An solchen Tagen: In die Tiefe verzweigen#
(Das Zoon politikon in der kulturellen Praxis)#
von Martin KruscheEs ist ganz klar, daß so eine Veranstaltung den Hauptzweck hat, sich an ein Publikum zu wenden. Dabei ergibt sich eine eigene Dimension: vor Menschen hingehen und für eine Situation zu sorgen, in der sich alle Aufmerksamkeit bündelt. Ich kenne das in vielen Varianten, die vom Straßenrand zum Winkel in einem Café reichen, zu Bretteln in Clubs, auf Bühnen in großen Sälen...
Ich meine aber, die Dimension macht keinen besonderen Unterschied, auch wenn ich für möglich halte, daß jenseits der Räume, die ich kenne, also jenseits von rund 500 Menschen, das Zehnfache davon oder mehr doch eine ganz andere Kategorie ist. Darüber brauche ich mir aber den Kopf nicht zu zerbrechen. Als Lyriker müßte ich schon ein Pablo Neruda sein, um vor tausenden Menschen zu stehen. Oder His Bobness Dylan.
Dann ist da freilich noch ein ganz anderer Aspekt, wegen dem mir Veranstaltungen wichtig sind. Sie schaffen spezielle Momente für das geistige Leben eines Gemeinwesens, die ich anders eher nicht bekomme, nicht so bekomme, als wenn in einem ganzen Raum eine Stimmung mit Esprit aufgeladen ist, zu dem unterschiedliche Menschen etwas beitragen.
Ich hab in der vorangegangenen Notiz „Der Moment mit Gross“ schon auf „Die Vorleistungen anderer Kräfte“ und auf den Maler Hannes Schwarz verwiesen. (Link am Seitenende!) Ein geistiges Leben von Relevanz wird nicht von einzelnen Personen generiert, sondern von einer Legion inspirierter Menschen. (Die Spießer-Fantasie, in der ein Genie von singulärer Exzellenz das Epochale schafft, langweilt mich.)
Zoon politikon#
Unsere Dezember-Session war ein lebhafter Beleg für die Kategorie des Zoon politikon und die Wirkungen eines Lebens in Gemeinschaft. On Stage hatten wir als Quartett zu bestehen. Da war ich mit Fotograf Richard Mayr sowie den beiden Gitarristen Chema Obeso und Stefan Oser zugange. Aber in eben diesem Umfeld konnte ich mich etwa auch mit Autor Alfred Paul Schmidt unterhalten, der zu jenen Kräften gehört, die das steirische Kulturleben nach 1945 geprägt haben. Außerdem stammt von ihm der gewichtige Hinweis auf den „Ersten Lehrsatz des steirischen Buddhismus: Mir wurscht“.Oder der Blick in ein ganz anderes Genre. Mark Brüning ist für die Edition Keiper als Druckbetreuer tätig, was bedeutet, er findet jeweils heraus, welche Druckerei für welchen Job geeignet ist. In der realen Begegnung sah ich dann, daß er zu den illustrierten Menschen zählt. Ich hab das Thema bei uns ja gerade erst eingeführt: „Tattoo“ (Ein kulturelles Zeichensystem). Das hat weit mehr Tiefe, auch generell, ist ein Detail der menschlichen Geschichte, das allgemein unterschätzt wird. (Gehen Sie davon aus, daß wir hierzu noch einiges zu erörtern haben.)
Auf ein weiteres Genre von Belang kam ich im Gespräch mit Physiker Gernot Pottlacher, dem die Leitung von „echophysics“ obliegt. Das Europäische Zentrum für Physikgeschichte. Eine oststeirische Institution, mit der ich mich schon befaßt hatte.
Im NID-Booklet „Warum Pöllau“ (Seite 13 f, Link am Seitenende.) habe ich unter anderem den Mechanismus von Antikythera betont. In Pöllau steht ein Nachbau dieses staunenswerten Maschinchens, das zum Beispiel folgende Frage aufwirft: Wenn nebst Mechanik und Dampfkraft die Feinmechanik in der Antike schon verfügbar war, weshalb ist es damals zu keiner industriellen Revolution gekommen? (Ich hab allerdings eine Antwort parat.)
Conditio humana#
Was sich überdies aus einem Gespräch mit Daniela Janisch zum Thema Autismus ergab, ist in meiner kleinen Notiz zu ihrer Autismus-Fibel noch gar nicht richtig angeklungen. Mein Interesse in der Kurzfassung: Wir leben seit rund 200 Jahren in einer permanenten technischen Revolution, die außerdem andauernd beschleunigt.Das schafft allerhand Probleme, weshalb zum Beispiel seit Jahren von „Entschleunigung“ gesprochen wird, ohne daß diesbezügliche Konsequenzen hinreichend wären. Dazu gehören dann auch Trends wie eine etwas aufdringliche Tendenz zur Selbstoptimierung; physisch und mental.
Also stellt sich für mich die Frage, ob wir noch Klarheit haben, was wir aktuell unter Conditio humana verstehen und wo dafür allenfalls Maß genommen wird. In diesem Zusammenhang finde ich naheliegend, daß man ein Agent der Blödheit sein müßte, um etwa autistische Menschen „optimieren“ zu wollen. Ich vermute, daß einen Autismus-Spektrum-Störungen gegen solche Konzepte abschirmen.
Daher scheint mir, daß autistische Menschen in ihrem Sosein ein guter Anlaß sind, um zu überprüfen, wie ernst wir individuelle Befindlichkeiten nehmen und ob wir bereit sind, diese auch zu achten. Der Punkt ist die Option, uns darauf einzustellen, statt irgendeine Art von Anpassungsdruck aufzubauen.
Stichwort! Das Aufbauen von Anpassungsdruck über Erwartungshaltungen, für die einen womöglich niemand legitimiert hat, sind nach meiner Einschätzung ein weitläufiges Problem, das sich in allen gesellschaftlichen Bereichen finden läßt. Was, wenn wir nun autistische Menschen als ein Geschenk sehen sollten, da sie uns zu klären helfen, wie genau wir „Conditio humana“ definieren möchten?
- An solchen Tagen (Die Übersicht)
Weiterführend#
- An solchen Tagen: Der Moment mit Gross (Die Vorleistungen anderer Kräfte)
- Alfred Paul Schmidt bei Keiper
- Tattoo (Ein kulturelles Zeichensystem)
- Warum Pöllau (Das Booklet)
- echophysics (Die Sammlung)
- Thema Autismus (Eine Informationsfibel von Daniela Janisch)



