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H. C. Artmann: Tänzer auf allen Maskenfesten#

Am 12. Juni jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag des Dichters, Übersetzers und Büchnerpreisträgers, der als Sohn einer Wildente und eines Kuckucks ein poetisches Leben führte.#


Von der Wiener Zeitung (11. Juni 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Edwin Baumgartner


Polyglotter Poet und Abenteurer: H. C. Artmann (1921 - 2000).
Polyglotter Poet und Abenteurer: H. C. Artmann (1921 - 2000).
Foto: Gert Chesi. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 4.0

Das Leben - ein Maskenspiel. Die Literatur - eine Mystifikation. Ib Hansen. Stasi Kull. Carl Johan Wetterström. Toller von Bomberg. Viscomte de Glonnensalz. Hieronymo Caspar Laërtes Artmano, schließlich Hans Carl Artmann, nie mit vollem Vornamen genannt, immer nur H. C. Poetische Kunstfigur. Maskenspieler in Wort und Leben.

H. C. Artmann, geboren vor 100 Jahren, am 12. Juni 1921 in St. Achaz am Walde - so steht es in der dtv-Ausgabe der Balladensammlung "Aus meiner Botanisiertrommel" und in einem Oberstufen-Deutschlehrbuch der 1980er Jahre. Artmann selbst gibt Auskunft in "Curriculum Vitae Meae oder Wie das halt so gewesen ist": "Ich kam auf einem baum (oder in einem baum) der gemarkung Kurthal nahe dem weiler St. Achatz am Walde zur welt". Seltsam der Geburtsort, seltsamer die Eltern: "Ich bin das kind aus der verbindung einer wildente und eines kuckucks und verbrachte meine jugend in den lichten laubwildernissen der buche und der linde."

Ein poetisierter Lebenslauf, von unterinformierten Germanisten missverstanden als wenigstens teilweise korrekte biografische Angabe. Doch St. Achatz am Walde ist eine Erfindung, so wie die federige Abstammung. Die prosaische Wahrheit: Artmann ist in Wien-Breitensee als Sohn des Schusters Johann Artmann und dessen Frau Maria geboren. Das Datum stimmt. Und es war wirklich ein Sonntag, wie Artmann in seinem surrealistisch gebrochenen Tagebuch "das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken" anmerkt.

Ästhetischer Neustart#

Artmann ist einer der ersten der neuen österreichischen Dichter nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nicht nur zeitlich, weil seine ersten Veröffentlichungen an die NS-Zeit nicht einmal anstreifen. Sie stammen aus dem Jahr 1947. Doch es ist vor allem eine ästhetische Zäsur: Es gibt keine österreichische, nicht einmal eine deutschsprachige literarische Tradition, an die Artmann anknüpft.

Nur das Wiener Künstler-Lebensgefühl ist ungebrochen heimisch im Kaffeehaus. Artmann, Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener, zuerst Freunde, dann von Kritikern zur "Wiener Gruppe" erklärt, treffen einander im Hawelka und im Gutruf. Die Bar "Strohkoffer" im Kärntner Durchgang wird zum Kultlokal, in dem nun Surrealismus und Dadaismus Wurzeln schlagen.

Artmann lernt mühelos Sprachen. Er spricht, sagt er, Dänisch, Englisch, Französisch, Piktisch, Dacisch, Gälisch, Niederländisch, Schwedisch, Spanisch, viele mehr. Das ermöglicht es ihm, sich in entlegenen Dichtungen umzusehen. Er orientiert sich an Spaniern wie Ramón Gómez de la Serna und Federico García Lorca und an Franzosen wie Guillaume Apollinaire und Paul Eluard.

Jeder kann Dichter sein, er braucht dazu kein Gedicht zu schreiben, wer Poet sein möchte, muss nur eine poetische Handlung beabsichtigen, postuliert Artmann 1953 in der "Acht Punkte Proklamation des poetischen Aktes". Denn ihm ist alles Poesie, was Poesie sein will.

Der Habitus - Teil eines poetischen Lebens: Die Straßenbahnfahrt kann sich Artmann, damals im Nachkriegs-Wien, nicht leisten. Aber der Anzug muss tipptopp sitzen. Und wenn es kein Anzug ist, sind es Kostüm-Zitate: der englische Lord, der französische Adelige, der schwedische Kapitän. Mit Monokel vor einem Auge und altertümlicher Gewandung könnte Artmann einem Roman Jules Vernes entstammen. Abenteurer, der er ist - und das, ausnahmsweise nicht imaginiert, sondern auch tatsächlich: Denn nur ein Abenteurer wie er fährt mit dem Moped in die Bretagne und sinnt, jetzt wieder ganz Poet, im Wald von Brocéliande den keltischen Mythen nach.

Artmann im Jänner 2000.
Artmann im Jänner 2000.
Foto: © apa / Herbert Pfarrhofer

"Bei mir ist ja alles erlogen", wird er später in einem Interview mit der "Presse" sagen. Auch, dass er Piktisch und Dacisch spricht - denn diese Sprachen hat er erfunden. Andere wie Gälisch, Spanisch, Französisch, Englisch, Schwedisch, an die zwanzig insgesamt, spricht er tatsächlich - und übersetzt aus ihnen.

Artmann, wiedererstandener altösterreichischer Schwadroneur und Wiener Schmähtandler: Als Mensch bleibt er nur für seine enge Umgebung, für seinen Freundeskreis, halbwegs fassbar. Sonst weiß man wenig über den Menschen Artmann. Einmal, in einer Preisrede, bedankt er sich bei seiner Mutter für ihre Unterstützung. Verheiratet, geschieden, beides mehrmals, die letzte Ehe bis zu seinem Tod mit der Schriftstellerin Rosa Pock, mit ihr hat er eine Tochter namens Griseldis. Sonst nichts Privates. Wozu auch? - Er lebt in dem poetischen Universum, das er sich erschafft.

In keiner Kategorie#

Es ist bezeichnend, dass er sich weder links noch rechts einer Vereinnahmung zur Verfügung stellt. Ein einziges Mal bezieht er politisch Position: Nicht, als ihn der FPÖ-Obmann Jörg Haider als versoffenen Dichter brandmarkt, sondern viel früher, als er 1955 gegen die Wiederbewaffnung Österreichs protestiert.

Artmanns literarische Fassbarkeit - viele versuchen sich daran, fast alle scheitern. Kaum folgt ihm die Germanistik, von der er ohnedies nichts hält, auf die eine Position, hat er schon eine andere eingenommen.

Zum Beispiel sein populärer Durchbruch in Österreich: 1958 erscheint der Band "med ana schwoazzn dintn. gedichta r aus bradnsee". Es sind Dialektgedichte, mit dem Inventar des herkömmlichen Alphabets ohne Zusatzzeichen geschrieben. Artmann will den Wiener Dialekt als Sprache der Dichtung etablieren. Dichtung im Wiener Dialekt bedeutet etwas anderes als Josef Weinhebers versifizierte Anekdoten im pseudo-wienerischen Idiom. Die Würstelstand-Gemütlichkeit von "Wien wörtlich" hat nichts zu tun mit der abgründig schwarzhumorigen Ungemütlichkeit der "schwoazzn dintn".

Nicht einmal der sonst so kluge Dichterhelfer Hans Weigel versteht das. Er rüffelt Artmanns Dialektschreibung und seine Inhalte. Aber die Verse der "schwoazzn dintn" sind keine Wiener Dialektgedichte, sondern surrealistische Lyrik in Wiener Sprache - so, wie Eluards Gedichte surrealistische Lyrik in französischer Sprache sind. Der Sinn der bizarr anmutenden Schreibungen ("fua da dia rengd s") widersetzt sich dem Auge und entfaltet sich nur beim lauten Lesen. Selten zuvor war geschriebene Sprache näher der klingenden Sprache.

Der internationale Durchbruch erfolgt ein Jahr später mit dem Prosaband "Von denen Husaren und anderen Seiltänzern". Diesmal kostümiert sich der Surrealismus Artmann’scher Prägung als barockes Spiel.

H.C. Artmann im November 1997
H.C. Artmann im November 1997.
Foto: © apa / Herbert Pfarrhofer

Und es erweist sich, dass Artmann der Tänzer auf allen Maskenfesten bleibt. Während er sich in seinen Auftritten einer manierierten Dichter- und Vagantenpose bedient und damit das Modell für post-postmoderne Kunstfiguren bis herauf zu Lisa Eckhart abgibt, ist auch sein Schaffen ein Spiel mit schnell wechselnden Masken: Ernst Fuchs, Protagonist der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, steuert die Illustrationen zu den Prosa-Traumgedichten der "Grünverschlossenen Botschaft" bei, dann stehen dadaistische Gedichte und Dramen neben makellosen Alexandrinern und vollendeten Haikai, die skurrilen lappländischen Menschenfresser-Märchen von "Mein Erbteil von Vater und Mutter" neben der Berufs-Poesie von "Fleiß und Industrie", die Balladen und Naturgedichte der "Botanisiertrommel" neben den Gruselgeschichten der Sammlung "Die Anfangsbuchstaben der Flagge".

Überhaupt Gruselgeschichten - sie haben es Artmann angetan: Seinerzeit hatte er, gemeinsam mit Wieland Schmied, Spukhäuser und Geistererscheinungen erfunden und in den "Mödlinger Nachrichten" publiziert. Viele davon gelten Gespenstergläubigen bis heute als "echt".

Den bizarren Scherz mit der Irrationalität begreift Artmann als Spielart des Surrealen. Rein literarisch erkennt er die Möglichkeit, popkulturell gewordene Versatzstücke neu zu montieren und grell zu überzeichnen, so in "Drakula, Drakula", in "Frankenstein in Sussex" und der Werwolf-Erzählung "tök ph’rong süleng". Menschenfresser, Vampire, Werwölfe und der Supermann bevölkern auch die Gedichte von "Allerleirausch - neue schöne Kinderreime".

Apropos Gruselgeschichten: Als Übersetzer macht Artmann H. P. Lovecraft im deutschen Sprachraum bekannt. Für die Versuche des Nordamerikaners, das Unbeschreibbare zu beschreiben, findet der Sprachspieler einen eigenen Lovecraft-Tonfall, der zugleich ein Artmann-Tonfall ist. Andere frühe Lovecraft-Übersetzer folgen seiner Diktion. Erst in den letzten Jahren löst man sich von Artmanns Klangfarbe - mit verheerenden Folgen für Lovecraft: Artmann stilistische Finesse übertraf die des Originals bei weitem.

Was beim amerikanischen Horrorautor glänzend funktioniert und Bram Stokers "Dracula" dank "Stasi Kulls" Übersetzung zum Leseerlebnis macht, was Carl Michael Bellman und Lars Gustafsson für den deutschsprachigen Leser gewinnt, gelingt nicht im gleichen Ausmaß bei Carlo Goldoni: Beim Italiener übertreibt Artmann die Aneignung.

Natürlich war er noch weiter gegangen, als er den Wiener Dialekt zum Medium von François-Villon-Übersetzungen wählte. Doch da schlug Artmann auf brillante Weise eine Brücke, indem er das alte, mundartlich durchsetzte Französisch durch das in der Ausdrucksweise des Volks wurzelnde Wiener Idiom übertrug. Beim italienischen Komödienautor hingegen scheint Artmann das zu übersetzen, was seiner Meinung nach Goldoni hätte schreiben sollen.

Wollust des Dichtens#

Andererseits ist das eine der Facetten Artmanns: Hinter all den Masken ist doch immer nur er selbst zu erkennen. Das virtuose Rollenspiel ist letzten Endes die Maskerade einer einzigartigen Persönlichkeit.

Cthulhu Cover
© Suhrkamp

Zwei, drei Sätze genügen, um den Autor zu enthüllen, ob es nun die barocke Phantasmagorie "Der aeronautische Sindtbart" ist, der surrealistisch aufgelöste Krimi "Die Jagd nach Dr. U.", der sich liest wie ein literarisches Äquivalent zu Fritz Langs Mabuse-Stummfilmen, oder die Verwandlungsgeschichten von "Die Sonne war ein grünes Ei", ob die Lyrik der mittleren und späten Jahre mit ihrer Poesie und der Klarheit der surrealistischen Malerei eines René Magritte, eines Franz Sedlacek, eines Wolfgang Hutter: Es ist der artmanneske Tonfall, die "Wollust des Dichtens", wie er es nennt, geprägt von einem unvergleichlichen Wortreichtum, der Spiel, Unterhaltung, tiefsinnige Blödelei und Sprachklangmagie samt der Persönlichkeit des Dichters zur poetischen Totale verschmilzt.

Artmann stirbt am 4. Dezember 2000 in Wien. Das Ehrengrab hat er sich verbeten. Und er hat es dennoch bekommen (Feuerhalle Simmering: Abt. 1 Ring 1 Gruppe 2 Nummer 3). Die Stadt Wien konnte nicht umhin, den zu ehren, der ihr das größte Denkmal der Nachkriegszeit gesetzt hat. Es ist dauerhafter als Erz. Es ist aus Wort.

Edwin Baumgartner ist Redakteur im Feuilleton-Ressort der "Wiener Zeitung" und Buchautor.

Neue oder neu aufgelegte Bücher:#

  • H. C. Artmann: "Von denen Husaren und anderen Seil=Tänzern". Neu herausgegeben und kommentiert von Ondrej Cikán. Illustrationen von Christian Thanhäuser. Ketos, Wien 2021, 192 Seiten, 20,- Euro.
  • H. C. Artmann: "Um zu tauschen Vers für Kuss". Hörbuch (1 CD) mit Erwin Steinhauer u.a. Mandelbaum, Wien 2021, 25,- Euro.
  • "H. C. Artmann – ich bin abenteurer und nicht dichter". Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann. Ergänzte Neuausgabe. Amalthea, Wien 2021, 235 Seiten, 25,- Euro.
  • Michael Horowitz: "H. C. Artmann – Bohemien und Bürgerschreck". Ergänzte Neuauflage. Ueberreuter, Wien 2021, 208 Seiten, 22,- Euro
  • Eine umfassende Biographie Artmanns von Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster im Residenz Verlag ist für Februar 2023 angekündigt.
Wiener Zeitung, 11. Juni 2021