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Helga Maria Wolf

Perchten#

Perchtenlauf im Uni-Campus Wien 9, 2014, Foto: Doris Wolf
Perchtenlauf im Uni-Campus Wien 9, 2014, Foto: Doris Wolf

Wenn von "Brauchtum" die Rede ist, sind die Perchten nicht weit. Laut und gruselig drängen sie sich in den Vordergrund, und werden dann gern als "uralt", "heidnisch" und "kultisch" beschrieben. Wenn dies auch noch (oder schon wieder) populär klingt, ist es doch falsch. Vielmehr handelt es sich um eine „Vernetzung vielschichtiger Einflüsse unterschiedlichster Herkunft mit deutlichen Wandlungen“, denen eindimensionale oder ideologische Deutungen nicht gerecht werden, wie die Salzburger Ethnologin Ulrike Kammerhofer-Aggermann betont.

Das Wort Percht deutet auf den Festtermin Epiphanie (6. Jänner) hin, wobei die Maskengestalt sowohl die leuchtende Personifikation dieses Festes als auch seine Verkehrung ins dunkle Gegenteil bedeuten kann. Der Begriff bezeichnet unterschiedlichste Gestalten: Frau Percht, die stille, schwarz-weiß verhüllte Frau, die am Vorabend des Dreikönigstags im Salzburgischen die Häuser kontrolliert und zahlreiche dem Fasching zuzurechnende Schönperchten, deren "Kappen" Spiegel zieren. Die Glöckler im Salzkammergut mit ihrem riesigen, beleuchteten Kopfputz gehören ebenso zu der großen Familie, wie die die erstmals 1597 erwähnten Tiroler Figuren der Schemenläufe im Fasching.

Die jüngsten Familienmitglieder sind die "Krampusperchten", die an die Teufel der Nikolausspiele erinnern, aber schauriger ausfallen als ihre Vorbilder. Je hässlicher, umso jünger sind meist die Masken. Dabei finden sich 20 Kilo schwere, aus Holz geschnitzte neben Kautschuklarven, die an Aliens erinnern, Fellkostüme neben solchen aus Plastik. Der einschlägige Handel bietet auch Handschuhe mit Kunststoffkrallen an. Im Internet finden sich weitere Sonderangebote für Hörner, Felle, Kuhschwänze oder Maskenrohlinge. Ausführende sind Mitglieder von (Sport-)vereinen, die oft mit pyrotechnischen Effekten professionelle Shows darbieten.

Wenn sich auch die Veranstalter der jungen Gruppen auf möglichst alte Traditionen berufen, sind ihre Selbstdefinitionen "nicht kategorisierbar, wissenschaftlich überprüfbar oder untermauerbar", wie Ulrike Kammerhofer-Aggermann feststellt. Um die Jahrtausendwende fand sie bei einer Fragebogenaktion im Salzburger Land mehr als 160 "Krampuspassen", die meisten um 1990 gegründet, und mit steigender Mitgliederzahl. Doch zeigt schon ein flüchtiger Blick ins Internet, dass sich der alt-neue Brauch auch in Niederösterreich großer Beliebtheit erfreut. Die Berndorfer Perchten konstituierten sich schon 1986 und zeigen dem Publikum in ihrer "Perchtenkammer" an die 100 Krampus- und Hexenmasken. 1998 fand sich eine Jugendgruppe zum Krampusklub Steinabrückl zusammen, aus dem 2005 die Steinabrückler Höhlturm Teufeln entstanden. Der Perchtenverein Wilhelmsburg besteht seit 2000. Seine derzeit 35 Mitglieder organisieren alljährlich am 7. Dezember eine Veranstaltung, an der zuletzt 15 Gruppen aus drei Bundesländern, mit 300 Personen teilnahmen. Das Programm umfasste auch eine "Hexenverbrennung" und Aftershowparty. 2005 konstituierte sich der Perchtenverein Kreuzberg-Schwarzatal mit 35 Mitgledern. Die Lichtenwörther Klachlteufeln wurden 2007 gegründet und haben derzeit 36 Läufer. Ihr "Höllisches Spektakel" fand 2014 zum sechsten Mal statt. Mit 50 Gruppen und mehr als 800 Mitwirkenden zählte es zu den größten Österreichs. Der 2007 gegründete Krampusverein Leiben hat inzwischen 80 Mitglieder. Die Ulmerfelder Schlossteufel fanden 2008 zusammen. Die Sonntagberger Voralpenteufel (2009 gegründet) vereinen 50 Aktive. Im selben Jahr entstanden die Ybbstaler Schluchtenteufel. In Amstetten gibt es seit 2011 die Feuerteufel, derzeit 53. Zu den 18 Mitgliedern der 2014 in Loipersbach gegründeten Erzherzog-Teufels- Garde gehören auch Kinder.

Typische Auftrittsmöglichkeiten sind so genannte Perchtenläufe oder Krampusshows, die zwischen November und Jänner stattfinden. Der erste Ybbsitzer Perchtenlauf bestand 2010 aus rund 250 Masken. 2012 fand der dritte Lunzer Perchtenlauf statt, organisiert von den “Liunze in Montanis Perchten” mit etwa 20 Gruppen aus Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark. In Weinburg, dem "Tor zum Pielachtal", fanden sich 2012 die ersten Läufer zum Event ein. Bei der zweiten "Perchtennacht" in Puchberg sorgten 2013 die Grünbacher Bergwerksteufel und 15 Gruppen mit 160 Masken zu Gunsten der Freiwilligen Feuerwehr und der Bergrettung für "schaurige Shows". In Neulengbach war 2014 zum dritten Mal "der Teufel los", mit der Laabental Pass und den Marchegger Teufeln. Im selben Jahr traten in Herzogenburg drei Gruppen auf. 2014 feierten die Penker Bergteufeln Premiere. Im selben Jahr organisierten die Ötscherteufel mit einem Dutzend weiterer Gruppen ein "Perchtenerwachen". Anders als geplant, hat sich der„Gaminger Rauhnachtslauf“ nicht als winterliches Highlight in der Region Kulturpark Eisenstraße etabliert. Nach einem Jahr Pause soll er im Jänner 2016 zum zweiten Mal stattfinden. Die Carnuntum Perchten können 2015 auf zehn Auftritte verweisen. Zur Neunkirchner Perchtennacht kommen 2015 rund 25 Gruppen mit 350 Masken. Seit einigen Jahren sind Krampusperchtengruppen gerne gesehene Gäste in Wiener Einkaufsstraßen und Shoppingcenters, wie die Marchegger Teufel, der Krampusverein Fischamend oder die Brauchtumsgruppe St. Veit an der Triesting.

Im Perchtenbrauch finden sich viele europäische Verwandtschaften, Einflüsse höfischer Tänze, des italienischen Karnevals und Theaters, des Volksschauspiels, Kostüme der Handwerker, die sich in der Renaissance in allen großen Städten ähnelten. In den Schiachperchten (hässliche Masken) lassen sich Relikte der Katechese des Mittelalters erkennen. Frau Perchta mit der langen Nase erscheint – gleichgesetzt mit der sündigen Welt – in Codices und Holzschnitten. Ausgehend von der Zweistaatenlehre des hl. Augustinus im 4. Jahrhundert kontrastierten Generationen von Predigern zwei Modelle: die Cupido-Gemeinschaft (Civitas diaboli), wie sie die Maskengestalten vorstellten und die Caritas-Gemeinschaft (Civitas dei), die keine Masken brauchte. Manche Schönperchten lassen sich so als Symbol der Hoffart und Schnabelperchten im Hinblick auf üble Nachrede deuten.

Zwischen 1664 und 1792 sahen die Salzburger Erzbischöfe in den Maskierungen Gelegenheiten für revolutionäre Handlungen, Unruhe und Unsittlichkeit. Verbote und Gerichtsprotokolle zeigen, dass im Rahmen von Perchtenläufen Kritik an Mitbürgern und Obrigkeiten geübt wurde. Bei Rügebräuchen der Burschen, der Standesgruppe der unverheirateten Männer, trat die Funktion der sozialen Kontrolle hervor. Heimliche Liebschaften, geizige Bäuerinnen und strenge Bauern wurden öffentlich gerügt und Rivalitäten zwischen Burschen und Bauern ausgetragen. Im 18. Jahrhundert waren Perchten oder Hexen mit Besen und Scheren, Harlekin oder Hanswurst, Pater und Teufel, Bettelmann und Bettelweibel zu einem bunten Zug unter dem Namen „Masken“ oder „Perchten“ vermischt.

Nachdem sich die meisten Gruppen bis zum 19. Jahrhundert aufgelöst hatten, wurden die Verbote aufgehoben. Selten geworden, fanden dann alte Bräuche, Sitten und Trachten neues Interesse. 1837 bildete der Auftritt der Gasteiner Perchten (seit 2011 als immaterielles Kulturerbe auf der UNESCO-Liste verzeichnet) „die“ Attraktion beim Besuch des Kaisers. Nationale Strömungen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trugen dazu bei, dass Bräuche wie die Perchtenläufe gepflegt wurden. "Heute präsentiert sich der 'Perchtenbrauch' in vielerlei Gestalt. Seine Pole sind Traditionspflege und Kommerz, dazwischen liegen atavistische Sehnsüchte, Vergnügen der Jugendlichen, Publikumsbelustigung und touristisches Spektakel," schreibt Kammerhofer-Aggermann. Sie passen zur Eventkultur und Spaßgesellschaft und könnten ruhig auf ihre phantasievollen Zuschreibungen verzichten. Aus allen, seit dem 16. Jahrhundert erhaltenen, Beschreibungen geht eindeutig hervor, dass die Beteiligten ihr Tun nie als "kultisch" verstanden.

Erschienen in "Schaufenster Kulturregion" Dezember 2015