Boško Tomašević

Boško Tomašević (2005)

Boško Tomašević (* 8. Mai 1947 in Bečej, Serbien) ist ein serbischer Dichter, Romanautor, Essayist und Literaturtheoretiker. Es ist der Begründer der Schule der wesentlichen Dichtung.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Boško Tomašević studierte von 1967 bis 1972 Allgemeine Literatur und Literaturtheorie an der Philologischen Fakultät der Universität Belgrad. Dort wurde er 1982 mit einer Dissertation über die kartesianischen Grundlagen des Ich-Romans promoviert. Zwischen 1976 und 1990 arbeitete er in verschiedenen Pressezentren für Medien- und Kommunikationsforschung.

Nach 1990 war er an den folgenden Universitäten in Forschung und Lehre tätig: Nancy (1990–1996), Freiburg (1990, 1994, 2001), Wien (1994, 1995, 1996), Erlangen 1998, Berlin (2000, 2001), Aachen (2005) und Innsbruck (1998-2001; 2009). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die poststrukturalistische Literaturtheorie, die Ontologie der Literatur und das Verhältnis von Dichtung und Philosophie.

Er ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, des französischen und österreichischen P.E.N.-Clubs sowie der Société des gens de lettres de France.

Poetiken

Neben dem Schreiben literarischer, vor allem lyrischer Werke beschäftigte sich Tomašević mit Fundamentalontologie. Die Beschäftigung mit der Ontologie des literarischen Werkes führte ihn zu den Uranfängen der Sprache, der Dichtung und des Denkens, so wie diese von den vorsokratischen Denkern Heraklit und Parmenides definiert wurden. Vermittelt durch Heideggers Œuvre, beeinflussten die Forschungen dieser frühen Philosophen seine Poetiken, die er 2004 in der Monographie Bitno pesništvo: pesnički manifesti i kraće rasprave o pesništvu[1] (dt.: Die wesentliche Dichtung: Ein dichterisches Manifest und kleinere Abhandlungen über die Dichtkunst) dargelegt hat.

Poetik der wesentlichen Dichtung

Nach 1976 konzentriert sich Tomašević in seiner literarischen Tätigkeit vor allem auf das Schreiben von Poesie. Gleichzeitig interessiert ihn aber auch die Problematik der Ontologie des literarischen Werkes. Die Beschäftigung mit dieser Problematik führte ihn zur Erforschung der Natur von Sprache und des Verhältnisses von Dichtung und Denken. So entstand - beeinflusst durch Heideggers Arbeiten nach „Sein und Zeit“ (1927) - zwischen 1977 und 1983 in Anlehnung an Heideggers „Philosophie des wesentlichen Denkens“ Tomaševićs „Poetik der wesentlichen Dichtung“ als Ausdruck einer dichterisch begründeten Ontologie, die auf dichterische Weise das Sein denkt. Das erste Prinzip Tomaševićs Poetik lautet: Die Poesie soll vor allem Ontologie sein, jener Aspekt des literarischen Ausdrucks, der sich mit dem (Be)singen der Wahrheit des Seins beschäftigt. In engem Zusammenhang mit diesem ersten Prinzip steht das zweite, nach welchem die Dichtung das Wesen der Dichtung bzw. ihr Verhältnis sowohl zur Wahrheit und zur Sprache als auch zum Denken besingen soll.

Werke dieser Poetik sind: Tumačenje Helderlina (Auslegung Hölderlins) (1977) und Spomen na Martina Hajdegera (Erinnerung an Martin Heidegger) (1980), beide veröffentlicht in einem Band unter dem Titel Čuvar vremena (Zeitbewacher) (1990). Außerdem die Gedichtsammlung Preispitivanje izvora (Überprüfung der Quellen) (1995) und der Gedichtzyklus Još jedna povest metafizike (Noch eine Geschichte der Metaphysik) in der Sammlung Appendix (2001).

Poetik der Bibliothek und Kultur

Nach 1983, nach seiner Hinwendung zum postmodernen literarischen Paradigma, entwickelt Tomašević die „Poetik der Bibliothek und Kultur“, innerhalb derer er versucht - wie früher bereits Andrei Bely, Jorge Luis Borges oder Edmond Jabès -, seine Poesie mit einigen Werken der Weltliteratur in Dialog treten zu lassen und so einen proprietären Beitrag zu dem Phänomen der Metaliteratur bzw. Literatur in der Literatur zu leisten. Die Poetik der Kultur bzw. der „Weltbibliothek“ ist eine Manifestation der Existenz eines intertextuellen Paradigmas, welches darauf hinweist, dass jeder Text das Ergebnis eines vorherigen Textes darstellt, dass er unvollendbar und prozesshaft ist.

Werke dieser Poetik sind: Kartezijanski prolaz (Kartesianischer Durchgang) (1989), Celan-studije i druge pesme (Celan-Studien und andere Gedichte) (1991), Ponavljanje i razlika (Wiederholung und Differenz) (1993), Predeo sa Vitgenštajnom i druge ruševine (Landschaft mit Wittgenstein und andere Ruinen) (1995), Pesme ponavljanja i pesme razlike (Gedichte der Wiederholung und der Differenz) in der Sammlung Čistina i prisutnost (Lichtung und Anwesenheit) (2000).

Poetik der „Dichtung der Erfahrung“

Nach 1994 entsteht eine neue Poetik, in der sich Tomaševićs eigene Erfahrung, die Erfahrung von seinem Da-Sein widerspiegelt, die Poetik der „Dichtung der Erfahrung“. Der Mensch erfährt die Wirklichkeit als Teil seines eigenen ontologischen Schemas. Der dichterische Begriff der Erfahrung bezieht sich einerseits auf die Lebenserfahrung des Autors selbst, andererseits auf die Aufdeckung der allgemeinmenschlichen Erfahrung des alltäglichen Daseins des Menschen in der Welt. In der Dichtung manifestiert sich, wie es sich mit dem Weilen des Menschen auf der Erde, seinem Sein als zeitliches und geschichtliches Wesen, verhält. Das Aufzeigen einer universellen menschlichen Erfahrung ist das Sine qua non dieser Poetik.

Werke dieser Poetik sind: Die Gedichtsammlungen Plan povratka (Plan zur Rückkehr) (1996) und Sezona bez Gospoda (Saison ohne Herrn) (1998), der Zyklus Doba približavanja (Zeit der Annäherung) in der Sammlung Nigde (Nirgendwo) (2002), und die Sammlungen Plodovi pohoda (Früchte der Heimsuchung) (2008) und Nikud (Nirgendwohin) (2011) sowie die Gedichte Studija testamenta (Studium des Testaments) (1999) und Arheologija praga (Archäologie der Schwelle) (2008).

Buchveröffentlichungen

Lyrik

  • Kartesianischer Durchgang (Kartezijanski prolaz) • Institut za slavistiku - Göttingen (1989)
  • Zeitbewacher (Čuvar vremena) • Sfairos - Beograd (1990)
  • Celan-Studien und andere Gedichte (Celan Etudes i druge pesme) • Edicija Krovovi - Sremski Karlovci (1991)
  • Licht des Streichholzes (Videlo žiška) • Biblioteka 37 - Sombor (1992)
  • Licht für die Ausgrabung (Svetlost za iskop) • Lazarica Press - Birmingham (1992)
  • Wiederholung und Differenz (Ponavljanje i razlika / Repétition et différence) • Presses de Université de Nancy II - Nancy (1992)
  • Cool Memories • WUV - Wien (1994)
  • Feuerspuren (Ugarci) • Presses de Université de Nancy II - Nancy (1994)
  • Celan-Ètudes • Cahiers Bleues - Troyes (1994)
  • Landschaft mit Wittgenstein und andere Ruinen (Predeo sa Vitgenštajnom i druge ruševine) • WUV - Wien (1995)
  • Überprüfung der Quellen (Preispitivanje izvora) • Presses de Université de Nancy II - Nancy (1995)
  • Plan der Rückkehr (Plan povratka) • Svetovi - Novi Sad (1996)
  • Eine andere Literaturgeschichte (Druga istorija književnosti) • Svetovi - Novi Sad (1997)
  • Gespräch in Heidelberg • Schramm - Stuttgart (1998)
  • Saison ohne Herrn (Sezona bez Gospoda) • Svetovi - Novi Sad (1998)
  • Studium des Testaments (Studija testamenta) • Svetovi - Novi Sad (1999)
  • Lichtung und Anwesenheit (Čistina i prisutnost) • Apostrof - Beograd (2000)
  • Sprachwüsten (Pustinje jezika) • Apostrof - Beograd (2001)
  • Appendix • Svetovi - Novi Sad (2001)
  • Der Sommer meiner Sprache (Leto moga jezika) • Svetovi - Novi Sad (2002)
  • Nirgendwo (Nigde) • Apostrof - Beograd (2002)
  • Kureluk meiner Unzufriedenheit (Kureluk moga nezadovoljstva) • Lux Color Printing - Bečej (2004)
  • Celan trifft H. und C. in Todtnauberg • Das Arsenal - Berlin (2005)
  • Erneute Vergeblichkeit (Nova uzaludnost) • Svetovi - Novi Sad (2005)
  • Gesänge an Innsbruck • Berenkamp - Innsbruck (2006)
  • Früchte der Heimsuchung. Konquistador (Plodovi pohoda. Conquistador) • Narodna knjiga - Beograd (2008)
  • Archäologie der Schwelle. Foucaults Vermächtnis (Arheologija praga. Fukoova ostavština) • Svetovi - Novi Sad (2008)
  • Erneute Vergeblichkeit • Edition Neue Wege - Sangerhausen (2009)
  • Gedichte vom Linden- und Akazienbaum (Pesme od lipovog i bagremovog drveta) • Art-Projekat - Zrenjanin (2009)
  • Wohin und zurück (Kuda i nazad) • časopisno izdanje Unus Mundus - Niš (2009)
  • Archiv (Arhiv) • Prometej - Novi Sad (2009)
  • Übungen im Zweifel • Verlag im Proberaum - Klingenberg (2010)
  • Früchte der Heimsuchung • Leipziger Literaturverlag - Leipzig (2011)
  • Berliner Gedichte, 2001 • Aphaia Verlag - Berlin (2011)
  • Allerneueste Vergeblichkeit • Pop Verlag - Ludwigsburg (2011)
  • Nirgendwohin (Nikud) • Braničevo - Požarevac (2011)
  • Ausgewählte Gedichte • Podium-Porträt 64 - Wien (2012)
  • Ausgewählte Gedichte, Band I - Nova Misao - Novi Sad (2012)

Romane

  • Ein verspäteter Bericht an eine Akademie (Zakasneli izveštaj jednoj akademiji) • Löwenzahn - Innsbruck (2000)
  • Niemand, nirgends • Matthes & Seitz - Berlin (2012)

Literarische Studien

  • Kartesianischer Roman (Kartezijanski roman) • Naučna knjiga - Beograd (1989)
  • Aus der Erfahrung des Seins und der Dichtung. Entwürfe zu einer Ontologie der Dichtung (Iz iskustva bitka i pevanja. Nacrt za jednu ontologiju pesništva) • Naučna knjiga - Beograd (1990)
  • Selbstzerstörerische Theorien. Literaturtheorie und der Geist der Postmoderne (Samorazorne teorije. Književna teorija i duh postmodernizma) • Naučna knjiga - Beograd (1994)
  • Unendlicher Austausch. Fundamentalontologie als Theorie der Dichtung (Beskonačna zamena. Fundamentalna ontologija kao teorija poezije) • Svetovi - Novi Sad (1997)
  • Poesie und Seinsdenken (Poezija i mišljenje bića) • Apostrof - Beograd (1998)
  • Endgültige Literaturtheorie. Eine postmoderne Perspektive (Konačna teorija književnosti. Jedna postmodernistička perspektiva) • Prosveta - Beograd (2001)
  • Dichtung, Literaturtheorie, Existenz (Pesništvo, književna teorija, egzistencija) • Prosveta - Beograd (2003)
  • Die wesentliche Dichtung: Ein dichterisches Manifest und kleinere Abhandlungen über die Dichtkunst (Bitno pesništvo. Pesnički manifesti i kraće rasprave o pesništvu) • Apostrof - Beograd (2004)
  • Galileische Poetik. Skizzen über Metaphern des Schreibens (Galilejevska poetika. Ogledi o metaforama pisanja) • Stylos - Novi Sad (2004)
  • Hermeneutik des Undurchsichtigen. Dichtung, Ontologie, Hermeneutik (Hermeneutika neprozirnog. Pesništvo, ontologija, hermeneutika • Plato - Beograd (2006)
  • Hammer ohne Herrn. Kritische Schriften (Čekić bez gospodara. Kritički spisi) • Braničevo - Požarevac (2009)
  • Essays über die Literaturtheorie. Die Literaturtheorie und die derridianische Revolution (Ogledi o književnoj teoriji. Književna teorija i deridijanska revolucija) • Altera - Beograd (2011)
  • Gegen eine Literaturtheorie (Protiv književne teorije) • Akademska knjiga - Novi Sad (2011)
  • Das Denken des Schreibens (Mišljenje pisanja) • Mali Nemo - Pančevo (2012)

Zitate über die Dichtung

„Das dichterische Sagen führt die Dinge zu ihrer Gegenwärtigkeit. Diese Gegenwärtigkeit ist das Sagen selbst. Durch deutendes Verstehen erweist die Dichtung die Welt so, wie sie sich uns in ihrer Gegenwärtigkeit erweist. Dichtung ist Ontologie im ursprünglichsten Sinne des Wortes: Rede über das Wesen der Existenz des Seins.“

„Die Dichtung erforscht das Schauen des sterblichen Seins hinein in das Offene des Seins. Dies tut der dichtende Mensch, der die Dichtung als ein Zureden seines Daseienden versteht, um über diese Welt zu sprechen, indem er all das, was er in der Welt antrifft, vermittels der Sprache befreit. In dieser Sprachlichkeit der menschlichen Welterfahrung ist ein Aufzeigen dessen enthalten, wie es um das Seiende selbst bestellt ist.“

„Die Dichtung besingt die Nähe der Dinge innerhalb der menschlichen Wohnstätte. Sie lässt das, was gegenwärtig ist, was weggeht und was dem Menschen entgegenkommt, sichtbar werden. Die nachbarschaftliche Nähe der Dichtung im menschlichen Alltag führt zu einem Sich-Sammeln des Seins um das Nächste: Um die Feuerstelle, die des Menschen Urvertrauen in die Welt bewahrt.“

„Dichten innerhalb der wahren Dichtung ist ein Dichten über das Seiende vom Standpunkt der Wahrheit über das Seiende. Denn „das Denken des Seins ist die ursprüngliche Weise des Dichtens“.“

„Wir können kein einziges Gedicht außerhalb von Illusion und Irrtum (er)dichten.“

„Jedes Gedicht ist absolut. Es sagt die Existenz des Seins. Von daher rührt seine Einfachheit.“

„Da das Gedicht Sprache ist, die Sprache aber meine Welt, weist die Sprache auf die Grenzen meiner Welt innerhalb der im Gedicht verwendeten Sprache.“

„Jedes existierende Gedicht ist der Keim eines neuen. Die Dichtung des neuen Alexandrismus gründet auf der Poetik der Intertextualität, das heißt auf der ausgefeiltesten und einflussreichsten Poetik des 20. Jahrhunderts.“

„Die Dichtung der Intertextualität wird beherrscht von der infinitistischen Metaphysik des Textes, von „textueller Transzendenz“, von Transtextualität.“

„Jedes echte Gedicht enthält ein Singen vom Wesen der Existenz des Seins, die menschliche Erfahrung des Seienden und das Gedächtnis einer Bibliothek.“

„Die wahre Dichtung besingt das, was das griechische Denken alétheia nennt: Reinheit und Gegenwart. Beides ist im ersten Wort der Existenz, in der Sprache, enthalten.“

„Dichten und Sein sind dasselbe.“

„Dichter sein bedeutet: Einige Dinge durch Ansiedeln im Wesen der Sprache auf ihr Wesen zu weisen. Es bedeutet auch: Auf die unmittelbarste Weise über die Erfahrung des Daseins in seinem Dasein zu sprechen. Ein Privileg der wahren Dichtung ist es, dass sie aus dem Wesen dieser Beziehung selbst heraus spricht.“

„Dichten als Versuch der Seinsdichtung ist ein Feld der Offenheit auf dem Wege zur Wahrheit über das Seiende. Es ist ein unafhörlicher Fluss des denkenden Wesens und Lebens, geschöpft an seiner Quelle: der Dichtung selbst.“

„Das Gedicht bringt das Daseiende in seinen existierenden Zuständen ans Licht und somit die Verantwortung gegenüber dem, worüber es singt und was es aussagt.“

„Die Poesie widerspiegelt die Individualität des Seins des Daseins auf seinem Weg zum Anderen. Sie ist ein Schenken: Ein Hinführen des Seins des Daseins zum endgültigen Ziel der Weltgeschichte durch seine Selbstdarstellung, bzw. durch die Stimme seines Gewissens.“

„Dichten und Denken weilen (existieren) in der Sprache und gehören nachgerade durch die Sprache dem Reich des Wesenhaften an: einer für die Welt offenen, verstandenen und verstehenden Existenz.“

„Wahre Dichtung (ontologische Dichtung) muss ein Gespür für die wiederholte Frage nach dem Sein haben: das Hinführen des seienden Seins in seine Eigenheit. Dieses „Hinführen“ heißt ursprünglich aghibasie: „Gehen-in-die-Nähe-des-Seins“ und es versucht das Licht des Seins erneut in dem zu finden, was Parmenides sagte: Denn es gibt das Sein.“

Einzelnachweise

  1. Bitno pesništvo: pesnički manifesti i kraće rasprave o pesništvu

Weblinks