Das Haus der dunklen Krüge

Das Haus der dunklen Krüge ist ein Roman von Gertrud Fussenegger (1912–2009), der 1951 erstmals veröffentlicht wurde.

Inhaltsverzeichnis

Handlung

Rittmeister Balthasar von Bourdanin, Familienvorstand einer Bürgerfamilie in der Bräustadt Pilsen, hat es verstanden, durch eine List seine Cousine Marie heiraten zu können: Er entführte sie am Sonntagmorgen, noch im Nachthemd in einer Kutsche und fuhr mit ihr um den Hauptplatz. Die so kompromittierte Tochter mussten die Eltern schweren Herzens an den Neffen geben, auch wenn sie fühlten, dass die empfindliche Marie es mit dem trotzigen Mann nicht leicht haben würde.

Balthasar begegnet der Braut und später der Frau nicht eben einfühlsam, stolz in seiner Männlichkeit und in seinem Beharren auf Pflicht und Ehre. Die mit Zwillingen hochschwangere Frau zwingt er trotz ihrer schwachen Gesundheit, ihren hausfraulichen Pflichten nachzukommen. Nach der Geburt der Zwillinge kann Marie wochenlang nicht aufstehen, als sie es endlich versucht, stirbt sie durch ein Blutgerinnsel.

Balthasar steht mit den beiden Kleinen allein da und versorgt sie recht und schlecht, von den Bediensteten unterstützt. Durch eine Unachtsamkeit der Amme kommt es zu einem Unfall, bei dem der Kinderwagen umstürzt und beide Kinder in einem Tümpel landen. Der Vater hat das zufällig beobachtet und rettet die Kinder, weiß sich aber nicht recht zu helfen mit den schmutzigen, weinenden Kleinen. Rettung kommt ihm von der siebzehnjährigen Marie Halik, einer Lehrerstochter, die im selben Haus wohnt und sich um die Kleinen kümmert. Von ihrer zupackenden Art und ihrem Liebreiz überwältigt, hält der vierzigjährige Balthasar um die junge Frau an. Schweren Herzens gibt Vater Halik seine Einwilligung. Die ältere Schwester Ernestine, die heimlich in den Rittmeister verliebt ist, geht daraufhin aufs Land, wo sie bei einer reichen Fabriksbesitzerin Gesellschafterin wird. Dort lebt sie in den Büchern, die sie ihrer Herrin vorlesen muss. Doch die Erzählungen über die Abgründe des menschlichen Herzens bedrücken sie und so kehrt sie nach drei Jahren in das Haus des Vaters zurück, in der Hoffnung, das wahre Leben sei weniger abgründig.

Für Marie ist das Leben mit dem auf Ansehen und Ehre bedachten Mann nicht leicht. Schnell muss sie nun erwachsen werden und steckt in den folgenden Jahren fest in Haushaltsführung, Kindererziehung, Schwangerschaften und Geburten. Der Rittmeister wendet den gemeinsamen Kindern nicht dieselbe Zuneigung zu wie den Kindern aus der ersten Ehe. Er ist unfähig, Gefühle zu zeigen, und seine schwierige finanzielle Lage, durch einen Börsenkrach verschärft, beschwert sein Gemüt.

Balthasars Schwestern Emma, Sibylle, Rosine und Franziska und sein Schwager Hans sorgen immer wieder für Aufregung. Sibylle, mit einem kraftstrotzenden, polternden Mann verheiratet, der sie immer wieder demütigt, bricht schließlich völlig zusammen. Marie ist es zu danken, dass sie vor der Einweisung in ein Irrenhaus, die ihr Mann veranlassen wollte, gerettet wird.

Rosine hat einen Arzt geheiratet, der eigentlich Sibylle geliebt hat, und führt mit ihm eine angeblich vorbildliche Ehe. Sie besteht darauf, zwei Bauernkinder zu adoptieren, die sie dann aber wieder abschiebt. Schließlich nimmt sich Marie der Kinder an.

Balthasars glückloser Cousin und Schwager Hans, unfähig einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen, schließt sich einem Schausteller an und wird Drehorgelspieler beim Ringelspiel – eine Schande für die bürgerliche Familie. Balthasar versucht, dem ein Ende zu machen, aber Hans entflieht und kehrt erst nach einigen glücklosen Jahren als gescheiterte Existenz in sein Elternhaus zurück.

Emma, mit dem Grundstücksmakler Wanka verheiratet, ergibt sich Wohlleben und Völlerei. Bald erkrankt sie und übergibt auf dem Sterbebett ihrer Schwester Franziska den Gatten und die Tochter Karlinchen. Die strenge, altjüngferliche Franziska passt nicht zu dem lebenslustigen Wanka und verurteilt auch sein betrügerisches Geschäftsgebaren. Sie entdeckt, dass Emma und ihr Mann den Rittmeister um nicht wenig Geld betrogen haben, worauf sie beschließt, ihr Vermögen den Kindern des Rittmeisters zu vererben. Doch Wanka hat sich verspekuliert, und ausgerechnet Marie, von Sorgen um ihre Kinder gedrückt, ist die treibende Kraft, die Franziska dazu bringt, stattdessen mit diesem Geld ihren Mann zu retten.

Hinter vielen dieser Schicksalsschläge, die die Familie Bourdanin getroffen haben, steckt der Jurist Doktor Zerff, der Wanka mit angeblich sicheren geheimen Informationen dazu bringt, sich zu verspekulieren. Ebenso verlockt er den Rittmeister mit einem gefälschten Dokument, aus dem angeblich hervorgeht, dass die Familie von Adel ist, sich lächerlich zu machen. Die schlimmste Niederlage muss Maries Schwester Ernestine hinnehmen, die gegen ihren eigenen Willen Zerffs hartnäckiger Werbung erliegt und daraufhin auf immer zu ihrer kaltherzigen Herrin als Gesellschafterin zurückkehrt.

Entkräftet durch ihr arbeitsreiches Leben in Armut, niedergeschlagen durch Ernestines Abreise und das Bewusstsein, ihre Kinder um Franziskas Erbe gebracht zu haben, erkrankt Marie schwer. In seiner Sorge um die Tochter wirft Vater Halik dem Rittmeister vor, Marie sei durch seine hartherzige, lieblose Art und das sorgenvolle Leben an seiner Seite todkrank geworden. Daraufhin will Balthasar Marie freigeben, doch kaum genesen, gelingt es ihr, den Mann zu rühren, endlich erblüht die Liebe in seinem starren Herzen.

Rezension

Nach einem Zufallsfund in einem bis dahin verborgenen Keller des Stammhauses der Familie Bourdanin ist der Roman benannt: jahrhundertelang verrotteten die Krüge in einem längst vergessenen, aber noch mit Wasser gefüllten Brunnen. Die mit der Bier-Brauerei in Pilsen und einem Glücksfall reich gewordene Familie und deren Höhen und Tiefen ist eingebettet in den historischen Hintergrund zwischen zirka 1840 und 1880 in Böhmen. Dieses Werk wurde in der Presse als die „Böhmischen Buddenbrooks“ bezeichnet und erinnert in seinen Milieustudien an den französischen Schriftsteller Balzac. Die Autorin selbst bezeichnet diesen Roman als „mein böhmisches Hausbuch“.[1]

Vor fünfzig Jahren veröffentlichte Gertrud Fussenegger den Familienroman „Das Haus der dunklen Krüge“. Als „böhmische Buddenbrooks“ haben ihn Kritiker wie Werner Ross bezeichnet. Der Vergleich mit „Buddenbrooks“ hat dem „Haus der dunklen Krüge“ freilich eher geschadet als genützt. Seit langem ist es um dieses Haus recht still geworden. Das verwundert angesichts der erzählerischen Spannung des Romans, in dem die Seelengeschichte des Bürgertums im neunzehnten Jahrhundert in der Geschichte einer böhmischen Familie eingefangen, die Erstarrung und der Verfall ihres – von einem immer hohleren Ehrbegriff überwölbten – Wertekanons facettenreich gespiegelt wird.

Die Vergegenwärtigungskunst der Autorin, welche Personen und Gegenstände stets präzise im Zeitmilieu ortet, weist eher zurück auf den französischen Gesellschaftsroman des neunzehnten Jahrhunderts als auf die spezifisch deutsche Romantradition. Was am „Haus der dunklen Krüge“ heute mehr denn je bewegt, ist die tiefe Fremdheit zwischen den Geschlechtern, der Kreuzweg der Frau in der Geschichte der bürgerlichen Familie, die dauernde Verletzung ihrer Sensibilität in einer von männlicher Macht und spezifisch männlichen Wertvorstellungen geprägten Gesellschaft.[2] Dieter Borchmeyer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Januar 2002, Nr. 25 / Seite 42

Ausgaben

  • Gertrud Fussenegger, Das Haus der dunklen Krüge, Salzburg, Müller 1951, Erstausgabe
  • Gertrud Fussenegger, Das Haus der dunklen Krüge, Neuausgabe Stuttgart, DVA 1958;
  • Gertrud Fussenegger, Das Haus der dunklen Krüge, München, Kraft 1974;
  • Gertrud Fussenegger, Das Haus der dunklen Krüge, Bergisch Gladbach, Bastei-Lübbe 1980
  • Gertrud Fussenegger, Das Haus der dunklen Krüge, DTV Oktober 2004, ISBN 978-3-423-20743-0.

Zudem sind auch verschiedene Buchklubausgaben erschienen.

Einzelnachweise

  1. http://www.fussenegger.de/portrait/werke/werkeindex.htm
  2. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-nachklaenge-der-versunkenen-welt-152191.html