[{Image src='tangente002a.jpg' align='right' width='375' caption='Autor Martin Krusche (Foto: Richard Mayr)' height='563'}]
!!!Die Tangente: Zur Zeitenwende
!!(Ein kulturpolitisches Positionspapier)
von __[Martin Krusche|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/kru]__\\
Die Jahre 2024 und 2025 waren im „Archipel“ der praktischen Umsetzung eines inhaltlichen und strategischen Konzeptes gewidmet. So haben wir darauf reagiert, daß nach 2020 - im Kielwasser der Corona-Krise – mit massiven strukturellen Konsequenzen zu rechnen war.
Und das mitten im Szenario einer Zeitenwende in der Vierten Industriellen Revolution, da „Künstliche Intelligenzen“ den Lauf der Dinge verändern, Europa Schübe der Deindustrialisierung erlebt und sich für den freien Teil des Kontinents sicherheitspolitische Probleme auftürmen.
Die Effekte solcher Kräftespiele reichen heute bis in den hintersten Graben. Wie sollte sich Kulturpolitik entwickeln, wenn wir an Denkmustern des 20. Jahrhunderts hängenblieben? Und das womöglich mit dem Schema „Zentrum/Provinz“, das im 19. Jahrhundert wurzelt.
!Neuorientierung
Ich möchte mich dem zuwenden, was jetzt noch nicht gedacht werden kann, weil es hinter dem nächsten Horizont liegt. Dazu gibt es noch keine validen Antworten, es braucht erst einmal Klärung, was nun gute Fragen seien. Natürlich haben wir gerade eine kulturpolitische Krise. Das halte ich für die gute Nachricht. Nun sollte niemand mehr den Umbruch übersehen oder ignorieren können. Die Lawine rollt. Ich kann sie surfen, oder die reißt mich weg und begräbt mich.
Was kann schon gewußt werden? Im kulturellen Leben des Gemeinwesens sollte die Kooperation der drei Sektoren Staat, Markt und Zivilgesellschaft gelingen. Staat: Politik & Verwaltung. Markt: Unternehmen, Wirtschaftstreibende. Zivilgesellschaft: Privatpersonen und Rechtspersonen (Vereine).
Kooperation ist es nur dann, wenn die berechtigen Ansprüche aller Beteiligten gekannt und anerkannt werden. Das bedeutet auch, daß ich die Vorhaben anderer Beteiligter angemessen unterstütze. Sonst ist es keine Kooperation, sondern bestenfalls Auftragsarbeit.
!Rollen und Genres
Das kann nur gelingen, wenn Kompetenz und Transparenz zusammenfinden, wenn außerdem klärbar ist: Wer sind die Sachpromotoren und wer die Machtpromotoren? Wie sollen ihre Beziehungen miteinander geregelt sein?
So kann Klarheit über die jeweiligen Rollen gefunden werden und es sollte gelingen, verdeckte Intentionen auszuschließen. (Verdeckte Intentionen sind ein sicheres Mittel, jede Gemeinschaft früher oder später zu kippen.)
Ich sehe im lokalen und regionalen Kulturbetrieb vor allem folgende Genres, die ich hier alphabetisch anordne, weil ich sie nicht hierarchisch angeordnet haben will, denn das würde unweigerlich Machtspiele auslösen. Wir können uns auch ohne hierarchisches Konzept darauf einigen, daß folgende Genres mit berechtigen Ansprüchen vertreten sind und ihre Chancen haben müssen.
*Entertainment
*Gegenwartskunst
*Hobbykunst (Voluntary Arts)
*Kunsthandwerk
*Marketing & PR
*Organisation & Verwaltung
*Popularkultur
*Volkskultur
*Wissens- und Kulturarbeit
Ich will bei jeder seriösen Kooperation wissen, wer – im Sinn von Rollenklarheit – sich welchem Genre verpflichtet fühlt, was ja auch das Engagement in mehreren Bereichen einschließt. In manchen Aspekten müssen aber auch ein paar Unschärfen Platz haben. Ein konkretes Beispiel: Ich kann jemandes Werke ganz klar als künstlerische relevant einschätzen, doch die Person hat kein entsprechend klares Selbstverständnis als Künstlerin oder Künstler, will sich keinem Genre verpflichten.
Oder jemand ist mit Leidenschaft im Bereich der Popularkultur engagiert, könnte das aber nicht benennen und zuordnen. Besonders interessant: In der Kulturwissenschaft kennen wir spätestens seit den 1960er Jahren die Kategorie „Volkskultur in der technischen Welt“, aber die meisten Menschen, von denen sie gelebt wird, haben von diesem Genre noch nie gehört.
!Modalitäten
Wir brauchen freilich keinen „Deklarations-Zwang“. Es geht bloß darum, daß wir voneinander einigermaßen stichhaltig wissen, mit wem wir es zu tun haben und wer sich dabei welchen Aufgaben widmen möchte. Das ist nach innen für eine Gruppierung wichtig, das braucht man nach außen, sobald man wegen Ressourcen verhandelt, etwa betreffs öffentlicher Gelder.
Ich erinnere mich auch gut an Jahre, in denen das Genre Alltagskultur viel Beachtung fand, während ich heute auf dieses Stichwort kaum noch stoße. Mit diesem kleinen Einschub möchte ich betont sehen, daß kulturelles Engagement ohne Dogmatik auskommt und in der Praxis Augenmaß verlangt. Ich denke, im Sinn der geforderten Transparenz und im Bemühen um Rollenklarheit sollte das kein Problem sein, zumal hier ohnehin nichts in Stein gehauen wird. Das sind alles dynamische Kategorien.
Die drei Sektoren im Austausch und in Kooperation. Die oben genannten Genres. All das wird vermutlich greifbarer, wenn man die Zwecke beachtet und explizit erörtert, wobei sich jemand auf eines der Genres beschränken mag oder sich mehreren verpflichtet fühlt, was – so oder so - zu mehr Rollenklarheit führt.
!Klarheit über Zwecke
Teil des kulturellen Engagements können dem individuellen Vergnügen und der Lebensqualität von Menschen Gewinn bringen, was zum sozialen Frieden beiträgt; egal, ob man dabei aktiv tätig wird oder zum Publikum zählt. Ganz egal, ob im Bereich Entertainment (Unterhaltungsindustrie) und bei anderen Varianten der Popularkultur.
Hobbykunst (Voluntary Arts) kann das ebenfalls leisten, aber zugleich die Schnittstelle für einen möglichen Umstieg Richtung Gegenwartskunst werden. Kunsthandwerk hat das Potential für einen weitreichenderen gesellschaftlichen Nutzen in viele Richtungen.
Da geht es neben dem persönlichen Gewinn an Lebensqualität auch um Fachwissen, Materialkenntnis, um Handfertigkeit und um regionale Identitäts-Optionen. Wissens-Archäologie spielt da ebenfalls eine Rolle, weil allerhand menschliche Kompetenzen sehr schnell verlorengehen, falls die Wirtschaft sie aktuell nicht mehr braucht.
Wenn also zum Beispiel eine Stadt wie Gleisdorf sich kulturpolitisch neu orientiert, würde ich gerne erfahren, wer sich diesem Prozeß öffentlich und in öffentlichen Diskursen anschließt, dabei welchem Genre widmet und dafür welche Art von Verantwortung übernimmt.
Es muß einem ebenso frei stehen, sich nicht auf solche Art zu exponieren, sich nicht in diesem Sinn festzulegen, mit den eigenen Auffassungen privat zu bleiben. dazu wäre allenfalls zu politisch klären, was jene Stimmen wiegen die nicht gehört werden.
!Fußnote
Dieses Positionspapier korrespondiert mit dem Statement [Epoche Null|Kunst_und_Kultur/Volkskultur_und_Mythen/epoche001] von Selman Trtovac, das er für unser 2026er Hauptprojekt „Mini Fabula“ verfaßt hat.
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[{Metadata Suchbegriff='Tangente, Licht 2.0, Fotografie, Epoche Null, Konferenz in Permanenz, Mini Fabula, Kulturpolitik, Netzkultur, Tesserakt, Archipel Gleisdorf, Feuilleton' Kontrolle='Nein'}]
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