Angela Rohr

Angela Rohr, geb. Müllner (* 5. Februar 1890 in Znaim, Mähren; † 7. April 1985 in Moskau; russisch Ангелина Карловна Рор, Angelina Karlowna Rohr) war eine österreichisch-sowjetische Ärztin und Schriftstellerin.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Angela Müllner verließ ihre Familie noch vor der Matura, besuchte dennoch ab 1914 in Paris medizinische Vorlesungen und nahm unerlaubt an Übungen im Anatomiesaal teil. Nach einer gescheiterten Ehe mit dem mittellosen Schriftsteller Leopold Hubermann, einer Scheinehe mit dem Expressionisten Simon Guttmann und einer intensiven Freundschaft mit Rainer Maria Rilke studierte sie von 1920 bis 1923 am Berliner Psychoanalytischen Institut, wo sie als Ärztin auftrat. Als sie an Lungentuberkulose erkrankte, ermöglichten ihr Institutsleiter Karl Abraham und Sigmund Freud eine heilende Kur.[1]

Anfang der 1920er Jahre heiratete sie in dritter Ehe Wilhelm Rohr, einen Intellektuellen und KPD-Mitglied, mit dem sie um 1926 nach Moskau übersiedelte und die sowjetische Staatsbürgerschaft[2] annahm. Dort forschte Angela im Bereich Biologie und schrieb für deutsche Zeitungen wie die Frankfurter Zeitung Feuilletons und Reportagen – loyal [zum herrschenden stalinistischen System], aber nicht propagandistisch.[1]

Die Rohrs wurden 1941 verhaftet, Wilhelm Rohr starb vermutlich 1942 im Gefängnis von Saratow. Bertolt Brecht hatte sich vergeblich über Konstantin Alexandrowitsch Fedin für Angela verwendet. Sie überlebte den sibirischen Gulag, da ihre Fähigkeiten als Ärztin nützlich waren. Nach dem Tod Stalins, nach 15 Jahren Haft und Verbannung, kam sie rehabilitiert, mit einer kleinen Pension zurück nach Moskau.[1][3]

Sie trug acht unterschiedliche Familien- und Künstlernamen, der bekannteste davon war Helene Golnipa. Schrieb sie anfangs im Stil des Expressionismus und Dadaismus – Rilke schwärmte von ihrer frühen Prosa – prägten später realistische, ungeschminkte Darstellungen ihrer Erlebnisse aus dem Gulag den Schreibstil. Trotz Vermittlung Fedins konnten diese Texte weder in der Sowjetunion noch in der DDR erscheinen.[1][4]

Werke

  • Isabella Ackerl (Hrsg.): Im Angesicht der Todesengel Stalins. Edition Tau, Mattersburg-Katzelsdorf 1989, ISBN 3-900977-01-1.
  • Gesine Bey (Hrsg.): Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. BasisDruck, Berlin 2010, ISBN 978-3-86163-117-0.

Einzelnachweise

  1. a b c d Elke Schmitter: Das Nagelbrett der Revolution. In: Der Spiegel Nr. 25, 21. Juni 2010, S. 118–121.
  2. Annotation der russischen Ausgabe von Im Angesicht der Todesengel Stalins (Cholodnye zvëzdy GULAGa. Memorial, Zvenʹja, Moskau 2006) in Nowy Mir, 6/2007 (russisch)
  3. Angela Rohr bei BasisDruck
  4. Rezension von Der Vogel.

Literatur

  • Hans Marte: Die Grenzgängerin. Das außergewöhnliche Schicksal der österreichischen Ärztin Dr. Angela Rohr. In: Erhard Busek (Hrsg.): Der Grenzgänger. Wieser, Klagenfurt/Wien 2000, ISBN 3-85129-323-1, S. 143–153.