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!!!Flocke: Alter Mann XI
!!(Gestricktes II)
von __[Martin Krusche|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/kru]__\\
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Noch ein paar Zeilen zum Gestrickten. Dies ist mein 70. Jahr und von 2025 auf 2026 hatte sich nun der erste Winter meines Erwachsenenlebens entfaltet, in dem ich anerkennen mußte, daß ich draußen ohne Wollhaube Probleme bekomme.
Dem stand nun der 5. März 2026 gegenüber, an dem ich meine Runde durch die Stadt zum ersten Mal wieder ohne Kopfbedeckung absolviert hab. Freilich ist das banaler Kram. Allerdings vor einem gewichtigen Hintergrund.
Ich bin Jahrgang 1956 und muß feststellen, daß wir offenbar von unseren Leuten nicht haben lernen können, wie Altsein geht. Ich blicke auf Jahre und Jahrzehnte zurück, da war einst von einem „Jugendwahn“ die Rede. Das ist ein Riesengeschäft geworden. Es gibt „Anti Aging-Konzepte“ in den fast schon olympischen Wettbewerben bezüglich Selbstoptimierung.
Ich zitiere Frau Dr. P. zum Thema ''„zeitlos schön“'', um klar zu machen, worum es da geht: ''„Jung aussehen, jung fühlen: Die 5 wirksamsten Anti-Aging-Behandlungen“''. Das paßt alles zum landesüblichen Geschwafel von ''„Senioren“'' und ''„Man ist so alt wie man sich fühlt“''. Diese Floskeln sind ungefähr so aufschlußreich wie ''„Das Wasser ist naß“'' oder ''„Der Papst ist katholisch“''.
Es möchte ja auch ich nicht an physischer Attraktivität und gesamt an Belastbarkeit verlieren. Aber es geschieht in Relation zu meinen jüngeren Jahren. Um das mindestens nennenswert zu bremsen wäre aktuell weit mehr nötig, als ich aufzubringen bereit bin.
Ich erkunde derzeit mein Leben, in dem der ursprünglich vertraute Kräftehaushalt mindestens um ein Drittel abgesackt ist, oft anscheinend um die Hälfte. Das bedeutet, ich muß meine Tage ganz anders angehen und leben als zuvor.
Für mich ist außerdem eine massive Zunahme an physischer Verletzlichkeit neu. Jüngst bloß zweimal mit offener Jacke in der Stadt unterwegs, zack! Eine Verkühlung, die mich rund zwei Wochen im Griff hatte. Da zwischendurch das Einkaufen notwendig blieb, war zu spüren: Die Wollmütze reicht grad nicht. Meine Körperwärme floß über den Hals hinaus und die Kälte kroch herein. Also: Kapuze über die Mütze.
Es ist für mich völlig neu. Ich erinnere mich nicht, daß ich je zuvor auf körperliche Belastungen oder die Qualität von Lebensmitteln geachtet hätte. Ich war es gewohnt, mit unglaublicher Robustheit durch mein Leben zu pflügen.
Das ist inzwischen vollkommen anders. Nein, ich beklage mich nicht. Es ist für mich ja gleich einem großen Geschenk, dieses Alter leben zu dürfen und mit noch etlichen Jahren zu rechnen, die etwa mein Vater nicht hatte. (Der starb jünger als ich es nun bin.)
Und jetzt? Ich konnte, wie erwähnt, von meinen Leuten nicht lernen, wie Altsein geht. Außerdem haben mir die letzten zehn Jahre gezeigt, daß sich mit Männern in meiner Umgebung nur sehr spärlich darüber reden läßt. Ich denke, dazu tragen Rollenklischees eine vorherrschenden Männerkultur sehr viel bei.
Das handelt von äußerst anziehenden Bildern, mit denen man die eigene Identität vorzüglich aufbrezeln kann. Nun zeigen mir aber Körper und Seele, daß ich sehr viel verletzlicher geworden bin, als ich je gedacht hätte. Was ich vom Alter her als geschenkte Zeit empfinde, hat also einen Preis. Der ist, wie ich merke, nicht verhandelbar. Ich liefere, oder es hat schmerzliche Konsequenzen. (Die Wollmütze ist ein banaler Teil dieses Preises.)
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