[{Image src='table03.006a.jpg' class='image_right' width='500' caption='Kandinsky-Patterns von Heimo Müller und Andreas Holzinger.' height='375'}]
!!!Von oder mit einer KI?
!!(Wir sollten etwas genauer werden.)
von [Martin Krusche|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/kru]\\
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Da war diese ORF-Headline: ''„Erste Zeitung der Welt komplett von KI erstellt“''. Ja wie denn? Die Maschine fährt eines Tages hoch, summt ein wenig und denkt sich: ''„Ich mach eine Zeitung.“ ''So etwa? Das ist natürlich Mumpitz! Die Headline müßte lauten: ''„Erste Zeitung der Welt komplett __mit __KI erstellt“''. Aber das wär wohl keine interessante Meldung.
Ich denke dazu gerade an Philip K. Dick, der einem Roman diesen anregenden Titel verpaßt hat: „Do Androids Dream of Electric Sheep?” (Das Buch wurde zur Grundlage des sehr einflußreichen Sci-Fi-Films „Blade Runner“ von Ridley Scott.)
Ende März 2025 gab uns die „Frankfurter Allgemeine“ Stoff zu träumen. Die Headline lautete „Nur die Maschine versteht uns noch“. Jüri Reinvere berichtete: ''„Den Wettbewerb gewann mit riesigem Publikumserfolg der Essay ‚Wie wir die Heiligkeit töteten‘, geschrieben von einer mysteriösen jungen Frau, von der man noch nie etwas gehört hatte. Ihr Name lautete Nora Maria London. Sie kam aus einem Dorf in Südestland.“''
Es kam dann heraus, daß der Aufsatz von Künstlicher Intelligenz verfaßt worden sei und Estland hatte einen netten Kulturskandal. Zitat: ''„Für einen solchen Betrug habe man Aufsätze von echten Menschen abgelehnt!“''
!Das Assistenzsystem
Sie konnten bei mir schon mehrfach betont sehen, daß ich den Begriff KI irreführend finde, weil ein Werkzeug, ein Assistenzsystem, mit dem Nimbus dekoriert werde, ein „intelligentes Wesen“ zu sein. Das ist aus meiner Sicht bloß Framing. Und Marketing. Medienfachfrau Lena Doppel schrieb mir zu meiner diesbezüglichen Estland-Notiz treffend, daß nicht die KI gewonnen habe, sondern ''„Ein Mensch hat den Prompt geschrieben.“''
Das muß derzeit noch erläutert werden. Die KI schreibt nichts. Weshalb sollte sie auch? Sie hat dazu keine Intentionen. Ein Mensch nutzt die KI. Ist Ihnen der Begriff „number cruncher“ geläufig? Das bedeutet ungefähr „Zahlenfresser“. Genau das ist die KI. Ein sehr schneller, smarter Zahlenfresser, der von einem Menschen „gepromptet“ wird.
Das bedeutet, ein realer Menschen gibt der KI Anweisungen, was sie erarbeiten soll. Von diesen Anweisungen geleitet fräst sich die KI durch enorme Datenbestände. Ergo hängt das Ergebnis davon ab, wie gut und geistreich das Prompting war.
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[{Image src='table03.006d.jpg' class='image_center' width='800' height='347' caption='Solche Ergebnisse werden nicht von, sondern mit einer KI erarbeitet.'}]
Wie Lena Doppel betonte, die KI hat gar nichts gewonnen. Das Werkzeug wurde ja von jemandem benutzt. Nämlich von Autor Kaur Riismaa. Daher trägt der Feuilletonist zur Irritation bei, wenn er schreibt: ''„Alle ausgetrickst: Wie eine Frau, die es nicht gibt, zur Gewinnerin eines Essay-Wettbewerbs über die Zukunft der Bewahrung der estnischen Kultur wurde.“''
!Allerlei Prüfungen
Wir kennen derlei Experimente. Vor Jahren hatten Steffi Holzer und Walter Klier einen meiner Romane im Literaturmagazin „GEGENWART“ als Fortsetzungsgeschichte veröffentlicht. Ich meine, wir hatten uns in Linz beim „Max von der Grün-Preis“ kennengelernt und da eine lebhafte Kontroverse mit einem der Juroren gehabt. Daher kannte ich die beiden als streitbare Geister.
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[{Image src='table03.006b.jpg' class='image_block' width='400' height='300' caption='Fortsetzungsroman im Magazin “Gegenwart“.'}]
[{Image src='table03.006c.jpg' class='image_block' width='400' height='300' caption='Der tiroler Schriftsteller Walter Klier.'}]
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Bald darauf gab es um Holzer und Klier einen enormen Wirbel, weil sie von einigen Usancen des Literaturbetriebs genervt waren und ein launiges Experiment gestartet hatten. Sie meinten, man könne einen Text konzeptionell und sprachlich so zimmern, daß er bei eine Jury bessere Chancen habe als andere Texte. Also schickten sie die erfundene Autorin Luciana Glaser mit der Erzählung „Winterende“ in einen Bewerb und holten den Preis ab, was sie hinterher offenlegten.
Es wird wohl dabei bleiben, daß Prüfungskommissionen - egal welcher Art - manchmal ihrerseits Prüfungen erfahren, auf eine Probe gestellt werden. Na und? Es ist unverzichtbar, daß wir unsere Werkzeuge wie uns selbst immer wieder in Frage stellen. Mit einem herkömmlichen Turing-Test wird es heute nicht mehr zu machen sein.
[{Image src='table03.006e.jpg' class='image_right' width='400' height='300'}]
!Laufende Debatten
Bei unserem Round Table im Hause Keiper wurde für das Werkzeug KI unter anderem die Metapher Pinsel verwendet. Bei Fragen zum Urheberrecht fiel folgender Satz: ''„Wer das Prompt definiert hat, führt den Pinsel. Da sollte eigentlich das Urheberrecht hin.“'' Zumal ja eine Maschine keine Persönlichkeitsrechte hat. (Notiz: Das Urheberrecht ist unveräußerlich. Der Urheber kann Werknutzungsrechte vergeben, kann sie verkaufen oder verschenken.)
Ich notierte auch: ''„Das Werkzeug KI ist ein mächtiger Kopierer, der die Grundlagen vieler Branchen beschädigt hat."'' Daher empfahl Thomas Rössler: ''„Hinterfragen wir die bestehenden Modelle.“'' Dazu sollten wir bezüglich Wissens- und Kulturarbeit wenigstens einmal klären, welche grundlegenden Fragen wir heute für vorrangig halten.
Jürgen Kapeller warf ein: ''„Kunst und Kultur sind bezüglich KI das Ein-Prozent-Thema.“'' Er hält das Fälschen von Realität für ein wesentlich brisanteres Thema. Rössler dazu: ''„Die Funktionsbasis des Vertrauens geht immer mehr verloren.“ ''Heimo Müller machte deutlich, daß wir womöglich eine wesentliche Evidenz verlieren: ''„Was zertifiziert mich besser als mein Gesicht?“'' Der Aufwand, dabei allfällige Fälschungen zu entlarven, wir zunehmend größer. Da liegt allerhand Klärungsbedarf vor uns.
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>[Startseite: Künstliche Intelligenz: Round Table #1|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/table03.004] (Am 7. März 2025 in Graz)
>>[Künstliche Intelligenz|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/table03] (Ein junges Assistenzsystem)
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[{Metadata Suchbegriff='KI, Künstliche Intelligenz, Archipel Gleisdorf, Konvergenzzone, Kunst Ost, Konferenz in Permanenz' Kontrolle='Nein'}]
!Weiterführend
*[Kandinsky Patterns|https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0004370221000977] (Von Jüri Reinvere)
*[KI-Skandal in Estland: Nur die Maschine versteht uns noch|https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/ki-gewinnt-essay-wettbewerb-in-estland-110376583.html]
*[GEGENWART: Zeitschrift für ein entspanntes Geistesleben|https://www.onb.ac.at/oe-literaturzeitschriften/Gegenwart/Gegenwart.htm]