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Glavinic, Thomas #

* 2. 4. 1972, Graz


Schriftsteller


Geboren wurde Thomas Glavinic am 2. April 1972 in Graz. Er spielte mit fünf Jahren seine erste Schachpartie und war mit 15 Jahren die Nummer 2 der österreichischen Schachrangliste seiner Altersklasse.


1991 begann er ein Germanistik-Studium, war nebenbei als Interviewer für Meinungsforschungsinstitute, Versicherungsvertreter, Journalist und Taxifahrer tätig und begann zu schreiben: Romane, Essays, Erzählungen, Hörspiele und Reportagen. Seit 1995 lebt er als freier Schriftsteller.


Im Jahr 1998 veröffentlichte er seinen Debüt-Roman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden". Der Roman beschreibt das Leben des Schachmeisters Carl Schlechter. Das Buch wurde mehrfach ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt.


Nach weiteren erfolgreichen Romanen erschien "Die Arbeit der Nacht". Es wird dort von einem Mann erzählt, der eines Morgens feststellt, dass er völlig alleine auf der Welt ist. Ohne Fernsehen, Computer, andere Menschen steht er auf dem Heldenplatz in Wien. Das ist die existenzielle Ausgangssituation des Protagonisten, von der aus er seine hilflosen Strategien, mit der Einsamkeit umzugehen, entwirft und seine Exkursionen ins Dunkel des nicht begreifbaren Teils der menschlichen Existenz antritt.


Thomas Glavinic lebt mit Frau und Sohn in Wien.

Auszeichnungen, Preise (Auswahl)#

  • 2002 Friedrich-Glauser-Krimipreis für "Der Kameramörder"
  • 2004 Förderungspreis der Stadt Wien
  • 2006 Österreichischer Förderungspreis für Literatur
  • 2010 Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft


Werke (Auswahl):

  • Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Roman. Berlin: Volk & Welt, 1998
  • Herr Susi. Roman. Berlin: Volk & Welt, 2000
  • Der Kameramörder. Roman. Berlin: Volk & Welt, 2001
  • Wie man leben soll. Roman. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2004
  • Die Arbeit der Nacht. Roman. München, Wien: Hanser, 2006
  • Das bin doch ich. München, Wien: Hanser, 2007
  • Das Leben der Wünsche. Roman. München: Hanser, 2009
  • Lisa. Roman. München: Hanser, 2011


Leseprobe#

aus Thomas Glavinic - "Herr Susi"

"Ein Fußballklub ist kein Sparverein!" sagte Rotter, ohne seinen Kaugummi auszuspucken. Er war dicht zu Haller, dem Präsidenten des FC, getreten. Die Hände in den Hosentaschen, kaute er mit offenem Mund. Er sah ziemlich lässig aus. Mit schläfriger Ironie fügte er hinzu: "Wenn ein kluger Geschäftsmann einen Schilling verschenkt, bekommt er zehn zurück. In jeder Branche. Fragen Sie Georg Susacek."

"Wollen Sie den FC endgültig umbringen?" entgegnete Haller. "Zum hundertstenmal, wir dürfen nicht mehr Geld ausgeben, als wir haben! Fragen Sie die Leute hier, fragen Sie Georg Susacek!"
"Gute Idee!" lachte Rotter. "Fragen Sie Hernn Susi, was er davon hält."
Ich hob abwehrend die Hände. Ehe ich eine diplomatische Antwort gefunden hatte, brach auf den Rängen ein Pfeifkonzert los. Alle Blicke richteten sich auf das Spielfeld. Unsere Spieler schlurften zur zweiten Hälfte auf den Platz. Auf der verfallenen Anzeigetafel zeigten Plastikschilder an: Heim 0, Gast 3. Die Zuschauer buhten und schleuderten volle Bierbecher auf den Rasen. Wir auf der Ehrentribüne blickten einander an und zuckten die Schultern. Die anderen waren gewiß ebenso froh wie ich, daß uns von den Proleten, die unter Gebrüll Trainer und Vorstand zum Teufel wünschten und eine Klubfahne verbrannten, ein meterhoher Zaun und Ordner trennten.
"Tritt zurück, du Koffer", sagte Rotter. "Es gibt Bessere als dich."
"Ich trete nicht zurück! Ich bringe uns wieder hinaus." Haller legte mir die Hand auf die Schulter. "Und ich weiß, daß ich den nötigen Rückhalt habe."
"Bist du auch der Meinung?" fragte Rotter lauernd.
Die Umstehenden blickten mich an. Ich starrte auf Rotters blitzende Gürtelschnalle.
"Eine Generalversammlung", sagte ich. "Dort diskutieren und klären wir alles, so etwas ist ja keine Schnapspartie, die man schnell erledigt."
Im Grunde war der Vorschlag gewagt. Haller konnte fragen, warum ich nicht gleich offen für ihn eintrat. Doch die anderen ringsum murmelten Zustimmung.
"Es geht wohl nicht anders", sagte der alte Haller.
Auf dem Weg zum Buffet zupfte mich Elmar Auer, ein Pelzhändler, der im Vorstand saß, am Ärmel und wies auf den freien Platz neben sich. "Was meinst du, Susi?" frage er. "Was wird passieren? Und was soll passieren?"
"Das kann ich auch dir noch nicht sagen."
Gleich darauf nahm mich Leopold Rotter beiseite. "Wieso hast du den Schwanz eingezogen?"
Ohne um Erlaubnis zu fragen, fingerte ich einen Kaugummi aus Leos Brusttasche. "Bis zur Generalversammlung mußt du's aushalten", sagte ich halblaut, während ich das Papier abwickelte. "Aber wir kriegen das hin."
Als ich vom Buffet zurückkehrte, bat mich Haller mit einem Wink zu sich. Weil ich zu spät gekommen war, hatten wir noch gar keine Gelegenheit, einander richtig zu begrüßen, und so machte er seinen Hofknicks. Ich knickste ebenfalls und reichte ihm einen Plastikbecher Bier. Die Frage wartete ich gar nicht ab. "Ich bin doch kein Narr", flüsterte ich, "daß ich hinter diesem Zuhälter herlaufen würde."
"Ich hoffe, die anderen sehen das auch so. Wer weiß, was dem Falotten noch alles einfällt." (S. 7ff.)

© 2000, Volk und Welt, Berlin.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
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Weiterführendes#

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl