Wiener Kommunalbad

Städtisches Donaustrombad an der Kronprinz-Rudolf-Brücke

Das Wiener Kommunalbad (keine offizielle Bezeichnung; gelegentlich auch als Strombad bezeichnet) war ein städtisches Schwimmbad beim rechten Brückenkopf der Reichsbrücke, im 2. Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt, mit der Adresse Erzherzog-Karl-Platz 4.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Städtisches Donaustrombad – Grundriss

Das Wiener Kommunalbad wurde 1871–1876 wenige Meter stromaufwärts neben der ebenfalls 1876 fertiggestellten Reichsbrücke, damals offiziell Kronprinz-Rudolf-Brücke, beim seit 1884 Erzherzog-Karl-Platz genannten früheren Schwimmschulmais (Mais = Jungwald) von der Wiener Stadtverwaltung nach Plänen von Franz Berger[1], später Stadtbaudirektor, mit einem Kostenaufwand von umgerechnet 1,54 Millionen Kronen (zur Bauzeit 770.000 Gulden) errichtet. Ein beträchtlicher Teil der Bauarbeiten fand (wie bei der Brücke) statt, bevor der für das Bad nötige Donaustrom 1875 nach der Wiener Donauregulierung in sein neues, beim Bad gelegenes Bett umgeleitet wurde.

Das Kommunalbad und das gegenüber im Überschwemmungsgebiet am linken Donauufer gelegene, nicht mit aufwändiger Infrastruktur ausgestattete und gratis zugängliche Städtische Freibad ersetzten Bäder, die wegen der Donauregulierung aufgelassen werden mussten[2].

Bei einer rund 100 Tage dauernden Badesaison wurde das Bad pro Jahr von weniger als 50.000 (statt den erwarteten 120.000) Personen besucht; etwa 22 Prozent von ihren waren Frauen. Die Donauuferbahn der k.k. Staatsbahnen bediente die Personenhaltestelle Communalbad-Reichsbrücke (unmittelbar neben dem Bad) z.B. im Mai 1901 mit 16 Zügen pro Tag; Hauptverkehrsmittel zum Bad waren die zum bzw. über den Erzherzog-Karl-Platz verkehrenden Straßenbahnlinien: seit 1868 die Pferdebahn, seit 1898 die „Elektrische“ aus Richtung Praterstern, seit 1907 die Linien Bk (aus Richtung Franz-Josefs-Kai – Ring) und 25 (Kagran–Praterstern), seit 1911 die Linie 16 (Praterstern–Stadlau Ostbahn), seit 1913 auch die Linie B (aus Richtung Ringstraße – Franz-Josefs-Kai).

1881 fanden erstmals österreichische Meisterschaften für Männer hier statt: Wasserspringen im Bad und Schwimmen in der Donau von Klosterneuburg bis zum Bad.

1898 war das Kommunalbad Schauplatz einer Schwimmeuropameisterschaft [3] für Männer, die aber offenbar offiziell nicht anerkannt wurde.

Der österreichische Schwimmer Otto Scheff schwamm hier am 1. September 1908 über 1000 Meter Kraul und über eine Meile Weltrekorde[4]. Um 1900 soll das Bad als schönstes Freiluftbad der Welt gegolten haben.

Das Wiener Kommunalbad wurde 1914 kurz nach Kriegsbeginn geschlossen und nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr wiedereröffnet. Bauteile des Bades wurden zur Ausstattung des neu eröffneten Strandbades Alte Donau verwendet[5]. Das Becken diente bis in die zwanziger Jahre der Wäscherei der städtischen Bäder.

Der Standort des ehemaligen Kommunalbades fand Jahrzehnte später noch als Ortsangabe Verwendung: in der „Liste Nr. 5“, in der unter Punkt II, Absatz b, jene im östlichen Österreich gelegenen Vermögenswerte der DDSG angeführt sind, die im Österreichischen Staatsvertrag der damaligen Sowjetunion übertragen werden sollten [6]; die Erfüllung dieser Forderung der Sowjetunion konnte letztlich vermieden werden.

Ausstattung

Das Bad verfügte über ein 175,4 x 48,7 m großes, aus Quadern gemauertes Becken mit bis zu fünf Meter Wassertiefe, in das fünf Schwimm- und Vollbadabteilungen unterschiedlicher Größe (maximal 3.300 m²) eingebaut waren: ein großes Sportbecken nur für Männer und vier kleine Becken, je zwei für Frauen und Männer. Das Badewasser wurde bis zu 30mal täglich durch frisches Donauwasser ersetzt und auch das Wasser für die 32 Duschen und 15 Badewannen wurde mit einer dampfbetriebenen Pumpe dem angrenzenden Strom entnommen. Lediglich das Trinkwasser stammte von der Hochquellenleitung der Wiener Wasserversorgung.

Zum Umkleiden standen den Badegästen 337 Kabinen (damals „Badezellen“ genannt) und 859 Garderobekästchen (damals „Kleiderschränke“ genannt) in Holzbauten zur Verfügung, außerdem Restaurant, Kaffeehaus, Tabak-Trafik, Liegewiesen und Sonnenbäder.

Zusätzlich war das Bad mit einer Dampfwäscherei ausgestattet, in der die den Badegästen leihweise überlassene Badewäsche gereinigt wurde. Später wurde auch die Badewäsche der Strombäder im Donaukanal hier gereinigt. Die Leitung dieser Bäder wurde anfangs des 20. Jahrhunderts dem Betriebsleiter des Kommunalbades übertragen[7].

Literatur

  • Technischer Führer durch Wien, Herausgegeben vom Österreichischen Ingenieur- und Architektenverein, redigiert von Ing. Dr. Martin Paul (Stadtbauinspektor), Wien, Verlag von Gerlach & Wiedling, 1910
  • Wilhelm Seledec, Helmut Kretschmer, Herbert Lauscha: Baden und Bäder in Wien, Europa Verlag GesmbH, Wien, 1987, ISBN 3-203-50995-4
  • Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Die Stadt und der Strom. Wien und die Donau; J & V, Edition Wien, Dachs Verlag, Wien 1995, ISBN 3-85058-113-6, S. 121 f.

Einzelnachweise

  1. http://www.architektenlexikon.at/de/40.htm
  2. 2000 Jahre Bäder in Wien
  3. Wilhelm Seledec, Helmut Kretschmer, Herbert Lauscha: Baden und Bäder in Wien
  4. http://www.news.at/articles/0549/201/128599_s5/von-otto-scheff-markus-rogan-bisherige-schwimm-weltrekorde
  5. http://www.wien.gv.at/rk/historisch/1961/juli.html
  6. http://www.verfassungen.de/at/staatsvertrag55-listen.htm http://2005.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=4219&Alias=2005&cob=182324
  7. Die neuen städtischen Strombäder im Wiener Donaukanale – Gedenkblatt anlässlich der Eröffnung des ersten Bades nächst der Sofienbrücke, Wien, 1904 (A 40974)

48.22808333333316.403Koordinaten: 48° 13′ 41″ N, 16° 24′ 11″ O