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Alfred Wolf#

9 Wege im 9.#

7. AUF DEM SCHUBERTGRUND#

Weg: U-Bahn Station Währinger Straße - Lustkandlgasse - Löblichgasse - Säulengasse - Sobieskiplatz - Dreihackengasse - Galileigasse - Sechsschimmelgasse - Säulengasse - Nussdorfer Straße - Canisiusgasse - Lustkandlgasse - Pulverturmgasse - Sobieskigasse - Ayrenhoffgasse - U-Bahn Station Währinger Straße

Foto: Doris Wolf, 2010; U-Bahn-Station Währinger Straße

Die an Stelle der einstigen Tore des Linienwalls erbauten Stationsgebäude der Stadtbahn - jetzt U-Bahn - erinnern mit ihren großen Torhallen an diese. Sie führen auch noch deren alte Bezeichnungen nach den Zielorten. Die "Währinger Straße" mit 140 m Länge ist ein typisches Beispiel dafür. Wir verlassen diese Station wieder durch den stadtseitigen Ausgang und stehen am jetzigen Währinger Gürtel auf der Anhöhe der einstigen "Leiten unter dem Dorf Währing", die man später Sechsschimmelberg nannte. Der Sechsschimmelberg war wesentlich steiler als die nach ihm benannte Gasse. Das alte Haus "Bey den 6 Schimmeln" stand auf Sechsschimmelgasse 10 / Sobieskigasse 2. Der Besitzer war im 18. Jahrhundert verpflichtet, als "Lehenkutscher" seine Pferde zum Vorspann für Transporte über die steile Gasse nach Währing bereit zu stellen. Vermutlich besaß er sechs Schimmel, die dann der Gasse den Namen gaben. Als Sonderabgabe hatte er eine Gebühr zur Erhaltung des Armenhauses "Zum blauen Herrgott" (Lazarettgasse 2-4) abzuliefern.

Foto: Doris Wolf, 2010; Lustkandlgasse 11

Wir gehen das kurze und gerade Stück der Sechssschimmelgasse bis zur Lustkandlgasse. Die um 1900 erbauten Zinshäuser haben oft repräsentative, von Kuppeln gekrönte Ecklösungen (z.B. LUSTKANDLGASSE 11), stuckierte Foyers und hofseitige Veranden. Nun biegen wir nach links in die Lustkandlgasse ein.

Auf dem, nach einem Bombenvolltreffer 1953 neu errichteten Eigentums-Wohnhaus LUSTKANDLGASSE 11a erblicken wir die Aufschrift "Schubert-Hof" und im Inneren Bilder des Komponisten.

Auch das gegenüber gelegene Haus LUSTKANDLGASSE 18 / LÖBLICHGASSE 13 wurde ein Opfer des Bombenangriffs vom 22. März 1945 und, im Jahr 1956, neu erbaut. In der Höhe des ersten Stockwerks befindet sich an der Ecke die knieende Gestalt einer Nonne vor der Muttergottes von Robert Ullmann. Eine bekannte Legende erzählt von der Pförtnerin des Klosters, welche dieses unbemerkt verließ. Als sie nach Jahren wieder zurückkehrte, war sie überrascht, dass niemandem ihr Fehlen aufgefallen war. Die heilige Maria selbst hatte bis zur Rückkehr den Dienst der "Himmelspförtnerin" versehen.

Foto: Doris Wolf, 2010; Lustkandlgasse 18 / Löblichgasse 13

Die nach dem langjährigen Bezirksvorsteher Franz Löblich benannte Gasse entstand erst 1898. Als mit der Freigabe des 23 m breiten Streifens der Bauverbotszone innerhalb des Linienwalls diese nach und nach verbaut wurde, entstand LÖBLICHGASSE 14 im Jahr 1905 ein Spital. Die private Heil- und Entbindungsanstalt Sanatorium Hera mit 17 Einbettzimmern wurde nach der Gemahlin des Göttervaters Zeus benannt, die in der griechischen Mythologie als Beschützerin der Frauen, Stifterin der Ehen und Geburtsgöttin galt. Der Gründer des Sanatoriums war Hugo Hübl, der energisch und zielbewußt sein Projekt in die Tat umsetzte. In den folgenden Jahren erwarb er anschließende Häuser zur Vergrößerung des Sanatoriums, auch im Kriegsjahr 1917 kamen zwei Objekte (Löblichgasse 10 und 12) dazu. Um die Hungersnot für Personal und Patienten zu lindern, richtete der Direktor Stallungen für Pferde, Kühe, Schweine und Hühner ein, eine "Bauernwirtschaft", welche die Anrainer nicht unbedingt entzückte. Sogar ein Schimpanse machte dort auf dem Weg nach Schönbrunn Zwischenstation. Nachdem das Haus, in dem dauernd technische Verbesserungen geschaffen worden waren, in finanzielle Schwierigkeiten kam, entschloss sich der Besitzer 1937, es an die Krankenfürsorgeanstalt der Angestellten und Bediensteten der Stadt Wien (KFA) zu verkaufen. Am 22. März 1945 fielen 16 Bomben auf das Sanatorium, tagelang brannte eine Gasleitung davor. Doch wie durch ein Wunder konnte der Wiederaufbau - mit großen Erweiterungen und Modernisierungen - innerhalb weniger Jahre beendet werden. 1949 öffnete die neu erstandene "Hera" mit 120 Betten ihre Pforten. Sie reicht von Löblichgasse 14 um die Ecken zu Lustkandlgasse 24 und Säulengasse 23-25.Das 2009 eingerichtete Gesundheits- und Vorsorgezentrum der KFA im Sanatorium Hera war das erste Gesundheitszentrum in einem Wiener Spital. Zwischen 2011 und 2013 findet in sieben Bauphasen die komplette Modernisierung statt.

Foto: Doris Wolf, 2010; Wagner-Jauregg-Hof, Lustkandlgasse 26-28

Beim "Hera-Eck" stehend, erblicken wir gegenüber, SÄULENGASSE 18-20 / LUSTKANDLGASSE 26-28 / SCHUBERTGASSE 23, einen wuchtigen Gemeindebau mit sechs Stiegen, den Wagner-Jauregg-Hof. Julius Wagner-Jauregg war Professor der Psychiatrie und erhielt 1927 den Nobelpreis für seine Malariatherapie gegen Paralyse. Auf seine Anregung gibt es in Österreich seit 1923 jodiertes Kochsalz zur Vorbeugung von Schilddrüsenerkrankungen. Die annähernd 2.000 m² große U-förmige Wohnhausanlage bildet mit ihrem Hof eine Grünoase. Im Stil des Art Deco wurde sie 1927/28 nach Plänen von Bernhard Pichler mit 144 Wohnungen erbaut. Ein Stiegenhaus ist als zinnenbekrönter Rundturm ausgestaltet, außerdem fällt der mehrfärbige Putz des frisch renovierten Gebäudes auf. Säulengasse 18 befindet sich das Georg-Weissel-Studentenheim des Vereins Wirtschaftshilfe der Arbeiterstudenten Österreichs (WIHAST), das nach dem im Februar 1934 hingerichteten Wachkommandanten der Feuerwache Floridsdorf, Georg Weissel, benannt wurde. Im Hausflur links erinnert ein Sgrafitto von Giselbert Hoke an ihn. Wie viele Wohnhausanlagen der Stadt Wien besaß auch der Wagner-Jauregg-Hof neben sozialen Einrichtungen ein Kino. Die "Hera-Lichtspiele" mit einem Saal für 300 Personen waren von 1930 bis 1967 in Betrieb.

Bevor vom Sanatorium Hera die Rede war, befand sich an Stelle des Wagner-Jauregg-Hofes seit 1879 das alte Karolinen-Kinderspital, benannt nach seiner Stifterin, der Buchhändlerswitwe Karoline Riedl. Selbst kinderlos, vermachte sie in ihrem Testament 100.000 Gulden für die Errichtung eines Spitals für kranke Kinder aus der Pfarre Lichtental. Mehrfach ausgebaut, erhielt die Anstalt 50 Betten. Mehr als 1.000 Kinder wurden jährlich im Spital verpflegt und etwa 20.000 ambulant behandelt. 1913 übersiedelte das Spital in die Sobieskigasse 31, wo es später in die Kinderübernahmsstelle der Gemeinde Wien integriert und 1977 geschlossen wurde.

Sobieskiplatz, Slg. Alfred Wolf

Bei der Annäherung gegen den Sobieskiplatz, den Hauptplatz des Himmelpfortgrundes und Rendezvousplatz der Wäscherleute, kommen wir schon mit den Ausläufern dieses Reviers in Berührung. Besondere Bedeutung erlangten die beiden gegenüber liegenden Häuser am Westende des Platzes. SOBIESKIPLATZ 3 / SÄULENGASSE 10 befand sich das "Non plus ultra" der Wäschergilde, das Kaiserwäscherhaus der Familie Ranner, in dem seit Maria Theresias Zeiten bis 1880 von der k. k. Hofleibwäscherin die kaiserliche Wäsche gewaschen wurde.

SOBIESKIPLATZ 2 / SÄULENGASSE 13 stand das Kühtreiberhaus, benannt nach einer Familie, die 1776-1817 in der Gegend zahlreiche Ziegelgruben besaß. Es hatte einen weiten Hof, der bis zur Löblichgasse reichte. Hier wurde die erzherzogliche Wäsche gereinigt. Ein Obermaler der Porzellanmanufaktur, Friedrich Reinhold, wohnte hier. Er trat als 19-Jähriger in die Fabrik ein und arbeitete dort bis zu seinem Ableben im damals hohen Alter von 76 Jahren. Josef Ludwig Wolf, Buchdrucker, Heimatforscher und Mundartdichter, wurde 1896 im Kühtreiberhaus geboren.

Foto: Doris Wolf, 2012; Johannesstatue auf dem Sobieskiplatz

Nach den umgebenden Ziegelgruben und einem Brennofen nannte man den Sobieskiplatz ursprünglich Ziegelplatzl, 1769 bis 1862 trug er den Namen Johannesplatz, nach der darauf stehenden Figur des hl. Johannes Nepomuk. Seither heißt er nach dem Polenkönig Johann Sobieski, der in der Zweiten Türkenbelagerung Wiens Oberbefehlshaber des Entsatzheeres war. Auf dem Sobieskiplatz befand sich seit 1841 ein Auslaufbrunnen der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitung, nach seinem Brunnenbecken auch Bassena genannt. Von dort holten sich die Wäscherleute mit Holzbutten das Wasser, das sie zur Arbeit brauchten. Mit der Errichtung der Bassena wurde die in der Platzmitte stehende Heiligenfigur in die Nordwest-Ecke gerückt. "Johannes mit dem Regendach" fand später Platz bei der nahen Canisiuskirche. Nach der Neugestaltung des Platzes als Fußgeherzone mit verkleinerter Nachbildung der Bassena in den 80er- Jahren des 20. Jahrhunderts kehrte die Statue zurück. 2012 präsentiert sie sich restauriert, mit frisch vergoldeter Jahreszahl "1824" vor dem HausSOBIESKIPLATZ 5 / SOBIESKIGASSE 6.

Eine zweite Nepomukstatue zierte als namensgebendes Hauszeichen in Stockwerkshöhe die Ecke dieses seit 1807 bestehenden Gebäudes. Als es 1959 ein Hafnermeister kaufte, kam es zu einer Wachablöse: Der Feuerheilige St. Florian, aus Keramik gefertigt, ersetzte den aus Lindenholz geschnitzten Wasserheiligen Johannes, den dann der Verfasser ins Bezirksmuseum brachte.

Wir verlassen nun den Platz und stoßen, die Sobieskigasse stadteinwärts gehend, auf die Dreihackengasse. Sie hat ihren Namen nach dem Wirtshausschild "Zu den drei Hacken" von Nussdorfer Straße 27. Die dort ansteigende Straße wurde im Volksmund Dreihackenbergl genannt. Erst nach der Demolierung zweier Häuser in der Nussdorfer Straße, "Zum breiten Stain" und "Zum grünen Thor" in den Jahren 1863/64 konnte die Gasse angelegt werden.

Foto: Doris Wolf, 2010; Dreihackengasse 6
Foto: Doris Wolf, 2010; Dreihackengasse 7

DREIHACKENGASSE 6 wurde im Jahr 1900 in neoromanischem Stil mit secessionistischen Elementen erbaut und zeigt ornamentale Glasfenster. Von ihren Zinnen gewährte die "Burg" einen Ausblick in die gegenüber liegende Galileigasse. Hier wohnte der Bildhauer des Schubertbrunnens, Theodor Stundl.

Das älteste und kleinste Haus der Gegend stand Dreihackengasse 7. Die 1892 errichtete Erzherzogin Marie Valerie-Krippe war mit 13 Betten ausgestattet und betreute zudem 52 Kleinkinder. Das spätere Vereinsheim der Sozialdemokratischen Partei wurde im Bürgerkrieg 1934 kampflos von der Exekutive besetzt. Anschließend, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, waren Dienststellen von Luftschutzorganisationen darin untergebracht. Später zum "Verband der Wiener Arbeiterheime" gehörend, war es seit 1954 im Besitz der Gemeinde Wien und Sitz des Auto-, Motor- und Radfahrerbundes Österreichs (ARBÖ) Alsergrund. Jetzt gehört die Baulücke als Spielplatz wieder den Kindern.

Die Galileigasse, nach Galileo Galilei benannt, wurde gleichzeitig mit der Dreihackengasse angelegt. Ein Relief von Heinz Leinfellner am Gemeindebau Galileigasse 6 illustriert seit 1951 die Straßenbezeichnung. Es zeigt den Astronomen und Physiker mit dem schiefen Turm von Pisa und seine wichtigsten Entdeckungen. Mit nur 100 m Länge ist die Galileigasse die Schulgasse des 9. Bezirks. 1861 hatte der Gemeinderat die Neuorganisation des Waisen-Erziehungswesens beschlossen. Nach den Musterwaisenkolonien in Schottenfeld und Matzleinsdorf eröffnete man 1874 das III. Städtische Waisenhaus GALILEIGASSE 8 / DREIHACKENGASSE 3. 100 Knaben, darunter der spätere Bürgermeister Karl Seitz, wurden als Zöglinge militärisch gedrillt. Seit 1934 ist das Haus als Volkshochschule Alsergrund eine wichtige Einrichtung der Erwachsenenbildung.

Foto: Doris Wolf, 2010; Galileigasse 5
Foto: Doris Wolf, 2010; Galileigasse 1 / Sechsschimmelgasse 6-8

Die Volksschule GALILEIGASSE 5 (seit 2007 eine Campusschule mit Nachmittagsbetreuung) und die ehemalige Mädchen-Hauptschule (jetzt Sonderpädagogisches Zentrum für integrative Betreuung) GALILEIGASSE 3 entstanden in den Jahren 1893-1895.

GALILEIGASSE 1 / SECHSSCHIMMELGASSE 6-8 verweisen sowohl ein Sgrafitto als auch eine Glasätzung über dem Haustor, die sechs weiße Pferde zeigen, auf den Straßennamen.

Hingegen hat die Kunst am Bau des Nachbarhauses, SECHSSCHIMMELGASSE 10 / SOBIESKIGASSE 2 keinen lokalhistorischen Bezug. Die Mosaike aus dem Jahr 1955 sind zwar als Volkstypen vom Alsergrund bezeichnet, interpretieren aber Obstverkäuferin und Mausefallenhändler aus dem Brand’schen Kaufruf. Wanderhändler konnte man Ende des 18. Jahrhunderts in allen Vorstädten antreffen.

Die Sechsschimmelgasse war die Wohn- und Arbeitsstätte der Wäschergilde. Ihr ältester Name war Waschstadelgassel. Der Waschstadel stand an deren Beginn, Sechsschimmelgasse 1. Im Wasser des Währinger Bachs, das in einer Rinne durch den Stadel floss, wurde die Wäsche geschwemmt. Die zum Linienwall führende Sechsschimmelgasse war als Bachuferstraße wichtig für die Existenz der Wäscherfamilien. Das Waschen war eine schwere Tätigkeit, die sich in mehreren Arbeitsgängen abwickelte. Das Wäscherwahrzeichen im Bezirksmuseum Alsergrund, von Johann I. Fürst Liechtenstein 1830 gestiftet, gibt einige en miniature wieder: Waschen im Trog, Bügeln mit dem Eisen und auf der Wäscherolle sowie die Auslieferung der Wäsche.

Ehem. Wäscherburg, Sechsschimmelgasse 14, Slg. Alfred Wolf

Die meisten Wäscherfamilien wohnten in der "Wäscherburg", oben auf dem Berg, Sechsschimmelgasse 14. Wenn man der Überlieferung glauben darf, verwirklichten sie J.W. Goethes Vers "Saure Wochen - frohe Feste!". Der Besuch eines Werkelmanns soll Anlass genug für einen spontanen "Ball auf der Hängstatt" geboten haben, fixe Termine waren der 1. Mai, Namenstage und im Fasching. Kaum ein Wiener Maler in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, der nicht die Gelegenheit wahrnahm, in der Zeit beginnender Industrialisierung die "Urwüchsigkeit" der Wäschermädelbälle romantisierend für die Nachwelt festzuhalten. Besonders waren es Franz Kopallik und Johann Michael Kupfer, der sogar eine Festtracht für die Wäscherinnen kreierte, als der Berufsstand kaum noch existierte. Auch die Feuilletonisten wurden nicht müde, die Reize der "Ladernymphen" zu preisen. Eine typische Pose waren die in die Hüfte gestützten Arme oder abweisende Gesten. Mit der Wasserbutte auf dem Rücken, über der ein Wäschekorb befestigt war, von dem seitlich gestärkte Unterröcke herabhingen, stellten sie auf ihrer Liefertour oft ein wanderndes Verkehrshindernis dar. Betont wird auch die Schlagfertigkeit der "reschen" Wäscherinnen vom Himmelpfortgrund. Mit der zunehmenden Verbauung des Sechsschimmelberges im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts verschwand realiter die "Wäscherherrlichkeit", doch im Fasching erlebte sie bei den Innungs-Bällen bis in die 1960er- Jahre fröhliche Auferstehung. 2013 gab es im revitalisierten Etablissement Gschwandner in Hernals, einem traditionsreichen Veranstaltungsort,wieder einen "Wäschermädelball".

Foto: Doris Wolf, 2010; Leon-Askin-Hof, Sechsschimmelgasse 19

SECHSSCHIMMELGASSE 14 wohnte Isa Jechl, deren Geburtshaus Porzellangasse 17 stand. Die Alsergrunder Künstlerin war eine Schülerin Rudolf Alts. Sie malte 1902 bis 1914 Aquarelle von "Wiener Typen". Die Bilder befinden sich im Wien Museum. Jechl bildete ihr Modelle nicht nur im Atelier ab, sondern ließ sich auch über ihre Arbeitswelt erzählen und plante, diese Gespräche zu veröffentlichen. Sie wurde 1945 ausgebombt. Der Hausschmuck am Neubau zeigt Symbole des Lebens.

SECHSSCHIMMELGASSE 19 erhebt sich ein Gemeindebau des Roten Wien, nach Entwürfen des Werkbund-Mitglieds Hartwig Fischel und Josef Bayer. Er hat in fünf Geschoßen 32 aus Zimmer, Wohnküche, Vorraum und WC bestehende Kleinwohnungen, zwei Geschäftslokale mit großen Schaufenstern und zwei Waschküchen. Der 1925 entstandene Bau wurde nach dem Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten Leon Askin-Hof benannt.

SECHSSCHIMMELGASSE 4 verbrachte der Entertainer, Sänger und Schauspieler Peter Alexander (eigentlich Peter Neumayer) seine Jugend. Als einziger deutschsprachiger Sänger war er sechs Jahrzehnte hindurch in den Hitparaden vertreten und verkaufte allein in Deutschland seit 1956 mehr als 46 Millionen Tonträger.

Foto: Doris Wolf, 2010; Sechsschimmelgasse 2 / Nussdorfer Straße 23

Das Eckhaus SECHSSCHIMMELGASSE 2 / NUSSDORFER STRASSE 23 hat eine eigenartige Geschichte: Bald nach der Zweiten Türkenbelagerung legte man hier, im Griffling oder Goldsteinleittl, zuerst Wein- später Obstgärten an. 1717 wurde die Schankgerechtigkeit für das Haus "Zur blauen Weintraube" verliehen. Bei einem Hochwasser des Alsbachs 1785 ertranken der Wirt und seine Tochter. In Fortsetzung der Schankgerechtigkeit entstand zur Zeit der Wiener Weltausstellung 1873 das Hotel Union. Der Hotelbesitzer bewarb es stolz: "Dasselbe enthält 70 mit allem Comfort eingerichtete Passagierzimmer, einen 400 Personen fassenden Speisesalon, 3 Speisesäle, jeder 100 Personen fassend, Lese- und Damensalon, Badezimmer, ferner im Souterrain eine elegante, großartige Bierhalle. Ich glaube nicht unbescheiden zu sein, wenn ich dasselbe als eines der elegantesten Hotels Europas bezeichne." Doch - "Sic transit gloria mundi" - wurde es 1938 zum Finanzamt. 2004-2011 bot es als ÖIF-Integrationswohnhaus 120 Asylberechtigten Unterkunft. Seither sind Flüchtlinge darin untergebracht.

Die Nussdorfer Straße, nach ihrem Zielort so benannt, hieß zuvor Obere Hauptstraße und führte vom Alsbach zur Nussdorfer Linie. 1866/67 erfolgte ihre Regulierung, bei der eine einheitliche Trassierung durchgeführt wurde, die in ihrem unteren Teil im Zusammenhang mit der schon bestehenden Einwölbung des Alsbaches nicht unwesentliche Anschüttungen zur Folge hatte. So kam die von der Nussdorfer Straße abzweigende Bindergasse unter deren Niveau zu liegen und ist von dieser Seite her nur über eine Stiegenanlage zu erreichen. Im Zuge von Umbauarbeiten an der Nußdorfer Straße als Zufahrt zur Höhenstraße wurde die alte Binderstiege 1936 durch eine neue Anlage ersetzt.

Foto: Doris Wolf, 2010; Säulengasse 3

Auf unserem Weg zum Erlkönighaus, das eigentlich "Zum schwarzen Rössel" hieß und sich Säulengasse 3 befindet, hätten wir zur Zeit Franz Schuberts in der "Straße des Weins" bei fast jeder Hausnummer eine Gastwirtschaft gefunden: Nussdorfer Straße 25 "Zum roten Hahn", Nussdorfer Straße 27 "Zu den drei Hacken", Nussdorfer Straße 31 "Zum Reichsadler" und Nußdorfer Straße 33 / Säulengasse 1 "Zum weißen Wolf".

Der Name der Säulengasse leitet sich vom Haus Nr. 4 "Zur goldenen Säule" ab. Das einzige Haus, das links aus der Baulinie herausragt, ist das alte Schulgebäude SÄULENGASSE 3, in dem die Schuberts lehrten. 1801 wurde es von Franz Theodor Schubert angekauft, der darin die Schule des Himmelpfortgrundes einrichtete. Er begann mit einem Schulgehilfen und beschäftigte zuletzt deren sechs. Zeitweilig (ab 1814 zwei Jahre, 1817/18 einige Monate) war einer von ihnen sein Sohn Franz. Der Lohn eines Schulgehilfen lag um 1850 in der 12. und letzten Einkommensklasse, zu der auch Taglöhnerinnen, Invalide, Arme, Kranke und Sträflinge zählten, zwischen 75 und 150 Gulden jährlich. Ein Schullehrer in der Kategorie 11 verdiente, wie ein "gemeiner Soldat" oder Arbeiter 150 bis 250 Gulden. Hier begann die Kometenbahn des Genies Franz Schubert. Das Verzeichnis seiner Werke von Otto Erich Deutsch umfasst 998 Nummern, darunter 634 Lieder mit Klavier, 15 Bühnenwerke, 30 Kammermusikwerke, 16 Klaviersonaten, 8 Symphonien, 8 Messen und mehr als 30 andere Kirchenkompositionen. In der Säulengasse entstanden rund 250 Lieder wie "Gretchen am Spinnrade", "das Heidenröslein" und "der Erlkönig". Hier komponierte Franz Schubert die 2. bis 5. Sinfonie und für seine Taufkirche in Lichtental die F- und die G-Dur-Messe. 1814 dirigierte der 17-Jährige seine erste Messe in der Lichtentaler Kirche, die er zu deren 100-Jahr-Jubiläum geschrieben hatte. Sein älterer Bruder Ferdinand spielte als Organist, das Sopransolo sang die 16-jährige Therese Grob. Sie war die Tochter einer Witwe, die mit ihrem Sohn Heinrich eine Seidenwarenerzeugung betrieb. Die Familie wohnte damals im Lichtental Nr. 163 (Badgasse 8) im Haus "Zur heiligen Dreifaltigkeit". Schubert wollte Therese Grob heiraten, hätte aber keine Familie ernähren können. Sie ehelichte 1820 einen Bäckermeister, das Paar hatte vier Kinder.

Um Franz Schuberts Leben ranken sich viele Geschichten. Das Klischeebild reicht vom "Schwammerl" bis zum "Liederfürst". Kaum ein anderer Tonkünstler besaß so große Popularität und eine derartige Anzahl von Anekdoten. Überliefert ist sein Ausspruch "Kann er was ?", der jeden neuen Ankömmling in der Runde der Schubertianer betraf. Schubert meinte, dass eigentlich der Staat für das Einkommen seiner Kulturschaffenden aufzukommen habe. Nach dem Tod seiner Mutter erbte er 1812 einen Anteil an dem Haus in der Säulengasse, den ihm sein Vater ausbezahlte, ehe es 1827 verkauft wurde. Dennoch lebte Franz Schubert in bescheidenen Verhältnissen. Als Schulgehilfe seines Vaters, der schließlich 300 Kinder lehrte, muss er mit den in der Vorstadt Ansässigen Kontakt gehabt haben. Auf dem Himmelpfortgrund stand kein einziges Palais, seine Bewohner waren fleißig, aber arm. Sie arbeiteten zumeist als Ziegelschläger oder im Familienverband als Wäscher. Romantik war hier nicht angesagt. Doch in keiner Biographie wird auf diese Nachbarschaft hingewiesen. Nach einem gemeinsamem Besuch der Brüder Ignaz, Ferdinand und Franz Schubert im Stammlokal "Zum roten (spanischen) Kreuz" an der Himmelpfortstiege starb Franz Schubert am 19. November 1828. Ein Stern war erloschen. Franz Grillparzer verfasste den Trauervers: "Die Tonkunst begrub hier reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen." Eine vom Wiener Männergesangverein 1913 gestiftete Gedenktafel in der Säulengasse 3 erinnert: "Franz Schubert hat dieses Haus vom Jahre 1801 durch eine lange Reihe von Jahren bewohnt, hier als Schulgehilfe seines Vaters gewirkt und zahlreiche unvergängliche Werke, darunter den 'Erlkönig' geschaffen." Die erste Zeile des Liedes wurde von der Autoindustrie adoptiert. Wenn man eine Wagentype - "bei Nacht und Wind" - geheim erprobte, dann war sie ein Erlkönig. Die Kraftfahrzeugwerkstätte und seit 1933 Garage im Haus steht damit in keinem Zusammenhang. Zuvor hatte der auf dem ganzen Grund wohlbekannte Johann Dürbeck, Tierarzt, Huf- und Wagenschmied darin gewohnt. Er war Schätzmeister für Pferde, Besitzer des Verdienstkreuzes mit der Krone und durch 23 Jahre Wiener Gemeinderat gewesen.

Foto: Doris Wolf, 2010; Himmelpfortstiege

1869 kaufte die Wiener Tramwaygesellschaft (WTG) die Häuser NUSSDORFER STRASSE 37 und 39 und ließ, nach hinten versetzt, neue bauen. So konnte die Pferde-Straßenbahn ungehindert nach Döbling fahren.

Bei der Himmelpfortstiege überqueren wir die Nussdorfer Straße. An der alten Stiege aus dem Jahr 1733 standen drei Grenzsteine der hier zusammentreffenden Vorstädte Thurygrund, Lichtental und Himmelpfortgrund. Die Neuanlage mit 75 Stufen entstand 1961.

Wenige Schritte sind es noch bis zum Haus NUSSDORFER STRASSE 54 "Zum roten Krebs", das sich 1731 Bernhard Kreps erbauen ließ. Hier kam am 31. Jänner 1797 Franz Schubert als 12. von 14 Kindern des Lehrers Franz Theodor Schubert und seiner ersten Frau Maria Elisabeth, geb. Vietz, zur Welt. Von Franz Schuberts elf Geschwistern lebten damals nur noch vier, von den beiden jüngeren Schwestern wurde eine einen Tag, die andere 76 Jahre alt. Von den fünf Kindern Franz Theodor Schuberts aus der 2. Ehe mit Anna, geb. Kleinböck erreichten hingegen vier das Erwachsenenalter. Das Schubert-Geburtshaus, eine Außenstelle des Wien Museums, ist international bekannt. 1908 kaufte es die Gemeinde Wien und eröffnete 1912 im ersten Stock das Schubertmuseum.

Foto: Doris Wolf, 2010; Schuberthaus, Nussdorfer Straße 54
Foto: Doris Wolf, 2010; Schuberthaus, Nussdorfer Straße 54

1969 wurde das Vorstadthaus nach 19-monatigem Umbau wieder eröffnet. Seither präsentiert sich das für seine Zeit typische Vorstadthaus so, wie es zur Geburt Schuberts ausgesehen haben könnte. Spätere Einbauten, wie die am Straßentrakt im Hof angebaute Glasveranda, wurden abgerissen und der alte Rundgang aus Holz rekonstruiert. Von diesem offenen Pawlatschengang betritt man die Geburtswohnung mit der originalgetreu nachgebildeten Rauchküche. Der teilweise erhaltene historische Brunnen im Hof wurde freigelegt und als Ziehbrunnen ergänzt. Die sechs Schauräume des Schubertmuseums befinden sich straßenseitig und im rechten Seitentrakt. Neben den bekannten Portraits von Wilhelm August Rieder, Leopold Kupelwieser und Moritz Schwind ist auch Schuberts Brille zu sehen. Seit 1996 sind zwei Räume einem prominenten Zeitgenossen, dem malenden Schriftsteller Adalbert Stifter, gewidmet. 50 Werke aus allen Schaffensphasen, von naturgetreuen Biedermeier-Gemälden bis zu frühimpressionistischen Bildern, sind ausgestellt. Eine Stufenanlage mit Pfeilern verbindet den Hof mit dem Hausgarten. In diesen versetzte man den 1910 von Josef Müllner geschaffenen "Forellenbrunnen". Nachdem die Familie Schubert 15 Jahre als Mieter in dem Haus gewohnt hatte, kaufte Franz Theodor Schubert 1801 das nahe gelegene Haus "Zum schwarzen Rössl“ und übersiedelte mit seiner Familie und Schule in die Säulengasse 3.

Foto: Doris Wolf, 2010; Nussdorfer Straße 47 / Canisiusgasse 1

NUSSDORFER STRASSE 47 / CANISIUSGASSE 1 "Zum goldenen Strauß" ist, wie das Schuberthaus, ein Beispiel der zweigeschossigen Vorstadthäuser. Im oberen Stockwerk ermöglicht ein so genanntes Bauchfenster einen umfassenden Blick über die Straße. Die Bewohner des Biedermeierhauses können sich an einem malerischen Hof erfreuen, Bäume spenden ihnen Schatten in dieser Ruheoase inmitten der Großstadt.

Die Lage dieses Eckhauses zeigt mit dem gegenüber stehenden alten Schulhaus NUSSDORFER STRASSE 49 / CANISIUSGASSE 2 die Enge der einstigen Vorstadtgassen. Als Grenzgasse zwischen dem Himmelpfort- und dem Thurygrund hieß die Canisiusgasse Wallgasse, später Gemeindegasse. Seit 1900 ist sie, wegen der nahe gelegenen Canisiuskirche, nach Petrus Canisius benannt. Der "Apostel Deutschlands" widmete sich im 16. Jahrhundert als Jesuit der Wiederbelebung der katholischen Glaubenslehre und wurde 1925 heilig gesprochen. Das 1875 errichtete einstige Schulgebäude des Himmelpfortgrundes überragte damals weithin sichtbar die niederen Häuser der umgebenden Vorstädte. Es ist jetzt als Wohnhaus im Besitz der Gemeinde Wien. Das Gebäude, das zuvor an seiner Stelle stand, hieß "Zum guten Brunn" und beherbergte den Grundwächter und den Gemeindearrest. 1730 war darüber zu lesen: "… zur abstraffung des etwa unterschiedlich einschleichenden liederlichen gesindls ein aigenes wohlverwahrtes orth".

Nussdorfer Straße 51 trug das merkwürdige Hausschild "Zum geprellten Fuchs". Es bezieht sich auf eine Form der Treibjagd, bei der man das Wild auf Tücher hetzte. Schießen war dabei streng verboten. Befanden sich die Tiere auf den Tüchern, wurden diese von den Treibern in die Höhe geschnellt, bis die Füchse nicht mehr lebten. Ein junger Mann, der das Schießverbot mißachtet hatte, wurde zur Strafe selbst ein wenig geprellt. Er soll dann sein Haus danach benannt haben.

Foto: Doris Wolf, 2010; Canisiusgasse 12

Doch zurück zur, zum Währinger Gürtel ansteigenden, Canisiusgasse. Sie wird von der Klosteranlage an der rechten Seite beherrscht. Ein selten geöffnetes Tor in der CANISIUSGASSE 12 bietet Einblick in den Klostergarten mit dem Kreuzgang.

Der Vorgängerbau von CANISIUSGASSE 8-10 wurde 1875 für Paul Wasserburger errichtet. Er war k.u.k. Hofbau- und Steinmetzmeister, Baurat und wurde als solcher mehrfach ausgezeichnet. Hier wohnte auch Johann Philipp Neumann, Professor der Physik und Bibliothekar am Polytechnischen Institut. Als Schriftsteller gab er den Wiener Musenalmanach heraus und schrieb u.a. den Text zur Deutschen Messe von Franz Schubert. 1912 wurde ein Druckereigebäude errichtet. Zunächst der Verlags AG Johann N. Vernay gehörend, wechselte es 1940 den Besitzer und kam an die Erwin Metten AG. Nach deren Ende (1986) wurde es zum Wohnhaus - mit Aussicht zur Kirche - umgebaut.

Foto: Doris Wolf, 2010; Canisiusgasse 17

Die dem Kloster gegenüber liegenden Häuser entstanden etwa gleichzeitig damit. Sie weisen Stilelemente des Historismus oder - wie CANISIUSGASSE 17 - des Secessionismus auf. Das repräsentative Miethaus wurde 1909 vom Architekten und Bauunternehmer Eugen Felgel errichtet, welcher der Wagner-Schule nahe stand. Da er auch Gesellschafter einer Zementfabrik war, verwendete er bei seinen Bauten moderne Betonständer-Konstruktionen.

Ursprünglich sollte die Canisiuskirche, LUSTKANDLGASSE 34-38, wie andere Kirchen aus der Gründerzeit, direkt an der neu trassierten Gürtelstraße errichtet werden, doch machten der steil abfallende Hang des Sporkenbühels und die darauf befindlichen einstigen Kühtreiber'schen Ziegelgruben dieses Vorhaben unmöglich. Wir biegen nun rechts in die Lustkandlgasse ab. Von der Ecke des Klosters grüßt die Baldachinfigur des Christus mit ausgestreckten Armen. Vorbei an der Statue Jesus als guter Hirte, beim Eingang zum Pfarrhof, erreichen wir über eine Freitreppe das Hauptportal der Canisiuskirche.

Foto: Doris Wolf, 2010; Canisiusgasse 16/ Lustkandlgasse 34

Sie verdankt ihre Entstehung dem Jubiläum zum 300. Todestag des Hofpredigers und Wiener Bischofsvikars Petrus Canisius, 1897. Da er damals noch nicht zu den Heiligen zählte, wählte man als Weihetitel "Der leidende Heiland am Ölberg" und "Die schmerzhafte Gottesmutter Maria". Haben uns schon die beiden, weithin sichtbaren, mit 16 Spender-Wappen geschmückten 85 m hohen Türme und die farbig glasierten Dachziegel beeindruckt, so gleicht das Gotteshaus innen einer romanischen Saalkirche. Der fürstlich Liechtenstein'sche Architekt Gustav Neumann hat sie nach rheinländischen Vorbildern gestaltet. Neumann, ein Schüler des Dombaumeisters und Rathausarchitekten Friedrich Schmidt, verwendete gerne bunt glasierte Dachziegel. Bei seinem Hauptwerk, der Canisiuskirche, erforderte der schwierige, abfallende Bauplatz eine besondere Lösung für die Chorpartie. Neumann begegnete dem Problem mittels einer Krypta, die sich unter dem gesamten Chor erstreckt. Dadurch ergab sich außen ein dreistöckiger, abgetreppter Chorumgang von imposantem Ausmaß. Der Architekt gliederte ihn und das Querhaus differenziert in romanischen Formen und verlieh ihm eine malerische Wirkung. Ganz im Gegensatz zur historistischen Architektur stand die Verwendung des damals modernsten Materials, der Verkleidung des Ziegelbaues durch Kunststein. Dieser hat sich ein Jahrhundert lang bewährt und die Kirche bei den Bombenangriffen vor größerem Schaden bewahrt. Die Unterkirche, in der sich der aus dem Garten Gethsemane in Jerusalem stammende Grundstein (1899) befindet, wurde damals zum Zufluchtsort unzähliger Menschen. Während der Errichtung des Oberbaues feierte man in der Krypta die Gottesdienste, bis dieser 1903 fertig gestellt war. Seit 1939 ist die Canisiuskirche Pfarrkirche. 1956 wurde das Presbyterium modernisiert, 1995 die Krypta umgestaltet und 1997 eine neue Orgel gebaut.

Der Kirche schräg gegenüber fällt das Haus LUSTKANDLGASSE 37 durch seine überaus reiche Ausstattung mit Schmiedeeisenarbeiten auf.

Wir umrunden den Häuserblock und kommen nun in die Pulverturmgasse. Die abschüssige Gasse zeigt Niveauunterschiede, die verschieden behoben wurden. 1965 errichtete die Pfarre in einem Teil des Klostergartens, PULVERTURMGASSE 11, das Zentrum 9, bei dessen Tor sich bunte Mosaike befinden.

Die Gasse abwärts gehend, sehen wir an der linken Seite PULVERTURMGASSE 12 die ehemalige Prosektur des in die Kinderübernahmsstelle integrierten Karolinen-Kinderspitals. Die künstlerisch gestalteten Art-Deco-Fenster wurden vom Autor als Leihgabe für das Bezirksmuseum gerettet.

Die Pulverturmgasse hat ihren Namen nach einem von 1740 bis 1779 an Stelle der heutigen Häuser Nr. 7 und 9 bestandenen Munitionsmagazin, das Pulverturm genannt wurde. Darin lagerten 1256 Zentner (ca. 70 t) Schießpulver und 156.751 Kugeln aller Kaliber. Bei der Zusammenstellung eines Transportes ereignete sich (vermutlich, weil jemand rauchte) am Samstag, dem 26. Juni 1779 eine folgenschwere Explosion. Das Unglück forderte 67 Tote und 97 Verletzte, der Sachschaden betrug 62.000 Gulden.

Foto: Doris Wolf, 2010; Pulverturmgasse 9

Die Garage PULVERTURMGASSE 9 führt das Pulvermagazin im Firmenschild. Im renovierten Miethaus PULVERTURMGASSE 7 stellt eine Glasmalerei über dem Hoftor die Explosion dar.

Bei der Kreuzung biegen wir links in die Sobieskigasse ein. Der Thurnerpavillon SOBIESKIGASSE 31, 1913 vom Architekten und Städteplaner Eugen Fassbender entworfen, gehörte zum Karolinen-Kinderspital. Das Krankenhaus wurde 1977 geschlossen und die Abteilungen in das Wilhelminenspital verlegt. Im damit verbundenen Nachbargebäude, SOBIESKIGASSE 31 a sehen wir am ehemaligen Kinderambulatorium beidseitig der Türe die Reliefs eines einen Knaben untersuchenden Arztes und eines Mädchens mit einer Krankenschwester. Die anschließende Loggia zeigt als Dekoration fünf Kinderköpfe. Als die Gemeinde 1931 in ganz Wien 15 Schulzahnkliniken einrichtete, befand sich hier eine davon. Sie sollten sich um die systematische Zahnpflege und -behandlung von mehr als 90.000 Schulkindern kümmern.

Foto: Doris Wolf, 2010; Sobieskigasse 31

Das Karolinen-Kinderspital stand in Verbindung mit der Kinderübernahmsstelle, einer der ganz großen Leistungen des Roten Wien. Sie hatte die Aufgabe, alle der Gemeinde Wien zur Betreuung übergebenen verwaisten, verlassenen oder verwahrlosten Kinder aufzunehmen, zu untersuchen und weitere Maßnahmen zu veranlassen. Das Vorzeigeobjekt zwischen Lustkandlgasse 50, Ayrenhoffgasse 5 bis 9 und Sobieskigasse 31 war das erste seiner Art in Europa. Es entstand 1923-1925 auf Anregung des Stadtrates für Wohlfahrtspflege, Julius Tandler. Der Arzt und Politiker sagte dazu: "Die Kinder haben ein Anrecht auf Fürsorge, und die Gesellschaft ist ihr Sachwalter" und: "Die Pracht und der Glanz dieses Baues sind nicht ein Dokument des Reichtums unserer Stadt, sondern bedeuten nur die Erfüllung fürsorgerischer Pflichten. Wenn da und dort Künstlerhände dieses Heim durch unvergängliche Werke geziert haben, so ist dies nicht Ausdruck überheblicher Prunksucht, sondern die Verwirklichung der Idee, dass das Leben der vom Glück Enterbten der Schönheit nicht entbehren soll." Die Baukosten betrugen inflationsbedingt 30 Milliarden Kronen. Zwischen 1925 und 1934 betreute die Institution 63.000 Kinder und Jugendliche. Die Anlage umfasste die Kinderübernahmsstelle, einen Erweiterungsbau des bestehenden Karolinen-Kinderspitals zur Behandlung kranker Pfleglinge, die Prosektur und Wohngebäude für das Pflegepersonal. 1965 erfolgte der Umbau der Kinderübernahmsstelle zum Julius-Tandler-Familienzentrum. Auch dieses besteht nicht mehr. "Jugend am Werk" und die Wiener Kindergärten nützen die Räumlichkeiten. 2012/13 wird das Haupthaus renoviert und erhält einen Dachausbau.Es dient nun als Zentrale der Wiener Volksbildung.

Foto: Doris Wolf, 2010; ehem. KÜST, Lustkandlgasse 50 / Ayrenhoffgasse 7-9
Foto: Doris Wolf, 2010; ehem. KÜST, Lustkandlgasse 50 / Ayrenhoffgasse 7-9

Der Haupteingang Ecke LUSTKANDLGASSE 50 / AYRENHOFFGASSE 7-9 ist, wie die gesamte Anlage, künstlerisch gestaltet. Das keramische Medaillon eines Wickelkindes weist auf die Bestimmung der Anstalt hin. Es ist einem Werk des italienischen Renaissancekünstlers Andrea della Robbia (Bambini, am Findelhaus in Florenz) nachgebildet. Gedenktafeln erinnern rechts an "Stadtradt Prof. Dr. Julius Tandler, 1869 - 1936 Schöpfer dieser Anlage" und links an dessen Ausspruch: "Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder". Nach dem Entwurf von Adolf Stöckl, einem der produktivsten Architekten des Roten Wien, schließen zwei viergeschoßige Blöcke symmetrisch an den Eckturm an. Ein Putto mit Füllhorn steht über den Eingangstoren des Haupthauses. In einem Verbindungsgang zeigen Reliefs die Märchen vom tapferen Schneiderlein, vom Froschkönig und von Hänsel und Gretel. Im Stiegenhaus befinden sich Kinderfiguren.


Foto: Doris Wolf, 2012; Helene-Deutsch-park

Den Mittelpunkt des 3500 m² großen Anstaltsgartens mit seiner Lindenallee bildete ein Kunstwerk, der 1925 von Anton Hanak geschaffene Brunnen der "helfenden Mutter" (Magna Mater). Er befindet sich seit 1964 im Maurer Rathauspark bei der Speisinger Straße. Die später Pulverturmpark genannte Grünfläche wurde 2012 als Helene-Deutsch-Park umgestaltet. Der Altbaumbestand bildet die Grundstruktur des Parks, der nach einem Bürgerbeteiligungsverfahren 2009 als Spielplatz ausgestattet wurde, wobei die Regenbogenfarben das Leitmotiv bilden. Das EU-Programm "Stärkung der regionalen Wettbewerbsfähigkeit und integrative Stadtentwicklung in Wien 2007 – 2013" hat das Projekt kofinanziert. Helene Deutsch, eine Schülerin Sigmund Freuds, zählt zu den wichtigsten Frauen in der Geschichte der Psychoanalyse. Sie war als Theoretikerin zur Psychologie der Frau, der Neurosenlehre und der Charakterpathologie ebenso hoch geschätzt, wie als Lehranalytikerin dreier Generationen.


Foto: Doris Wolf, 2010; Ayrenhoffgasse 3 / Sobieskigasse 34

Die Ayrenhoffgasse hat seit 1894 ihren Namen nach dem Feldmarschall-Leutnant und Dichter Cornelius Ayrenhoff. Zuerst hieß sie 1827 Hirschengasse nach dem Hauszeichen "Zum goldenen Hirschen" von Ayrenhoffgasse 1 / Nussdorfer Straße 67. Die platzartige Erweiterung im Kreuzungsbereich Ayrenhoffgasse - Sobieskigasse gibt ein Beispiel der architektonischen Gestaltung innerhalb eines Jahrhunderts. AYRENHOFFGASSE 3 / SOBIESKIGASSE 34 stammt aus 1819, der gegenüber liegende Sobieski-Hof, AYRENHOFFGASSE 4 / SOBIESKIGASSE 36, mit historistischem Dekor und Karyatide aus 1895 und AYRENHOFFGASSE 5 / SOBIESKIGASSE 31 a aus dem Jahr 1927.

Nur noch 100 m trennen uns von der STATION NUSSDORFER STRASSE der U6, die wir über einen ampelgesicherten Fußgeherübergang erreichen.

Personendaten:
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Alexander, Peter (1926-2011), Schauspieler; Alt, Rudolf (1812-1905), Maler; Askin, Leon (1907-2005), Schauspieler; Ayrenhoff, Cornelius (1733-1819), Dichter; Bayer, Josef (1889-1979), Architekt; Canisius, Petrus (1521-1597), Priester; Della Robia, Andrea (1435-1525), Bildhauer; Deutsch, Helene (1884-1982), Psychologin; Deutsch, Otto Erich (1883-1967), Musikhistoriker; Dürbeck, Johann (1832-1917), Politiker; Fassbender, Eugen (1854-1923), Architekt; Fischel, Hartwig (1861-1942), Achitekt; Felgel, Eugen (1877-1943), Architekt; Freud, Sigmund (1856-1939), Arzt; Galilei, Galileo (1564-1642), Astronom; Goethe, Johann W. (1749-1832), Dichter; Grillparzer, Franz (1791-1872), Dichter; Grob, Therese (1798-1875), Sängerin; Hanak, Anton (1875-1934), Bildhauer; Hübl, Hugo (1870-1943), Arzt; Jechl, Isa (1873-1961), Malerin; Kopallik, Franz (1860-1931), Maler; Kupelwieser, Leopold (1796-1862), Maler; Kupfer, Johann M. (1859-1917), Maler; Leinfellner, Heinz (1911-1974), Bildhauer; Liechtenstein, Johann I. (1760-1836), Fürst; Löblich, Franz (1827-1897), Politiker; Marie Valerie (1868-1924), Erzherzogin; Müllner, Josef (1879-1968), Bildhauer; Neumann, Gustav (1859-1928), Architekt; Neumann, Johann Ph. (1774-1849), Schriftsteller; Pichler, Bernhard (1872-1951), Architekt; Reinhold, Friedrich (1771-1847), Maler; Rieder, Wilhelm A. (1786-1880), Maler; Riedl, Karoline (1816-1874), Wohltäterin; Schmidt, Friedrich (1825-1891), Architekt; Schubert, Anna (1783-1860) Lehrers-Gattin; Schubert, Ferdinand (1794-1859), Lehrer; Schubert, Franz (1797-1828), Komponist; Schubert, Franz Fheodor (1763-1830), Lehrer; Schubert, Ignaz (1785-1844), Lehrer; Schubert, Maria E. (1756-1812), Mutter Franz Schuberts; Schwind, Moritz (1804-1871), Maler; Seitz, Karl (1869-1950), Politiker; Sobieski, Johann (1629-1696), König; Stifter, Adalbert (1805-1868), Dichter; Stundl, Theodor (1875-1934), Bildhauer; Tandler, Julius (1869-1936), Politiker; Ullmann, Robert (1903-1966), Bildhauer; Wagner-Jauregg, Julius (1857-1940), Arzt; Wasserburger, Paul (1824-1903), Unternehmer; Weissel, Georg (1899-1934), Wachkommandant; Wolf, Josef L. (1896-1961), Buchdrucker.

© Text: Prof. Ing. Alfred Wolf, Wien (2010), aktualisiert von Helga Maria Wolf (2012), Fotos: Doris Wolf. Nachdruck nur mit Genehmigung der Autoren