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Macht Entwicklungszusammenarbeit Sinn?#

Otmar Höll

Die Hauptmotivation zur Entwicklungshilfe bzw. Entwicklungszusammenarbeit war einerseits die Solidarität bzw. die „Hilfe“ des reichen Westens an den armen Süden, andererseits waren es machtpolitische Erwägungen, den Einfluss der Sowjetunion zurückzudrängen und die Anbindung jener Staaten an das westliche System sicherzustellen. Entwicklungspolitik ist begrifflich weiter gefasst und bezieht sich auch auf die Gesamtheit aller Maßnahmen, mit der eine normative bestimmte Entwicklung angestrebt wird, wie im Bereich des internationalen Handels- und Währungssystems und internationale investitions- und finanzpolitische Maßnahmen.

Entwicklungszusammenarbeit wird meist enger definiert, sie bezeichnet direkte finanzielle, technische oder personelle Ressourcen- oder Finanztransfers.

Ursprünglich galten Entwicklungshilfe bzw. Entwicklungszusammenarbeit als jene probaten Mittel, mit denen es den „unterentwickelten“ Gesellschaften des Südens innerhalb einer gewissen Zeit gelingen sollte, das Wirtschafts- und Wohlstandsniveau der nördlichen Staaten zu erreichen.

Gemessen an den ursprünglichen Erwartungen und Hoffnungen sind die bisherigen Ergebnisse als enttäuschend zu bezeichnen. Dort, wo in den Staaten des Südens Wachstum erzielt werden konnte, wurde es zumindest teilweise durch die Bevölkerungsentwicklung wieder mehr als wett gemacht. Oder sie kam nur einer relativ kleinen, privilegierten Bevölkerungsschicht zugute. Das Volumen der Entwicklungszusammenarbeit ist gemessen an anderen Formen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd (etwa Handel, Ausgaben für Rüstung der Dritte-Welt-Staaten, die Höhe des Zinsendienstes der zum Teil überschuldeten Entwicklungsländer und ähnlichen Indikatoren) vergleichsweise gering.

Aber wenn auch die bisherige Form der Entwicklungszusammenarbeit einer berechtigten Kritik unterzogen werden muss, wird diese insbesondere für die ärmsten Bevölkerungsschichten in den Entwicklungsländern weiterhin für notwendig erachtet. Im Jahr 2000 hat die UNO-Millenniumskonferenz acht neue Zielvorgaben für das Jahr 2015 beschlossen, die u. a. darauf abzielen, die weltweite Armut zurückzudrängen, die Rolle der Frauen und der Kinder zu verbessern, die ärgsten epidemischen Krankheiten zu bekämpfen oder auszurotten und die Ausbildung der Menschen im Süden wesentlich zu verbessern.

Wenn bisher die Kluft zwischen den Zielen und den Ergebnissen in den vergangenen 50 Jahren noch zugenommen hat, so muss doch klar sein, dass Unter- bzw. Fehlentwicklung und die Hoffnungslosigkeit breiter Bevölkerungsschichten in den Entwicklungsländern nicht nur Anlass für zukünftige Massenmigration in die Industriestaaten sein kann, sondern dass diese Situation eine der Hauptursachen für den Zulauf fundamentalistischer und radikalisierter Gruppierungen in der Dritten Welt ist. Es liegt also im Eigeninteresse der Industriestaaten, den Menschen in den Entwicklungsländern nachhaltig eine reale Verbesserung ihrer Lebenschancen zu ermöglichen.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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