!!!Stromlinie: Die Höhe der Zeit
!!(Streamline 2.0)
von __[Martin Krusche|User/krusche martin]__\\
\\
Als ich den Wagen an mir vorbeiziehen sah, war mir klar, daß es nun einer Recherche bedarf. Diese Linienführung hatte ich zuvor noch nicht gesehen. Ich dachte auf Anhieb an eine Art der asiatischen Porsche-Konkurrenz.
\\
\\
[{Image src='puch27_09a.jpg' align='center' width='600' caption='Die optimierte Linie bringt Reichweite.' height='450'}]

Das trifft auf diesen Hyundai IONIQ 6 allerdings nicht zu. Aber formal erschien er mir konsequent und exemplarisch als das, was sich seit einigen Jahren auf unseren Straßen zeigt: Die Stromlinie ist zurück. Deutlicher, als sie es seinerzeit gewesen ist. Diese Geschichte begann ja vor rund hundert Jahren an Boden zu gewinnen.

Wenn man sich das Automobildesign ab jener Zeit ansieht, da an den Autos langsam Wände hochgezogen wurden, findet man auch diese spezielle Nebenline schon früh. Erst wurde aus dem offenen Phaeton der Sedan (geschlossener Innenlenker), während da wir dort die Stufe zwischen Fahrgastraum und Motorraum eingeebnet wurde und die „Torpedo-Karosserie“ ergab.
\\
\\
[{Image src='puch27_09b.jpg' align='center' width='600' caption='Für einen guten cW-Wert spielt das Heck eine größere Rolle als der Bug.' height='450'}]

!Das Aerodynamische
Die Luftfahrt war ja ab etwa 1909 für eine flotte Folge technische Fortschritte gut. Das wirkte sich auch schrittweise auf die Automobilwelt aus. Der A.L.F.A. 40-60 HP Aerodinamica war eine Kuriosität von 1913. Der Rumpler Tropfenwagen fand 1923 Beachtung. Zehn Jahre danach konzipierte Richard Buckminster Fuller das Dymaxion-Auto.

In Österreich wurde ab 1935 der Steyr 100 als Stromlinien-Fahrzeug beworben, war es aber erst im Ansatz. Das änderte sich 1936 grundlegend. Der Steyr 50 von Jenschke ist ein unverkennbarer Streamliner. Ledwinka zeigte 1937 mit dem Tatra 97, wo die Stromlinie hinweist.

Zu jener Zeit arbeitete Komenda am KdF-Wagen, der später als VW Typ 1 („Käfer“) zu einem Massenprodukt wurde. Natürlich gab es nach 1945 zunehmend markante Streamliner. Ob nun Komendas Porsche 356 oder den Citroen DS von Bertoni war... Siehe dazu den kleinen Überblick in „Eine Frage der Form“ (Überlegungen zum Thema Design).
%%center
[{Image src='Wissenssammlungen/Essays/Mensch_und_Maschine/Eine_Frage_der_Form/design02.jpg' class='image_block' width='400' height='300' caption='Rumpler Tropfenwagen, Bj. 1923. (Foto: Robotriot, Creative Commons)'}]
[{Image src='Wissenssammlungen/Essays/Mensch_und_Maschine/Eine_Frage_der_Form/design09.jpg' class='image_block' width='400' height='300' caption='Österreichs erster amtlicher Streamliner: Der Steyr 100.'}]
%%

!Namensgebung?
Der Rückblick zeigt, daß die Stromlinie ab etwa 1933 nicht bloß im Automobildesign vorankam. Über den Zwischenschritt selbsttragender Ponton-Karosserien war dann ab zirka 1973 die Keilform auf dem Weg zur Massenbasis. Quasi die Stromlinie mit Bügelfalten.

Als ich jüngst einen Autohändler fragte, ob denn nun die markant neue Design-Epoche mit all ihren Hybriden und Vollelektrikern schon einen Begriff und damit eine Bezeichnung erhalten habe, lautete die Antwort ''„Nein“''. Man sieht den E-Autos ja an, daß sie ungestüm auf windschlüpfig gebürstet werden. (Ein guter cW-Wert bringt Reichweite.)
%%center
[{Image src='Wissenssammlungen/Essays/Mensch_und_Maschine/Markante_Linienführung/haflinger_design02.jpg' caption='Der markante Keil: Lotus Esprit.' class='image_block' width='400' height='300'}]
[{Image src='Wissenssammlungen/Essays/Mensch_und_Maschine/Markante_Linienführung/haflinger_design03.jpg' caption='Robuste Schachtel: Fiat Panda 4x4.' class='image_block' width='400' height='300'}]
%%

Ich habe das Thema in „Linien und Lichter“ (Streamline 2.0) schon skizziert. Der provisorische Begriff „E-Design“, wie ich ihn bisher fand, taugt nach meinem Geschmack bestenfalls als Übergangslösung. Was wir zu sehen bekommen, ist eigentlich gewissermaßen „Streamline 2.0“. Nun meine Überraschung. Bei der Recherche zu jenem Hyundai fand ich erstmals den ausdrücklich Bezug auf dieses Design. Zitat:

''„Der IONIQ 6 ist das Herzstück einer neuen Ära der Elektromobilität: elegant und unverwechselbar. Sein stromlinienförmiges Design und sein kokonartiger Innenraum wurden geschaffen, um einen individuellen und flexiblen Raum zu bieten, der das Erlebnis im Auto neu definiert.“'' (Quelle: Hyundai Austria)

Was nun den Luftwiderstand angeht, gelten heute cW-Werte zwischen 0,19 und 0,22 bei Serienfahrzeugen als sehr gute Werte. Der IONIQ 6 bringt es auf 0,21. (Für Standard-PKW gelten 0,25 bis 0,35 als akzeptabel.) Das bedeutet, ich hab kürzlich in Gleisdorf einen Streamliner auf der Höhe der Zeit vorgefunden.
----
>[Die Startseite: Stromlinie|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/mythos_puch27] (Mythos Puch Nr. 12)
[{Metadata Suchbegriff='Stromlinie, Streamline, Mythos Puch, Mobilitätsgeschichte, Tesserakt, Archipel Gleisdorf' Kontrolle='Nein'}]
----
!Ergänzend
Der Luftwiderstand frißt Motorkraft, wie auch der ganze Antriebsstrang eines Autos und der Rollwiderstand der Reifen. Daher sorgt erhöhte Windschlüpfrigkeit einer Karosserie, daß mehr Motorkraft für das Vorankommen verfügbar bleibt, was auch die Einsparung von Kraftstoff bedeutet. Der cW-Wert gibt den Strömungswiderstandskoeffizient (Luftwiderstandsbeiwert) an: c coefficient und W für Widerstand.
*[Linien und Lichter|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/mythos_puch27_08] (Streamline 2.0)
*[Eine Frage der Form|Wissenssammlungen/Essays/Mensch_und_Maschine/Eine_Frage_der_Form] (Überlegungen zum Thema Design)