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Wachszieher#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Wachsbossierer
Kerzen, Wachsstöcke und Stempel eines Wachsziehers. 19. Jh.
© Brandstätter Verlag

Wachszieher (auch Wachszelter, Wachskerzler) beschäftigten sich mit der Verfertigung von nicht qualmenden Kerzen, Wachsstöcken und Fackeln oder Windlichtern aus Bienenwachs, ein ehemals außerordentlich einträgliches Gewerbe, in dem, entgegen der damaligen Gepflogenheiten, viele Frauen tätig waren. Bei den Frankfurter Lichtermachern waren bis 1429 sogar mehr Frauen als Männer vertreten. An vielen Orten waren die Wachszieher mit den Lebzeltern und Metsiedern in einer Zunft verbunden.

Kerzen wurden gezogen, indem man einen langen Dochtfaden mittels zweier großer Holztrommeln in wechselnder Richtung durch gebleichtes, zähflüssiges Wachs zog. Oder man goß das geschmolzene Wachs mit einer Gießpfanne so lange über die auf einer drehbaren Scheibe hängenden Dochtfäden, bis der gewünschte Kerzendurchmesser erreicht war. Die sehr langen und dicken Altarkerzen wurden weder gezogen noch gegossen, sondern das in warmem Wasser erweichte und auf einem Tisch unter einer Mangel bearbeitete Wachs mit der Hand um den Docht geknetet. Wachsfackeln erhielten einen Docht von gesponnenem Werg, der in geschmolzenes Pech getaucht und hernach mit Wachs überzogen wurde.

Die ersten Kerzen unserer Art scheinen zur Zeit der Christenverfolgungen aufgekommen zu sein. Der antike Schriftsteller Lucius Apuleius unterschied Ende des 2. Jahrhunderts schon Wachs- und Talgkerzen (’ Seifensieder). Wachskerzen waren im 14. Jahrhundert an Fürstenhöfen immer noch recht sparsam in Verwendung, hingegen dehnte die katholische Kirche ihren Gebrauch außerordentlich aus, und erst im 17. Jahrhundert trieben die Höfe mit ihnen großartigen Luxus. Zu den eindrucksvollsten Licht- und Feuerfesten gehörten die Osterprozessionen der mächtigen spanischen Bruderschaft »Zur Allerheiligsten Auferstehung« in Rom, die im Dunkel des frühen morgens des »Sabato Santo« die Piazza Navona füllten und mit Tausenden Kerzen und Fackeln illuminierten.

Um 1825 gelang es dem französischen Chemiker Eugène Chevreul, Kerzen aus Stearinsäure, die im tierischen Fett (Talg) enthalten ist, herzustellen, die der Qualität von Wachskerzen entsprachen, aber billiger waren, und 1837 stellte Ernest Selligue, ebenfalls in Paris, Paraffinkerzen aus bituminösen Schiefern her.

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010

... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.