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Helga Maria Wolf

Der Asket als Weinpatron#

Martini-Umzug in Wien-Hernals. Foto: Doris Wolf
Martini-Umzug in Wien-Hernals. Foto: Doris Wolf

"In der heiligen Martininacht wird der Most zum Wein gemacht", heißt es seit Jahrhunderten. In den vergangenen Jahrzehnten sind Bräuche wie Weintaufe oder Martiniloben wieder modern geworden.

Martinus (316/317 - 397) wurde als Sohn eines römischen Tribunen in Sabaria (Szombathely / Steinamanger, Ungarn) geboren. Schon als Fünfzehnjähriger Soldat in der kaiserlichen Armee, ließ er sich mit 18 Jahren taufen. Anno 371 rief ihn das Volk zum Bischof von Tours (Frankreich) aus. Als Wanderprediger bereiste er Frankreich und Deutschland und starb auf einer Pastoralreise. Martin wurde als erster Nicht-Märtyrer (Confessor) in die römische Liturgie aufgenommen. Das Heiligengedächtnis wird seit dem 5. Jahrhundert am 11. November begangen.

Ein beliebtes Motiv der abendländischen Kunst ist die Szene der Mantelteilung: Als Soldat teilt Martin seinen Mantel (Cappa) mit einem Bettler, der sich in einer Vision als Jesus zu erkennen gibt. Von der Cappa, die als Reliquie am Hof der fränkischen Könige in einem eigenen Raum aufbewahrt wurde, leiten sich die Bezeichnungen Kapelle und Kaplan ab. Gregor von Tours (538-594), der siebente Nachfolger Martins als Bischof und bekannter Geschichtsschreiber der Franken, berichtete über das Weinpatronat. Martin hätte einen Wunder wirkenden Weinstock gepflanzt. Einem armen Fährmann hätte er Wein geschenkt, damit dieser wie alle anderen am Epiphaniastag feiern konnte. Mit Wasser, das man auf das Grab des Heiligen stellte, sollen sich Weinwunder ereignet haben.

Dennoch wirkt es seltsam, dass ausgerechnet Martin von Tours, der nach dem Zeugnis seiner Biographen asketisch gelebt hat, nicht nur zum Patron des Weins und der Winzer, sondern auch der Zecher und Vaganten geworden ist. Dies hängt wohl weniger mit seiner Person, als mit dem Datum des Gedenktages zusammen. Martini am 11.11. galt als Abschluss der herbstlichen Erntearbeiten, Zinstermin und Tag des Gesindewechsels. Danach kam der Advent als Fastenzeit. Die ausgelassenen Feiern am Tag bzw. am Vorabend fanden ihre Parallele am Faschingdienstag, nach dem am Aschermittwoch die 40-tägige vorösterliche Fastenzeit beginnt. In der christlichen Tradition Galliens bestand die Quadragesima Sancti Martini, die vom 12. November bis zum Epiphanietag währte. 581 bestimmte die erste Synode von Mâcon (Frankreich): "Vom Tag des hl. Martin bis Weihnachten muss am Montag, Mittwoch und Freitag jeder Woche gefastet werden. Das Opfer ist nach Art der Quadragesimalzeit zu feiern. Auch sollen die Canones (Verordnungen) verlesen werden, damit niemand bei einem Fehler Unwissenheit vorschützen kann."

Martin, so wird überliefert, macht Wasser und Most zu Wein, den Sturm zum Heurigen und den Heurigen zum Alten. Ab Martini darf man damit anstoßen und "Prost" sagen. Der langjährige Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde, Leopold Schmidt (1912-1981), verweist auf die Gebräuche zu den herbstlichen Heiligenfesten, die zugleich alte Zinstermine waren und vor allem in den Klöstern gefeiert wurden. Darüber hinaus "haben die Bauern daran Anteil genommen, und bei ihnen sind wesentliche Züge später noch bewahrt worden. … Dazu gehört der festliche Trunk, das 'Martiniloben', das als Erinnerung an eine alte Martinsminne angesprochen werden darf. … Der Trunk selbst, dieser Martinitrunk, war auch brauchmäßig festgelegt, er wurde offenbar vielfach von den Gemeinschaften ihren Untergebenen als termingerechter Lohn gegeben. … In Neusiedl an der Zaya und im benachbarten Südmähren hat man eine Zeitlang einen Umzug mit dem Martinslied 'Heint ist die heilige Martininacht / Da wird der Most zu Wein gemacht' durchgeführt. "

1984 - zum 200. Jahrestag der Zirkularverordnung, mit der Kaiser Joseph II. den Weinhauern erlaubte, Eigenbauwein im eigenen Haus ohne besondere Lizenz auszuschenken - gab es im "Langen Keller" von Friedl Umscheid in Herrnbaumgarten erstmals das Martiniloben. Zum 20. Fest hieß es: "Bei der Weintaufe dabei zu sein, gilt als eine der größten Auszeichnungen, die ein Weinhauer aussprechen kann. Die Feier im familiären Kreis wurde und wird bereichert durch das Einladen der Nachbarschaft, der Leser, der Abnehmer und der 'Lober'. Der Lobspruch auf den jeweils zu lobenden Wein wird alle Jahre unter dem Namen des Paten im Kellerbuch vermerkt. Am 1. November 1781 hob Kaiser Joseph II. durch das 'Untertanenpatent' in den böhmischen Ländern die Leibeigenschaft auf. Die Bauern hatten nun das Recht auf eigenen Grund und Boden und somit auch die Möglichkeit, eigenen Wein anzubauen und mit diesem zu handeln. Was den Weinbauern aber noch fehlte, war die nötige Erfahrung des 'Händels mit Wein und Feldfrüchten'. So mancher Hauer bat nun seinen ehemaligen Dienstherrn oder auch die hohe Geistlichkeit, für die heurige Ernte 'gradzustehen'. Die nun so genannten Weinpaten sorgten somit auf ihre Art für den Absatz des köstlichen Tropfens. … Martini ist, nach wie vor, der früheste Termin, die Qualität des neuen - noch namenlosen - Weines zu beurteilen und ihn somit auch beim neuen Namen zu nennen, ihn zu loben." Bei den "Weintaufen", die nun vielerorts stattfinden, treten nicht nur - mehr oder minder prominente - Paten in Aktion, sondern auch Priester.

Sie taufen den Wein nicht, sondern segnen ihn - wie die mittelalterliche Martinsminne. Wie bei Festen anderer Heiliger (Gertrud von Nivelles, Johannes Evangelist, Johannes der Täufer, Erzengel Michael, Sebastian, Stephan, Urban, Ulrich von Augsburg) wurde zu Martini in der Kirche benediziert und zu deren Ehren getrunken. Das Minnetrinken war ein alter - seit karolingischer Zeit - belegter und weit verbreiteter Brauch. Man erhoffte sich von dem Getränk Hilfe in schwierigen Lebenssituationen und einen guten Tod. Die Minne sollte vor Zauberei, Vergiftung, Ertrinken und Blitzschlag schützen, Männer stark und Frauen schön machen. Sie war Medizin, Abschiedstrunk, Brautsegen, Schutz für Wein und Landwirtschaft - ein Universalmittel für und gegen alles.

Wo man reichlich Wein trinkt, darf die passende "Unterlage" nicht fehlen, zu Martini ist es die Martinigans. Sie hat noch weniger mit dem Bischof zu tun als der Wein. Die ätiologische Sage aus der Bretagne, wonach schnatternde Gänse das Versteck des Heiligen verraten hätten, in das er sich zurückzog, um der Bischofswahl zu entgehen, ist jünger als der Brauch. Auch ihm liegen der (nach Michaeli wichtigste) bäuerliche Zinstermin und das Festmahl zugrunde. Leopold Schmidt schreibt: "Der Bauer mit der Zinsgans ist eine stehende Figur der mittelalterlichen Bildvorstellungen geblieben … Die Martinsgans kam gerade zur Feier der verschiedenen Herbstfeste zurecht. Mußte schon der Gänsezins entrichtet werden, so aß man den Gänsebraten bei den Schlußfesten der Lese- wie der Preßarbeit im Weinbau auch selbst … Solche festliche Gänseessen dürften im klösterlichen Bereich schon seit dem 12. Jahrhundert üblich gewesen sein … beispielsweise in Spitz und Krems, wo jeweils von der 'Preßgans' berichtet wird."

Im späteren Mittelalter und in der frühen Neuzeit fand die Martininacht in zahlreichen Liedern und Dichtungen Niederschlag. So reimte der als Mönch von Salzburg bekannte, anonyme Dichter des 14. Jahrhunderts: "Martin, teurer bester, jetzt lass' uns fröhlich sein… sollst uns die Gäns' vermehren, und auch den kühlen Wein …"

Erschienen in: Schaufenster Kultur.Region, 2014