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Eine Invasion der Marsianer zu Halloween 1938 - und sie gab es natürlich nicht#

Von Ernst Zentner

Nur 56 Millionen Kilometer stand 1938 der Mars von der Erde entfernt und heute (2019) wieder.

Orson Welles - Ist er ein Außerirdischer?
Orson Welles, ein Jahr vor der Marsinvasion - Foto: Carl Van Vechten (1880-1964), United States Library of Congress s Prints and Photographs division under the digital ID van.5a52776, Wikimedia Commons - Gemeinfrei

Wo ist Steven Spielberg? Ich will nach Hause …
Interessante Alien-Interpretation der französischen Ausgabe (1906) von "War of the Worlds", Illustration von Henrique Alvim Corrêa (1876–1910) - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei

Am Abend des 30. Oktober 1938 sendete CBS ein von Orson Welles und seinem "Miracle Theatre" dargebrachtes einstündiges Hörspiel "Der Krieg der Welten"; Howard Koch verfasste das Skript nach dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells. Der Konkurrent NBC brachte zur gleichen Zeit eine populäre Unterhaltungssendung. Nur 52.000 Hörerinnen und Hörer - von 2,6 Millionen Menschen - in Amerika lebten 130 Millionen - konnte Welles auf sich vereinen. Sein Hörspiel war eine gekonnte Mischung aus Unterhaltung und dramatischer Berichterstattung mit live geführte Interviews. Weil einige zu spät eingeschaltet hatten, glaubten viele, es sei eine echte Invasion. Gegen Schluss erklärte Welles, das Ganze sei ein Scherz und wenn jemand an der Tür läutet, sei das keinesfalls ein Marsmensch, sondern der Nachbarjunge, der sich einen Halloweenspaß erlaubt habe.

Howard Koch schuf das Drehbuch zu "Casablanca" (1942). Welles verwirklichte "Citizen Kane" (1941) und erlangte mit dem Nachkriegsfilm "The Third Man" (1949) weiteren Weltruhm.

Gruselig …
Original Cover "War of the Worlds", Illustration von Frank R. Paul (1927) Reprint "Amazing Stories", August 1927 - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei

In der Nacht nach der Sendung gab es skurrile Ereignisse: Eine Frau schrie während einer Messe das Ende der Welt sei nahe. Nach vielen Anrufen wusste die ahnungslose Polizei nicht wie vorzugehen sei. Drei Millionen Menschen sollen auf der Flucht gewesen sein. So viele Radiohörer gab es nicht einmal. Und in New York wurden dichte Regenwolken als ungünstiges Wirken der Marsmonster gedeutet. Entenjäger beschossen in der Dunkelheit einen Wassertank, den sie für ein Marsraumschiff gehalten haben. Was Menschen sehen wollen, das sehen sie auch: den Weihnachtsmann mit seinen von Rentieren gezogenen Schlitten. Kinder schnitzen Fratzen in ausgehöhlte Kürbisse. Angesehene Tageszeitungen berichteten über die vorgebliche Panik, die das Hörspiel verursacht haben soll.

Welles erkannte, dass er etwas erreicht hatte ohne das je gewollt zu haben. Eine gewagte Meisterleistung, die er nie mehr übertreffen konnte.

Die Nachrichten wurden schnell um die gesamte Welt verbreitet. In Deutschland waren Zeitungen längst als Propagandamittel im Einsatz. Allgemein wurden die Ereignisse, die das Hörspiel ausgelöst haben soll, wurden im Lokalteil der jeweiligen Zeitungen detailliert gebracht. Oftmals mit Spott. Aber: In Europa hatten die Menschen andere Sorgen: Hitler. Washington wollte, dass die USA gegen Hitler handle. Nur die Öffentlichkeit hatte kaum Interesse. Jedenfalls lag eine Spannung in der Luft. Die Erinnerung an den vorhergegangenen Weltkrieg reagierte mit der Angst vor dem Führer. Er warf einer bestimmten ethnischen Gruppe vor, sie beeinflussten das amerikanische Volk. Neben dem Totalitarismus fürchteten sie eine Invasion durch Außerirdische. Letztere gab es nicht und die Panikmache betraf nur wenige Leute. Die Hysterie existierte nur kurzzeitig in den Gazetten und war eine offene Kritik am Radio. Die Herausgeber und Chefredakteure wechselten das Tagesthema. Zeitungen und Radio standen in erbitterter Konkurrenz um Werbeeinnahmen.

Der Inhaber von CBS erhielt am nächsten Tag keinen Besuch durch Marsianer, sondern von Anwälten mit Schadenersatzforderungen.

Aber lesen wir die Schlagzeilen in den ostmärkischen Gazetten: In der "Wiener Zeitung" (1.11.1938) heißt es auf Seite 9: "Angriff der Marsbewohner auf die USA (…) Ein Weltraumschiff sei auf New Jersey niedergegangen, Männer, mit Todesstrahlen bewaffnet, seien ihm entstiegen, die mit den Mitteln modernster Techniken einen unvorbereiteten Angriff auf die friedlichen Vereinigten Staaten von Amerika begonnen hätten. Der Kommandeur der Nationalgarde gab anschließend der Bevölkerung Verhaltungsmaßregeln gegen Bombenangriffen, deren furchtbare Verwüstung er in allen Farben ausmalte, und schließlich ermahnte der Innenminister das Volk, aus den Städten zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen." Das "realistische" Hörspiel der Columbia Broadcasting System (CBS) wurde von Zeitgenossen zu ernst genommen. Die Reaktionen der Menschen in dieser Situation waren unberechenbar geworden. Die "Wiener Zeitung" bezeichnete die Hörspieldichter als "gewerbsmäßigen Greuelfabrikanten". Wer damit gemeint war, das kann leicht erraten werden, vor allem während des Nationalsozialismus.

Im "Neues Wiener Journal" (1.11.) heißt es auf Seite 5: "Erschütternde Tragikomödie jenseits des Ozeans. Marsbewohner überfallen ‚heimtückisch‘ Amerika!!! Massenpanik durch mißverstandene Rundfunksendung – Tausende auf der Flucht". Jedenfalls hatte die "Kriegs- und Weltuntergangspsychose" ihre Opfer gefordert und die Ansage, dass das Rundfunkstück bloß Utopie sei, kam zu spät oder wurde von den Flüchtigen nicht einmal mehr gehört.

Im "Das Kleinen Volksblatt" (1.11., Seite 15): "Angriff der Marsbewohner auf Amerika! Oder: Was ein ungeschickter Rundfunkansager alles anrichten kann. – Beispiellose Panik wegen eines – Hörspiels (…) Wem darf man wohl den Erfolg der durchschlagenden Wirkung dieser Sendung zuschreiben? Dem Hörspieldichter oder jenen gewerbsmäßigen Greuelfabrikanten, die den Boden vorbereiteten, auf dem eine solche phantastische Sendung die friedliche Psyche der gutgläubigen Amerikaner in Verwirrung setzen konnte?"

In der "Neuen Freien Presse" (2.11., Seite 3) wurde ähnliches berichtet: "Die Folgen der Panikmacherei. ‚Marsoffensive‘ verursacht Angstpsychose". Weiters hieß es: "Bedrohung Amerikas durch fremde Invasionen (…) Waren es bisher in die in der Hauptsache die Faschisten und Hitleristen‘ sind es jetzt gar die Marsbewohner, mit denen man uns schreckt". Außenpolitische Krisen (Sudetenkrise und Zerschlagung der Tschechoslowakei) ergab mit Realitätsverweigerung ein skurriles Bild und sogar von einer "künstlichen Kriegspsychose" wurde berichtet. "Die Gerüchte nahmen einen derartigen lawinenhaften Umfang an (…) Kopflosigkeit" regierte in der Nacht des Marsianerangriffes. Sogar die Universität Princeton entsandte ein Wissenschaftlercorps in das Krisengebiet, um den Meteor vom roten Planeten zu inspizieren. Aber: "So erntete Amerika die Saat einer durch professionelle Kriegshetzer seit langem systematisch geschürten Spekulation auf politische Leichtgläubigkeit."

Im "Salzburger Volksblatt" (2.11.) auf Seite 4: "Angriff der Marsbewohner auf USA. Panik der Einfalt infolge eines Hörspiels. – Massenhysterie und Gottesdienste in Todesangst (…) Empfänglich gemacht für die gläubige urteilslose Aufnahme der Nachricht, die Marsbewohner wären mit Bombern über USA erschienen (…) Mit dieser Weltblamage haben die Vereinigten Staaten geerntet, was (…) professionelle(n) Kriegshetzer seit Jahren gerade in diesem Lande mit Vorbedacht gesät haben."

Diese - hier auszugsweise gebrachten - Berichte wurden generell im Chronikteil gebracht, geschickt plaziert zwischen Familientragödien und Autounfälle. Auch das gab es schon damals. Zeitungsleserschaft hatte sich meist an banalen Dingen ereifert.

Intelligente Wesen am Mars beobachten mit neidischen Augen die Erdenbewohner …
H. G. Wells, Foto von George Charles Beresford (1864–1938), 1920 - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei

Oh, wie verrückt!
H. G. Wells, fotografiert von Yousuf Karsh, Oktober 1943 - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei

Die „Londoner Times“ wollte mehr darüber in Erfahrung bringen und interviewte H. G. Wells. Seine gelassene britische Reaktion über den Überfall der Marsianer: "Oh, wie verrückt!"

Knapp eineinhalb Wochen darauf gab es die Reichskristallnacht (Novemberpogrome 1938), und die Ereignisse waren real. Hätte es die Invasion wirklich gegeben, wäre die Erde bloß ein verwüsteter Globus mit grauen Mond geworden. Inzwischen steht der Mars wieder sehr, sehr nahe …

Vom Mars-Rover "Curiosity" war in letzter Zeit auch nichts mehr zu vernehmen. Wenigstens sendet "Insight"-Lander Bilder. Inzwischen hat die NASA ihren geliebten Mars-Rover "Opportunity" (etwa "Möglichkeit") - offiziell wegen eines Sandsturmes - mit 13. Februar 2019 aufgegeben.

Copyright Ernst Zentner 2018-2019


Mars: Wir beobachten euch!
Mars - Foto: NASA (2000), Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Nachwort
Der Mars ist generell wegen seiner riesigen Umlaufbahn zwischen 56 Millionen Kilometer und 401 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Am nächsten war er zuletzt am 27. August 2003 und wird es erst wieder 2208 und 2287 sein. Aber sonst gibt es einen periodischen Zeitabstand von 16 Jahren. Ich hoffe ich habe das richtig verstanden.
Zum Vergleich: Die Erde ist von der Sonne nur zirka 150 Millionen Kilometer entfernt. - Ernst Zentner

Quellen
New York Times; "österreichische" Zeitungen; Wikipedia und weitere Medien für Internet, TV und Hörfunk; NASA-Website