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"Die Welt ist für Populisten einfach"#

Hugo Portisch wird 90 Jahre alt und nimmt sich zum runden Geburtstag Donald Trump in einem neuen Buch vor.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 15. Februar 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernhard Baumgartner


Hugo Portisch
Hugo Portisch kritisiert die heutige Politiker-Generation dafür, der Meinung nachzulaufen.
Foto: © Robert Newald

Wien. Am Sonntag feiert der legendäre Print- und Fernsehjournalist Hugo Portisch seinen 90. Geburtstag. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", bei der er einst seine Karriere startete, resümiert Portisch über Trump, Populismus, die EU und die Krise des Journalismus. Ab Freitag sendet ORFIII an drei Hauptabenden eine Doku-Trilogie nach Portischs Biografie "Aufregend war es immer" (jeweils 20.15). Am Mittwoch feierte der ORF seinen Kommentator.

"Wiener Zeitung:" Sie werden in wenigen Tagen 90 Jahre alt. Ihre Schaffenskraft ist noch immer groß genug, dass Sie ein aktuelles Buch zu Donald Trump geschrieben haben - "ein Weckruf", wie Sie es nennen. Die ersten Wochen Chaos im Weißen Haus scheinen Ihnen recht zu geben.

Hugo Portisch: Ja, das habe ich ganz richtig eingeschätzt. Donald Trump ist ein Erratiker, der es gewohnt ist, Befehle zu erteilen. Wenn es nicht sofort klappt, wird er wütend, weist die Leute zurecht oder schmeißt sie raus - unberechenbar.

Was heißt das für einen Politiker?

Das wird sich erst weisen. Ich hoffe, dass er noch lernt, was es heißt, Präsident zu sein. Vielleicht hat er auch Berater, die ihm das beibringen und nicht nur aufheizen. Weil sein wichtigster Berater, Steve Bannon, ist einer, der noch härter zuschlägt.

Wie lange werden sich die Republikaner das noch gefallen lassen? Gibt es einen Ausweg?

Das kommt darauf an, wie er sich benimmt. Wenn er weiter Grenzen überschreitet oder verfassungswidrige Dinge tut, wird sich in der Partei Widerstand regen. An ein Impeachment, also eine Absetzung, glaube ich nicht, das dauert Jahre und wird so bald nicht kommen. Da ist die Geduld des Kongresses nahezu endlos.

Trump hat mit reinem Populismus die Wahl gewonnen. Wie konnte das passieren?

Demnächst werden Sie sich das in Frankreich fragen - oder vielleicht sogar in Deutschland. Die Welt ist für Populisten ziemlich einfach. Überall gibt es Unzufriedenheit, die muss man nur auszunützen. Trumps Inaugurationsrede war sehr ähnlich jener ersten Rede, die Hitler gehalten hat, als er Reichskanzler wurde. Auch er hat gesagt, ich bin da, um Euch die Macht zu geben.

Sind die Parallelen, die derzeit oft zur Weimarer Republik gezogen werden, ein valider Vergleich?

Noch nicht. Aber ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass es so weit kommt. Trump geht einen ganz bedenklichen Weg. Er sagt in Anwesenheit von vier ehemaligen Präsidenten, die haben hier nur geschlemmt und ihr habt gelitten! Das ist sehr populistisch.

Wie kann man jemanden, der unangenehme Dinge einfach für nicht-existent erklärt, mit Fakten begegnen?

Das ist schwierig. Er wird ja laufend mit Fakten konfrontiert und schreit sie einfach nieder oder streitet sie als "Lüge" ab. Er steckt schon jetzt im ständigen Krieg mit den Medien. Wie er da zurechtkommen will, weiß ich nicht. Es ist dasselbe Phänomen wie in Deutschland, da geht die Pegida auch mit dem Wort "Lügenpresse" auf die Straße.

Gleichzeitig gerät die EU ins Straucheln. Ist das Brexit-Referendum der britische Fall Trump?

Nein, der Brexit hat ganz andere Ursachen. Die Briten wollten einfach die Personenfreizügigkeit nicht mehr. Die haben die Zuwanderer aus der EU nicht mehr ertragen. Das ist natürlich auch reiner Populismus, auf die Fremden loszugehen und zu behaupten, die nehmen euch allen die Jobs weg. Das ähnelt im Wesentlichen eher der Pegida in Deutschland.

Auch vor dem Brexit-Referendum wurde ja mit Fake-News, also bewussten Falschmeldungen, agiert. Das Interessante an Fake-News ist ja, dass sie auch wirken, wenn sie entlarvt werden.

Irgendwas bleibt immer im Kopf hängen. Es gibt ja Leute, die sich fast professionell darauf stürzen. Was ich an Mails bekommen habe mit Vorwürfen, was angeblich Flüchtlinge jetzt schon wieder gemacht haben sollen, in der Hoffnung, dass ich mich gegen die Flüchtlinge starkmachen werde, ist erschütternd.

Lassen Sie uns noch beim Begriff "Lügenpresse" bleiben, also der fiktiven Annahme, dass eine gesteuerte "Systempresse" die gefühlte Wahrheit unterdrückt. Wie kann sich so etwas festsetzen?

Auf dieselbe Weise, wie alle populistischen Slogans zustandekommen. Die Urheber wissen, dass das zieht. Das kann man beliebig verbreiten und viele Leute glauben das und laufen dann denen nach, die eine vermeintlich ehrliche Meinung vertreten.

Glauben Sie, dass der Journalismus zu einem gewissen Grad selbst schuld ist? Hat man zu wenig auf Glaubwürdigkeit geachtet?

Das kommt immer auf die Medien an. Es gibt Medien, die selten auf Offenheit und Ehrlichkeit achten. Und es gibt Medien, die würden es nie zulassen, dass in der Zeitung gemogelt wird.

Kann es sein, dass Journalisten die Ideologie hinter den Informationen, die sie bekommen, immer weniger überprüfen? Dass man sich auf die Dinge stürzt, weil man darin eine Sensation oder einen Vorteil sieht und dann kritische Zurückhaltung vermissen lässt?

Was Sie hier schildern, wäre eine ungenaue und unverantwortliche Recherche. Wenn ich etwas blank übernehme, was mir jemand erzählt, und nicht versuche, zum Kern der Dinge zu gelangen, wäre das sehr unjournalistisch. Es ist Aufgabe des Journalisten, die Wahrheit zu erforschen.

In Österreich sehen manche eine gewisse linksliberale Hegemonie im Journalismus. Ein konservativer Journalismus wie in den USA wäre in Österreich undenkbar.

Ich unterscheide zwischen Medien und Medien. Es gibt Medien, die sind verlässlich. Zugegeben, die kann man an den Fingern abzählen. Wahrscheinlich haben Sie mit der These, dass Journalisten oft linksliberal denken, recht. Wenn ich so die Medien durchzähle in meinem Kopf, sehe ich aber - also bis auf die, die Boulevard machen - anständige Journalisten, die versuchen, mit der Wahrheit umzugehen.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie von den vielfältigen Schwierigkeiten lesen, mit der die Print-Branche zu kämpfen hat? Schmerzt Sie das?

Ja. Dass es den Zeitungen schlecht geht, schmerzt mich wirklich, und ich hoffe sehr, dass das eine vorübergehende Erscheinung ist. Aber die Realisten werden mir sagen, dass das unumkehrbar ist. Der große Gegner ist sicher das Internet, das die Zeitungen ruiniert.

Sie haben seinerzeit das Rundfunk-Volksbegehren erfunden. Wie beurteilen Sie heute den ORF?

Ich beurteile ihn ganz gut. Dass, was wir mit der Reform bewirkt haben, nämlich, dass die ORF-Journalisten Selbstbewusstsein empfinden und bereit sind, auf die Barrikaden zu gehen, finde ich sehr produktiv. Es war doch immer schon die Tendenz der Politik, bei Personalentscheidungen Einfluss zu nehmen. Aber wenn ich anschaue, was aus TV und Radio herauskommt, bewahren sie ihre Unabhängigkeit.

Sie hatten noch mit Figl und Raab zu tun. Wie geht es Ihnen mit der neuen Politiker-Generation?

Es ist früher leichter gewesen, Politik zu machen. Gerade weil die Medien vor 60 Jahren noch gehorsam waren und die Politiker geschont haben. Einem Politiker überhaupt Fragen zu stellen war schon schwierig. Aber das waren damals gestandene Leute, die ihre festen Meinungen gehabt und verteidigt haben, das muss man sagen. Die sind nicht der Meinung in der Zeitung nachgelaufen. Heute ist die Notwendigkeit, in den Medien gut dazustehen, doch eine ganz andere. Manche Politiker sonnen sich richtig im Lichte so mancher Privatzeitung.

Das ist ja manchmal auch ein Gegengeschäft, Stichwort Inserate.

Das ist keine faire Art, Politiker sein zu wollen, wenn man sich mit Zuwendungen ein gutes Echo verschafft. Ich hoffe, dass das bald vorbei ist.

Sind Sie froh, dass Sie die Dinge, die heute geschehen, nicht mehr kommentieren müssen?

(lacht) Ich bin generell froh, nicht mehr belästigt zu werden. Aber es war immer richtig, sich einzumischen.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 15. Februar 2017