!!!Friedhof und Bestattung


[{Image src='Totengedenken 2012.jpg' width='300' class='image_left' alt='Gräbersegnung, Wien 2013. Foto: Doris Wolf' height='221'}]

Das Wort Friedhof leitet sich vom althochdeutschen "frithof", der Bezeichnung für den eingefriedeten Vorhof einer Kirche ab, die Vorstellung vom Ort des Friedens ist jüngeren Datums. Das Christentum legte Begräbnisstätten in und um Kirchen an. Sowohl der Ort wurde von einem Priester geweiht, als auch das Begräbniszeremoniell von einem Geistlichen geleitet. Wer nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprochen hatte, wie Angehörige unehrlicher Gewerbe, Exkommunizierte oder Selbstmörder, wurde außerhalb oder am Rand des Friedhofs beerdigt. Für ungetaufte Kinder gab es eigene Abteilungen. \\ \\

In __Wien__ befanden sich Gräber rund um Sankt Stephan, in den Katakomben unter dem Dom ruhen 40.000 Tote. 
Die josephinischen Reformen beendeten die Bestattungen in Kirchengrüften. In Wien wurden die christlichen Friedhöfe in den Vorstädten 1784 aufgelassen und in die Vororte verlegt (Gottesacker vor der St. Marxer Linie, vor der Matzleinsdorfer Linie, vor der Hundsturmer Linie, vor der Währinger Linie, vor der Mariahilfer Linie und der Evangelische Friedhof). Zugleich verfügte Joseph II., dass die Toten  in Leinensäcken  beerdigt und Särge mit ausklappbarem Boden verwendet werden sollten. Der Widerstand war so beachtlich, dass der Kaiser die Begräbnisordnung bald zurücknahm. Er verfügte, ''"… dass ich keinen Menschen, der nicht davon überzeugt ist, zwingen will, vernünftig zu sein und dass also ein Jeder, was die Truhen anbelangt, tun kann, was er für seinen toten Körper zum voraus für das angenehmste hält."''  In der Zwischenkriegszeit wandelte die Gemeinde Wien die josephinischen Kommunalfriedhöfe in  Parkanlagen um. Der einzige Biedermeierfriedhof in St. Marx steht als ganzer unter Denkmalschutz. \\ \\

__1867__ erhielt der Trauerwaren-Händler Josef Grüll 1867 als Repräsentant der „Entreprise des pompes funebres" die Bewilligung zur Gründung eines Bestattungswesens in Wien. 1885 wurde das bisher freie zum konzessionierten Gewerbe. 1891 bildeten mehrere Unternehmungen eine Genossenschaft. 1907 nahm die Firma „Gemeinde Wien - Städtische Leichenbestattung" den Betrieb auf und schloss mit den damals mehr als 80 Privatunternehmen Verträge über die Zusammenarbeit ab. Die Kommunalisierung des Bestattungsgewerbes in Wien dauerte bis 1951. Seit 2002 gilt in Österreich die freie Bestatterwahl. "Wissen und Praxis der BestatterInnen" wurde 2022 in die UNESCO-Liste  des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.  \\ \\

2026 bestehen in Wien 69 Unternehmungen, deren größte die __Bestattung Wien__ ist. (Seit 2010 Bestattung und Friedhöfe Wien ein Konzernunternehmen als Teil der Wiener Stadtwerke Holding). Seit der Gründung 1907 wurden 2 Mio. Beerdigungen durchgeführt, derzeit jährlich 18.000 Leistungen (Erd-, Feuer-, Natur- und Alternativbestattungen wie (Diamant-, Edelstein-, Donau- und Seebestattungen. Die Zentrale befindet sich seit Februar 2012 in der Simmeringer Hauptstraße 339 beim Zentralfriedhof.

In Wien gibt es 46 städtische Friedhöfe in 12 Bezirken mit 550.000 Grabstellen. Dazu kommen  neun konfessionelle Friedhöfe (drei katholische, zwei evangelische, drei jüdische, ein islamischer). Der größte Wiens ,und einer der größten Europas, ist der [Zentralfriedhof|Heimatlexikon/Zentralfriedhof] mit 330.000 Grabstellen auf 2,5 km². Er ist interkonfessionell, enthält ca. 1000 Ehrengräber (u.a. für Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Falco oder Udo Jürgens) und Kulturdenkmäler - wie die Kirche zum hl. Karl Borromäus - und stellt zudem eine wichtige Grünfläche dar. Seit Juni 2018 besteht auf einem abgetrennten Teil ein Mensch-Tier-Friedhof. \\ \\

1922 öffnete beim Zentralfriedhof das erste __Krematorium__ in Österreich. Der Verein "Die Flamme" organisierte für ihre meist sozialdemokratischen Mitglieder die Feuerbestattung, die kirchlich nicht erlaubt war. Erst nach 1964, als die katholische Kirche die Einäscherung akzeptierte, setzte sich diese österreichweit durch. Zum 100-Jahr-Jubiläum des von Clemens Holzmeister geplanten Krematoriums wurde dieses erweitert.\\ \\

Die Gestaltung der __Gräber__ auf Wiener Friedhöfen unterliegt Vorschriften, individuelle Wünsche sind nach Absprache möglich. Grundsätzlich sollen Gedenkzeichen (Grabstein, Kreuz, Skulptur) aus „Naturstein, Kunststein, Holz oder Metall“ hergestellt werden. Ein Kreuz auf einem „einfachen Grab“ für eine Person darf bis zu 90 Zentimeter hoch sein, Gedenkzeichen bei Grüften 2,20 Meter. Neu sind QR-Codes auf Grabsteinen. Wer diese mit dem Smartphone scannt, wird auf eine Website weitergeleitet, die nähere Informationen zu dem Verstorbenen bereithält.\\ \\

__2025__ ergab eine "Market"-Umfrage: 64 % der Befragten legen Wert auf schön gepflegte Gräber, 70 % sind der Meinung, dass Grabpflege möglichst wenig Arbeit verursachen soll. 42 % der über 60-jährigen kümmern sich um die Pflege, bei den 16- bis 39-Jährigen sind es nur 7%. Bei 85 % übernimmt die Familie die Bepflanzung, 13 % beauftragen Friedhofsgärtnereien. Im Supermarkt konnte man klassische Allerheiligengestecke ab 9,99 € erwerben. Zu Weihnachten waren auf manchen Gräbern kleine geschmückte Christbäume zu sehen.

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[{Image src='Grab 2025-1.jpg' alt='Weihnachtsschmuck 2025 Foto: Doris Wolf' height='200'class='image_block' width='121'}]
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[{Image src='Grab 2025-4.jpg' alt='Weihnachtsschmuck 2025 Foto: Doris Wolf' height='200'class='image_block' width='150'}]

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__2024__ starben in Österreich 85.500 Personen, rund die Hälfte (47.353) erhielt ein katholisches Begräbnis. Die römisch-katholische Kirche bevorzugt die Erdbestattung, begleitet aber auch Einäscherungen. Erst 1966 hat die Erzdiözese Wien die Feuer- der Erdbestattung gleich gestellt. Jedoch sind in Wien  zwei Drittel klassische Erdbeisetzungen. Wenn auch die Zahl der Kremationen zunimmt, ist sie geringer als in westlichen Bundesländern, wo der Anteil bei 75 Prozent liegt. Zusätzlich entstehen neue, alternative Formen. Generell werden naturnahe Bestattungen, wie im Wald, immer beliebter. 

Auch die Trauerfeiern ändern sich. Den Ablauf der Feier kann man seit Allerheiligen 2018  mit dem "Bestattungskonfigurator" der Bestattung Wien online planen. Generell nehmen weniger Trauergäste teil, auch Kranz- und Blumenspenden werden seltener, weil viele Spenden für einen karitativen Zweck bevorzugen. Auch der Brauch, bei Beerdigungen schwarze Trauerkleidung zu tragen, geht zurück. Eventhaften Charakter haben Verabschiedungen, bei denen man Luftballons oder Tauben fliegen lässt. Musikalisch wurde "My way" von Frank Sinatra  von "Time to say goodbye" und "Amoi seg‘ ma uns wieder" von Andreas Gabalier abgelöst.\\ \\


! Religiöse Verabschiedungszeremonien

__Christliche__  Tote sind üblicherweise in einer Aufbahrungshalle aufgebahrt. Es wird ein Wortgottesdienst abgehalten, der Sarg mit Weihwasser besprengt, Gebete gesprochen und Ansprachen über die verstorbene Person gehalten. Danach begibt sich der Leichenzug zum Grab, wo die „Einsegnung“ stattfindet; der Sarg wird versenkt und mit Erde bedeckt. Angehörige werfen oft Blumen in das Grab. \\ \\

Im __Buddhismus__ können Nonnen oder Mönche die Sterbenden mit Rezitationen begleiten. Verabschiedungszeremonien werden ohne Präsenz des Leichnams gefeiert,  es gibt auch keine Totenwache. Die verstorbene Person wird in wertschätzenden Gedanken gewürdigt und ihrer „liebevoll gedacht“. In Spitälern werde darum gebeten, diese mindestens vier Stunden in Ruhe zu lassen. Man geht im Buddhismus von Wiedergeburten aus, mit dem letzten Ziel, nicht mehr wiedergeboren zu werden. 49 Tage nach dem Tod wird auf Wunsch das Ritual des Loslassens, sowohl für den Verstorbenen als auch für die Angehörigen und Freunde, durchgeführt. \\ \\

In Wien-Liesing, Großmarktstraße 2a, besteht seit 2008 ein Friedhof der Islamischen Glaubensgemeinschaft, in Altach (Vorarlberg) seit 2012. Die Gräber sind nach Mekka ausgerichtet.  Im __Islam__ wird die sterbende Person von anderen Gläubigen mit der steten Wiederholung des muslimischen Glaubensbekenntnisses begleitet. Verstorbene sollen möglichst schnell - innerhalb von 24 Stunden - beerdigt werden. Davor wird eine rituelle Waschung vorgenommen. Während eines speziellen Gebetes  wird der Tote in ein Tuch gewickelt. Die Aufbahrung erfolgt in einem geschlossenen Sarg. Das Gesicht muss nach Mekka gewandt sein. \\ \\

Im __Judentum__ wird der Körper als das „Gefäß“ gewürdigt, in dem sich eine Seele entfalten konnte.  Die Seele überdauere, der Körper sei eine leblose Hülle. Zu Ehren des Verstorbenen wird eine Totenwache abgehalten, allerdings muss diese nicht direkt bei dem Toten stattfinden. Vor der Beerdigung wird der Leichnam gewaschen und in mehrere spezielle weiße Tücher gewickelt. Sie soll möglichst am Todestag stattfinden. Der Sarg ist einfach gehalten.  Die Grabstätten sollen für ewige Zeiten bestehen.\\ \\


! Alte Totenbräuche

Seit dem Mittelalter sind obrigkeitliche __Verbote__ bekannt, die übermäßigen Luxus bei den Begräbnissen und Totenmählern betreffen. 1310 untersagte ein Provinzialkonzil in Trier Übertreibungen bei Androhung der Exkommunikation. 1573 rügte ein deutscher Prediger, dass er oft weit mehr als 100 alkoholisierte Gäste antraf und "Sackpfeifer, Leierer und Trommelschläger geholt wurden, um der Seele, wie man gesagt hatte, aufzuspielen und sie in den Himmel zu geleiten." Zu den Totenfeiern ließen Bürger im 16. bis 18. Jahrhundert durch die weiß gekleidete "Bittfrau" oder den "Leichenbitter" einladen. Seit Maria Theresias Zeiten (Stolpatent 1751) standen die Konduktansager im Dienst der Kirche und waren für alle Leichenbegängnisse einer Pfarre verantwortlich, auch Mesner übten diese Arbeit aus. An die Pfarre waren, je nach sozialem Stand, Stolgebühren zu entrichten.\\  \\

In __Wien__ gründete Eleonore von Mantua (1598-1655), die Witwe Kaiser Ferdinand III.,  Totenbruderschaft, die 1643 vom Papst bestätigt und 1783 aufgehoben wurde. Ihr Sitz war in der Georgskapelle der Augustinerkirche. Die Mitglieder, darunter viele Adelige, hatten es sich zur Aufgabe gemacht, Hingerichtete auf einem geweihten Friedhof zu begraben. Sie erschienen in langen, schwarzen Kapuzenmänteln mit dem Bruderschaftszeichen (Totenkopf und gekreuzten Knochen) in [Prozession|Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_Österreichs/Prozession]. Der Armensünder-Gottesacker befand sich in der Gegend des Karlplatzes (Wien 1). \\ \\

Bis zum Ersten Weltkrieg war auch in Wien die __Hausaufbahrung__ üblich. Als die Friedhöfe mit „permanenten Aufbahrungseinrichtungen" ausgestattet wurden, ging die Zahl der Wohnhausaufbahrungen immer mehr zurück (1930 nur noch 1,6 % der Sterbefälle. Es ab sieben Klassen der Ausstattungsmöglichkeiten mit Draperien, Leuchtern und [Kerzen|Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_Österreichs/Kerze]. Verschwenderisch erschien die Pracht bei Totenfeiern und Begräbnissen für Mitglieder des Kaiserhauses und Adels. Einen Eindruck davon konnte man am 16. Juli 2011 beim Begräbnis Otto von Habsburgs bekommen.  \\ \\ 

In ländlichen Gemeinden waren bis in die jüngste Vergangenheit die Hausaufbahrung und die __Totenwache__ üblich, bei der von den Dorfbewohnern für das Seelenheil des Verstorbenen gebetet und spezielle Lieder gesungen wurden. Der Trauerzug führte dann zum Requiem in die Kirche und auf den Friedhof. Traditionell folgt  der „Leichenschmaus“ – das gemeinsame Essen der Verwandten und Freunde im Gedenken an die Verstorbenen – dem Begräbnis. \\ \\

Als Farbe der __Trauer__ galt traditionell [Schwarz|Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_Österreichs/Schwarz]. Bei Verstorbenen ledigen Standes war die Dekoration bei der Aufbahrung [Blau|Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_Österreichs/Blau], auf einem weißen Atlaskissen lag ein Myrtenkranz. Es war bis ins 20. Jahrhundert war üblich, dass Angehörige von Verstorbenen ein halbes Jahr lang schwarze Trauerkleidung (auch schwarze Strümpfe) oder zumindest einen Trauerflor am Ärmel trugen. In ländlichen Gebieten wurde die Trauertracht als äußerliches Zeichen des Totengedenkens streng beachtet. So heißt es 1889 aus dem Land Salzburg: '' "Sehr alterthümlich, aber dem Verschwinden nahe ist der Traueranzug der Weibsleute im Gebirge. Hohe Spitzhüte, darunter eine weiße Haube. Vom Haupt bis zu den Knien hüllt ein weißes Leintuch, unter dem Kinn zusammengeheftet, die Gestalt ein, darunter ragt der schwarze Kittel mit dem schwarzen Fürtuch (Schürze) hinab und man sieht die weißen Strümpfe und niederen Schuhe. Die Halbklage' oder mindere Trauer gestattet den schwarzen Hut, weißen Halskragen, eine weiße über der schwarzen Schürze und ein vom Haarbund nach rückwärts hinabhängendes weißes Tuch; der Kittel' und das 'Röckel' (Spenser) sind schwarz." ''\\ \\ 

Den Friedhof, der als heiliger Ort gilt, betreffen zahlreiche __Tabus__, moralische Pflichten und Gesetze, die seine Entweihung - Störung der Totenruhe, Grabschändung, Grabraub, satanische Riten - unter Strafe stellen. Vielfältig sind auch abergläubische Vorstellungen. So sollte man den unheimlichen Ort nachts meiden und nichts wegnehmen, da sich die Toten rächen würden. "Vorzeitig Verstorbene" (Wöchnerinnen, ledige junge Menschen) oder gewaltsam Getötete galten als gefährlich. Besonders bei diesen fürchtete man, dass sie als "Wiedergänger" die Lebenden stören könnten. Kirchlich gebilligte Segensformeln ("R.I.P." - Ruhe in Frieden als Grabsteinaufschrift) oder das Besprengen mit [Weihwasser|Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_Österreichs/Weihwasser] sollten die Wiederkehr als Geist verhindern. \\ \\

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__Quellen:__ \\
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Berlin 1927/1987. Bd. 3/Sp. 86 f.\\
Der Weg in die Stille. Wien 1967\\ 
[Kremation |http://www.orf.at/stories/2022711/2022721]\\ 
[Mensch-Tier-Friedhof|https://wien.orf.at/news/stories/2920283] \\ 
[Verabschiedungszeremonien|https://religion.orf.at/stories/3202602], publiziert 1.11.2020\\ 
[Kirche|https://www.katholisch.at/statistik] \\ \\

__Bild:__ \\
Gräbersegnung, Wien 2013. Foto: Doris Wolf \\ \\

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__Siehe auch:__ \\
--> [Friedhof der Namenlosen|Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_Österreichs/Friedhof_der_Namenlosen]\\
--> [Allerheiligen und Allerseelen|Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_Österreichs/Allerheiligen]
 
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