unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Mensch und Maschine#

Ein kulturelles Vorhaben#

von Martin Krusche

Am 5. Januar 1769 erhielt James Watt ein englisches Patent über seine Verbesserungen der Dampfmaschine. Damit hat die Erste Industrielle Revolution ein prominentes Datum. Es waren bis dahin in Europa vor allem Wasserräder die Kraftquellen für Maschinen, teilweise auch von Tieren oder Menschen angetriebene Konstruktionen, die man Göpel nennt.

Wissenschafter Hermann Maurer - (Foto: Martin Krusche)
Wissenschafter Hermann Maurer - (Foto: Martin Krusche)

Tiere und Menschen im Laufrad, im Göpel, ermüdeten natürlich. Schaufelräder verlieren im niederen Wasserstand an Wirkung oder sind winters von Eis blockiert, der Beschädigung ausgesetzt. Dampfmaschinen zeigten sich dagegen ganzjährig verfügbar und ortsunabhänging.

Wir leben seit 200 Jahren in einer permanenten technischen Revolution. Die Zweite Industrielle Revolution handelt von Rationalisierungs- und Automatisierungsschritten. Man baute Maschinen zur Serien-Herstellung von Teilen. Man ordnete die Produktion in Verlaufs-Schemata an, es ging Richtung Fließband und Fertigungsstraße.

Der Umbruch zwischen Zweiter und Dritter Industrieller Revolution hat sich innerhalb unserer Biographien ereignet. Von Fließbandproduktion und Automatisierung ging es in die Digitale Revolution. Ich hab in „Handwerk und Industrie“ ein Beispiel skizziert. Der Techniker Wolfgang Wister erlebte in seiner Berufslaufbahn den Umbruch, der deutlich wird, wenn man den Rechenschieber und jenen Mikrocomputern vergleicht, die ab den 1970er Jahren im Alltag auftauchten: link

Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind gesellschaftlich noch längst nicht bewältigt, da bahnt sich schon die Vierte Industrielle Revolution an. Neue Automatisierungsschübe, selbstlernende Maschinensysteme, das Internet der Dinge und sehr viel Gerede, in dem noch nicht klar wird, was sich da genau abzeichnet. Zum Internet der Dinge siehe: link

Klar scheint bloß, daß wir auf ein Ende der Massenbeschäftigung zugehen, wie sie uns die Industrie bisher geboten hat. Außerdem dringen die neuen Maschinensysteme auch massiv in Dienstleistungsbereiche ein. Siehe dazu etwa: „Industrie 4.0“ link

Künstler Martin Krusche - (Foto: Archiv Krusche)
Künstler Martin Krusche - (Foto: Archiv Krusche)

Die aktuelle Herausforderung vor diesem historischen Hintergrund ist enorm. In wenigen Jahrzehnten wird unsere Arbeitswelt fundamental verändert sein, weil wir Technologieschübe erleben, deren Folgen unsere Auffassungsgabe eher übersteigen als bloß ausreizen.

Wir haben in Europa längst die Erfahrung gemacht, daß Reaktionen wie etwa Maschinenstürmerei (Weberaufstände etc.) einer Gesellschaft in solchen Umbrüchen keine Vorteile bringen. Siehe dazu: link

Im Gegenzug hat die Steiermark ein historisches Beispiel dafür, was der Weitblick inspirierter Persönlichkeiten bei entsprechendem Mitteleinsatz Positives bewirken kann. Erzherzog Johann konnte seinen Verstand und seine materiellen Ressourcen mit den Talenten vorzüglicher Fachkräfte kombinieren. Das ergab höchst wirksame Impulse, um aus einer damals völlig rückständigen Region wie der Steiermark ein blühendes Gebiet zu entwickeln, dessen Industriegeschichte beeindruckt, das heute in etlichen High Tech-Bereichen Weltrang hat.

Es ließe sich da von einer steirischen Besonderheit reden, wie der Ausgang aus der rein agrarischen Welt im 19. Jahrhundert begann. Die folgenden Prozesse hin zu jenem Wohlstand, den wir aktuell genießen dürfen, haben lange gedauert. Davon erzählen Sozial- und Industriegeschichte. Das zeigt uns auch eine Volkskultur in der technischen Welt, die in der Steiermark nicht einfach Traditionspflege meint, sondern ein lebendiger Ausdruck individueller Bedürfnisse ist.

Büste des Erzherzog Johann in Stainz - (Foto: Martin Krusche)
Büste des Erzherzog Johann in Stainz - (Foto: Martin Krusche)

Diesbezügliche Motive reichen insgesamt vom Norischen Eisen (Erzberg) über das Grazer Puchwerkbis zu den Automotive- und IT-Betrieben der Gegenwart. Da gibt es kleine Schuppen und große Häuser, die mit ihren Produkten auf dem Weltmarkt nennenswert mitmischen.

Dazwischen steht eine Einrichtung wie die Technische Universität Graz, hervorgegangen aus dem Joanneum(Erzherzog Johann), historische Wegmarke auch für Persönlichkeiten wie Nikola Tesla, der in Graz studiert hat.

Vor diesem Hintergrund hat sich jene schone erwähnte Volkskultur in der technischen Welt entfaltet, die von der Wissenschaft seit mehr als einem halben Jahrhundert begleitet, beforscht und beschrieben wird. Dem ist nicht nur das Titelgebende Standardwerk von Hermann Bausinger gewidmet. Auch Arbeiten wie etwa der steirischen Volkskundlerin Hilde Harrer machen deutlich, wovon die Rede ist.

In diesem Zusammenhang spielt das Handwerk eine wesentliche Rolle. Nicht in einer folkloristischen Deutung, sondern in jenen Formen, die auch heute noch Relevanz und ökonomisches Potential haben, die außerdem zur Debatte stehen, wenn wir über Aspekte wie Zukunftsfähigkeit nachdenken.

Mich beschäftigen solche Fragen seit einigen Jahren. Ich betone dabei gerne „Die Ehre des Handwerks“ (link) sowie die Zusammenhänge von Handfertigkeit und Poesie. Das Wort Poesie kommt von Poiesis, dem Erschaffen. Es hat also nicht bloß literarische Dimensionen.

Ich hab in meinen Kindertagen noch vorindustrielles Handwerk als unspektakulär und alltäglich kennengelernt; zumal mein Großvater Richard ein Handwerker in diesem Sinn war. Ein Steinmetz, der auch zum Zimmermann taugte.

Beispiel: Altmeister Ferdinand „Fredi“ Thaler“ – (Foto: Martin Krusche)
Beispiel: Altmeister Ferdinand „Fredi“ Thaler“ – (Foto: Martin Krusche)
Beispiel: Künstler Niki Passath – (Foto: Martin Krusche)
Beispiel: Künstler Niki Passath – (Foto: Martin Krusche)
Beispiel: Unternehmer Ewald Ulrich – (Foto: Martin Krusche)
Beispiel: Unternehmer Ewald Ulrich – (Foto: Martin Krusche)
Beispiel: Techniker Wolfgang Wister – (Foto: Martin Krusche)
Beispiel: Techniker Wolfgang Wister – (Foto: Martin Krusche)

Ich habe heute mit jenen alten Meistern zu tun, die ihr Brot mit Industriejobs verdienten, darin aber noch die Freiheit hatten, auch traditionelle Handwerks-Qualitäten zu üben. Die Meister dieser Ära sind heute zwischen 70 und 90 Jahre alt. Viele von ihnen praktizieren ihre Kompetenzen in privaten Garagen, haben zwar den Brotberuf, nicht aber die Tätigkeit aufgegeben.

Es ist besorgniserregend, wie viel von ihrem Wissen einerseits nicht dokumentiert wurde und andrerseits aufgrund heutiger Arbeitsbedingungen nicht mehr weitergegeben wird. Mit einer aktuellen UNESCO-Studie haben wir endlich eine detaillierte Grundlage bezüglich der Kriterien, was unter Altem Handwerk zu verstehen ist.

Die aktuelle UNESCO-Studie - (Foto: Martin Krusche)
Die aktuelle UNESCO-Studie - (Foto: Martin Krusche)

Heidrun Bichler-Ripfel, Roman Sandgruber und Maria Walcher verfaßten „Traditionelles Handwerk als immaterielles Kulturerbe und Wirtschaftsfaktor in Österreich“ (Studie der Österreichischen UNESCO-Kommission im Auftrag des Bundeskanzleramtes und des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft) (link)

Dabei wurden nicht nur die ökonomische Relevanz und die Zukunftsperspektiven handwerklicher Berufe zur Diskussion gestellt. Es finden sich darin auch wichtige Anregungen, was die Methoden der Weitergabe von Wissen angeht, somit die Qualifizierung von Menschen für kommende Berufswelten. Außerdem wurden dabei ehische Kategorien deutlich gemacht, die wir nicht ignorieren sollten.

Das alles ist auch ein wichtiges Themenfeld im Zusammenhang regionaler Wissens- und Kulturarbeit. Um nun verschiedene lose Enden aufzugreifen, zusammenzuführen, habe ich eine bemerkenswerte Kooperation mit dem Wissenschafter Hermann Maurer (TU Graz). Wir bereiten unter dem Titel „Mensch und Maschine“ gerade eine Art strukturierten Ausgangspunkt vor, der uns diese große Themenstellung anpacken läßt.

Da sind nun freilich nicht bloß wir zwei. Wir bearbeiten derzeit jenen Angelpunkt, über den dann andere mit ihren Kompetenzen und Intentionen ins Spiel kommen können; als autonome Akteurinnen und Akteure, die sich bei Interesse komplementär einbringen.

Daraus soll sich einerseits ein komplexes Projekt im Internet ergeben, das soll andrerseits stets auch in die reale soziale Begegnung verzweigt sein. Dabei werden Kompetenzen aus Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft kombiniert; der Gegenwartskunst messe ich übrigens besondere Bedeutung bei. Erste Arbeitschritte zu diesem Vorhaben „Mensch und Maschine“, den Titel hat Maurer aus unseren Debatten abgeleitet, finden Sie hier unter „Der 2017er“ überschaubar gemacht: link