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Plan B mit Nebenwirkungen#

Eine Reihe technischer Ansätze zielen darauf ab, die globale Erwärmung zu bremsen. Das Stichwort lautet Geoengineering.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 8. April 2018

Von

Andreas Lorenz-Meyer


Riesige Spiegel im Weltall reflektieren die Sonnenstrahlen
Riesige Spiegel im Weltall reflektieren die Sonnenstrahlen. © Fotolia/visdia

Hamburg. Im Weltall riesige Spiegel installieren, die Solarstrahlung reflektieren. Kohlendioxid aus der Atmosphäre herausfiltern und anschließend im Erdreich speichern. Es gibt eine Reihe von technischen Ansätzen, die darauf abzielen, die globale Erwärmung zu bremsen. Entweder durch Beeinflussung der Solarstrahlung (Solar Radiation Management, SRM) oder durch Abscheidung von Kohlendioxid (Carbon Dioxide Removal, CDR). Zusammengefasst sind diese Techniken unter dem Begriff Geoengineering oder Climate Engneering. Alle sind sie mehr oder weniger umstritten - was die Machbarkeit angeht und weil es prinzipiell klüger ist, Klimagasemissionen zu vermeiden, statt CO2 erst in die Atmosphäre zu geben und sich dann anschließend zu überlegen, wie es wieder zu entfernen wäre.

Stefan Schäfer vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam geht der Frage nach, ob Geoengineering wirklich einen sinnvollen klimaschutzpolitischen Beitrag leisten kann. "Ich glaube, dass einige Geoengineering als Ausrede benutzen werden, um echte Bemühungen zur Emissionsminderung zu blockieren", so Schäfer. Wichtiger ist ihm aber etwas ganz anderes. Dabei geht es um das viel zitierte Zwei-Grad-Ziel. Zwei Grad Celsius markiert die maximale Temperaturerhöhung gegenüber dem vorindustriellen Stand, die als gerade noch vertretbar angesehen wird. Jenseits dieser zwei Grad drohen dem Klimasystem sogenannte Kipp-Elemente. Die Folgen der Erwärmung wären dann unumkehrbar.

Die wissenschaftlichen Berechnungen, die aufzeigen, wie das Ziel eingehalten werden kann, beinhalten zunehmend auch die massive Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre. Aus Sicht des Internationalen Klimarats (IPCC) reicht es gar nicht mehr aus, Klimagasemissionen zu reduzieren, etwa durch den schnellen Umstieg auf erneuerbare Energien. Es brauche zusätzlich das Entfernen von CO2 aus der Atmosphäre. "Geoengineering ist damit bereits Teil jener Berechnungen geworden, die die Machbarkeit ambitionierter klimapolitischer Ziele belegen", so der Experte.

Wirtschaftlich nicht rentabel#

Die CO2-Entnahme, die zu sogenannten Negativemissionen führt, funktioniert auf mehrere Arten. Einige Klimaökonomen favorisieren die BECCS-Methode. Das Kürzel steht für Bioenergy with Carbon Capture and Storage, eine Kombination aus Bioenergiegewinnung mit der Abscheidung und anschließenden Speicherung des im Verbrennungsprozess frei werdenden Kohlendioxids. "So hofft man, gleichzeitig mit der CO2-Entfernung auch noch Energie erzeugen zu können", erklärt Schäfer. Doch BECCS hat große Nachteile. Zum einen nimmt es viel Platz weg. Es bräuchte, um überhaupt eine spürbare Wirkung zu erzielen, hunderte Millionen Hektar Boden für Energiepflanzen, die allein der Erzeugung von Bioenergie dienen. Existierende Anbauflächen für Nahrungsmittel können dadurch verdrängt werden. Zudem bedeutet BECCS Monokulturen. Der Anbau der Energiepflanzen schadet also auch der biologischen Vielfalt.

Im Prinzip ist BECCS nichts anderes als Bio-CSS. CCS, Carbon Capture and Storage, bezieht sich auf Filteranlagen für Kohlekraftwerke. Hier wird das CO2 direkt an den Schornsteinen gefiltert und dann unterirdisch gespeichert. In der Theorie zumindest. In der Praxis kommt die Technologie nicht voran. Im Jahr 2014 etwa legte der Energiekonzern Vattenfall eine Pilotanlage im deutschen Brandenburg still. Während CCS und BECCS direkt bei der Emissionsquelle zum Einsatz kommen, wird das CO2 bei Direct Air Capture (DAC) aus der normalen Umgebungsluft genommen. Man braucht kein Kraftwerk, sondern kann die Anlagen überall aufstellen. Das aus der Luft gesogene Kohlendioxid wird dann gespeichert oder weiterverwendet. Die Technik ist auch schon im Einsatz. Schäfer schätzt DAC so ein: "Der Energieaufwand ist sehr groß und das Filtern von CO2 aus der Umgebungsluft damit sehr teuer. Gleichzeitig existiert noch kein Markt für das Entfernen von CO2, der müsste erst politisch geschaffen werden. Solange ist das Entfernen aus der Atmosphäre in größerem Maßstab wirtschaftlich nicht rentabel."

Sonnenschutzschild im Einsatz#

Grundsätzlich gebe es ein Problem bei all den Überlegungen: Möchte man tatsächlich den globalen Klimawandel und seine Auswirkungen mindern, dann ist der Maßstab, in dem der Atmosphäre CO2 entzogen werden müsste, gigantisch. Das sieht man an den Berechnungen des IPCC. Dessen klimaökonomische Modellrechnungen laufen darauf hinaus, "dass bis zum Jahr 2100 insgesamt 500 bis 800 Gigatonnen an Negativemissionen geschaffen werden müssten, um die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius oder gar 1,5 Grad Celsius zu begrenzen." Das ginge bis zum Zwanzigfachen der derzeitigen jährlichen Emissionen. Schäfer glaubt nicht, dass diese Mengen so bald möglich sind.

Heuer steht ein Sonderbericht des IPCC zur Erreichung der 1,5 Grad an. Diese sind im Pariser Klimavertrag als Ziel angegeben: Die Erwärmung solle auf "deutlich unter 2 Grad, möglichst auf 1,5 Grad" begrenzt werden. Schäfer geht davon aus, dass in dem Bericht auch SRM diskutiert wird. SRM, die zweite Geoengineering-Kategorie, steht für Solar Radiation Management und meint Techniken zur Reduzierung von Sonneneinstrahlung. Dazu gehört das Ausstreuen kleiner Partikelchen, sogenannter Aerosole, in großer Höhe. Diese sollen einen Teil der Sonneneinstrahlung stoppen und so für eine künstliche Abkühlung sorgen. Kritiker warnen jedoch: Solche Manipulationen am Klimasystem hätten unabsehbare Folgen.

Auch Andreas Oschlies vom Geomar Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung Kiel ist skeptisch. Er weist darauf hin, dass die Aerosole nur eine kurze Lebenszeit von wenigen Jahren haben, während Treibhausgase wie Kohlendioxid bis zu Jahrtausende in der Atmosphäre bleiben. Oschlies sieht daher die Gefahr einer Temperaturschuld. "Der künstliche Sonnenschutzschild hoch oben in der Atmosphäre lässt sich nur durch ständiges Nachliefern der kurzlebigen Aerosole aufrecht erhalten. Ohne diesen Schutzschild würde es hunderte Jahre dauern, bis es spürbar abkühlt. Für die Aufrechterhaltung des solaren Geoengineerings über einen so langen Zeitraum gibt es aber keine Garantie." Stoppt die Zugabe von Aerosolen aus irgendeinem Grund, würden die Durchschnittstemperaturen schnell und "in alarmierendem Maße" ansteigen. Das wäre für viele Ökosysteme noch schlimmer als die aktuelle graduelle Erwärmung. Thema bleibt es dennoch.

Wiener Zeitung, 8. April 2018