Phantastische Nacht

Phantastische Nacht ist eine Novelle von Stefan Zweig aus dem Jahr 1922.[1]

Inhaltsverzeichnis

Rahmen

37-jährig fällt der österreichische Reserveoberleutnant Baron Friedrich Michael von R. im Herbst 1914 während der Schlacht bei Rawaruska. Die Familie übergibt den im Oktober 1913 verfassten Text aus dem Nachlass des gefallenen Dragoners an Stefan Zweig, der quasi als Herausgeber fungiert. Letzterer publiziert diese „seelische Selbstenthüllung“ unbearbeitet.

Handlung

Der Baron von R. aus Wien, also der Ich-Erzähler, zeichnet das Wunder seiner Erweckung auf; aber nur für sich allein. Keiner seiner Freunde weiß etwas von den Papieren. In literarischen Angelegenheiten hält sich der Adelige für unbedarft. Es geht um die Stunde der Magie, genauer, um „scheinbar kaum verbundene Episoden eines einzigen Abends“. Gemeint sind knappe sechs Stunden, beginnend am Nachmittag des 7. Juni 1913 in Wien.

Die Universität hat von R. absolviert. Seine Eltern verstarben früh. Der Berufswahl ist er als Alleinerbe eines beträchtlichen elterlichen Vermögens enthoben. Der Baron beschreibt sich als „kultivierten eleganten Mann, reich, unabhängig, mit den Besten einer Millionenstadt befreundet“[2]. Auch, nachdem er registrieren musste, dass seine Jugend vorübergegangen ist, lebt er sein „altes behagliches hemmungsloses Leben weiter“. Von R. ist ein Genießer. So sagt er von sich, sein „eigentlichster erotischer Genuß“ war, „in andern Wärme und Unruhe zu erregen, statt“ sich „selbst zu erhitzen.“[3] Solch eitles Geschwätz verbirgt nicht die „Gefühlsstarre“, die der Baron vermittels Introspektion beobachtet, nachdem ihn einer nach dem andern verlassen hat. Zuerst hat ihm die Frau, mit der er drei Jahre zusammen war, einen Korb gegeben, nachdem sie einen wackeren Ehemann gefunden hatte. Dann war ein Freund gestorben.

Jedenfalls bäumt sich von R. gegen jene Starre auf. Der Dragonerleutnant besteigt an dem Nachmittag jenes 7. Juni auf der Ringstraße einen Fiaker zum Derby. Die oben genannte Erweckung beginnt an dem Tage um 15.16 Uhr[4]. Halb wider Willen wettet von R. zweimal. Die gesetzten Pferde siegen jedes Mal. Zwar steckt der Baron die gewonnenen Kronen­scheine in die Brieftasche, doch er hält sich für einen Dieb. Er habe die Verlierer betrogen. Bisher eher der Kontemplation verhaftet, bemerkt von R. erstaunt, er, ein Absterbender, blüht wieder; ist „ein Mensch mit bösem und warmem Gelüst.“[5] Sein wartender Fiaker bringt den Protagonisten nach Wien zurück in den Sachergarten.

Von R. schlendert in den Wurstelprater. Sonst gewandt in der Konversation, geniert sich der Spaziergänger, eines der „breithüftigen Dienstmädchen“ anzusprechen. Sein Derbydreß, der Pariser Zylinder und die Perle in der taubengrauen Krawatte verwirren die einfachen Leute an dem Tisch, zu denen er sich gesetzt hat. So nippt von R. nur an dem bestellten Bier und macht sich davon. In der phantastischen Nacht bekommt er in Prater keine Frau und folgt schließlich einer kleinen, verkrüppelten, rachitischen Praterdirne. Die Frau dreht sich im Gehen halb nach ihm um, zeigt - einladend lächelnd - ihre schlechten Zähne und fragt nach einem Geschenk. Der Baron spürt, er lebt für jemanden auf der Welt und küsst die schmutzige Frau. Von R. wird im dunklen Gebüsch Opfer eines abgekarteten Spiels. Zwei üble Kerle, „arme Dilettanten der Erpressung“, wollen Geld. Der Baron gibt freiwillig ein paar von den gewonnenen Kronenscheinen. Die beiden „zerfetzten Burschen“ lassen den „übersatten Parasiten“ laufen. Heimwärts gehend, verschenkt von R. den restlichen Derby-Gewinn an eine Hökerin[6], an einen Ballonverkäufer, an einen Straßenkehrer und an einen Laternenanzünder. Die restlichen gewonnenen Geldscheine wirft er in die Luke einer Backstube im Erdgeschoss eines Hauses am Wege und endlich auf die Stufen einer Kirche.

Interpretation

Der Kampf des Leutnants gegen seine Gefühlsstarre erscheint einem atheistischen Leser während jener phantastischen Nacht vermutlich als erbärmlicher Versuch, der von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Vielleicht sollte das Manuskript, das Stefan Zweig aus dem Nachlass des Gefallenen herausgegeben hat, ein Schritt sein, das jahrelange Wohlleben und Nichtstun durch schöpferisches Tätigsein zu überwinden.

Einem gläubigen Leser aber mag über der Lektüre Jesus und die Fußwaschung in den Sinn kommen.

Literatur

Erstausgabe

  • Stefan Zweig: Phantastische Nacht. Erzählung. Die Neue Rundschau. Jahrgang 33. Hefte 5 und 6 (Mai und Juni). Seiten 513-528 und 590-627. S. Fischer Verlag, Berlin 1922

Verwendete Ausgabe

  • Stefan Zweig: Phantastische Nacht. In: Novellen. Bd. 2, S. 173-245. Aufbau-Verlag, Berlin 1986 (3. Aufl.), ohne ISBN, Lizenzgeber: S. Fischer, Frankfurt am Main, 532 Seiten

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Verwendete Ausgabe, S. 531
  2. Verwendete Ausgabe, S. 223, 1. Z.v.o.
  3. Verwendete Ausgabe, S. 190, 17. Z.v.o.
  4. Verwendete Ausgabe, S. 191, 8. Z.v.o.
  5. Verwendete Ausgabe, S. 210, 8. Z.v.u.
  6. Hökerin: Hausiererin mit Hucke (auf dem Rücken getragene Last)