Marguerite Duras

Marguerite Duras [maʀgə'ʀit dy'ʀas] (* 4. April 1914 in Gia Định bei Saigon, Vietnam (damals Französisch-Indochina) als Marguerite Donnadieu; † 3. März 1996 in Paris) war eine französische Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Filmregisseurin.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Marguerite Donnadieu, Tochter eines Lehrerehepaars, die sich später Marguerite Duras nach dem Familiensitz des Vaters in der Dordogne nannte, wuchs in Vietnam auf und ging 1932 mit 17 Jahren nach Frankreich, um in Paris zunächst Mathematik, dann aber Jura und Politikwissenschaft zu studieren. Zunächst arbeitete sie gemeinsam mit Philippe Roques für ein Wiedererstarken des französischen Kolonialreichs, schloss sich dann langsam ab 1940 einer Résistancegruppe von Buchhändlern an, wodurch sie Zugang zum rationierten Papier hatte und auch den späteren französischen Präsidenten François Mitterrand kennenlernte. Ihr Ehemann Robert Antelme, der ebenfalls in der Résistance aktiv gewesen war, wurde von der Gestapo verhaftet und ins KZ Dachau verschleppt. 1944 trat Duras der Parti communiste français bei. Später protestierte sie gegen die Behandlung von Schriftstellern in der Sowjetunion, was zu ihrem Parteiausschluss 1950 führte. Ähnlich wie ihre Mutter Madame Marie Donnadieu mit der Erziehung ihrer Kinder Pierre, Paul und Marguerite überfordert war, so hatte ihrerseits Marguerite Duras bei der Erziehung ihres Sohns Jean (Outa, geb. 1947) größte Schwierigkeiten, die dazu führten, dass ihre Umgebung sie drängte, ihn in ein Internat zu geben.

Wirken

Ihr Erstlingsroman, Les impudents (1943), wurde von der Öffentlichkeit mehr oder weniger übersehen. Bereits ihr zweites Werk jedoch, Un barrage contre le Pacifique (1950), war ein Erfolg und brachte ihr beinahe den Prix Goncourt ein. Internationale Bekanntheit erlangte sie schließlich 1959 mit dem Drehbuch zu dem Film Hiroshima, mon amour. Dieses Drehbuch ist heute aus einem besonderen Grund bemerkenswert: Duras thematisiert zum ersten Mal das bis in die 1990er Jahre als landesweites Tabu behandelte Verhalten französischer Frauen während der Besatzungszeit, nämlich sich mit den deutschen Soldaten auf Liebesbeziehungen eingelassen zu haben.[1]

Ihre Romane waren immer wieder autobiographisch geprägt, so beispielsweise L’amant (1984, dt. Der Liebhaber) oder L’amant de la Chine du Nord (1991, dt. Der Liebhaber aus Nordchina). In beiden Werken beschrieb sie ihre turbulente Kindheit und frühe Liebeserfahrungen im Indochina der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Autorin war auch im Theaterbereich tätig und verfasste 1965 z. B. das Drama La musica. In den 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts trat sie auch als Filmregisseurin in Erscheinung – wobei sie nicht nur bereits erschienene eigene Texte (India Song, 1975; Les enfants, 1984) auf die Leinwand brachte, sondern auch eigenständige Arbeiten für das Kino produzierte (Le Camion, 1977). Während dieser Zeit erschienene literarische Publikationen von Duras standen immer im Zusammenhang mit ihrem filmischen Schaffen – L’amant ist die erste wieder „rein“ literarische Publikation nach dieser Phase.

Charakteristisch für die Sprache der Duras ist eine große Schlichtheit in Vokabular und Satzbau, die sich zudem auszeichnet durch zahlreiche Ellipsen, Anspielungen, Unausgesprochenes, das jedoch im Hintergrund steht, und fragmentarisch zusammengefügte Sätze. Ihr Gesamtwerk ist keiner der großen literarischen Strömungen des 20. Jahrhunderts zuzuordnen.

Gegenüber der Tendenz, Duras wegen der häufigen Wiederholung von Motiven und Topoi in ihren zahlreichen Büchern für eine oberflächliche Schriftstellerin zu halten, äußert sich Duras in einem kurzen Interview mit Leslie Kaplan von 1988 zu ihrer eigenen Schriftstellerei, gibt aber auch ihre Meinung über das entfremdete Leben in der Neuzeit wieder:

„Der Wahnsinn selbst ist auf ewig offen für den Verlauf des Wahnsinns. … Das Nichts ist sich selbst gegenüber offen. … Ich glaube, das Offene schafft sich selbst gegenüber einen religiösen Raum. Ich habe an dem Horror teil, aus dem das ganze besteht, aber ich spüre es nicht. Das könnte eine Definition der Arbeiterklasse sein. Die Fabrik ist eine Art Luftschiff, wo innerhalb und außerhalb das gleiche Luftmaterial ist, mit einem winzigen Unterschied jedoch. Dieser Unterschied ist die Unendlichkeit des Menschen, der neun Stunden am Tag Kabel herstellt, ohne es zu spüren. … Wie das Gedicht kommt dieser Gedanke aus dem Grund der Zeiten, aus einer Art fundamentaler Wiederholung, derjenigen des Lebens, aus einer Art ozeanischer Ewigkeit, die jene des Todes wäre, verneint und erfaßt durch die Zeit.“

Diese Unendlichkeit des Menschen war letztlich ihr Thema.

Werke (Auswahl)

  • Les impudents. Roman 1943 (deutsch: Die Schamlosen)
  • La vie tranquille. Roman 1944 (deutsch: Ein ruhiges Leben)
  • Un barrage contre le Pacifique. Roman 1950 (deutsch: Heiße Küste, div. Auflagen seit 1952.) Auch als Bühnenfassung Ein Damm am Pazifik von Genevieve Serreau, Übers. Elmar Tophoven, ca. 1960, sowie als danach entwickeltes Hörspiel (siehe Weblinks)
  • Le Marin de Gibraltar. Roman 1952 (deutsch: Der Matrose von Gibraltar).
  • Les petits chevaux de Tarquinia. Roman 1953 (deutsch: Die Pferdchen von Tarquinia)
  • Des journées entières dans les arbres. 1954 (deutsch: Ganze Tage in den Bäumen, 1964)
  • Le square. Roman 1955 (deutsch: Im Park)
  • Moderato Cantabile. Roman 1958. (deutsch: Moderato Cantabile), Übers. Leonharda Gescher, dt. 1985. Auch als Film Stunden voller Zärtlichkeit.
  • Les viaduducs de la Seine-et-Oise. Drama 1959
  • Dix heures et demie du soir en été. Roman 1960 Übers. Ilma Rakusa: Im Sommer abends um halb elf 1990
  • L’après-midi de Monsieur Andesmas. Roman 1962 (Übers. Walter Boehlich: Der Nachmittag des Herrn Andesmas) 1963 u.ö.
  • Le ravissement de Lol V. Stein, Roman 1964 (deutsch: Die Verzückung der Lol V. Stein)
  • Theatre I: Les eaux et forets – Le square – La musica. Theaterstücke 1965
  • Le vice-consul. 1966 (deutsch: Der Vize-Konsul)
  • L’amante anglaise. Drama 1967 (ursprgl. Les viaducs de la Seine-et-Oise) (deutsch: Die englische Geliebte)
  • Theatre II: Suzanna Andler – Des journées entières dans les arbres – Yes, peut-etre – Le shaga – In homme est venu me voir. Theaterstücke 1968
  • Détruire, dit-elle. Roman 1969
  • Abahn, Sabana, David. 1970
  • India song. 1970
  • L’amour. 1970
  • Ah! Ernesto. Märchen 1971 (Übers. Elisabeth Borchers: Ach, Ernesto!, 1972)
  • Nathalie Granger : suivi de La femme du Gange. 1973
  • Hiroshima, mon amour. Filmnovelle 1960. Übers. Walter Maria Guggenheimer, dt. 1973
  • Les parleuses. Interview 1974
  • Le Camion. Filmdrehbuch 1977, Übers. Jürg Laederach: Der Lastwagen, Suhrkamp, 1987, ISBN 3-518-37849-X.
  • Aurelia Steiner. Aurelia Steiner. Aurelia Steiner. 1979 (deutsch: Aurelia Steiner, 1989)
  • Véra Baxter ou les plages de l’Atlantique. 1980 (deutsch: Véra Baxter oder Die Atlantikstrände, 1987)
  • L’été 80. 1980.
  • Les yeux verts. 1980
  • Agatha. 1981
  • Outside. 1981
  • Le jeune fille et l’enfant. Tonkassette 1981, Marguerite Duras liest Auszüge aus dem Roman L'ete 80
  • L’homme atlantique. Erzählung 1982
  • Savannah Bay. Theaterstück 1982
  • L’homme assis dans le couloir. Paris 1980. (deutsch: Der Mann im Flur, Übers. Elmar Tophoven, 1982)
  • La Maladie de la mort. 1982 (deutsch: Die Krankheit Tod, 1985)
  • Theatre III: La bête dans la jungle : adaptation. Les papiers d’Aspern : adaptation. La danse de mort : adaptation Theaterstücke 1984
  • L’amant. Erzählung 1984 (deutsch: Der Liebhaber)
  • La douleur. Tagebuch 1944-1945, Paris: POL, 1985. Über die Trennung von ihrem Mann, dessen Rückkehr aus dem KZ Buchenwald sie ersehnt hatte, der ihr dann aber fremd gegenübersteht und den sie nicht mehr lieben kann. Dt. Der Schmerz 1986 u.ö.
    • Der Schmerz, Theaterstück basierend auf dem Tagebuch; UA: 11. April 2010 Kammerthater Stuttgart inszeniert und gespielt von Corinna Harfouch
  • La musica deuxieme. Theaterstück 1985
  • La mouette de Tchekhov. Übersetzung 1985
  • Les yeux bleus, cheveux noirs. Roman 1986
  • La pute de la cote normande. Roman 1986
  • La vie maternelle. 1987 (deutsch: Das tägliche Leben)
  • Emily L. Roman 1987
  • La pluie d’été. Roman 1990
  • L'amant de la Chine du Nord, Roman. Gallimard Paris 1991
    • deutsch von Andrea Spingler: Der Liebhaber aus Nordchina, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993, als Suhrkamp Taschenbuch 1994, ISBN 3-518-38884-3.
  • Yann Andréa Steiner. P.O.L., Paris 1992 (deutsch: Yann Andréa Steiner, übersetzt von Andrea Spingler. Suhrkamp, Frankfurt 2000).
  • Écrire. 1993.
  • Die Fabrik. Ein Gespräch von M.D. mit Leslie Kaplan. In: L. Kaplan, Der Exzess (Anhang), Bremen: Manholt, 1988 (aus der 2. Aufl. des frz. Originals)
  • C’est tout. 1995
  • La mer écrite. 1996
  • Hefte aus Kriegszeiten. Autobiografische Aufzeichnungen und frühe Erzählungen. Deutsch von Anne Weber, Suhrkamp, Frankfurt 2007

Filmographie

Literarische Vorlage
Drehbuch (und soweit nicht anders angegeben auch Regie)
  • 1959 – Hiroshima, mon amour (Hiroshima mon amour) – Regie Alain Resnais
  • 1960 – Noch nach Jahr und Tag (Une aussi longue absence) – Regie: Henri Colpi
  • 1965 – Der Augenblick des Friedens (Les rideaux blancs) – Regie der ersten Episode: Georges Franju (Drehbuch der ersten Episode)
  • 1966 – Mademoiselle – Regie: Tony Richardson (Drehbuch nach einer Vorlage von Jean Genet)
  • 1966 – Halb elf in einer Sommernacht (10:30 P.M. Summer) – Regie: Jules Dassin – nach dem Roman Dix
  • 1966 – La Musica
  • 1966 – Schornstein Nr. 4 (La voleuse) – Regie: Jean Chapot
  • 1969 – Zerstören, sagt sie (Détruire, dit-elle)
  • 1971 – Jaune le soleil
  • 1972 – Nathalie Granger – auch Musik – mit Jeanne Moreau, Gérard Depardieu
  • 1975 – India Song
  • 1976 – Ihr Name aus Venedig im verlassenen Kalkutta (Son nom de Venise dans Calcutta desert)
  • 1976 – Ganze Tage in den Bäumen (Des journées entières dans les arbres) – nach dem gleichnamigen Roman
  • 1977 – Baxter, Vera Baxter
  • 1977 – Der Lastwagen (Le camion) – auch Darstellerin
  • 1979 – Le navire night
  • 1979 – Césarée
  • 1979 – Les mains négatives
  • 1979 – Aurélia Steiner (Melbourne)
  • 1979 – Aurélia Steiner (Vancouver)
  • 1981 – Agatha ou les lectures illimittées
  • 1982 – Dialogue de Rome
  • 1981 – L’homme atlantique
  • 1984 – Les Enfants – Die Kinder (Les enfants)

Preise und Auszeichnungen

Literatur

  • Laure Adler: Marguerite Duras. Eine Biographie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-41175-6 (unter Verwendung des Nachlasses).
  • Yann Andréa: Cet Amour-là. Pauvert, Paris 1999. (deutsch: Diese Liebe. Übersetzt von Andrea Spingler. Suhrkamp, Frankfurt 2000).
  • Benjamin Cieslak, Yve Beigel (Hrsg.): Marguerite Duras. L’existence passionnée. Actes du Colloque de Potsdam 18 – 24 avril 2005. Universitätsverlag, Potsdam 2005, ISBN 3-937786-82-1 (Volltext)
  • Marguerite Duras, Michelle Porte: Die Orte der Marguerite Duras. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-518-11080-2
  • Marguerite Duras: Die grünen Augen. [Texte zum Kino], enthält: Das Schreiben ist stärker als alle Gewalt – Marguerite Duras im Gespräch mit Karsten Witte. – München ; Wien : Hanser, 1987
  • Lars Henrik Gass: Das ortlose Kino. Über Marguerite Duras. Schnitt, Bochum 2001, ISBN 3-9806313-3-8 (zugl. Dissertation, Freie Universität Berlin 1996)
  • Doris Kolesch, Gertrud Lehnert: Marguerite Duras. Edition Text und Kritik, München 1996, ISBN 3-88377-527-4
  • Frédérique Lebelley: Marguerite Duras. Ein Leben. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-518-40810-0 (Taschenbuchausgabe: Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-39386-3)
  • Marcus Steinweg, Rosemarie Trockel: Duras. Merve Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-88396-230-6
  • Alain Vircondelet: Marguerite Duras. Beck und Glückler, Freiburg im Breisgau 1992, ISBN 3-89470-305-9 (Taschenbuchausgabe: Goldmann, München 1994, ISBN 3-442-42484-4)

Film

  • Diese Liebe. (OT: Cet amour-là.) Film-Biographie, Frankreich, 2001, 95 Min., Buch: Yann Andréa, Regie: Josée Dayan, Produktion: Le Studio Canal +, Les Films Alain Sarde, Studio Images 7, arte, Inhaltsangabe von arte, u.a. mit Jeanne Moreau als Marguerite Duras, Besprechung in artechock.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Vgl. hierzu „Horizontale Kollaboration“

Weblinks