Österreichisch-deutsche Konsultationen 1919

Otto Bauer – wichtigster Verhandler auf österreichischer Seite

Die österreichisch-deutschen Konsultationen 1919 waren eine Abfolge von teils geheimen Sondierungsgesprächen zwischen den Regierungen Deutschösterreichs und dem Deutschen Reich unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Inhaltsverzeichnis

Rahmenbedingungen

Bereits nach Kriegsende im November 1918 zeichneten sich große Gebietsverluste für Österreich ab, die insb. auf wirtschaftlicher Ebene dramatischen Einfluss auf das Leben der Bürger haben würden. Zudem sah eine Vielzahl der damaligen politischen Eliten Österreichs Fortbestand nur innerhalb des Deutschen Reiches als gesichert an, wobei hier auch eine deutschnationale Grundstimmung eine wesentliche Rolle spielte.

Die deutsche Reichsregierung wiederum sah in einem Anschluss Österreichs die Möglichkeit ihrerseits Verluste an Territorium und Menschen auszugleichen.

Daher wurden ab 1919 auf nationaler und lokaler Ebene Gespräche begonnen. Wichtigster Verhandler auf österreichischer Seite war der Sozialdemokrat Otto Bauer. Das Hauptziel bestand dabei in einer staatlichen Vereinigung der beiden Länder (Deutschösterreich hatte selbiges Ziel bereits in seiner Verfassung formuliert). Sollte dieses Ziel nicht möglich sein, würden die Verhandlungen hinsichtlich einer möglichst engen Kooperation geführt werden (Stichwort: Zollunion).[1]

Grundlage für die Verhandlungen waren hierfür insbesondere auf österreichischer Seite u. a. folgende Punkte:

  1. Die noch nicht ausverhandelten Friedensverträge und die damit verbundene ungeklärte territoriale Situation beider Staaten.
  2. Die Anschlussbestrebungen Vorarlbergs an die Schweiz.[2]
  3. Die eventuelle Gründung eines unabhängigen Bayerns unter Einbeziehung Nordtirols.[3]
  4. Die Versorgung der österreichischen Bevölkerung mit Lebensmittel (insb. Kartoffeln).[4]
  5. Eine militärische Bedrohung Österreichs durch Ungarn.[5]

Die deutsche Seite wiederum verlangte von den Österreichern großdeutsche Propagandamaßnahmen um vorhandene Skeptiker von einem ev. Anschluss zu überzeugen, sowie eine Abstimmung der österreichischen Gesetzgebung auf die deutsche.[6]

Resultat

Bereits vor Unterzeichnung der Pariser Friedensverträge zeichnete sich ab, dass die Siegermächte (insb. Frankreich) einem Anschluss Österreichs an Deutschland nicht zustimmen würden. Zudem war die äußerst desolate wirtschaftliche Situation Österreichs nach dem Krieg für Berlin ein wesentlicher Grund die Gespräche nicht sehr zielorientiert zu führen, da Deutschland selbst zahlreiche kriegsbedingte Probleme zu lösen hatte. Zudem gab es in Österreich eine nicht unerhebliche Zahl von (u.a. monarchistisch-patriotisch eingestellten) Menschen, die eine eventuelle Bevormundung durch „Preußen-Deutschland“ vehement ablehnten. Dem Ansinnen der Österreicher Wien, als zweite Hauptstadt im Reich zu etablieren, stand wiederum die deutsche Seite skeptisch bis ablehnend gegenüber. Aus diesen Gründen führten die Gespräche bereits vor dem Abschluss der Pariser Friedensverhandlungen zu keinem brauchbaren Ergebnis.[7] Ein weiteres Resultat war der Verlust der Untersteiermark, da sowohl die Bundesregierung in Wien, als auch die Steiermärkische Landesregierung Abwehrkämpfe in dieser Region untersagten um Österreich bewusst klein und möglichst frei von Minderheiten zu halten. Dies aufgrund der Fehleinschätzung, dass ein kleineres fast ausschließlich deutschsprachiges Österreich sowohl Deutschland als auch den Siegermächten gegenüber einen Verhandlungsvorteil gehabt hätte.[8]

Conclusio

Die Gespräche von 1919 widerlegen zum Teil die von deutschnationalen Kreisen bis heute vorgebrachte These des „uneingeschränkten Anschlusswillens“ der Österreicher nach 1918, dem angeblich nur die Intervention der Alliierten entgegenstand.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1.  Deutsches Auswärtiges Amt (Hrsg.): Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945; Serie A: 1918-1925 Band II. 7.Mai bis 31.Dezember 1919. Göttingen 1984, S. 199.
  2.  Deutsches Auswärtiges Amt (Hrsg.): Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945; Serie A: 1918-1925 Band II. 7.Mai bis 31.Dezember 1919. Göttingen 1984, S. 44.
  3.  Deutsches Auswärtiges Amt (Hrsg.): Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945; Serie A: 1918-1925 Band II. 7.Mai bis 31.Dezember 1919. Göttingen 1984, S. 207.
  4.  Deutsches Auswärtiges Amt (Hrsg.): Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945; Serie A: 1918-1925 Band II. 7.Mai bis 31.Dezember 1919. Göttingen 1984, S. 420.
  5.  Deutsches Auswärtiges Amt (Hrsg.): Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945; Serie A: 1918-1925 Band II. 7.Mai bis 31.Dezember 1919. Göttingen 1984, S. 102/103.
  6.  Deutsches Auswärtiges Amt (Hrsg.): Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945; Serie A: 1918-1925 Band II. 7.Mai bis 31.Dezember 1919. Göttingen 1984, S. 198/398.
  7.  DHM Bestand (Hrsg.): Erinnerungen von Walter Koch (* 1870) aus Dresden, Gesandter von Sachsen in der Nationalversammlung 1919.
  8.  Heinz Richter, Neue Deutsche Biographie 17 (Hrsg.): Mickl Johann. 1994, S. 456f.

Literatur

  • Jürgen Elvert: Mitteleuropa! Deutsche Pläne zur europäischen Neuordnung (1918–1945). Franz Steiner, Stuttgart 1999, ISBN 3-515-07641-7, S. 111–118 (Historische Mitteilungen. Beiheft 35), (Zugleich: Kiel, Univ., Habil.-Schr., 1996).