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Schriftsetzer#

Heimatlexikon - Unser Österreich

"Heimatlexikon - Unser Österreich"#

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Schriftsetzerei, Wien
Schriftsetzerei in Wien. 1926. Photographie
© Brandstätter Verlag

Schriftsetzer übten die »Kunst des künstlichen Schreibens« (Typographie) aus. Ihre Aufgabe bestand in der Zusammensetzung der Schrift und Bilder aus beweglichen Lettern und Druckstöcken (Holzschnitte, Strich und Tonätzungen, Galvanos) zu Druckformen. Schriftsetzer, die auch das Drucken verstanden und in kleinen Druckereien Satz und Druck besorgten, hießen »Schweizerdegen« (der Ursprung dieser Bezeichnung ist auf den Umstand zurückzuführen, dass die Degen der alten Schweizer zweischneidig gewesen sein sollen). Für den Druck diente bis ins 19. Jahrhundert die Handpresse, die lange Zeit aus Holz gebaut wurde. Charles Stanhope, 3. Earl Stanhope, ein britischer Politiker und Wissenschaftler, konstruierte zusammen mit einem Mechaniker namens Walker um 1800 eine Presse ganz aus Eisen, die den Druck einer Form mit einem einzigen Zug, mit einer Hand ausgeführt, gestattete. Die Drucker, die die Druckform auf das Papier übertrugen, wurden früher auch Presser genannt, »die in der Sprache der Setzer Bär« hießen, ließ uns Herr de Balzac im ersten Teil seines Romans Verlorene Illusionen wissen. »Die Bewegung, mit der sich die Presser bald vom Schwärzetopf zur Presse, bald von der Presse zum Schwärzetopf begeben, erinnert in der Tat leicht an den Bären, der im Käfig hin und her geht. Umgekehrt haben die Bären die Setzer Affen genannt, angesichts des Eifers, mit dem diese Männer die Lettern aus den hundertzweiundfünfzig Kästchen zusammensuchen, in die sie verteilt sind.« Sobald der Drucker an Druckmaschinen wie der Tiegeldruckpresse, Schnellpresse oder Rotationsmaschine arbeitete, nannte er sich Maschinenmeister. Man unterschied den Werkdruck (Bücher und Zeitschriften), den Zeitungsdruck (Tagesblätter und dergleichen) und den Akzidenzdruck (Drucksachen für geschäftlichen, amtlichen und persönlichen Bedarf). Der »glatte« Werk- und Zeitungsatz wurde seit Ende des vorigen Jahrhunderts vielfach auf Setzmaschinen (Linotype, Typograph, Monoline, Monotype) hergestellt, an denen der Maschinensetzer tätig war. Der Handsetzer befasste sich mit schwierigerem Werksatz, dem Tabellen-, Anzeigen-, Akzidenz- und Notensatz.

Buchdrucker
»Der Buchdruecker« (Buchdrucker). Kupferstich von Jost Amman. Aus: Hans Sachs und Jost Amman. »Eygentliche Beschreibung aller Stände auff Erden …«. Frankfurt am Main 1568
© Brandstätter Verlag

In der Setzerei lagen die vom Schriftgießer gebrauchsfertig gelieferten Lettern oder Typen im Setzkasten, der für Fraktur (deutsche Schrift) etwa hundertzehn, für Antiqua (lateinische Schrift) etwa hundertsechzig Fächer hatte. Zu den deutschen Schriften gehörten auch Gotisch, Schwabacher und Kanzlei; eine Abart der Antiqua ist die schrägliegende Kursiv. Jede Schrift enthält außer den großen und kleinen Buchstaben, den Versalien (Majuskeln) und Gemeinen Minuskeln), auch passende Ziffern, Satz- und sonstige Zeichen. Die meisten Schriften waren in vielen regelmäßig bgestuften Größen (Schriftkegel) vorhanden, von denen die kleineren, für Buch- und Zeitungsdruck verwendeten Brotschriften «, die größeren »Titelschriften« und die fetten »Auszeichnungsschriften« hießen. Akzidenz-, Zier- und Schreibschriften dienten zur Ausschmückung von Gelegenheitsdrucksachen, ebenso Linien, Einfassungen und Vignetten. Für den Druck von Musiknoten standen dem Setzer besondere Typen zur Verfügung, die er wie die Schrift zusammensetzte.

Der auf dem Setzschiff befindliche fertige Satz wurde mit einem starken Bindfaden, der »Kolumnenschnur «, fest umwickelt, damit keine Type sich lösen und herausfallen konnte, und dann auf das Setzbrett oder die Schließplatte gehoben oder geschoben. Der nächste Schritt war die Anfertigung eines Korrekturabzugs (Fahne). Der Satz wurde mit einer Handwalze eingefärbt und dann entweder in einer Abziehpresse oder mit einer kräftigen Bürste auf einen angefeuchteten Papierstreifen abgezogen. Auf diesem Korrekturabzug zeichnete zunächst der Korrektor die von ihm entdeckten Satzfehler an. Auslassungen nannte man »Leichen«, Doppeltgesetztes »Hochzeiten«, Buchstaben einer anderen Schriftart »Zwiebelfische«, und als »Jungfrau« bezeichnete man einen fehlerlosen Satz, dessen Probeabzug von keinen Korrekturzeichen »befleckt« war. Waren die Fehler berichtigt, wurden weitere Korrektur- und Revisionsabzüge für Verfasser und Verleger hergestellt. Diese erteilten schließlich die Genehmigung zum Druck (Imprimatur), und der Satz konnte dem Drucker übergeben werden.

Buchdrucker
Buchdrucker. 1820. Kolorierte Radierung. Aus: »Gallerie der vorzüglichsten Künste«. Zürich – Leipzig 1820
© Brandstätter Verlag

Beim Zeitungsdruck war die Vorgehensweise in der Regel etwas anders. Zuerst wurde der Satz korrigiert, und dann wurden die Seiten – meist ganze Formen – für die Druckmaschine oder den Stereotypeur fertig eingerichtet. Stereotypie nannte man die vom Satz reliefartig gepresste Pappmatrize, von der die Druckplatte mit einer Bleilegierung abgegossen wurde. Erfunden hat die Papierstereotypie der französische Schriftsetzer Claude Genoux. 1829 in Lyon patentiert, fand sie erst während des Krimkriegs (1853–1856), als die Londoner Times die Stereotypie einführte, wirkliche Beachtung. Durch sie konnten bei einem textlich unveränderten Nachdruck die Satzkosten eingespart werden.

Für den Druck mussten die Seiten oder Kolumnen auf der Schließplatte so zusammengestellt (»ausgeschossen«) werden, dass sie nach dem Zusammenfalten des gedruckten Bogens in richtiger Reihenfolge lagen. Das Format des Druckbogens, der unter die Druckerpresse passte, entsprach unserem DIN A 2, also 43 x 60 Zentimeter, den man in vier normale Briefbogen (DIN A 4) zerteilen kann. Auf die Vorder- und Rückseite des Druckbogens konnten nun entweder vier Seiten folio, acht Seiten quart, sechzehn Seiten oktav (das für den Werkdruck gebräuchlichste Druckformat) oder vierundzwanzig Seiten duodez und zweiunddreißig Seiten sedez gedruckt werden. Um die »ausgeschossene« Form legte der Drucker den eisernen »Schließrahmen«, dann kamen zwischen die Kolumnen eiserne »Formatstege«, und schließlich wurde die Satzform in dem Rahmen verkeilt; nun konnte sie aufgehoben und in der Druckerpresse befestigt werden.

Buchdrucker
Der Buchdrucker. Um 1825. Lithographie von Jos. Trentsensky
© Brandstätter Verlag

An der Presse arbeiteten meist zwei Drucker. Der eine, Schläger oder »der Zweite« genannt, färbte (»schlug«) mit Druckerschwärze und ledernen Ballen, später mit einer Walze die Oberfläche der Satzform ein, die in einem Kasten oder »Sarg« auf einem horizontal gleitenden Schlitten der offenen Presse lag. In der Zwischenzeit legte der andere, Zieher oder »der Erste« genannt, einen angefeuchteten Papierbogen auf einem mit dem Kasten durch Scharniere verbundenen Deckel, dem »Tympan«, an. Ein Rahmen, die »Frisquette«, wurde darübergeklappt, und nun konnte der eingeklemmte Bogen über die Druckform gelegt und unter den Tiegel geschoben werden. Mit dem »Preßbengel« schraubte der Zieher den Drucktiegel abwärts, der das Papier auf die Satzform drückte. War die eine Seite der Bogen bedruckt (»Schöndruck«), so wurde das Papier für den »Widerdruck« gewendet (umschlagen) und die Rückseite bedruckt. Nach einer bestimmten Anzahl von Drucken tauschten die Männer die Rollen. Drucken war harte Arbeit. Den Schlitten mit der schweren Form nur mit einer Hand vor- und zurückzuschieben, während die andere den Preßbengel zog, erforderte Kraft und Ausdauer

Zweifellos eines der bedeutendsten und spannendsten Ereignisse der Buchdruckerei und des Verlagswesens war die Herstellung und der Vertrieb des »höchsten Werkes« der Aufklärung, Diderots Enzyklopädie. Nachzulesen in Robert Darntons Glänzende Geschäfte (die Originalausgabe erschien 1979 unter dem Titel The Business of Enlightenment in London). Mehr als eine Million Druckbogen waren nötig, um auch nur einen der sechsunddreißig Quartbände für alle drei Auflagen herzustellen. Die Papierbogen wurden einzeln in monatelanger sorgfältiger Arbeit in entlegenen Papiermühlen hergestellt, und ein Heer von Lumpensammlern musste erst einmal das Rohmaterial für das Papier zusammenbringen. Und es brauchte fünf Monate harte Arbeit von fünf Schriftsetzern und zwanzig Druckern bei der Société typographique de Neuchâtel (einer der bedeutendsten Verlage französischer Bücher im 18. Jahrhundert), um diese Bogen in einen Band mit bedruckten Seiten zu verwandeln. Dabei geriet auch die Lieferung von Schriftguss und Druckerschwärze durch die enorme Nachfrage immer wieder ins Stokken. »Obwohl die Operationen der Société typographique de Neuchâtel nur einen kleinen Bruchteil des gesamten Druckvorgangs darstellen«, schrieb Darnton, »veranschaulichen sie den komplexen Herstellungsprozess eines Buches in Massenauflage vor der Zeit der Massenproduktion.«

Geschäftskarte aus Wien
Geschäftskarte der »Buchdruckerei von M. Auer in Wien«. 1857. Lithographie von Exter nach Zeichnung von Carl Geiger
© Brandstätter Verlag

Eine andere Geschichte ist aus Lyon zu berichten, wo bereits 1473 die erste Druckerpresse aufgestellt worden sein soll. Schlechte Löhne, heute kaum vorstellbare Arbeitszeiten, teilweise von zwei Uhr morgens bis zehn Uhr nachts mit vier Stunden Pause für die Mahlzeiten, ein gefordertes Tagespensum von dreitausend Seiten und mehr führten um 1539 zu den ersten größeren Unruhen und Streiks. Streiken hieß faire le tric, den Knüppel aus dem Sack lassen: Mit diesem Zauberwort verließen die Gesellen die Offizinen, wenn ein (unbezahlter) Lehrling auf Weisung des Meisters an der Presse hantierte oder ein anderer Verstoß gegen die Regeln vorkam. Die fourfants, wie die Streikenden die Streikbrecher nannten, wurden verprügelt, Flugblätter wurden in Umlauf gebracht, gerichtliche Schritte angestrengt, viele traten sogar aus der alten Zunftgemeinschaft der Buchdrucker aus, in der Meister und Gesellen seit Anfang des 16. Jahrhunderts inkorporiert waren, und gründeten ihre eigene Vereinigung, die Gesellschaft der Griffarins (nach einem altfranzösischen Wort mit der Bedeutung »Vielfraß«). Bei Volks -festen und burlesken Umzügen traten sie mit einer grotesken Figur, dem Seigneur de la Coquille (»Herr Druckfehler «), auf, den jeder kannte und bejubelte, und machten Stimmung im Volk für ihre Anliegen und Forderungen.

In Deutschland erschien die erste Gewerbeordnung 1573 in Frankfurt am Main, und sie, wie auch nachfolgende, regelte vor allem das »Postulat«, ein ursprünglich studentisches Brauchtum, das an den Universitäten als »Deposition« bei der Immatrikulation gepflegt wurde. Bis zum Postulieren war der ausgelernte Lehrling »Cornut«, der den Postulierten regelmäßig von seinem Wochenverdienst eine bestimmte Summe zahlen musste, wollte er überhaupt in der Druckerei geduldet werden. Acht Tage vor dem Postulat musste der Postulant einige Male »anfeuchten«, das hieß auf seine Kosten so viele Getränke holen lassen, wie die Postulierten trinken wollten. Alles in allem ein kostspieliger Zwang und eine eher derbe Zeremonie. Am Tag des »heiligen Akts« musste der Cornut in possenhafter Verkleidung erscheinen, mit Bockshörnern und einem mit Schellen versehenen Fuchsschwanz am Hut, es wurden ihm die Fingernägel geschnitten, die Ohren gesäubert und mit einem Pinsel ein schwarzer Bart aufgemalt. »Wir haben nun alles an Dir erfüllet, was Du Grobes und Ungeschliffenes an Dir gehabt hast, ietzo ist übrig, dass Du uns meldest, wie Du Dich künftig verhalten willst«, sprach der »Depositor«, und der Postulant antwortete: »Ich will denen Lastern absagen und ein tugendsam Leben anfangen.« Dann gab es im Namen Gutenbergs eine Ohrfeige (Maulschelle) und ein fröhliches Zechen, ebenfalls auf Kosten des Ausgelernten, bei dem er nun auch »gegautscht« wurde. In dem ihm anschließend verliehenen, oft recht kunstvoll ausgestalteten Gautschbrief wurde dem Freigesprochenen bescheinigt, dass er »nach althergebrachter Sitte auf den heiligen Stuhl der ehrwürdigen Kunst gebracht, auf welchen zuvor die Schwämme der Erkenntnis gelegt waren, um den nun in alle Rechte Typographia’s eingesetzten neuen Jünger das Wasser der Aufklärung einsaugen zu lassen«.

Geschäftskarte der Universitäts-Buchdruckerei
Geschäftskarte der »Universitäts-Buchdruckerei L. C. Zamarski … vormals Sollinger« in Wien. Um 1855. Farbstich
© Brandstätter Verlag

Johannes Gensfleisch zum Gutenberg (um 1400–1468), der Patriziersohn und gelernte Goldschmied aus Mainz, gilt als Erfinder der »Schwarzen Kunst« und als erster deutscher Buchdrucker mit beweglichen Metallettern. Vor allem gelang es ihm, ein ebenso einfaches wie außergewöhnliches Handgießinstrument (Schriftgießer) herzustellen, das die Grundlage für eine erfolgreiche Ausübung des Buchdrucks bildete. Aber auch die Druckerpresse kann als Gutenbergs Idee angesehen werden. Nach seinen Anweisungen schuf der Drechsler Conrad Saspach 1438 in Straßburg, wo sich Gutenberg einige Jahre aufhielt, eine hölzerne Presse, die bereits mit einem Schlitten ausgerüstet war, mit dem die eingefärbte Satzform samt daraufliegendem Papierbogen unter den Druckstempel geschoben werden konnte. Gutenbergs spektakulärstes Werk, in das der Mainzer Bürger Johann Fust beträchtliche Summen steckte, ist die sogenannte zweiundvierzigzeilige lateinische Bibel, in nur einer Schriftgröße mit insgesamt zweihundertneunzig verschiedenen Schriftzeichen gesetzt, die 1455 vollendet wurde. Zwischen Gutenberg und Fust kam es bald darauf zum Bruch. Als Fust auf Rückgabe des geliehenen Geldes klagte, musste der zahlungsunfähige Gutenberg sein Druckgerät an ihn abtreten. Fust verband sich mit Peter Schöffer, und zusammen gründeten sie eine neue Offizin, in der das prachtvolle Mainzer Psalterium entstand. Vermutlich nach 1462 verbrachte Gutenberg den Rest seines Lebens gesichert im Dienste des Erzbischofs von Mainz. Der Buchdruck hat sich in Europa rasch ausgebreitet »und damit die Umlaufgeschwindigkeit neuer Ideen, Techniken und Ideologien gesteigert; ohne ihn hätte die Reformation keine Chance gehabt, ohne ihn hätten sich die Schulen und die Bibliotheksregale nicht so schnell, kaum war die Scholastik abgeräumt, wieder gefüllt: mit den Beschreibungen neuer Technologien, aber auch mit dogmatischem Humanismus und Ritterschundromanen, und ohne den Buchdruck hätte Rabelais’ bissige Konsequenz aus der leerlaufenden Gelehrsamkeit nicht so schnell die Runde gemacht: ›Tu was du willst‹« (Mathias Greffrath).

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010


... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.