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Eiskunstlauf – Die Etablierung einer neuen Kunstform#

Von Lilian Bruss

Bald ist es wieder soweit: Der Sommer neigt sich dem Ende zu und die Eissaison steht in den Startlöchern. Ob Eisschnelllauf, Eishockey, Eiskunstlauf oder einfach nur in der Freizeit ein paar Runden am Eisplatz drehen und dabei möglichst nicht hinfallen, das Eis bietet für jeden etwas und ist dabei sehr vielfältig. Heute werde ich aber den Eiskunstlauf besprechen, denn haben Sie sich nicht auch schon manchmal gefragt, wie die Menschheit überhaupt auf die Idee kam, sich freiwillig auf eine spiegelglatte Oberfläche zu begeben, auf der wir uns ohne das richtige Schuhwerk nicht einmal fortbewegen könnten? – von Pirouetten ganz zu Schweigen.

Entwicklung#

Dazu ein paar geschichtliche Einblicke, die in erster Linie auf den Aussagen der Autorin Waltraud Witte in ihrem Buch "Eiskunstlauf Basics" basieren.

Der Eiskunstlauf selbst existiert schon sehr lange, d.h. seit ungefähr 6.000 Jahren, wobei zu diesen Zeiten noch von keinem „Schuhwerk“ die Rede sein konnte. Man wollte sich nämlich grundsätzlich einfach nur fortbewegen und dafür haben auch gespaltene Tierknochen zum Draufstellen und zwei Stöcke, die zum Abstoßen verwendet wurden, gereicht. Der Eiskunstlauf, wie man sich das heutzutage vorstellt, mit Pirouetten und Sprüngen, entstand in der Mitte des 18.Jahrhunderts in Edinburgh, wo 1742 der erste Eislaufclub der Welt gegründet wurde.

Dreißig Jahre später erschien auch das erste Eislaufbuch, in dem die ersten bekannten Eiskunstlauffiguren zu finden sind. In Deutschland kam 1825 ein weiteres Eislaufbuch heraus, das neben weiteren Elementarbewegungen nähere Informationen zur richtigen Kleidung und der korrekten Schnürung der Schuhe beinhaltet.

Der erste deutsche Eislaufverein etablierte sich 1861 in Frankfurt, gefolgt vom Bau einer der ersten Eislaufhallen in der selbigen Stadt 1881 und einer weiteren schon etwas früher um 1896 in Nürnberg. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde erstmalig zwischen Eisschnelllauf und Eiskunstlauf unterschieden.

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Eiskunstlaufes haben wir laut Frau Witte dem amerikanischen Läufer Jackson Haines zu verdanken, der mit seinen damals außergewöhnlichen Schlittschuhen, sie warem nämlich aus Metall und fest am Schuh angebracht, einige neuartige Figuren zeigte, die Sprünge und bereits eine Sitzpirouette beinhalteten.
Sein Auftritt 1868 in Wien führte zu einer Revolution der Grundelemente des Eiskunstlaufes, sodass einige dieser neuen Figuren bis in die 80er Jahre zu den Pflichtfiguren der Wiener Kunstlaufschule gehörten. Diese Kunstlaufschule bevorzugte kleine, schwungvolle Figuren, die ohne viel Geschwindigkeit gelaufen wurden.
Das änderte sich jedoch durch den Norweger Axel Paulsen, als er 1882 bei einem Schaulaufen in Wien eine Kraftvolle, schnelle Kür mitsamt dem nach ihm benannten Sprung (Axel) zeigte. Das ganze Spektakel brachte der Läufer übrigens auf Schnelllaufschlittschuhen zu Stande.

Eine weitere bedeutende Persönlichkeit war der Schwede Ulrich Salchow, der uns Anfang des 20. Jahrhunderts die Zacken an den Kufen der Eiskunstlaufschuhe sowie seinen eigenen Sprung (Salchow) vermachte.

1892 entstand der Vorreiter der heutigen ISU (International Skating Union) die IEV (Internationale Eislaufvereinigung), welche unter anderem einige Grundregeln des Eislaufsports entwickelte.

Disziplinen des Eiskunstlaufs#

Im Eiskunstlauf wird den Informationen des Österreichischen Eiskunstlaufverbandes zufolge zwischen vier verschiedenen Disziplinen unterschieden: Einzellauf, Paarlauf, Formationslauf und Eistanz.

Beim Einzellauf wird zwischen Damen und Herren unterschieden, wobei aber für beide gilt, dass bei Wettbewerben zuerst ein Kurzprogramm und danach eine Kür gelaufen wird.

Beim Paarlauf setzen sich die Paare immer aus einer Läuferin und einem Läufer zusammen, die bei Schaulaufen ebenfalls ein Kurzprogramm und eine Kür zeigen.

Der Eistanz wird ebenfalls von Paaren ausgeübt und gilt trotz der Tatsache, dass keine Sprünge gestattet sind, als die komplexeste aller Disziplinen. Dieser Status ist den komplizierten, detailreichen Schrittfolgen, Hebefiguren und Pirouetten zu verdanken. Dabei sind Rhythmusgefühl und Harmonie zwischen den Partnern unerlässlich. Bei dieser Disziplin wird bei Wettbewerben ein Rhythmustanz gefolgt von einem Kürtanz gezeigt. Tatsächlich entstand diese Kunstform in Wien, weil man damals beliebte Tänze wie den Wiener Walzer auf dem Eis darstellen wollte.

Die vierte Spate bildet der Formationslauf, wobei das Ziel, wie der Name schon sagt, hierbei möglichst viele zumeist ausschließlich Läuferinnen sind, die sich synchron übers Eis bewegen und dabei unterschiedlichste Figuren zeigen.

Ausrüstung#

Wie bei vielen Sportarten kommt es auch beim Eiskunstlauf auf das Material an, mit dem man fährt, was ich definitiv auch aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

In diesem Fall: die Eiskunstlaufschuhe

Eiskunstlaufschuh
Eiskunstlaufschuh. Foto: © L. Bruss, 2019

Die sind keinesfalls mit normalen Eislaufschuhen zu vergleichen. Bei den üblichen Schlittschuhen für den Alltagsgebrauch handelt es sich um einen steifen Kunststoffschuh mit Schnallen. Ganz im Gegensatz zu einem Eiskunstlaufschuh, welcher aus Leder besteht und den man schnüren muss. Ein Lederschuh passt sich dem Fuß individuell an, wobei das abhängig vom Schuh erst nach einer mehr oder weniger langen Einlaufzeit erfolgt.

Das habe ich beim Kauf meiner eigenen Schlittschuhen bemerkt, welche kurz nach dem Kauf noch ziemlich steif waren und sich erst mit der Zeit einfuhren, was durch einen Knicks im Leder auf der Außenseite der Schlittschuhe in der Knöchelregion sichtbar wurde. Dennoch, so wurde ich in dem Fachhandelgeschäft für Eiskunstlauf aufgeklärt, ist das nicht bei allen Schuhen so. Meine Schuhe sind von der italienischen Firma Risport und passen sich durch Einlaufen an. Manche Schuhe müssen vorher, d.h. direkt beim Kauf, in einem speziellen Ofen erwärmt werden und danach einige Minuten lang getragen werden bis sie abkühlen und damit die Form des Fußes angenommen haben.

Außerdem, so auch Frau Witte, werden Eisen und Stiefel in einem professionellen Geschäft getrennt voneinander erworben und vor Ort zusammengeschraubt. Vorher ist es ratsam, die genauen Maße des Fußes zu nehmen und den Schuh eine halbe bis eine Größe kleiner zu wählen, damit der Schuh möglichst kompakt sitzt.

Auch das Eisen ist etwas Besonderes: Es ist vom Material her aus gehärtetem Stahl gemacht und vorne mit Zacken versehen, die bei Sprüngen, beim Eingang in die Pirouette sowie gewissen Schrittfolgen wichtig sind. Weiters dürfen sie beim Schleifen keineswegs beschädigt werden, was bei der Bearbeitung durch eine gewöhnliche Schleifmaschine der Fall ist. Deshalb muss man auch hier sehr gut aufpassen, da nun mal gilt: Schleifmaschine ist nicht gleich Schleifmaschine!
Außerdem ist die Kufe (bezeichnet die Gleitoberfläche des Eisens) mit einem Hohlschliff versehen, sodass nie das gesamte Eisen die Oberfläche berührt. Verschiedene Techniken erfordern unterschiedliche Belastungen der Kufe. Das gesamte Eisen ist in einer konvexen Form angelegt, wodurch auch das Drehen von Pirouetten möglich wird, was auf dem vorderen Teil kurz vor der ersten Zacke erfolgt.

Eiskunstlaufkufe
Eiskunstlaufkufe. Foto: © L. Bruss, 2019

Wie man sich vermutlich schon denken kann, sind solche Schuhe, für die man in meinem Fall schon rund 210 km fahren muss, um sie für die neue Saison zu schleifen, nicht billig. Wie schon erwähnt werden Eisen und Stiefel getrennt erworben:
Die Preise für den Stiefel variieren dabei zwischen 200€ und 500€, für die Eisen kann man nochmal abhängig von der Qualität mit 40€ bis 450€ rechnen, so die Autorin.

Ich möchte an dieser Stelle noch anmerken, dass man den Kauf eines Eiskunstlaufschuhs keinesfalls unüberlegt angehen sollte. Nicht nur wegen der schwindelerregenden Preise, sondern auch, weil es tatsächlich einiger Zeit bedarf, sich über all die verschiedenen Angebote zu informieren.
Zum Beispiel sind verschiedene Schuhmarken für verschiedene Fußmaße geeigneter als andere. Auch der Härtegrad des Stiefels muss an den Leistungsstand angepasst werden. Das bedeutet konkret, dass die Beschaffenheit des Schuhs härter und stabiler wird, desto anspruchsvollerer Sprünge man machen möchte. Dementsprechend fällt auch die Einlaufzeit länger aus.
Die Eisen sind ebenfalls sehr verschieden. Grundsätzlich gilt: Desto teurer, desto höher der Leistungsstandard. Anfängereisen sind nicht für alle Schritte oder alles was über Einfachsprünge hinausgeht ausgelegt. Sie haben beispielsweise keine gekreuzten Zacken, sondern gerade. Die sind aber notwendig, um in Schräglage (aus einer Kurvenbewegung heraus) Zackenschritte zu machen, ohne wegzurutschen.
Auch die Auflagefläche und Abschnitte der Kufe sind unterschiedlich aufgebaut, abhängig von den Wünschen des Läufers, ob man sich mehr mit Sprüngen oder Pirouetten beschäftigt.

Sprünge, Pirouetten und Co.#

Nun folgt noch ein kurzer Überblick über die bekanntesten Figuren, Sprünge und Pirouetten in diesem Sport: Frau Witte stellt einen guten Index über die Inhalte eines Eiskunstlaufprogramms dar, welche sich in die Kategorien Schritte, Drehungen, Pirouetten, Sprünge und Verbindungselemente gliedern.

Schritte sind die verschiedensten Möglichkeiten, die Laufrichtung zu wechseln, einen Fußwechsel zu erreichen, der möglicherweise für das folgende Element in der Kür vorbereitend agiert, oder einfach einen schönen Tanzschritt zu präsentieren. Zu ihnen gehören zum Beispiel: „Chassee“, „Mohawk“, „Schwungbögen“, „Schlangenbögen“ und viele mehr.

Drehungen sind grundsätzlich immer so festgelegt, dass sie auf einem Bein ausgeübt werden. Hierzu zählen alle möglichen Variationen des „Dreierschritts“ (Name kommt von der Spur, die das Element bei korrekter Ausführung im Eis hinterlässt, die einer Drei ähnelt), aber auch die sogenannten „Twizzles“ (bezeichnen fortschreitende Drehungen von mindestens 360°).

Pirouetten werden in drei verschiedene Basispositionen eingeteilt: Standpirouette, Waagenpirouette und Sitzpirouette. Abhängig vom Einlauf in die Pirouette kann ebenfalls zwischen verschiedenen Varianten unterschieden werden. Der Fantasie der Läufer/innen sind bei Ergänzungen und leichter Abänderung der Haltung von Armen und/oder Spielbein (zugehöriges Bein zum Standbein, welches nicht belastet ist) keine Grenzen gesetzt.

Kreuzstandpirouette im Selbstversuch. Videodatei: © L. Bruss, 2019


Bei den Sprüngen unterscheidet man zwischen Kanten und Zackensprüngen, abhängig von der Art des Absprungs. Zu den Grundsprüngen gehören: Toeloop, Flip, Lutz, Rittberger, Salchow und Axel. Die ersten drei sind Zackensprünge und die letzten drei Kantensprünge. Der schwierigste dieser Grundsprünge ist der Axel, da er in der einfachen Form, d.h. nicht doppelt oder dreifach gesprungen, bereits eineinhalb Umdrehungen umfasst - alle anderen Sprünge hingegen nur eine.
Für alle, die sich jetzt logisch dachten, wenn ein einfacher Axel eineinhalb Umdrehungen lang ist, macht man bei einem doppelten Axel drei: Das stimmt leider nicht.
Es ist nämlich so: Bei den übrigen Sprüngen springt man ab, während man rückwärtsfährt und landet dann auch wieder rückwärts. Beim Axel springt man jedoch beim Vorwärtsfahren ab und landet trotzdem rückwärts. Der doppelte Axel wird also auch nach vorwärts abgesprungen, in der Luft macht man dann eine halbe Umdrehung bis man sozusagen „in der Luft rückwärtsfahren würde“ und dann dreht man sich noch zwei volle Umdrehungen und landet rückwärts. Also ergeben das dann zweieinhalb Umdrehungen für einen doppelten Axel.
Diese sechs Beispiele sind meiner Meinung nach die bekanntesten Sprünge, wobei es natürlich noch zahlreiche andere Verbindungssprünge gibt.

Verbindungselemente sind sehr vielfältig und zu ihnen gehören zum Beispiel der „Flieger“ (sieht genauso aus, wie er sich anhört).

Fazit#

Alles in einem könnte man also sagen, dass wir es seit den Stöcken und den Tierknochen ziemlich weit gebracht haben, in Technik und auch Einfallsreichtum was die Kunstlaufschuhe und die Choreographie angeht. So anspruchsvoll der Sport auch sein mag bleibt er dennoch wunderschön und außergewöhnlich – man nennt es ja nicht umsonst „Ballett auf dem Eis“.

Literaturverzeichnis#

  • Österreichischer Eiskunstlaufverband: Die Disziplinen. https://www.skateaustria.at/die-disziplinen.html (letzter Zugriff: 25.08.2019)
  • Witte, Waltraud: Eiskunstlauf Basics. Meyer und Meyer Verlag, 2.Auflage, 2002