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Peter Keller (Hg.): Glaube & Aberglaube. Amulette, Medaillen & Andachtsbildchen.#

Bild 'Glaube'
Peter Keller (Hg.): Glaube & Aberglaube. Amulette, Medaillen & Andachtsbildchen. . Redaktion: Reinhard Gratz, Peter Keller, Heidi Pinezits. Katalog zur 36. Sonderschau des Dommuseums zu Salzburg. Salzburg 2010. 448 S., durchgehend farbig ill., € 49,90.

"Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind" (Goethe, "Faust 1") und die so genannte Volksfrömmigkeit war lange Zeit ein Lieblingsthema der Europäischen Ethnologie. Wunderbares, Seltsames, Unerklärliches zog nicht nur die Leute in ihren Bann, sondern auch Forscher und Ideologen. Wenn sich das katholische Dommuseum zu Salzburg dem Thema "Glaube & Aberglaube" widmete, stellte es sich keine leichte Aufgabe. Zwei Jahre nach "Edelsteine, Himmelsschnüre" zeigte die Ausstellung weitere Bestände der Edith-Haberland-Wagner-Stiftung. Diesmal ging es um Amulette, Medaillen und Andachtsbildchen. Noch mehr als bei den Rosenkränzen sind hier die Grenzen zum magischen Gebrauch fließend. Was Glaube und was Aberglaube sei, ist eine Frage der Definition, mehr noch der Definitionsmacht. Der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser klassifiziert in seinem Geleitwort "Aberglaube" eindeutig, und mit Hinweis auf den Katechismus, als "eine Entgleisung des religiösen Empfindens und der Handlungen, zu denen es verpflichtet."

Die Ethnologin Ulrike Kammerhofer-Aggermann zeigt sich in ihrem umfassenden und aufschlussreichen Artikel "Eine gleichsam himmlische Medizin" vorsichtiger. Sie versieht die Überschrift mit einem Fragezeichen: "Objekte vertrauensvoller Frömmigkeit oder unchristlicher Aberglaube ?". Für ihr Fach ist es nicht sinnvoll, bewertende Kategorien wie "Magie" oder "Glaube" zu errichten. Die Leiterin des Landesinstituts für Volkskunde referiert u. a. über Steinbockhorn, von dem man sich Hilfe gegen Gift und Seuchen versprach, Amulette, Talismane und magische Heilmittel. Sie zitiert Experten der Frömmigkeitsforschung wie Rudolf Kriss, Lenz Kriss-Rettenbeck, Christoph Daxelmüller, Rolf Wilhelm Brednich oder Walter Hartinger. Mit Hartinger warnt sie vor den "Urquell"-Ableitungen der frühen Volkskunde, die gebündeltes Wissen vorchristlicher Kulte weitergetragen sehen wollte. Ein aktuelles Beispiel ist das - kirchlicherseits so genannte - Walburga-Öl aus Eichstätt. Naturmythologische und feministische Strömungen sprechen hingegen vom "Walpurgisöl" und sehen in der Heiligen eine keltische Hexe, die sie mit der "Walpurgisnacht" in Verbindung bringen.

Der deutsche Pastoraltheologie-Professor Ludwig Mödl stellt "Das Kreuz als Amulett" vor. Religiöse Medaillen sind das Thema von Christoph Mayrhofer. Die Grazer Ethnologie-Professorin und bekannte Heilkultur-Expertin Elfriede Grabner betitelt ihren Aufsatz "Die kleine Hausapotheke". Der Arzt und Historiker Leopold Öhler schreibt über "Die Pest in Hallein 1634-1635". Josef Kral behandelt magische Bücher, wie das Christophgebet, Höllenzwang oder Wunderbuch. Der Salzburger Denkmalpfleger Wilfried Schaber beschäftigt sich mit dem archaischen Brauch der Bauopfer.

Der Direktor des Dommuseums, Peter Keller, leitet den Katalogteil ein, der sich mit der religiösen Alltagskultur des Barock beschäftigt. Er verweist auf die Menge des Dargestellten - rund 1800 Kreuze, Medaillen, Bildchen, Votive und Amulette: "Ein Objekt konnte mehrere Aufgaben erfüllen, mehrere Objekte die gleiche Aufgabe, je mehr, desto besser. Aberglaube ist der Versuch, die Lebensumstände durch sie zu beherrschen." Wie schon beim 1. Band Edelsteine, Himmelsschnüre haben Keller und seine Kuratoren großartige Arbeit geleistet. Sie gliedern die unübersichtliche Materie in sechs Themengruppen: "Glaube und Aberglaube" (Peter Keller) mit mehr als 70 Exponaten, "Medaillen und Anhänger" (Christoph Mayrhofer, Johannes Neuhardt, Heidi Pinezits) mit rund 1200 Nummern, "Amulette" (Johannes Neuhardt, Heidi Pinezits) mit fast 200 Objekten, "Hausapotheke" (Reinhard Gratz, Christoph Mayrhofer, Johannes Neuhardt, Heidi Pinezits), "Grafik" (Reinhard Gratz, Johannes Neuhardt), mit 650 kleinen Andachtsbildern, Segen, Gebeten etc. und "Sonstiges" (Josef Kral, Johannes Neuhardt, Heidi Pinezits) mit fast 50 Skapulieren, Votivgaben, Sammelbänden und anderen Gegenständen, die ihren Besitzern einmal heilig waren. Ein besonders eigenartiges Exponat stellt die "Hausapotheke" dar. Die kleine Kommode enthält in einem Dutzend Laden ca. 250 religiöse und magische Objekte aus dem 18. bis 20. Jahrhundert.

So bietet das sorgfältig aufbereitete Material der Sammlung Stoff für viele Wissenschaften. Ulrike Kammerhofer nennt etwa Geistes-, Material- und Sozialgeschichte: "Neben der handwerklich-kunsthistorischen Objektgeschichte gibt sie Einblick in die Deutungsgeschichte und damit auch in die Hoffnungen, die Welt mit allen Daseinsproblemen meistern zu können."