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Muttertag#

Foto: Doris Wolf

„In den USA werden die finanziellen Aufwendungen für den Muttertag nur durch Weihnachten übertroffen. Nach den Schätzungen der nationalen Einzelhandelsvereinigung werden im Durchschnitt 172 US-Dollar (ca. 156 Euro) pro beschenkter Mutter ausgegeben“, weiß Wikipedia und nennt als Vergleichszahl für Deutschland 25 Euro. In Österreich sollen es 44 Euro sein, summa summarum 116 Millionen Euro. Der große Volkskundler Leopold Schmidt (1912–1981) zählte den Anlass zu den „Bräuchen des schlechten Gewissens“, denn wie sollte man mit einem Geschenk an einem Tag die Mühe, Sorge und Liebe an den 364 (oder heuer 365) anderen Tagen des Jahres kompensieren?

Der Muttertag, in den USA erfunden, wird in mehr als 50 Ländern der Welt begangen. Die Amerikanerin Anna Jarvis (1864–1948) aus West-Virginia feierte den Todestag ihrer Mutter mit besonderer Dankbarkeit. Diese, Ann Marie Reeves Jarvis (+ 9. 5. 1905), hatte als Gattin eines Methodisten-Predigers elf Kinder und setzte zahlreiche soziale und humanitäre Initiativen. Der von ihr gegründete Verein forderte im amerikanischen Bürgerkrieg dazu auf Verwundete beider Seiten zu pflegen, bekämpfte die Kindersterblichkeit und organisierte Haushaltshilfen für kranke Mütter. Ihre Tochter Anna organisierte 1907 in der Kirchengemeinde die erste Feier zu Ehren der lebenden und zum Gedenken an verstorbene Mütter. Ihre „Memorial Mother’s day meetings“ fanden rasch Nachahmer und wurden zum Schenkanlass. Die Erfinderin wandte sich zeitlebens gegen die fortschreitende Kommerzialisierung und hätte den Tag am liebsten wieder abgeschafft.

1917 kam der Muttertag über die Heilsarmee in die Schweiz. In Deutschland wurde er zunächst mit den Opfern der „Weltkriegsmütter“ verbunden, in den zwanziger Jahren löste er sich aus diesem Zusammenhang. Arbeiter, Bauern und Katholiken blieben skeptisch gegen den neuen „Tag“. Brauchträger waren wohlhabende Bürger in den Städten, unterstützt von den evangelischen Kirchen. In Österreich engagierte sich Marianne Hainisch (1839–1936) für die Einführung des Muttertags, der hier seit 1924 gefeiert wird. Hainisch war die Gründerin der österreichischen bürgerlichen Frauenbewegung, Friedensaktivistin und Mutter des ersten Bundespräsidenten der Republik Österreich, Michael Hainisch. Ein zweiter von ihr initiierter Tag, der "Tag des guten Willens", fand hingegen keine Resonanz in der Öffentlichkeit.

1933, als der Muttertag in Deutschland zum offiziellen Feiertag erklärt wurde, bemächtigten sich die Nationalsozialisten des Brauchs. Sie funktionalisierten den Feiertag im Sinne ihrer Ideologie um und erfanden Lieder und Hymnen, um die Opfer- und Leidensbereitschaft der Mütter für "Volk und Vaterland" zu preisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden diese ideologischen Überbauten nur allmählich aus den Schulbüchern. Doch gab es auch Familien, in denen der Muttertag quasi verboten war, weil sie ihn als mit der NS-Zeit konnotiert sahen.

Mit zunehmender Kommerzialisierung wuchs die Kritik am "Festtag der Mütter". So forderten Anfang der 1970er Jahre viele Frauen "Rechte statt Rosen". In Österreich konnte sich in den 1990er Jahren der, von der katholischen Kirche unterstützte, Vorschlag der damaligen Familienministerin nicht durchsetzen, alternativ einen "Elterntag" oder "Tag der Familie" zu begehen. 2014 sprach sich ein Viertel der Bevölkerung in einer Umfrage für die offizielle Abschaffung des Muttertags aus, für jede/n Zweiten erschien er "wichtig". Die meisten Befragten feierten ihn "aus Tradition", jede/r Zweite kaufte Geschenke, meist Blumen, Süßigkeiten oder Kosmetika. Jede/r Dritte bereitete das Frühstück oder Mitagessen zu, jede/r Vierte unternahm einen Ausflug mit der Mutter oder Oma. Gefragt wurde, laut "Die Presse", auch nach der Einstellung zum Vatertag. Dieser war nur 31,6 % der Befragten wichtig, doch weniger der Brauch (35,9%), als die Anerkennung standen im Vordergrund (36,3%). Die Pro-Kopf-Ausgaben lagen ein Drittel unter jenen für den Muttertag.

Die Rolle als (Hausfrau und) Mutter war in traditionellen Gesellschaften unverzichtbar, selbstverständlich, aber nicht so wertgeschätzt, wie es die Frauen verdient hätten. Noch wesentlich schlechter als den verheirateten erging es den ledigen Müttern. Sie hatten außer der Arbeitsbelastung auch noch das soziale Stigma zu tragen. Sie waren aus der so genannten Dorfgemeinschaft ausgestoßen und ihre Söhne hatten keine Chance, jemals in eine Handwerkzunft aufgenommen zu werden.

„Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der bei weitem breitesten Teile der Bevölkerung wird von den Verheirateten getragen. Das Tun der Kinder, das Heranreifen der Halberwachsenen bedeutet nur Vorbereitung und Überleitung“, stellte Leopold Schmidt fest. Auch für Niederösterreich galt: „Die Burschen warten darauf, als selbständige Männer handeln zu können, die Mädchen wollen ihren eigenen Haushalt führen und beides ist immer nur zusammen, in der Ehe möglich.“ Er beobachtete, „dass es sich in Niederösterreich ähnlich wie in allen verwandten bäuerlichen Landschaften bei der Eheschließung meist um keine Angelegenheit sentimentaler Liebe handelt. … Man muss sich … im Klaren sein, dass es nicht um Liebe im städtischen Sinn geht." Der langjährige Direktor des österreichischen Volkskundemuseums zitierte einen Pfarrer von Obersiebenbrunn, der 1864 schrieb: „Hat die Braut oder der Bräutigam Geld, so ist dies für den Marchfelder die Hauptsache. Alles andere ist von geringerer Bedeutung.“ Noch ein Jahrhundert später beobachtete hier ein Heimatforscher: „Die Heirat wird meist von den Eltern bestimmt und richtet sich nach dem Besitz des Partners. Am begehrtesten sind Doppelhochzeiten, Gegenheiraten, damit der Besitz beisammen bleibt.“ Man dachte in Generationen, und die Mutter spielte mit der Kindererziehung die Hauptrolle.

Die gemeinsamen Kinder waren Ziel und Krönung einer Ehe. Ein Blick in historische Tauf- und Sterbematriken zeigt, dass es meist viele waren, von denen nur wenige die ersten Jahre überlebten. Der Sorge um ihr Wohlergehen diente schon vor der Geburt eine Reihe „abergläubischer Zusatzversicherungen“. Der deutsche Volkskundler Paul Sartori (1857–1936) nannte eine Reihe von Arbeitsverboten: „Sie darf nicht spinnen, sonst spinnt sie ihrem Kinde den Strick, sie darf keinen Wagen schmieren, sonst wird das Kind schmutzig, sie darf nicht ihre Haare schneiden, sonst kriegt das Kind keine.“ Er wies auch auf Ausnahmen für Schwangere hin, von denen Leopold Schmidt ebenfalls berichtete. So musste ihr der Weinhüter, der die reifen Rebstöcke vor Dieben schützte, erlauben, drei Trauben zu essen, zwei für sich und eine für das Kind. Auch in fremden Obstgärten durfte sie ungestraft die schönsten Früchte pflücken.

Bei Geburten halfen Verwandte, Nachbarinnen und Hebammen. Sie kamen in den nächsten Tagen wieder „Kindl-Anschauen“ und brachten der Wöchnerin Lebensmittel. In der Korneuburger Gegend bekam die Mutter eines Buben einen Hühnerbraten, wenn es ein Mädchen war, Mehlspeisen. Die Taufe wurde rasch gespendet, möglichst am gleichen Tag. Die Mutter konnte noch nicht mitgehen, sie kam erst, meist nach einer Woche, zum „Aussegnen“ oder „Fürsegnen“ in die Kirche. Das war dann oft der Anlass für ein Fest, das „Kindlmahl“, das mehrere Tage in Anspruch nehmen konnte und zu dem viele Gäste eingeladen waren. 1654 gebot die Herrschaft Wallsee, der Schmaus dürfe nur einen Tag dauern und höchstens vier Gerichte umfassen.

Für die Mutter auf dem Land begann bald wieder der Alltag. Das Baby nahm sie zur Feldarbeit mit oder überließ es der Obhut seiner älteren Schwestern. Die Situation vieler Familien in Niederösterreich unterschied sich wohl wenig von der, die ein Deutscher 1858 schilderte: „Die Familie bestand aus Vater, Mutter, Vatersbruder und sieben Kindern. Alle Erzeugnisse des Guts wurden in der Familie verbraucht und selbst der Überfluss nie verkauft. … Meine Mutter hatte sich eines kerngesunden Körpers und eines stets heiteren Sinns zu erfreuen. … Noch im hohen Alter hielt sie die Gewohnheit fest, zuerst aufzustehen und zuletzt zu Bette zu gehen. … Bei den Nachbarinnen, denen sie eine teilnehmende Ratgeberin und eine werktätige Helferin war, stand sie in großer Achtung; sie war ihnen eine Autorität.“

Erschienen in "Schaufenster Kulturregion", Mai 2016