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Norbert Leser: Skurrile Begegnungen#

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Norbert Leser. Skurrile Begegnungen. Mosaike zur österreichischen Geistesgeschichte. Mit einem Vorwort von William M. Johnston. Böhlau Verlag Wien, Köln, Graz 2011. 254 S. € 29,90

Nobert Leser legt mit seinem jüngsten Buch eine "Ahnengalerie für das Österreich des 21. Jahrhunderts" vor. So nennt der international als Kenner des "österreichischen Menschen" bekannte Historiker William M. Johnston das Werk. Er schreibt im Vorwort: "Dieses Buch ist keine Anekdotensammlung, sondern eine Porträtgalerie von 29 Personen, die fast alle von Österreich geprägt worden sind und die wiederum Österreich seit 1945 mitgeprägt haben. … Die Untertitel liefern Epitheta, die man in Marmor meißeln könnte."

27 Männer und zwei Frauen (die Psychologin Charlotte Bühler und Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg) werden gewürdigt, manchmal auch in nobler Zurückhaltung kritisiert. Die meisten von ihnen, neun, sind der Politik zuzurechnen, sieben waren Schriftsteller, fünf Juristen, je zwei Theologen, Philosophen, Mediziner und Wirtschaftstreibende. So zeichnet Norbert Leser, em. Professor für Sozialphilosophie und korrespondierendes Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften, nicht nur eine Porträtgalerie, sondern auch ein Zeitbild Österreichs. Der überwiegende Teil der Porträtierten wurde vor dem Ersten Weltkrieg geboren, doch auch die jüngeren - Thomas Bernhard, Günther Nenning und Helmut Zilk - waren einige Jahre älter als der Autor. Nur einer, "Der Hohe Herr" Otto von Habsburg, weilt noch unter den Lebenden.

Im Mittelpunkt des ersten Kapitels steht der "Rote Kardinal" Franz König. Der Wiener Erzbischof war - mit Bruno Kreisky und Rudolf Kirchschläger - einer der "drei Ks", jener Persönlichkeiten, die einige Jahrzehnte die österreichische Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten. Wenn auch den beiden anderen keine eigenen Kapitel gewidmet sind, erfährt man doch sehr vieles über sie und andere Zeitgenossen, wie den Publizisten Friedrich Heer oder Caritaspräsident Leopold Ungar. Der letzte Abschnitt ist eine Darstellung von Hans Schmid, dem Herrn des Wienerliedes. Der besser als Schmid-Hansl bekannte Inhaber eines Währinger Konzerts-Cafes war ein bekannter Volkssänger und "leutseliger Mensch". In seinem Lokal traten verschiedene Berufsmusiker auf, die den Professor motivierten, doch selbst in diesem Genre zu singen, woraus sogar eine CD entstand.

Norbert Leser legt seine Lebenssumme in Form von Begegnungen mit Zeitgenossen und Geistesverwandten unter einem dreifachen Aspekt vor: autobiographisch, historisch-biographisch und zeitgeschichtlich. Mit Weitblick und Weisheit verknüpft er persönliche Reminiszenzen, sachliche Analysen und stellt seine Erfahrungen in den größeren Rahmen von Geschichte und Zeitgeist. Diese unikale Verbindung von wissenschaftlicher und essayistischer Herangehensweise macht das Buch zur faszinierenden Lektüre. Man lernt viel über eine Zeit, die in die Gegenwart hereinreicht, fühlt sich aber weder belehrt noch indoktriniert und empfindet das Lernen nicht als unangenehm, sondern bereichernd. Fast allen Persönlichkeiten ist der Autor selbst begegnet, und er hatte meist längere Zeit mit ihnen zu tun. Gelegenheiten dazu gaben seine vielseitigen Interessens- und Tätigkeitsbereiche, wie wissenschaftliche, künstlerische, religiös-kirchliche und politische.

Was auf der Hand, oder auf der Zunge liegt, ist die Frage nach dem Buchtitel. Warum "skurril" ? Antwort geben der Autor und der Vorwort-Verfasser William M. Johnston und Norbert Leser zitiert den Fremdwörterduden: "Sonderbar, auf befremdliche oder lächerliche Weise eigenwillig" und verweist auf die verwandten Begriffe bizarr, grotesk, obskur, schräg, exzentrisch und pathologisch. "Im Grunde entbehrt kaum eine menschliche Begegnung eines skurrilen Elements", schreibt Leser, und: "Einige der geschilderten Begegnungen sind skurril von der Persönlichkeit her, die als Subjekt bzw. Objekt der Darstellung gewählt wurde. … Manchmal liegt der Charakter des Skurrilen in der Art der Begegnung…" Nicht zuletzt stand bei der Titelwahl der Einfluss William Johnstons Pate, "der den Begriff der Skurrilität in der österreichischen Literatur- und Geisteswelt entdeckt und zur Anwendung gebracht hat."

Dieser verweist im Vorwort auf die Etymologie der lateinischen Bezeichnung: "Skurrilis" bezeichnete nackte Ringer im alten Rom. Von dieser verachteten Berufsgruppe leitet sich das englische Beiwort "scurrilous" ab, was so viel wie niederträchtig oder obszön bedeutet. Der österreichische Sprachgebrauch - "unbegreiflich", "nicht zusammengehörend" wäre für englisch Sprechende unverständlich. Der in Australien lebende Historiker erklärt die Redewendung "das ist skurril!" aus der Kulturgeschichte Österreichs: "Bekanntlich hat das Habsburgerreich allerart Zusammentreffen zwischen den verschiedenen Bevölkerungen und ihren Kulturen ermöglicht. Altösterreichs 'geistiges Konnubium' (Hermann Bahr) hat skurrile Zusammenstöße überall gefördert. … Die Häufigkeit der 'skurrilen' Zusammentreffen zwischen nicht zusammengehörenden Dingen hat die schöpferischen Geister Österreichs dazu angeregt, sonst unvorstellbare Kombinationen von Formen und Visionen herzustellen. … In Lesers Erinnerungen kehrt das geistige Konnubium Österreichs noch einmal wieder, vielleicht zum letzten Mal in solcher Breite und Tiefe."