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Neidhartfresken#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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In Wien 1, Tuchlauben 19, befinden sich die ältesten weltlichen Wandmalereien der Stadt. Beim Umbau einer Wohnung 1979 entdeckt, sind sie nach dreijähriger Restaurierung seit 1982 als Außenstelle des Wien Museums zugänglich. Sie wurden kurz vor 1400 für den Hauseigentümer Michel Menschein hergestellt, der als Ratsmitglied und Laubenherr internationale Kontakte pflegte und auf Repräsentation bedacht war. Nachdem er zwei mittelalterliche Häuser erworben hatte, ließ er sie zu einem Patrizierhaus umbauen und dessen Festsaal mit Bildern ausstatten. Obwohl sich durch spätere Veränderungen das Niveau der Räume geändert hat, erkennt man die Anordnung in drei Zonen. Die hohe Sockelzone ist (wohl wegen der Abnützung) als gemalter Vorhang gestaltet. Darüber befindet sich, vor schwarzem Grund, der die hellen, bunten Farben deutlich hervortreten lässt, der Zyklus figürlicher Darstellungen, ein ornamentales Band bildet den oberen Abschluss.

Die Bilder illustrieren in der Abfolge der Jahreszeiten Szenen aus der Schwankliteratur, wie sie Neidhart von Reuental (um 1180-1240) dichtete. Der Minnesänger, der am österreichischen Herzogshof gewirkt haben dürfte, war der wirkmächtigste Lyriker des deutschen Mittelalters. Seine bauernfeindlichen Figuren hatten ein langes Nachleben.

Die zehn Darstellungen, die für den Auftraggeber individuell zusammengestellt wurden, zeigen:

  • Dörperkampf - ein allgemeines Thema Neidhart'scher Bauernpersiflage
  • Ballspiel und Liebespaar - eine literarische Sommersymbolik
  • Spiegelraub - das freizügige Fresko zeigt eine liegende Frau und einen Burschen, der ihr mit dem "kühnen Griff" zudringlich wird
  • Schneeballschlacht und Rauferei - die Darstellung winterlicher Raufhändel, die Neidhart beschreibt, findet sich noch 1566 in Holzschnitten
  • Schlittenfahrt - das Fragment lässt einen Kastenschlitten und einen Pferdekopf erkennen
  • Blattmotiv - das Blattmotiv auf dem Pfeiler mit Palmwedeln unterbricht den figürlichen Zyklus
  • Veilchenschwank - die Darstellung der populärsten Neidhartüberlieferung spielt in einer Frühlingslandschaft bei einer Burg
  • Reigen - die älteste Wiener Tanz-Musik-Darstellung zeigt einen Vortänzer mit Tanzstab, Paare, die einen Rundtanz aufführen und einen Schalmeienspieler
  • Festmahl - das Bild illustriert die herbstlichen Trink- und Schlemmerlieder
  • Herbstlandschaft - vermutlich befand sich hier eine Jagdzene, die durch einen barocken Türdurchbruch verloren ging.

Quelle#

  • Katalog Neidhart-Fresken Wien 1987

Redaktion: hmw