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Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv ein Denkmal und Archiv der k.u.k. Monarchie#

Genien und Schriftzug am Dach des Gebäudes
Genien und Schriftzug am Dach des Gebäudes
Haus-, Hof- und Staatsarchiv am Minoritenplatz
Haus-, Hof- und Staatsarchiv am Minoritenplatz
Wenn man in Wien über den Minoritenplatz spaziert und auf die vermeintliche Rückseite des heutigen Bundeskanzleramtes sieht, bleibt der Blick unwillkürlich auf einer Figurengruppe hängen, die eigentlich so gar nicht ins Bild eines heutigen Regierungsgebäudes passen will. Zwei geflügelte Genien halten ein aufgeschlagenes Buch mit drei herabhängenden Siegeln empor, darunter vier dicke Folianten und eine Pergamentrolle. Erst die darunter in goldenen Lettern eingemeißelten Worte verschaffen Aufklärung: Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Dieser merkwürdige, so seltsam klingende barocke Titel bezeichnet heute eine „historische“ Abteilung des Österreichischen Staatsarchivs. Dieser Titel ist Programm und sagt sehr viel über die Bedeutung der hier lagernden Dokumente aus. Bezieht sich doch „Haus“ auf die Dynastie Habsburg im weitesten Sinn, „Hof“ steht für die gesamte Hof- und Güterverwaltung und „Staat“ bedeutet Außenpolitik, denn der Kaiser dominierte mit seinen Ministern die auswärtigen Angelegenheiten der Monarchie.

Gründung und Ausbau#

Maria Theresia gründet das Geheime Hausarchiv (Stiegenhausgemälde)
Maria Theresia gründet das Geheime Hausarchiv (Stiegenhausgemälde)
Als diese Institution 1749 von Maria Theresia gegründet wurde, stand für sie die Idee eines Geheimarchivs im Vordergrund, in dem alle „Schriften und Documente“ vereint werden sollten, um die Rechtsgültigkeit ihrer Herrschaft und Besitztümer beweisen zu können - ein juristisches Arsenal der Macht also. Der Beginn der Herrschaft Maria Theresias war von kriegerischen Auseinandersetzungen um ihr Erbe geprägt und hatte die Notwendigkeit aufgezeigt, die eigenen Rechtstitel und Herrschaftstitel für politische Auseinandersetzungen in der Haupt-, und Residenzstadt stets griffbereit zu haben. Infolge der früheren Herrschaftsteilungen der Habsburger waren in den ehemaligen Residenzen, außer in Wien, noch in Graz, Innsbruck und Prag, eigene Archive entstanden, die nun nach Wien verbracht wurden. Nach und nach entstand so das zentrale Archiv eines Staates, der ab 1867 Österreichisch-Ungarische Monarchie hieß und der zweitgrößte Flächenstaat Europas war. Hier lagerten alle Urkunden, die den Bestand des Gesamtstaates der k.u.k. Monarchie dokumentierten. Durch die Ausdehnung der habsburgischen Herrschaften und die weltumspannenden Beziehungen ihrer Repräsentanten erstreckt sich dieses archivalische Erbe über alle Kontinente. Im übertragenen Sinn geht also „in diesem Archiv die Sonne nicht unter“. Herzstück bleibt jedoch das schier unerschöpfliche Quellenmaterial zur Geschichte Mitteleuropas, des Mittelmeerraumes, zu Südosteuropa und zum Nahen Osten.

Das Gebäude#

Regalanlage mit festem Boden
Regalanlage mit festem Boden
Regalanlage mit Gitterboden
Regalanlage mit Gitterboden

Firmenschild Ignaz Gridl
Firmenschild Ignaz Gridl

Nach der Gründung war das Archiv zunächst in der Hofburg untergebracht. Infolge der vielen Aktenübernahmen im 19. Jh. platzte es jedoch bald aus allen Nähten und musste auf mehrere Außendepots in der Innenstadt verteilt werden. Die Österreichisch-Ungarische k.u.k. Monarchie hat sich deshalb kurz vor ihrem gewaltsamen Ende noch ein einzigartiges Denkmal gesetzt. Von 1899 bis 1902 wurde nach damaligen modernsten Gesichtspunkten ein neues Amtsgebäude errichtet das nur dem Zweck eines Archives dient. Der Neubau wurde als eigener Trakt an der Rückseite des damaligen k.u.k. Außenministeriums angebaut. Das im Stil des Historismus ausgeführte „Archiv-Palais“ und seine Bestände gehören in ihrer Gesamtheit mit zum bedeutsamsten Teil des kulturellen Erbes unseres Landes. Es ist heute ein technisches Denkmal, das es sonst nicht mehr auf der Welt gibt, das aber volle Funktionalität besitzt. Es besteht vor allem aus dem selbsttragenden Archivspeicher aus Eisen und Stahl, der 11 Geschoße umfasst und in dem 20 Kilometer Archivmaterial (Akten, Urkunden, Handschriften, Karten- und Pläne) lagern. Diese außergewöhnliche Konstruktion der Stahlbaufirma Gridl (errichtete auch das Palmenhaus in Schönbrunn, die Firma ist später im Unternehmen Wagner&Biro aufgegangen) besitzt nur drei feste Böden, die übrigen Böden sind als Gitterroste - gleichsam "durchsichtig" - ausgeführt, womit eine ständige gute Durchlüftung gewährleistet und Staunässe und Schimmelbefall verhindert wird (funktioniert auch bei Stromausfall!). Hier ist schon das Prinzip der Nachhaltigkeit realisiert, als dieses noch gar nicht erfunden war!

Urkundenspeicher
Urkundenspeicher
Geöffnete Urkundenkassette
Geöffnete Urkundenkassette

Das dritte Archivgeschoß beinhaltet die wertvollsten Dokumente des Archivs, die Urkundensammlung. Die Urkunden sind lagerungstechnisch besonders herausfordernd, da sie nicht nur sehr alt und aus Pergament sind, sondern weil sie meistens mit zerbrechlichen Siegeln versehen sind. Die Siegel sind abgesehen von ihrem juristischen Potential als Beglaubigungsmittel Kleinkunstwerke höchster Qualität. Diese werden in 1248 kunstvoll entworfenen feuerfesten Kassetten aus Eisen aufbewahrt. Die Kassetten enthalten Holzladen aus wasserabweisendem Kirschholz. Hier stehen chronologisch vom Jahr 816 beginnend – Tag für Tag - jene 80.000 Urkunden, die den Bestand des Gesamtstaates dokumentieren (heutiges Österreich und k.u.k. Monarchie). Zu den Urkunden der Karolinger und Babenberger wurden die der Habsburger gereiht. Dazu kamen seit dem späten 18. Jh. auch die Staatsverträge und Familienurkunden bis 1918. So wie die Urkunden aufgehobener Klöster und erlangter Herrschaften. Die bedeutendsten Stücke sind: die Goldene Bulle Kaiser Karls IV (1356); die sog. österreichischen Freiheitsbriefe (Privilegium maius um 1358/59), der Westfälische Friede (1648), die Schlussakte des Wiener Kongresses (1815), das Oktoberdiplom (1860), das Februarpatent (1861), der sog. Dreibund zwischen Österreich-Ungarn, Deutschland und Italien (1882) und die osmanischen oder russischen Urkunden.

Kaiserboxen mit den Habsburg-Lothringischen Hausarchiven
Kaiserboxen mit den Habsburg-Lothringischen Hausarchiven

Siegeltabletts
Siegeltabletts

Eine besondere Rarität ist auch das 6. Speichergeschoß, die sog. Belletage: hier lagern die Habsburg-Lothringischen Familienarchive in den sog. „Kaiserboxen“: Das Habsburgische Familienarchiv im engeren Sinn (Briefe, Familienakten, Tagebücher), das Lothringische Hausarchiv, das Estensische Hausarchiv und das Archiv des Ordens vom Goldenen Flies. Dieses "Boxen" umfassen sechs Archivabteile, die mit speziell angefertigten eisernen Gittertüren verschließbar sind. Auf den Seitenteilen befinden sich schmiedeeiserne Dekorationen (auf jeder Türe eine stilisierte Kaiserkrone und die Initialen „F.J.I.“), die auf Kaiser Franz Joseph I. als Erbauer des Hauses und auf ihren Inhalt verweisen: Die Korrespondenzen, Verträge und Handschriften die mit dem Aufstieg, Glanz und Fall der Dynastie Habsburg aufs engste verbunden sind. Auf der gleichen Ebene befindet sich auch der Ausstellungsraum des Archivs, der ebenso als Archivspeicher genutzt wird. Denn die unter den Vitrinen befindlichen Eisenschränke wurden speziell für die Lagerung der größten mitteleuropäischen Siegelstempel- und Siegelsammlungen angefertigt und genutzt. In 1176 Holztabletts (aus Kirschholz) sind über 80.000 Siegeln und Siegelstempel untergebracht.

Renovierung#

In den Jahren 1999-2003 wurde das Gebäude des Haus-, Hof- und Staatsarchivs von Grund auf saniert und modernisiert. Die Kosten dafür beliefen sich damals auf knapp mehr als 9 Millionen Euro. Die gesamte Haustechnik wurde erneuert, eine auf dem neuesten Stand der Technik stehende Brandschutzanlage installiert, der Lesesaal vergrößert und modernisiert, durch Lifteinbauten ein behindertengerechter Zugang realisiert. Der seitdem eingetretene technische Fortschritt hat auch hier nicht Halt gemacht. So führten technischen Nachrüstungen von WLAN, Datenbank, Scanner und Online-Nutzung, oder das Selbstfotografieren, zu weiteren Serviceangeboten für die oft über 40 täglichen Benutzer aus dem In- und Ausland. Sodass das Archivgebäude heute allen modernen Anforderungen entspricht und brandschutztechnisch sowie funktionell State of the Art ist - fit für die nächsten Hundert Jahre.
Regaldekor mit Orientierungscode
Regaldekor mit Orientierungscode
Keine Symbolik passt besser zum Archiv als „Bewahrerin der Geschichte“ als die an den Stirnseiten der Regalanlage angebrachte Dekoration: Delphin, Muschel und Dreizack (des Neptun) als Anspielungen auf das Meer, das in einem höheren Sinn als das „wildbewegte Meer der Zeit“ angesehen werden könnte. Die Arche Noah (Medaillon rechts) ist als Vorbild für das Archiv anzusehen, das Schutz vor drohenden Gefahren gewährt. Es ist das beschützende Haus, das alles Bedrohte auffängt und für alle Zeiten bewahrt.

Kaum ein Tourist, der an der palaisartigen Fassade vorbeigeht, ahnt, dass sich dahinter ein begehbares stählernes Hochregal verbirgt, das nach dem Vatikanischen Archiv und dem Französischen Nationalarchiv, zu den bedeutendsten europäischen Archivzweckbau zählt. Die Wandgemälde und die Skulpturen im Stiegenhaus, die Figurengruppe der Attika, die Kaiserboxen, die Urkundenkassetten, der Ausstellungsraum und die Siegelladen zusammen mit der übrigen künstlerische Ausstattung an den Stellagen machen das Archiv zu einem Gesamtkunstwerk, das mit seinem originalen Archivmaterial eine untrennbare Einheit bildet. Dieses Gebäude und sein Inhalt stellen für die Republik Österreich und für ganz Mitteleuropa ein außergewöhnliches kulturelles Erbe dar, um das uns viele Staaten beneiden. Die Kulturnation Österreich kann deshalb stolz darauf sein, nicht nur eine vielbeachtete Opern-, Theater- und Museal Landschaft zu besitzen, sondern mit seinem Staatsarchiv am Minoritenplatz auch ein Denkmal mit Weltgeltung.

Text und Fotos: Michael Göbl

Österreichisches Staatsarchiv