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Simon de Vlieger und seine Seebildnisse - Ein holländischer Marinemaler des 17. Jahrhunderts und seine Zeit - Nur in wenigen Worten
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Von Ernst Zentner

Im Bildersaal der Prälatur des Stiftes Melk sind zahlreiche Gemälde - meist verkleinerte Repliken zeitgenössischer Maler des 17. und 18. Jhdt. zu sehen. Einen Blickfang bildet Maria mit Jesuskind in der Weinlaube, das auf Lucas Cranach zugeschrieben wird. Aber ein anderes Bild zeigt eine Szenerie, die am wenigstens in einem Benediktinerkloster erwartet wird. Dennoch ist es Thema, das auch einen religiösen Charakter beinhält. Über dem Kamin ein 189 x 130 cm großes Bild: Ein niederländisches Ölgemälde, das ein mit Menschen besetztes Segelschiff in der sturmumtosten See zeigt. (ÖKT III 1909). Dazu mit völlig aufgebauschtem Segel und das von der weißen aufspringenden Wellen des tobenden Meeres durchgeworfenen Schiff. Nun ob das Bild ein echtes Werk oder in der Machart von Simon de Vlieger geschaffenes Gemälde ist, das bleibt dahingestellt.
Der niederländische Maler wurde 1601 in Rotterdam geboren und starb 52-jährig in Weesp 1653. Von 1634 bis 1640 arbeitete er in Delft und danach in Amsterdam. In Delft wurde er Mitglied in der Lukasgilde, so wie andere Künstler seines Faches auch. Vlieger war einer der ersten Marinemaler der Holländischen Schule.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass Holland im Westen an die Nordsee grenzt, wodurch die Seefahrt als ein wirtschaftlich wichtiger Existenzzweig galt. Vlieger lebte in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Blockade von der Landseite her aufgehoben wurde und das Land zu einer der wichtigsten Handelszentren in Europa empor gestiegen war. Was heißt wichtig? Holland begann den Aufstieg zu einer wirtschaftlichen Weltmacht. Sein Konkurrent das Königreich England fühlte sich bedroht und ging sogar militärisch vor.
Als Vlieger acht Jahre zählte eröffnete die Holländisch-Ostindische Handelskompanie in Hirado (Westjapan) eine Faktorei, 1652 errichtete die gleiche Kompanie in Kapstadt (Südafrika) eine Station für die Indien-Route ein. Noch im gleichen Jahr eskalierte der niederländisch-britische Konflikt.
Neben Vlieger dominierten größere Könner der Malkunst: Sie waren Repräsentanten der kulturellen Blüte der Malerei. Diese Flämische Schule wurde von Peter Paul Rubens (1577-1640) und Anthonis van Dyck (1599-1641) angeführt. Sie schufen barocke Allegorien und Porträts. Dazu kam noch die Holländische Schule: Frans Hals (1580-1666), Jan Steen (1626-1679), Salomon van Ruysdael (1600-1670), Jan Vermeer van Delft (1632-1675), und andere konzentrierten sich auf realistischere Sittenbilder, Seestücke und Landschaften; Rembrandt van Rijn (1606-1669) machte sich einen Namen als Porträtist und Gruppenbildnisse. Noch in dieser Epoche wurde die Radierung als eigene Bildgattung anerkannt, vor allem Rembrandt schuf für den zu Wohlstand gekommenen Bürgertum entsprechende preiswerte kleinformatige Werke.
Auf dem Sektor der Wissenschaft tat sich der Flame Justus Lipsius (1547-1606) als Philosoph und Philologe hervor, ebenso der Niederländer Antoni van Leeuwenhoek (1632-1723) als Naturforscher und Erbauer von Lichtmikroskopen.
Der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) begründete die moderne Bibel- und Religionskritik, und eckte natürlich damals in seinen Kreisen an. Hugo Grotius (1583-1645), ein politischer Philosoph, Theologe, Rechtswissenschaftler und Aufklärer, gilt als einer Gründer des Souveränitätsgedanken, der Naturrechtslehre und des Völkerrechts; auch bekannt als "Vater des Völkerrechts".
Eine aufregende Epoche zwischen Wirtschaft und Intellektualität also, in der Simon de Vlieger hineingewachsen war. Aber bevor ich Vliegers Leistungen als Marinemaler hervorhebe möchte ich darauf hinweisen, dass ein Albrecht Dürer während seiner Niederlandereise ebenfalls beeindruckt vom Meer und den Schiffen, eine Federzeichnung der Nachwelt hinterlassen hat. Sie zeigt den Hafen von Antwerpen und entstand 1520 (Albertina, Wien). Dürer zeichnete am Hafen ankernde Schiffe und auf der Landseite ein festungsartiges Gebäude. Sicher nichts besonderes, aber einhundert Jahre später brachte Vlieger auf spiegelklaren Wasser vollgetakelte Segelschiffe in diesen "Seelandschaften" zustande. Oft waren es Ölgemälde auf Holz oder Leinwand. Seine Seebildnisse finden sich weltweit in den wichtigsten Sammlungen in Amsterdam, Rotterdam, Kopenhagen, Den Haag, Chicago, Los Angeles, Sankt Petersburg, Wien, Budapest, Dresden, Berlin, Schwerin und anderswo.[1]
Die Frage ob Vlieger Vorbilder in seinem Stil hatte, kann nur bescheiden bejaht werden. Der Landsmann Jan Porcellis (um 1582-1632) war ebenfalls Marinemaler. Dieser neigte eher zu monochrome Darstellungen und bevorzugte künstlerische Freiheiten. Bei Willem van de Velde d. Ä. (um 1611-1693) war es ähnlich. Nur Vlieger hingegen dachte an realistische Szenerien und wahrheitsgetreue Details. Die Farbe gewann an Kontur. Die in Vliegers Gemälden dargestellten Schiffe zeigen jedenfalls wirklichkeitsnahes Aussehen. Oftmals brachten Wolkenstimmungen und riesige Wellen der sturmumtosten See weiteres Flair in seine Werke. Auch Schiffswracks gehörten in sein Genre. Nun Vlieger stellte auch altgewohnte Szenen dar. Nun außer der Malerei entwarf er Konzepte für Wandteppiche, Radierungen, für die Nieuwe Kerk in Amsterdam Buntglasfenster (noch 1645 zerstört?) und für die St. Laurenskerk (1940 großteils zerstört) in Rotterdam gestaltete er die Leinwand für die Orgel. Auch Landschaften malte er, und brachte sie als Radierungen heraus.
Zu seinen Schülern gehörten Willem van de Velde d. J. (1633-1707), Adriaen van de Velde (1636-1672) und Jan van de Cappelle (1626-1679). Simon de Vlieger hinterließ viele unvollendete, jedoch qualitätvolle Werke.
Die Tradition der Marinemalerei wurde zwar vereinzelt weitergeführt. Bestes Beispiel, wenn auch nur in wenigen Werken brachte der niederländische Maler Johan Barthold Jongkind (1819-1891) heraus, der solche Bildwerke schon impressionistisch umsetzte.
In einem von Ludolf Wienbarg in den Jahren 1831 bis 1832 verfassten Reisebericht einige Lobeshymnen über die Holländische Malerschule:

Es streift ans Unbegreifliche, welche Menge von Malern von entschiedenem Talent und großen Leistungen das sechszehnte Jahrhundert in Holland erzeugt hat. Ich pflege zu sagen, es gab damals mehr große Maler in Städten, wie Delft, Leiden Harlem, Amsterdam u.s.w., als es gegenwärtig Anstreicher und Thürpinsler gibt. Und das ist wahrlich nicht übertrieben. Glaubt man nach jahrelangem Studium holländischer Meister so ziemlich alle Namen von Bedeutung zu kennen, so muß man sich fast täglich von seinem Irrthum überführen lassen, und bald aus diesem, bald aus jenem Winkel ein unbekanntes Gesicht auftauchen sehen. Die erste Anregung kam freilich von Antwerpen, und nach Antwerpen aus Italien. Allein die holländischen Künstler fanden sich bald im nationellen Element zurecht und haben dasselbe, mit Ausnahme einiger Wenigen, glücklich bis auf diese Zeit fest gehalten1. Ihre Stücke sind in der ganzen Welt zerstreut, und es erregt nicht allein die Zahl der Künstler, sondern auch die Zahl ihrer Producte, Staunen und Bewunderung. Wie der Seidenwurm nichts thut und thun kann als spinnen, bis er sich todt gesponnen, so scheinen auch diese echten Künstler nur malend gelebt und mit der Palette in der Hand gestorben zu sein.[2]

Copyright Ernst Zentner 2019

Bildteil

Küstenszene
Küstenszene, Öl auf Platte, 30 x 39 cm, Simon de Vlieger, zwischen 1620 und 1650 - Privatsammlung, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Die Brederode vor Hellevoetsluis
Die Brederode vor Hellevoetsluis, Öl auf Eichenholzplatte, 76 x 107 cm, Simon de Vlieger; National Maritime Museum, Greenwich, London. Die kleine Stadt Hellevoetsluis (Südholland) war damals der größte Kriegshafen der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande. Und das bis ins 19. Jahrhundert - Foto: http://www.nmm.ac.uk/mag/images/700/BHC4158_700.jpg, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Die Rückkehr des Falkners
Die Heimkehr des Falkners, Öl auf Platte, 71 x 95 cm, Simon de Vlieger, 1637; Rijksmuseum Amsterdam. Vlieger versuchte sich auch in anderen Genres. Aber die Marinemalerei blieb seine größte Stärke - Foto: http://www.rijksmuseum.nl/collectie/SK-A-1981, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Niedrigwasser
Niedrigwasser, Öl auf Platte, 67 x 90 cm, Simon de Vlieger, um 1652; Musée des Beaux-Arts de Strasbourg - Foto: Rama, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Strand
Strand, Öl auf Platte, 60,6 x 83,5 cm, signiert: S. DE VLIEGER / A 1643, Simon de Vlieger, 1643; Mauritshuis, Den Haag - Foto: https://www.mauritshuis.nl/nl-nl/verdiep/de-collectie/kunstwerken/strandgezicht-558/, Mauritshuis, Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Der Hafen bei Antwerpen, Albrecht Dürer, 1520
Nur als Vergleich: Der Hafen von Antwerpen, Federzeichnung, Albrecht Dürer, 1520; Albertina - Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Fregatte und Fischerboot bei ruhiger See
Fregatte und Fischerboot bei ruhiger See, Farbe auf Holz, 25 x 34 cm, Simon de Vlieger, um 1650; Städel Museum - Schwarzweiß-Foto: Wikimedia Commons - Gemeinfrei
Seelandschaft am Morgen
Seelandschaft am Morgen, Öl auf Platte, 36,8 x 58,4 cm, signiert: S DE VLIEG, Simon de Vlieger, um 1643; National Gallery of Art, Washington, DC - Simon de Vlieger malte nicht nur die See und Segelschiffe sondern auch Wracks, eventuell ungut gestrandete Schiffe - Foto: National Gallery of Art, Washington, DC, Wikimedia Commons - Gemeinfrei

Anmerkungen
[1] Chicago, The Art Institute of Chicago - Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Staatsgalerie in der Neuen Residenz, Bamberg - Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin - Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin - Hamburg, Hamburger Kunsthalle - Los Angeles, County Museum of Art (LACMA) - Schwerin, Staatliches Museum Schwerin - The Hague, Mauritshuis - St. Petersburg, The State Hermitage Museum
[2] Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 128-131.
Quellen
Künstler:

  • Ulrich Thieme - Felix Becker, Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. vol. 34, Leipzig, E. A. Seeman, 1940, p. 462-463.

Weitere Abbildungen:

Zu Federzeichnung Hafen Antwerpen von Albrecht Dürer, 1520; Albertina Wien https://albrechtdürer.de/niederlande.html

  • http://www.sphinxfineart.com/Vlieger-Simon-Jacobsz-DesktopDefault.aspx?tabid=45&tabindex=44&artistid=38780

Epoche:

  • dtv-Atlas Geschichte Band I. 1964 (21. Auflage 1986), p. 245
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