Klare Position statt semantischer Schlamperei#
(Die KI schafft von sich aus bloß Dekorationsgegenstände III)#
von Martin KruscheIch halte die Forderung „Nennen Sie Ihre Gründe!“ für unverzichtbar. Aber man kann auch beim Small Talk bleiben, wenn einem das lieber ist. Folgt man meinen Ausführungen, wird man auch mir entgegenhalten können, daß es einem völlig frei stehen muß, ob man überhaupt auf Kunsttheorie und Diskurs Wert legt und falls ja, welcher Denktradition man sich anschließen möchte.
Ich habe als meine Referenzen schon Nelson Goodman und Boris Groys genannt. Goodman, der sich mit Arthur C. Danto über eine Reihe zentraler Fragen auseinandergesetzt hatte, zählte sich zu den Konstruktivisten. Auch das korrespondiert mit meinen Denkweisen.
Ich hatte als junger Kerl vor allem über Arbeiten von Humberto Maturana und Francisco Varela zu grübeln, kam so auf Heinz von Foerster, den ich in Graz live erlebt hab. Von einer anderen Seite her hatten mich Karl Popper und John C. Eccles mit „Das Ich und sein Gehirn“ sehr bewegt, zumal ich durch dieses Buch auf das Thema Quantenphysik kam.
Für mich bestehen im Nachdenken über Gegenwartskunst und Quantenphysik starke Resonanzen. Ich skizziere das hier, um klar zu machen, aus welcher Position ich argumentiere. Der Kunstdiskurs handelt selbstverständlich auch von grundlegend anderen Positionen, die einander im Gesamtbild nicht ausschließen können. Genau das ist ja eine der besonderen Qualitäten der Befassung mit Kunst: man erzeugt keine „Wahrheiten“, indem man Widersprüche eliminiert.
Werk und Person unterscheiden können#
Goodman, Danto und Groys, aber auch Susan Sontag oder Toni Morrison, haben meine Kunst-Auffassungen geprägt. In genau diesem Sinn ist es selbstverständlich legitim, die Werke der Maschine Ai-Da zu valorisieren, sie in den Kunstkanon zu übernehmen. Doch das gelingt erst, wenn ein handelnder Mensch mit seinen Intentionen ins Spiel kommt.Aus meiner Sicht ist daher die Maschine Ai-Da mit ihrer implementierten KI keinesfalls im Rang einer Künstlerin, sondern eines (Hightech-) Pinsels. Der Pinsel träumt nicht davon, ein Kunstwerk zu erschaffen. Er dient dem Erschaffen eines Kunstwerkes als Werkzeug. Das meint, die Maschine Ai-Da dient einem (von Menschen dazu) erklärten Kunstprojekt. Ich möchte das am ehesten dem Genre Konzeptkunst zuordnen.
Die Maschine Ai-Da kann uns weder über Absichten, noch Konzepte, noch über die „Aboutness“ (Danto) des Werkes irgendwelche tauglichen Auskünfte geben. Sie computiert bloß, was ihre Software aufgrund von Kriterien aus dem gesamten Schatz der Kunstgeschichte und aus anderen Quellen als relevant einstuft: Datensätze.
Ich halte es für zulässig, die Werke der Maschine Ai-Da aufzuwerten, in den Kunstkanon zu übernehmen und auf dem Kunstmarkt zu verwerten. Ich halte es für eine semantische Schlamperei, die Maschine Ai-Da deshalb zur Künstlerin zu erklären. Ich vermute, das ist mehr als alles andere ein Ausdruck von Geschäftstüchtigkeit.
Jede Debatte erübrigt sich, wenn wir plötzlich weitgehend vom Tisch wischen, was schon längst diskutiert wurde. Daß etwa im antiken Kunstdiskurs zwischen freien und knechtischen Künsten unterschieden wurde. Daß angewandte Kunst von freien Formen unterschieden wird, auch Kunst von Kunsthandwerk.
Keine Frage, daß man in der Architektur zwischen Baukunst und Dienstleistung unterscheidet, daß Design natürlich seine Überschneidungen mit der Kunst haben kann. Es kommt vor, daß man zu Phänomenen wie Eisblumen am Fenster, zu manchen Orchideenblüten oder zum flammender Lava zwar im Alltagsdiskurs gerne sagt, dies seien „wahre Kunstwerke“, doch die Natur ist keine Künstlerin im Sinn menschlicher Künstlerinnen. Es sollte uns leicht fallen, das kategorial zu unterscheiden.
Man muß das alles nicht wissen, beherzigen, unterscheiden können, um sich an Kunstwerken zu erfreuen. Wir haben jede Freiheit, Kunstwerke auf bloß sinnliche Art zu erfahren, durch ihre ästhetischen Qualitäten (Ästhetik = Aisthesis = Wahrnehmung). Das bedeutet bloß, man kann auf die Art an einem Kunstdiskurs nicht teilnehmen.
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