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Helga Maria Wolf

Der Fünfsterne-Heilige - Johannes Nepomuk#

Nussdorf, Wien 19. Foto: Doris Wolf
Nussdorf, Wien 19. Foto: Doris Wolf

Wie kaum ein anderer Heiliger prägt Johannes Nepomuk die österreichische Sakrallandschaft. Seine Statuen stehen "an jedem Steg, auf jeder Bruck' ". Johannes Welflin (um 1350 - 1393) ist der Patron der Brücken und gegen Wassergefahren. Reisende vertrauen auf seinen Schutz, ebenso wie Seelsorger und Angehörige von Berufen, die mit dem Wasser zu tun haben.

Johannes aus Pomuk (tschechisch Jan Nepomucký, auch Jan z Pomuku oder Jan z Nepomuku) war bei seinem gewaltsamen Tod noch keine 50 Jahre alt. Mehr als drei Jahrhunderte später sprach ihn Papst Innozenz XIII. (1655-1724) 1721 selig. Er bewilligte, dass am 16. Mai die heilige Messe zu Ehren des Johannes Nepomuk gefeiert und eigene Tagzeiten gebetet werden dürften. Papst Benedikt XIII. (1649-1730) vollzog 1729 die Heiligsprechnung. Johannes Nepomuk entstammte vermutlich einer deutsch-böhmischen Familie. Sein Vater war Richter in der, 35 km südöstlich von Pilsen gelegenen, Marktgemeinde Pomuk (tschechisch Nepomuk), und auch er schlug eine Karriere als Jurist ein. Schon als etwa Zwanzigjähriger fungierte er als kaiserlicher Notar in der Kanzlei des Erzbistums Prag. 1380 folgte die Priesterweihe und danach weitere Studien des Kirchenrechts in Prag und Padua. Dort, in der berühmtesten Rechtsschule seiner Zeit, war er Studentenrektor der Nichtitaliener und schloss mit dem Doktorat ab. Den akademischen Aufstieg begleiteten geistliche Würden: 1389 wurde er Kanoniker, Anwalt des Vyšehrader Kapitels und Generalvikar des Prager Erzbischofs Johann von Jenstein (auch Johann von Jenzenstein oder Johann von Genzenstein, tschechisch Jan z Jenštejna; vor 1350 - 1400). Ein Studienkollege beschrieb Johannes Nepomuk als "wohlgefällig vor Gott und den Menschen, beliebt bei Deutschen und Tschechen".

Doch nur dreieinhalb Jahre war es ihm vergönnt, sein Amt als höchster Würdenträger nach dem Erzbischof auszuüben. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts waren geistliche und weltliche Machtverhältnisse in die Krise geraten. Es war die Zeit des abendländischen Schisma (1378-1417), während dessen es einen Papst in Rom und einen Gegenpapst in Avignon, zeitweise noch einen weiteren Gegenpapst gab. Die Mächte Europas waren uneinig, wer der rechtmäßige Papst sei, was zu einer dramatischen Zerrissenheit der christlichen Welt führte. "Kein Thron im Abendland, der um diese Zeit nicht erschüttert worden wäre, durch Absetzung, Vertreibung oder gar Ermordnung der Regenten!", schreibt der deutsche Mediävist Ferdinand Seibt, und: "Gegenüber diesen Krisenherden waren die böhmischen Verhältnisse noch mit besonderer Spannung geladen. … Erst seit 1344 residierte in Prag neben dem König von Böhmen auch ein Erzbischof der römischen Kirche." Jenstein fungierte als dritter in diesem Amt.

Erbitterte Machtkämpfe

Sein Widerpart war König Wenzel IV. (auch Wenzeslaus, tschechisch Václav; 1361-1419), der Sohn von Karl IV. (1316-1378), der als bedeutendster Kaiser des Spätmittelalters gilt. Ganz anders Wenzel, der als 16-jähriger die Macht übernahm und schließlich im Jahr 1400 als "unnützer, träger, unachtsamer Entgliederer und unwürdiger Inhaber des Heiligen Römischen Reiches" abgesetzt wurde. "In seinem persönlichen Charakter wird Wenzel als Paranoiker und als Tyrann beschrieben, der mit der Reitpeitsche um sich schlug, seine großen Hunde auf unliebsame Menschen in seiner Umgebung hetzte oder diese sogar aus fadenscheinigsten Gründen hinrichten ließ." Wenzels erste Frau, Johanna von Bayern (1362-1386), mit der er als Kind verheiratet worden war, starb 24-jährig, nachdem sie ein Jagdhund ihre Mannes angefallen hatte. "Er bleibt eine Gestalt ohne sympathische Züge. Politisch muss man ihm vorwerfen, dass ihm trotz seiner Bildung und seiner Wissensneigung sowohl der Realitätssinn als auch das Gespür für die Politik fehlten," urteilt Wikipedia.

Zwischen Kirche und König gab es heftige Auseinandersetzungen um Gerichts-, Benefizial- und Besitzrechte. In einem Verfahren unter dem Vorsitz Johannes Nepomuks traf einen Günstling des Königs der Kirchenbann. Um die Macht des Erzbischofs zu schwächen, wollte Wenzel die Diözese verkleinern. Die finanzielle Basis des neuen Teils sollte das Benediktinerkloster Kladrau (tschechisch Kladruby) abgeben, dessen Abt vor kurzem verstorben war. Rasch ließ der Erzbischof einen neuen Abt wählen, den der Generalvikar in der knappsten möglichen Frist bestätigte. Für den als "rex tyrannus et iniquus" bekannten König waren solche Fälle Anlass für drei gefährliche Drohungen gegen Jenstein und dessen engste Mitarbeiter: "Wenn du irgendetwas vor hast gegen mich oder die Meinen, dann werde ich dich ersäufen …", "…du spielst um deinen Kopf, du und die Deinen, ihr werdet das noch bereuen.", "Dich und dich werde ich ertränken lassen." Bei der Folter werde er herausfinden, "auf welchen Rat das alles gemacht worden ist". Was, ist ein Geheimnis geblieben.

Einen Erzbischof hinzurichten, wäre im 14. Jahrhundert in Mitteleuropa (anders als zuvor in England) nicht möglich gewesen. Der zweite Generalvikar war Mitglied des böhmischen Adels. Der König konnte daher nicht über ihn urteilen, sehr wohl aber über Johannes, der sein Untertan war. Als Rangniederster der Geburt nach, aber Ranghöchster im Amt, wurde Johannes zunächst Opfer des Inquisitionsverfahrens, das den Mitangeklagten erspart blieb. Grund der "peinlichen Befragung" war wohl, dass Wenzel eine Konspiration zwischen dem Erzbischof und seinen Verwandten vermutete - die ihn später zwei Mal gefangen setzten. Beim Verhör wurde das Opfer, vermutlich vom König eigenhändig, mit Fackeln so sehr gebrannt, dass es die Verletzungen nicht überlebt hätte. Ertränken war im Mittelalter für Geistliche die übliche Todesstrafe, der zudem der Charakter eines Gottesurteils zukam: Ertrank der Delinquent, galt seine Unschuld als erwiesen. In der Nacht vom 20. auf den 21. März 1393 wurde der Justizmord vollstreckt und Johannes Nepomuk von der Steinernen Brücke zu Prag in die Moldau gestürzt. Nach einem Monat entdeckte man den Leichnam und bestattete ihn in der Heilig-Kreuz-Kirche. Drei Jahre später fand er seine letzte Ruhestätte im Chorumgang des Veitsdoms am Hradschin. Das Silbergrabmal ist von seltener Pracht und Kostbarkeit.

Kaiserliche Devotion

1733 verfügte Kaiser Karl VI. (1685-1740) die Aufstellung eines Reliquienaltars für Johannes Nepomuk. Den Entwurf zeichnete der Hofarchitekt Joseph Emanuel Fischer von Erlach (1693–1742). Die Ausführung besorgte bis 1736 der Wiener Goldschmied Johann Joseph Würth (+ 1831), von dem auch das Silbergitter in der Mariazeller Gnadenkapelle stammt. 1746 schuf der Prager Künstler J. Seitz die Allegorien der Verschwiegenheit, Weisheit, Kraft und Gerechtigkeit. 1771 stiftete Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) den von vier Silberengeln gehaltenen, roten Damastbaldachin über dem Aufbau.

Der Wiener Kunstsoziologe Gerhardt Kapner hat sich mit der Rolle des Kaiserhauses in der barocken Heiligenverehrung beschäftigt. Hauptquelle seiner Analyse des Nepomukkults war das "Wiener Diarium", Vorläufer der Wiener Zeitung, der ältesten Tageszeitung der Welt. In der Regierungszeit der "drei großen Barockkaiser" Leopold I. (1640-1705), Joseph I. (1678-1711) und Karl VI. (1685-1740) entwickelte sich der Prager Priester damnach zum "Heiligen des Barock schlechthin". Ab 1705 berichtete das "Wiener Diarium" wiederkehrend am 16. Mai, es habe "in der allhiesigen St. Stephans Dom Kirchen das Fest des S. Johann von Nepomuk eine löbliche Böhmische Nation mit dem gewöhnlichen Gottesdienst bey einem großen Zulauff herrlichst begangen." Solche Meldungen erfolgten lange vor der Seligsprechung des "S. Nepomuk". Im Jahr danach, 1722, berichtete das "Wiener Diarium" über ein Hochamt im Stephansdom, dessen Portal eine Nepomukstatue und einer Figur, die das Schweigen symbolisierte, zierten. Die Festpredigt hielt Erzbischof Sigismund von Kollonitz (1677-1751), der wenige Monate später einen Fürstensohn auf den Namen Josephus Adamus Joannes Nepomucenus (Schwarzenberg) taufte. 1723 schrieb das "Wiener Diarium" ausführlich über die Entwicklung des Nepomukkults in Wien. Dieser habe 1689 in der Minoritenkirche begonnen, "also zu einem Zeitpunkt, da die Volksfrömmigkeit Wiens durch das Haus Österreich ihre fortan bleibende Prägung erfahren hatte oder eben im Begriffe war, zu erfahren." Die Pietas Austriaca zeichnete sich durch die Verehrung der Gottesmutter - seit 1665 erhob sich die neue Mariensäule Am Hof - und der Dreifaltigkeit - die Pestsäule am Graben stand vor der Einweihung - aus. "Die Verehrung des heiligen Nepomuk sollte in Hinkunft nicht nur gleichwertig neben das zweifache kaiserliche 'Beyspiel' treten, sondern dieses bei weitem überflügeln", kommentierte Gerhardt Kapner. Zwei Jahre nach der Seligsprechung fand man in der Tageszeitung ein Inserat für ein Büchlein mit Anleitungen zur Nepomukandacht. Die Wiener Kirchen begingen den 16. Mai mit großer Feierlichkeit. In der Leopoldstadt wurde eine Glocke auf Johannes Nepomuk geweiht. Die Hofpfarrkirche St. Michael erhielt eine neue Kapelle mit der drastischen Darstellung des Brückensturzes. Das Kaiserhaus selbst hielt sich in Wien mit der öffentlichen Verehrung zurück, während man in den Städten des Habsburgerreiches das Nepomukfest mit Prozessionen und militärischen Ehren kaiserlicher Regimenter beging. So konstatiert Kapner, "dass die Aktivität von Kaiser und Kirche um so unverhüllter in der Installation des Nepomukkults in Erscheinung tritt, je weiter man sich von den Zentren des Geschehens entfernt. " Daran änderte auch die Heiligsprechung wenig.

In diesem Jahr, 1729, berichtete das "Wiener Diarium" von zahlreichen Solennitäten. "Man feiert 'an der Währinger Linie bei dessen neu aufgerichteter S. Johannes Nepomucenischen Ehrenstatuen', es wird bei den 'an unterschiedlichen Orten allhier aufgerichteten Ehren Saulen grosser Andacht gepflogen', es müssen Feierlichkeiten am Schanzel 'alda wiederholet werden'." Allenthalben (in Niederösterreich, Schlesien, Mähren, Sachsen…) entstanden Säulen und Kapellen. "Auch finden sich in verstärktem Maß wieder die üblichen Begleiterscheinungen: Neue Nepomukgedichte, neue Andachtsbücher, Lotteriegewinne auf Lose seines Namens, Feste der Fakultäten, der Bruderschaften und schließlich auch Warnungen vor den immer zahlreicher bei den Andachten auftauchenden falschen Sammlern."

Universitätscampus, Wien 9. Foto: Doris Wolf
Universitätscampus, Wien 9. Foto: Doris Wolf

Noch 1895 schrieb Rainer Maria Rilke (1875-1926), einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache, über die Statueninflation:

"Große Heilige und kleine
feiert jegliche Gemeine;
hölzern und von Steine feine,
große Heilige und kleine.
Heilge Annen und Kathrinen,
die im Traum erschienen ihnen,
bau'n sie sich und dienen ihnen,
heiligen Annen und Kathrinen.
Wenzel laß ich auch noch gelten,
weil sie selten ihn bestellten;
denn zu viele gelten selten -
nun Sankt Wenzel laß ich gelten.
Aber diese Nepomuken!
Von des Torgangs Luken gucken
und auf allen Brucken spuken
lauter, lauter Nepomuken!"


Legende und Ikonographie

Servitenkirche, Wien 9. Foto: Doris Wolf
Servitenkirche, Wien 9. Foto: Doris Wolf

Erst zwei Jahrhunderte nach seinem gewaltsamen Tod erschien die erste grafische Darstellung des böhmisch-katholischen Heiligen. Ein Bild aus dem Jahr 1599 zeigt den "Beichtiger Johannes" als bärtigen Priester, der einen Rosenkranz hält und vor dem Kruzifix kniet. Weitere Darstellungen entstanden im Gefolge der Gegenreformation nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) unter der Regierung Ferdinand II. (1578-1637) und der Protektion des Prager Erzbischofs Ernst Adalbert von Harrach (1598-1667). Der Prager Erzbischof Matthäus Ferdinand Sobek von Bilenberg (tschechisch Matouš Ferdinand Sobek z Bílenberka; 1618-1675), ein großer Förderer der Rekatholisierung und der tschechischen Sprache, wandte sich 1673 nach Rom, um die Selig- bzw. Heiligsprechung Johannes Nepomuks einzuleiten. Das Verfahren begann erst 1715. Einer der einflussreichsten Gelehrten seiner Zeit, Bohuslav Balbin (1621-1688), ein böhmischer Patriot und Mitglied des Jesuitenordens, verfasste die legendäre Lebensbeschreibung. Von politischen Machtkämpfen ist darin nicht die Rede. Die Legende macht Johannes zum Vertrauten der Königin Sophie (tschechisch Žofie Bavorská; 1376-1425), der ihr Beichtgeheimnis wahrt. Dies hatte der Rektor der Wiener Universität Thomas Ebendorfer (1388-1464) erwähnt. Von einem Heiligen als personifiziertem Gottesbeweis wurden Wunder erwartet. Johannes zeichnete das wunderbare Ereignis aus, dass seine Zunge - als Symbol der Verschwiegenheit - bei der Öffnung des Grabes nach 336 Jahren unverseht erhalten geblieben war. (1972 wurde der Sarkophag erneut geöffnet. Die "unversehrte Zunge" stufte man nun mithilfe moderner Untersuchungsmethoden als Gehirnmasse ein.)

Am Ende des 17. und am Beginn des 18. Jahrhunderts erreichte die Nepomuk-Verehrung ihren Höhepunkt, intensiv gefördert von den Fürsten, Adeligen und geistlichen Würdenträgern in den katholischen Ländern nördlich der Alpen. Mangels zeitgenössischer Darstellungen erscheint der Priester aus dem Mittelalter wie ein kirchlicher Würdenträger der Barockzeit. Die bekannteste und älteste Plastik ist die Bronzestatue auf der Prager Karlsbrücke, die ein Adeliger 1683 als Exvoto aufstellen ließ. Er dankte Johannes Nepomuk für seine Rettung aus Lebensgefahr. Das Modell stammte vom Wiener Bildhauer Matthias Rauchmiller (1645-1686), auf den auch der Entwurf der Wiener Pestsäule zurückgeht. Der Sockel des Denkmals trägt Reliefs mit den Szenen der Beichte der Königin und des Brückensturzes. Die Statue zeigt alle Attribute, die tausendfach wiederholt werden sollten: Kleidung des Domherrn (Talar, Rochett, Almutia, Birett, Stola, Pektorale), Märtyrerpalme, Kruzifix, Nimbus mit fünf Sternen. Sonst trägt nur die Madonna einen Sternenkranz, bei Johannes wird die Fünfzahl mit den Buchstaben des Wortes tacui (ich habe geschwiegen) erklärt.

Sobieskiplatz, Wien 9. Foto: Doris Wolf
Sobieskiplatz, Wien 9. Foto: Doris Wolf

Kunsthistoriker haben eine Reihe von Typen der Freiplastiken zusammengestellt. Beim "Brückentypus" drückt der Heilige das Kreuz an sich, betrachtet es kontemplativ oder blickt visionär in die Ferne. Ein Beispiel dafür ist der 2012 restaurierte "Johannes mit dem Regendach" auf dem Sobieskiplatz in Wien 9. Die Freiplastik stammt aus dem dritten Viertel des 18. Jahrhunderts, doch der Sockel trägt die vergoldete Jahreszahl 1824. Zwischen 1853 und 1862 hieß der Sobieskiplatz nach der (bis 1841 in seiner Mitte befindlichen) Statue Johannesplatz. Wegen der Aufstellung eines Auslaufbrunnens ("Bassena") der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung rückte man sie dann in die Ecke bei der Säulengasse. Nach dem Abbruch der alten Häuser kam sie um die Jahrhundertwende in den Garten der Canisiuskirche (Pulverturmgasse 13), 1965 vor deren Pfarrkanzlei (Lustkandlgasse 34). Mit der Neugestaltung des Platzes Ende des 20. Jahrhunderts kehrte die Statue auf den Sobieskiplatz zurück.

Einen Gegensatz zum Brückentypus bildet der "missionarische Typus", bei dem Johannes das Kruzifix beschwörend in der hoch erhobenen Hand hält - eine demonstrative Geste, wie man sie von Darstellungen des hl. Franz Xaver, einem Mitbegründer der Gesellschaft Jesu, kennt. Johannes wurde 1732 zum zweiten Ordenspatron der Jesuiten. Ein Beispiel dieser Art steht seit 1725 auf dem Melker Marktplatz.


Servitenkirche, Wien 9. Foto: Doris Wolf
Servitenkirche, Wien 9. Foto: Doris Wolf

Der Heilige in der Glorie (auf Wolken stehend, knieend oder sitzend) fand vor allem in Böhmen Verbreitung. Vorbild war eine Statue aus dem Jahr 1692, die das Grabmal im Veitsdom krönte. Zu den Wolken gesellen sich oft Engel, wodurch sich eine Ähnlichkeit zu Maria-Himmelfahrts-Darstellungen ergibt. Noch stärker ausgeprägt ist diese im "Assunta-Typus" des auf der Wolke knieenden Johannes mit ausgebreiteten Armen. Hervorragende Beispiele (auch anderer Szenen aus dem Heiligenleben wie Brückensturz, Beichte der Königin, Skulptur des toten Johannes Nepomuk) finden sich als Stuckreliefs von Giovanni Battista Bussi (1656-1726) in der linken Turmkapelle der Servitenkirche, Wien 9.
Die Legende des Jesuitenpaters Bohuslav Balbin aus dem Jahr 1670 wurde auch bildlich verbreitet. Wichtige Vorlagen für spätere künstlerische Interpretationen lieferte der Augsburger Johann Andreas Pfeffel (1674 - um 1750) 1725 mit einer Serie von 31 Kupferstichen. Texte und Bilder zeigen vielfältige Verflechtungen mit der katholischen Lehre und die geistige Verwandtschaft zu prominenten Heiligen: Die Geburt als Sohn betagter Eltern erinnert an den Namenspatron Johannes den Täufer. Bei der Darstellung als Lehrer stellen sich Assoziationen mit dem Thema des zwölfjährigen Jesus im Tempel ein, das in der Barockzeit sehr beliebt war. Der Typus des prophetischen Predigers war zur Gegenreformation außerordentlich bedeutsam. Als Almosenspender (wie die hl. Elisabeth) genoss der Heilige große Popularität. Beim Mahner des Königs Wenzel ergibt sich eine Parallele zum Auftreten Johannes des Täufers gegen König Herodes. Die Beichte der Königin gehört zu den wichtigsten Stationen der Legende. Die typische Szene, die bei keinem anderen Heiligen vorkommt, ist eine der meist dargestellten und findet sich schon auf dem Relief der Prager Brückenfigur. Ihr Gegenstück ist der Brückensturz, ebenfalls ein spezifisches Thema. Das Gebet beim Kruzifix berührt den Kern der Frömmigkeit, auch Bernhand von Clairvaux oder Karl Borromäus werden bei der Andacht gezeigt. Eine wichtige Beziehung besteht zum Marienkult, wobei das Gnadenbild von Altbunzlau eine besondere Rolle spielt. Johannes soll eine Wallfahrt zum späteren Palladium Bohemiae unternommen haben, um der Muttergottes seine Sterbestunde zu empfehlen. Der verklärte Leichnam auf dem Wasser wurde von himmlischen Lichtern (Sternen) umgeben. Der aufgebahrte Leichnam war als Figur in zahlreichen Kopien verbreitet. Darstellungen in der himmlischen Glorie reihen Johannes unter die wichtigsten barocken Glorien-Heiligen, wie Nikolaus, Leopold oder die Madonna. Schließlich findet er sich als Fürbitter seiner gläubigen Verehrer. "Allgemein erweisen sich die Darstellungen des Johannes von Nepomuk formal
und inhaltlich derart umfangreich, wie es selten bei einem Heiligen anzutreffen ist", schreibt der deutsche Kunsthistoriker Franz Matsche, der feststellt, "dass für seine Darstellungen alle die Typen und Themen adaptiert wurden, die sich in der barocken Kunst als prototypisch für den christlichen Heiligen herausgebildet hatten."

Volksfromme Verehrung

Aufgebahrter Johannes. Foto: Doris Wolf
Aufgebahrter Johannes. Foto: Doris Wolf

Als sich der langjährige Direktor des österreichischen Museums für Volkskunde, Leopold Schmidt (1912-1981), mit dem Nepomukkult beschäftigte, meinte er, man werde überrascht sein, wie viele Zeugnisse volkstümlicher Verehrung noch vorhanden seien, wie kleine Vitrinen mit dem aufgebahrten Heiligen: "Erst nach der völligen Wiedergewinnung Böhmens für Habsburg wurde die Erhebung eines böhmischen Landespatrons zu einer religiös-politischen Notwendigkeit. Als Österreich nach den siegreich durchgefochtenen Türkenkriegen Ungarn neu gewann und damit den hl. Stephan in seiner Funktion als Landespatron Ungarns erkannte, erfasste es auch die Wichtigkeit eines Gegenstückes für Böhmen: Neben den großen heiligen Ungarnkönig trat der böhmische Priester, jeder mit einer namhaften Reliquie dem Volke öffentlich vorgestellt, der eine mit seinem Arm, der andere mit seiner Zunge." So forcierte der Adel die Verehrung nach der Zweiten Türkenbelagerung (1683), Jahrzehnte vor der Heiligsprechung. 1694 ließ Rosina von Herberstein ein Johann Nepomuk-Bild aus Prag in der Grazer Stadtpfarrkirche aufstellen. 1701 ergab eine Befragung, dass "der gemeine Mann den Heiligen nicht kenne, wohl aber manche Adelige ihn verehrten." Nach zwei Jahrzehnten gründeten auch Bürger in verschiedenen Orten, wie in Stein an der Donau (Niederösterreich) Nepomukbruderschaften. Die Heiligsprechung (1729) wurde allenthalben mit größtem Prunk begangen. Der Vizekapellmeister am Wiener Hof, Antonio Caldara (1670-1736) komponierte eine Messe, Oratorien wurden aufgeführt, Lieder gedruckt, Volksschauspiele dargeboten. Der Jesuitenorden förderte die Verbreitung von Figuren, Bildern, Flugblättern und Devotionalkopien. "Nun hat bald jeder Ort seine Statue", schreibt Schmidt, "Das Zeitalter einer neuen Andachtskunst beginnt und es läßt sich in jenem Zeitraum höchstens mit der Dreifaltigkeitsverehrung vergleichen, die zur Zeit der großen Pest zur Errichtung der Pestsäulen in Stadt und Land geführt hatte. … Es ist ein einziges Zauberreich der Imagination: Einmal geschaffene Prototypen werden ununterbrochen vervielfacht, ohne deshalb nach mechanischer Reproduktion auszusehen."

Das "Regulierte, beinahe Genormte" zeigt sich auch beim religiösen Hausschmuck. Als Haupttypus nennt Leopold Schmidt den stehenden Priesterheiligen mit dem Kruzifix im Arm, als farbig gefasste, manchmal vergoldete Holzplastik. Andere Darstellungen zeigen ihn auf seinem Sarkophag sitzend, als Triumphator über den Tod. Hinterglasbilder illustrieren die Wallfahrt nach Altbunzlau, wobei das Jesuskind die Schweigegebärde macht. Dem Ideal der Symmetrie folgend, suchte man nach passenden heiligen "Geschwistern". Da gab es dann den Priester Johannes Nepomuk und den Kardinal Karl Borromäus, oder eine Doppelgruppe mit Antonius von Padua, von dem auch eine Zungenreliquie erhalten blieb, allerdings als Symbol der Beredsamkeit. In Haushalten fanden sich häufig Hinterglasbilder, Kupferstiche, Kleine Andachtsbilder, Einblattdrucke, Gebete und Lieder, von denen etwa 50 bekannt sind. Nepomukszungen aus Wachs trugen auf der Rückseite die Beichtszene abgebildet. Als Klosterarbeit waren sie mit Goldflitter, Dekor und winzigen Berührungsreliquien versehen. Silberne Nepomukszungen dienten als amulettartige Anhänger auf Rosenkränzen. Die Angst vor "falschen Zungen", böser Nachrede und Verleumdung, war zur Barockzeit weit verbreitet und der Wunsch nach Schutz davor verständlich.

In Wien schützte seit 1704 (bis 1894) der Linienwall die Vorstädte und bildete eine markante Grenze zu den außerhalb gelegenen Vororten. Er wurde auf Vorschlag von Prinz Eugen (1663-1736) nach Plänen des Hofmathematikers Johann Jakob Marinoni (1676-1755) gegen die bedrohlichen Einfälle der Kuruzzen errichtet. Da alle Wiener zur Schanzarbeit verpflichtet waren und etwa 1000 Personen gleichzeitig arbeiteten, dauerte der Bau weniger als vier Monate. 1738 wurde der Wall mit Ziegeln aufgemauert. Er umgab die Stadt halbkreisförmig vom Donaukanal bei St. Marx bis Lichtental. Der Linienwall verlief in Ecken und Winkeln und hatte eine Länge von ca. 13 km. An den wichtigsten Ausfallsstraßen gab es Brücken über den vorgelagerten Graben, Tore, Kapellen und ärarische Gebäude. Die Linienkapellen waren dem Brückenheiligen Johannes Nepomuk geweiht. Die übergiebelten, kleinen Zentralbauten mit quadratischem Grundriss standen ursprünglich in der Nähe der Linienämter Am Tabor (1728), St. Marx (vor 1729), Favoriten (1757), Matzleinsdorf (1748), Am Hundsturm (1759), in Mariahilf (Mitte 18. Jahrhundert), Lerchenfeld (1766), Hernals (Mitte 18. Jahrhundert), Währing (1740) und Nußdorf (1779). Nur die Kapellen Am Hundsturm und Am Tabor blieben (verändert) erhalten. Die Hundsturmer Kapelle büßte ihren flankierenden Figurenschmuck aus acht lebensgroßen Heiligenplastiken ein. Die Kapelle Am Tabor wurde mehrfach versetzt. Darin befindet sich die Figur in der Glorie mit zwei Putten, Märtyrerpalme und Buch als Attributen. Im Mai 1732 berichtete der Theologe und Geschichtsschreiber Matthias Fuhrmann: "In diesem und nachfolgendem Monat wurden nun wiederum verschiedene Solennitäten und Andachten mit höchster Feyerlichkeit zu Ehren des Hl. Joannis Nepomuceni gehalten. Sonderlich beim Schäntzel vor der Stadt an den Donau-Armb wo Abends um 6 Uhr den 12. Juni mit 3 Chör Trompeten und Paucken auf der Donau das Signal zur Predigt und übriger Andacht gegeben worden."

Johanneskapelle, Wien 9. Foto: Doris Wolf
Johanneskapelle, Wien 9. Foto: Doris Wolf

Am Währinger Gürtel steht bereits die dritte Johannes-Nepomuk-Kapelle. Die Rektoratskirche ist die Gottesdienststätte einer engagierten, kleinen Gemeinde und ein architektonischer Geheimtip. Ihr Architekt war Otto Wagner (1841-1918). Die Kapelle gilt als Modell seiner Kirche Am Steinhof und "Auftakt zum Bau der Wiener Stadtbahn", deren Viadukten sie unmittelbar benachbart ist.

Auf der Hohen Brücke über den Tiefen Graben in der Inneren Stadt erhob sich ein Kapellenbau, vermutlich ein Werk des Fürstlich Liechtenstein'schen Hofarchitekten und Geschützhauptmanns der Stadt Wien, Anton Ospel (1677-1756), "eine von sechs korinthischen Säulen und rings umher von Glas umgebene kleine Capelle, in welcher der heil. Johannes v. Nep. in Alabaster gehauen, zu sehen ist; dabei befindet sich ein kleiner Altar, worauf zu gewissen Zeiten Messe gelesen wurde. Das ganze Werk ist sehr kostbar … Bei dieser Capelle sollen viele Wunder geschehen sein, die in einer Brochüre gesammelt wurden," heißt es 1846 im Curiositäten- und Memorabilien-Lexicon von Wien. Wenige Jahre später, 1858 verschwand die um 1720 errichtete zierliche Kapelle beim Umbau der Hohen Brücke.

Die Johanneskapellen waren am 16. Mai und dem Vorabend des Festes Schauplätze religiöser Bräuche. Man feierte zahlreiche Andachten zu Ehren des Priesterheiligen. Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865) hat 1843 eine "Johannisandacht in Sievering" festgehalten. Ländlich gekleidete Frauen und Kinder lauschen dem Vorbeter, der unter der Statue aus dem Gebetbuch liest oder singt. Drei Jahre davor erfuhr man aus dem Curiositäten- und Memorabilien-Lexicon: "Am Tage des Landespatrons von Böhmen, Johannes von Nepomuk, werden in Wien bei 300, demselben gewidmeten Statuen und Capellen, von Privaten veranstaltete, sogenannte Nepomucenus-Andachten gehalten, meistens durch acht Tage fortgesetzt, und an vielen Orten mit großem Pompe begonnen und geschlossen." Das bürgerliche Publikum besuchte Aufführungen von Barockdramen, wie sie das Jesuitentheater darbot. Später übernahmen Wanderbühnen, Laiengruppen und Puppenspieler die Nepomukschauspiele, die sie durch lustige Redensarten, heitere Lieder und Spaßmacher erweiterten.

Rossauerbrücke, Wien 9. Foto: Doris Wolf
Rossauerbrücke, Wien 9. Foto: Doris Wolf

Ein anderer Brauch war das Lichterschwemmen, das vor dem 18. Jahrhundert zu Terminen wie Maria Lichtmess, Sonnenwende oder am Luzientag stattfand. "Da man das Fest mit städtischen 'Illuminationen' feierte, den Namen des Heiligen auf Transparenten erglänzen ließ, lag die Heranziehung der altvolkstümlichen Beleuchtung der fließenden Gewässer nahe", schreibt Leopold Schmidt. "Und dies um so mehr, als ja der Heilige in die Moldau gestürzt worden war, und der Legende nach bei seiner Auffindung fünf goldene Sterne um sein Haupt schwammen. Da konnten Legende und Brauchgestaltung direkt ineinandergreifen und frühsommerliche Feste entstehen lassen."

Aus diesem Anlass dichtete J.W. Goethe (1749-1832) unter dem Titel "St. Nepomuks Vorabend" 1820 in Karlsbad: "Lichtlein schwimmen auf dem Strome,
Kinder singen auf der Brücken,
Glocke, Glöckchen fügt vom Dome
Sich der Andacht, dem Entzücken.
Lichtlein schwinden, Sterne schwinden;
Also löste sich die Seele
Unsres Heilgen; Nicht verkünden
Durft er anvertraute Fehle.
Lichtlein, schwimmet! Spielt, ihr Kinder!
Kinderchor, o singe, singe!
Und verkündiget nicht minder,
Was den Stern zu Sternen bringe!"


Quellen:
Curiositäten- und Memorabilien-Lexicon von Wien, von Realis. Wien 1846
Ausstellungskatalog Johannes von Nepomuk. Passau 1971
Walther Brauneis: Johannes von Nepomuk - Ikonographie und Verbreitung. In: Wiener Geschichtsblätter 4/1971
Alfred Wolf: Auf jedem Steg, auf jeder Bruck… In: Das Heimatmuseum Alsergrund Nr. 50/ März 1972
Gerhardt Kapner: Barocker Heiligenkult in Wien und seine Träger. Wien 1978
Otto Wimmer, Hartmann Melzer: Lexikon der Namen und Heiligen. Innsbruck - Wien 1988
Wikipedia
http://www.werfring.org/museumsstuecke/der-polierte-hund.html
http://www.heiligenlexikon.de/
http://www.1133.at/document/view/id/89
http://www.salzi.at/spezial/Nostalgie/JohNepomuk.htm

Aus dem Buch Eisenbahn und Kirche (Hg. Christoph Schönborn und Gerhard H. Gürtlich) Wien 2013