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Gmunden, Johannes (Krafft) von #

* zwischen 1380 und 1385, wahrscheinlich in Gmunden

† 23. 2. 1442, Wien


Astronom, Mathematiker und Theologe


Kalender
Johannes von Gmunden: Kalender, Nuremberg, 1496.
Aus: Wikicommons

Johannes von Gmunden wurde (1384 ?) in Gmunden als Sohn des Salzamtmannes Krafft geboren.

Im Jahr 1400 immatrikulierte sich Johannes von Gmunden vermutlich an der Universität Wien, wurde hier 1402 Baccalaureus, 1406 Magister artium. Nachdem er auch das Baccalaureat der Theologie erlangt und 1417 die Priesterweihe empfangen hatte, wurde er Mitglied des Collegium ducale, einer von Herzog Albrecht III. getätigten Stiftung für Theologen. Mit dem damit verbundenen Stipendium war Johannes' Lebensunterhalt gesichert. 1425 schied er aus diesem Collegium aus, nachdem ihm eine Domherrenstelle bei St. Stefan in Wien zuerkannt worden war. 1431 wurde ihm mit der Pfarre Laa a. d. Thaya weitere, sehr einträgliche geistliche Pfründe zuteil.

Johannes' Lehrtätigkeit an der Universität Wien ist zeitlich in zwei Abschnitte zu gliedern: In den Jahren von 1406 bis 1416 hielt er an der Artistenfakultät Vorlesungen vornehmlich über naturwissenschaftliche Gegenstände, die im Rahmen der sieben Artes liberales für Studenten der Artistik abgehalten wurden. Daneben las er als theologischer Baccalaureus auch über theologische Gegenstände im Stil der Zeit, nämlich der scholastischen Methode. So etwa hatte er unter anderem über das Sentenzenbuch des Petrus Lombardus vorgelesen.

Kalender
Johannes von Gmunden: Kalender, Nuremberg, 1496.
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In einer zweiten Unterrichtsphase in den Jahren 1416 bis 1434 hatte Johannes von Gmunden nur über mathematisch-astronomische Gegenstände vorgetragen und (modern ausgedrückt) so etwas wie eine Fachprofessur innegehabt. Er ist der erste Magister der Universität Wien, bei dem eine solche Konzentration auf ein bestimmtes Fachgebiet (den quadrivial-naturwissenschaftlichen Disziplinen der Artes liberales) feststellbar ist.

Obwohl Johannes von Gmunden nach 1434 an der Universität Wien keine Vorlesungen mehr gehalten hatte, ist seine Verbindung zur ehrwürdigen Alma mater Rudolfina erhalten geblieben. 1435 vermachte er testamentarisch der Bibliothek der artistischen Fakultät seine astronomischen Geräte und Handschriften und legte damit den Grundstein der späteren Wiener Universitätsbibliothek. Er versah mehrere akademische und administrative Ämter im Rahmen der Verwaltung der artistischen Fakultät sowie der gesamten Universität Wien.

Johannes von Gmunden wird als Begründer der sogenannten ersten Wiener mathematischen Schule angesehen, doch steht er, was nicht übersehen werden darf, bereits in der Tradition des Heinrich von Langenstein (gest. 1397), eines Hessen, der 1383 von der Pariser Universität nach Wien gekommen war und zum "zweiten Gründer" der Universität Wien wurde, die damals mit der Einrichtung einer theologischen Fakultät erst den Status einer Volluniversität erlangte.

Obwohl Johannes von Gmunden den "Doctor conscientiosus" Langenstein (gest. 1397) nicht mehr persönlich gekannt haben konnte, hatte er sicherlich von den astronomischen und mathematischen Büchern sowie den Instrumenten, die Langenstein aus Paris mitgebracht hatte, profitiert. Bei Johannes von Gmunden kann man jedenfalls das kritische Bemühen feststellen, das überlieferte Wissen (im speziellen die Zahlenwerte der astronomischen Tafeln) anhand der beobachtbaren Tatsachen der Natur zu korrigieren.

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Johannes von Gmunden: Kalender, Nuremberg, 1496.
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Die sogenannten Alfonsinischen Tafeln - Planeten- und Fixsterntabellen, die in der Regierungszeit des Königs Alfons X. von Kastilien (1221-1284) berechnet wurden - kamen in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts nach Deutschland und wurden für die jeweiligen Regionen adaptiert. Für unsere Gegenden hat dies Johannes von Gmunden besorgt, dessen Hauptverdienst wohl in einer Reihe instruktiver, mit reichem Anschauungsmaterial versehener mathematischer und astronomischer Werke, d.h. primär auf dem literarisch-didaktischen Sektor, liegt.

Johannes von Gmunden hatte wohl bereits die Notwendigkeit regelmäßiger Himmelsbeobachtungen erkannt, wenngleich uns erst von Georg von Peuerbach (1423-1461) und Johannes Regiomontanus (1436-1476) (bzw. dessen Nürnberger Mitarbeiter Bernhard Walther, † 1504) Observationen größeren Ausmaßes über einen längeren Zeitraum hinweg bekannt sind.

Johann blieb mehr oder minder noch im Rahmenbereich des astronomischen Kalküls und legte offenbar mehr Wert auf die bildliche Veranschaulichung der himmlischen Bewegungen denn auf genauere Positionsmessungen und Beobachtungen der Himmelskörper. Sicherlich aber hat er – wahrscheinlich auf dem Turm des im Terrain des heutigen Wiener Jesuitenkollegs gelegenen Collegium ducale - Beobachtungen durchgeführt; dafür spricht, dass er 1435 auch Gerätschaften und Instrumente der Bibliothek der Artistenfakultät legiert hat. Außerdem hatte sich Johannes von Gmunden theoretisch mit Instrumenten beschäftigt, so nimmt man an, dass auf seinen Entwurf hin der 1438 entstandene elfenbeinerne Sonnenquadrant Friedrichs III., der sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet, entstanden ist. In einem "Tractatus Cylindri" erläutert Johannes von Gmunden die Grundlagen der sogenannten Säulchensonnenuhr, bei der die Stundenlinien auf einem kleinen Zylinder abgebildet sind.

Johannes von Gmunden war, wie wohl alle Naturforscher seiner Zeit, von der absoluten Richtigkeit der aristotelischen Physik und des geozentrisch-geostatischen Weltsystems überzeugt. Seine Astronomie basierte auf dem Ptolemäischen Epizykel-Exzenter-Modell aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Die Bahnelemente der Planeten betrachtete er als unveränderliche Größen, er sah seine eigenen Tafeln demgemäß als ewig an.

Der Astrologie gegenüber war Johannes von Gmunden skeptisch bis ablehnend; dies entsprach guter scholastisch-nominalistischer Tradition. Gleichwohl besaß er mehrere astrologische Werke (Guido Bonati, John Estwood-Eschuidus, Hali Abenragel, Alcabitius, Leopold von Österreich), die er gleichfalls der Artistenbibliothek vermachte, sie allerdings unter Verschluss gehalten wissen wollte. Mit überzeugenden Argumenten und scharfen Worten wandte sich Johannes gegen die Prophezeiung eines Erfurter Magisters, der für das Jahr 1434 aufgrund astronomischer Planetenkonstellationen - im September dieses Jahres sollten alle Planeten im absteigenden Mondknoten konjugieren - eine Weltkatastrophe vorhersagte. Johannes von Gmunden geißelte vor allem die astronomische Inkorrektheit der Behauptung des Erfurters, Johannes’ Tafeln zufolge fand diese Massenkonjunktion gar nicht statt.

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Johannes von Gmunden: Kalender, Nuremberg, 1496.
Aus: Wikicommons

Johannes von Gmunden hatte auf seine Umgebung sicherlich schulbildend gewirkt; namentlich bekannt sind seine beiden Schüler Georg Pruner aus Niederrußbach (Niederösterreich) und Martin Hämerl aus Neumarkt (Steiermark?). Nicht unwahrscheinlich ist, dass zu Beginn der vierziger Jahre des 15. Jahrhunderts eine persönliche Begegnung mit dem jungen Georg von Peuerbach, vielleicht im Stift Klosterneuburg, stattgefunden hat. Johannes von Gmunden gebührt somit wohl das Verdienst, die Weichen für eine, begrifflich umstrittene, erste "Wiener mathematische Schule", die in Peuerbach und Regiomontanus gipfelt, gestellt zu haben; und hat damit indirekt auch das Initial für die zweite Wiener mathematische Schule des beginnenden 16. Jahrhunderts gegeben.

Die Leistungen des Johannes von Gmunden als Mathematiker liegen in der Trigonometrie ("De sinibus, chordis et arcubus") und in der Lehre des Rechnens mit Sexagesimalbrüchen ("Algorismus de minutiis"), doch ist er hierin in traditionellen Bahnen verblieben und hat im Großen und Ganzen nur die rechnerischen Hilfsmittel verfeinert. Die Werke des Johannes von Gmunden waren im 15. Jahrhundert weit verbreitet, sein Name auf den damaligen Universitäten des Abendlandes geläufig. 286 teilweise autographe Handschriften Johannes' befinden sich heute in europäischen Bibliotheken.


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Literatur#

  • Rudolf Klug, Johannes von Gmunden, der Begründer der Himmelskunde auf deutschem Boden (=Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl., 222. Bd.), Wien 1943.
  • Paul Uiblein, Zur Biographie des Johannes von Gmunden. In: Beiträge zur Kopernikusforschung, Linz 1973, S. 29-38
  • Heidelinde Jung, Johannes von Gmunden - Georg von Peuerbach. In: Beiträge zur Kopernikusforschung, Linz 1973, S. 7-14
  • Dictionary of Scientific Biography, Bd. VII, 1973, S. 77-122
  • Regiomontanus-Studien (=Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl., 364. Bd.), Wien 1980
  • Helmuth Grössing, Humanistische Naturwissenschaft. Zur Geschichte der Wiener mathematischen Schulen des 15. und 16. Jahrhunderts. (=Saecvla Spiritalia. Hgg. von D. Wuttke, Band 8), Baden-Baden 1983, passim.
  • Elfriede Prillinger (Hg.), Die Zeit kommt vom Himmel: von der Astronomie zum Kalender. Zum Gedächtnis Johannes´ von Gmunden, 1384-1442, 1984
  • Günther Hamann – Helmuth Grössing (Hrsg.) Der Weg der Naturwissenschaft von Johannes von Gmunden zu Johannes Kepler (= Österreichische Akademie der Wissenschaften, Sitz.ber., phil.-hist.Kl., Bd. 497) Wien 1988, S. 11-64, S. 65-100
  • Helmuth Grössing (Hrsg.), Der die Sterne liebte. Georg von Peuerbach und seine Zeit, Wien 2002, S.77-88
  • Rudolf Simek – Kathrin Chlench (Hrsg.), Johannes von Gmuden (ca. 1384-1442). Astronom und Mathematiker (=Studia Medievalia Septentrionalia. Hrsg. von Rudolf Simek Bd.12), Wien 2006

Quellen#


Redaktion: H. Grössing