der Kunst gedrängt hat.
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