Digitalmoderne?#
(Notizen zur Landkarte der Bedeutungen)#
von Martin KruscheIch stehe in einem Lager, dort gilt: Wenn wir keine Begriffe haben, wissen wir nicht, worüber wir reden. In der Steiermark wurde erst kürzlich auf Landesebene verkündet, dies sei ein Land „zwischen Tradition und Moderne“. In der Alltagsbewältigung muß man nicht unbedingt wissen, daß die Moderne schon lange vorüber und selbst die Postmoderne längst Geschichte ist.
In der Wissens- und Kulturarbeit erweist es sich als nützlich, wenn wir es mit solchen Zuschreibungen etwas genauer zu nehmen. Kultursoziologe Andreas Reckwitz verwendet für unsere Gegenwart den Begriff Spätmoderne. Der nützt einem aber erst etwas, wenn man sich unter den vorangegangenen Abschnitten etwas vorstellen kann.
Aus dem aktuellen Kunstdiskurs übernehme ich vorzugsweise den Begriff Digitalmoderne. Damit ist das Ende der Dampfmaschinenmoderne markiert und viele Menschen können sich damit schon einiges vorstellen, da sie die Digitale Revolution selbst live miterlebt haben.
Es ist allein schon über gängige Automobile erfahrbar; wie zuerst die Elektronik und schließlich das Digitale etliches an Mechanik verdrängt hat. Ein banales Beispiel: Sie kommen ganz ohne Expertenwissen aus, um den essenziellen Unterschied des Armaturenbretts eines Einser-Golf und eines heutigen Elektro-Golf zu kapieren. (Viel Wischen statt dem Drücken und Drehen von Knöpfen, von Reglern, von Schiebern.)
Uns, die nicht professionell mit Rechenzentren und Computern zu tun hatten, erreichte diese Digitalmoderne in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre erst noch über einzelne Anwendungsgereiche. Rund ein Jahrzehnt später, in der zweiten Hälfte der 1980er, begannen sich Personal Computers in privaten Haushalten zu verbreiten.
Da hatten bald manche von uns erst einen Akustikkoppler, danach ein Modem auf dem Tisch, um ihren PC mit den Telefonnetz zu verbinden. Anfang der 1990er wurde Österreich via TCP/IP in das Internet einbezogen. Da änderte sich der Lauf der Dinge.
Derweil hatten sich ab den 1970er Jahren in allerhand Fabriken die „Rechenschieber-Ingenieure“ mit programmierbaren Taschenrechner vertraut gemacht. Schließlich standen Computer nicht mehr bloß in der Buchhaltung von Fabriken und die Produktion von Gütern wurde zunehmende EDV-gesteuert. Das bedeutet auch: Expertenwissen, Materialkenntnis etc. wurde in wachsendem Maß digitalisiert, dann an Maschinensysteme übergeben.
Einer der markanten Wendepunkte zu dem, was ich als Digitalmoderne verstehe, baute sich im Jahr 1996 auf. Da schlug der IBM-Computer „Deep Blue“ den Schach- Weltmeister Garri Kasparow. Die Rechenleistung der Maschine konnte dazu einen von Menschen formulierten Algorithmus nutzen.
Damals nahmen Fachleute an, das sei mit dem Go-Spiel und seiner verrückten Vielzahl an Möglichkeiten nicht zu machen. Zutreffend, solange man davon ausging, daß ein von Menschen verfaßter Algorithmus auf Go-Meister treffe.
Dann aber berichtete „Scientific American“ Ende Jänner 2016: „Last October in London the DeepMind team invited the European Go champion, Fan Hui, to play against their program, AlphaGo. The match was private, witnessed by just a few spectators. Hui and AlphaGo played a full-size game on a 19 by 19 grid board.“
Das Programm „AlphaGo” hatten nicht mehr Menschen geschrieben, sondern Software nutzte dazu andere Software. Voila! Digitalmoderne. Siehe dazu am Seitenende: „Die Vierte Industrielle Revolution“ (Eine nächste Verkettung).
Unsere Begriffsbestimmung „Digitalmoderne“ nehme ich im Kielwasser des ersten Arbeitsgesprächs zu diesem Thema vor, zu unserem Round Table vom 7. März 2025 in den Räumen der Grazer Edition Keiper. Ich werde in der Folge den Begriff noch detaillierter behandeln, um deutlicher zu machen, wo wir uns befinden. Und zwar mit dem Augenmerk auf soziale und ökonomische Aspekte.
Was mit Moderne und Postmoderne in der Kunst gemeint ist, findet man bei Bedarf gut beschrieben in unseren Bibliotheken. Die Fragen nach der Gegenwartskunst stellen wir im Archipel ebenso, aber an anderer Stelle.
- Startseite: Künstliche Intelligenz: Round Table #1 (Am 7. März 2025 in Graz)
- Künstliche Intelligenz (Ein junges Assistenzsystem)
Weiterführend#
- Die Vierte Industrielle Revolution (Eine nächste Verkettung)
- Deus ex machina (Der muskulöse Geist in der Maschine)
- Round Table #2: Wann ist Kunst? (Zum Stand des Diskurses)
- Round Table #4: Science Fiction (Ein Balkon Richtung Transzendenz)


