[{Image src='Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/zeit_raum_lyrik21/eschmann.jpg' align='right' width='300' caption='‎Autor Michael Eschmann' height='400'}]
!!!Fragen zur Höhe der Zeit
!!(Konferenz in Permanenz)
von __[Martin Krusche|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/kru]__\\

Ich will davon ausgehen, daß es grundsätzlich Menschenart ist, über sich selbst und über die eigenen Lebensbedingungen nachzudenken. In der Kunstpraxis suchen wir uns Themen, Aufgaben, und bearbeiten sie mit Mitteln der Kunst.

Manchmal entstehen dabei Werke, die über Generationen hinweg Gewicht und Wirkung haben. In der Regel wird ein Oeuvre aber in geringeren Zeiträumen von Bedeutung sein. Von Autor Michael Eschmann stammen folgende Zeilen, die mir dazu passend erscheinen:

''„Leben ist Ungewissheit. Wir wissen nicht, was uns auf Erden erwartet. Denn unser aller Schicksal ist, dass wir unseren Lebensplan nicht kennen. Unsere Biographie ist Bewegung. Vor uns ist zunächst eine dunkle Linie, die wir versuchen, durch eigene Aktivitäten, Ideen und Pläne zu erhellen. Aber meist kommt alles anders. Schon deshalb, weil alles im Wandel ist (ein Thema vieler Gedichte). Uns Menschen eingeschlossen.“''

Ich hab in der Glosse „Kunstdebatten“ (Link am Seitenende!) von unserem Besuch im Gleisdorfer „Spiegelgitterhaus“ erzählt, bei dem wir mit Kunstsammler Erich Wolf nicht nur Arbeiten von Hannes Schwarz durchgingen, sondern auch Fragen zur Kunst erörtert haben.

Ich notierte dazu: ''„Wir haben in Europa eine solide Tradition des Kunstdiskurses.“'' Wo dieser Diskurs unberücksichtigt bleibt, neige ich zu Skepsis, gelegentlich zu Mißtrauen. Selbstverständlich entstehen auch vorzügliche Werke, wo jemand ganz ohne diese Debatten auskommt. Aber das bleibt eine Seltenheit.

!Qualitätsfragen
Ich gehe davon aus, daß es einem freistehen muß, bei der Kunstbetrachtung bloß im Reich der Sinnlichkeit zu bleiben, zu schätze, was einem gefällt, oder zu all dem auch die Regeln der Kunst zu kennen. Was einem sinnlich zusagt, kann jederzeit ein ausreichender Grund sein, sich individuell für ein Werk zu begeistern. Für den Kunstbetrieb reicht das freilich nicht.

So meint etwa Fotograf Mathias Petermann treffend: ''„Also, wenn ich eins über gute Kunst gelernt hab, dann ist nicht die Frequenz und das Expositionsgebiet der Ausstellungen relevant, sondern: Welche Institutionen? Ist es kuratiert? Und was ist der Inhalt? Alles, was ich bei manchen erkenn, ist als Kunst getarnte Deko-Massenproduktion mit Konzepten, die im Nachhinein zugeschrieben wurden.“ F''ür den Unterschied spielt eben Kontext eine große Rolle.

Da finden Sie nun beide Optionen. Die Frage nach den sinnlichen Qualitäten eines Werkes, ob es gefällt, kann man beachten. Aber die Frage nach den Regeln der Kunst, nach kunstgeschichtlichen Kriterien, erschließt den größeren Zusammenhang.

Ich erlebe wiederkehrend, daß jemand diese Zusammenhänge demonstrativ verachtet, um sich selbst auf bequeme Art ins Kunstgeschehen zu reklamieren. In der Steiermark finden sich laufend Beispiele, wo Gefälliges zusammengetragen und hinterher mit einem Konzept versehen wird. Kann man machen, bringt uns aber nur wenig für das geistige Leben eines Gemeinwesens.
\\
%%center
[{Image src='kip005a.jpg' class='image_block' width='400' height='300' caption='Pianistin Thais Bauer (link) und Malerin Martina Brandl'}]
[{Image src='kip005b.jpg' class='image_block' width='400' height='300' caption='Fotograf Mathas Petermann'}]
%%

Bei der erwähnten Debatte im „Spiegelgitterhaus“, einem Ort, an dem ich den „Gefälligkeitsmodus“ für ausgeschlossen halten möchte, kam auch dieses Motiv zur Sprache, das von Kunstschaffende handelt, die angeblich ''„ihrer Zeit voraus“ ''seien.

Daran glaube ich nicht. Ich halte das für ein Phantasma. Ich denke, niemand kann der Zeit voraus sein. (Nicht einmal die Photonen des Lichts können das.) Ich bin überzeugt, es ist genauso, wie Eschmann schrieb: ''„Vor uns ist zunächst eine dunkle Linie, die wir versuchen, durch eigene Aktivitäten, Ideen und Pläne zu erhellen.“''

Dem entspricht auch, was uns etwa von der Neurologie her bekannt ist. Leor Zmigrod leitete aus ihrer Forschung ab:'' „Ein Gehirn, das eine Gewohnheit ausführt, sieht anders aus als ein Gehirn, das ein Ziel verfolgt.“'' Sie betont, Gewohnheiten seien ''„Abkürzungen, die auch dann noch bestehen bleiben, wenn das Ziel längst verschwunden ist.“''

Natürlich kommt das auch in unserem Kulturbetrieb vor. Aber der Zeit voraus sein? Lustig! Es gelingt immer wieder Künstlerinnen und Künstlern, sich erkennbar auf der Höhe der Zeit zu bewegen, während große Teile der Gesellschaft in Gewohnheiten verbleiben, also der Zeit hinterher hinken. So sehe ich das.
----
>[Konferenz in Permanenz|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/konferenz] (Laufende Diskurse)
[{Metadata Suchbegriff='Konferenz in Permanenz, Kulturpolitik, Netzkultur, Tesserakt, Archipel Gleisdorf, Feuilleton' Kontrolle='Nein'}]
----

!Weiterführend
*[Kunstdebatten|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/kip003] (Im „Spiegelgitterhaus“)
*[Zu Michael Eschmann siehe: Tage kühl vom Regen umarmt|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/buch003_eschmann] (Poetische Genauigkeit)
*[À la Petermann|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/petermann] (Licht und Schatten für Fortgeschrittene)