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Lahousen, Erwin von #

* 25. 10. 1897, Wien

† 24. 2. 1955, Innsbruck


Generalmajor, leitender Geheimdienstoffizier der deutschen Wehrmacht im Amt/Ausland
Abwehr bei Admiral Canaris, Widerstandskämpfer
1945 Kronzeuge beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher


Erwin von Lahousen
Erwin von Lahousen als Kronzeuge beim Nürnberger Prozess
© St. Lahousen

Jugend und Erster Weltkrieg#

Erwin Heinrich René Lahousen, Edler von Vivremont, wurde als Sohn des Obersten im österreichisch-ungarischen Infanterieregiment 88, Wilhelm Carl Lahousen, Edler von Vivremont - die Familie war 1880 nobilitiert worden - in Wien geboren. Er absolvierte nach vier Klassen Untergymnasium die dreijährige militärische Oberrealschule in Mährisch - Weißkirchen, wo auch der spätere Bundespräsident Theodor Körner und der Widerstandskämpfer Heinrich Kodré ausgebildet wurden.

Nach kriegsbedingt nur zwei Jahren Militärakademie in Wiener Neustadt erfolgte am 18. August 1915 - seiner "Heimatberechtigung" entsprechend - die Ausmusterung zum Infanterie-Regiment 14 ("Hessen") in Linz. Seinem Einteilungswunsch bei der Kavallerie wurde nicht stattgegeben. Daran konnte auch ein "Majestätsgesuch" des Vaters, inzwischen immerhin Feldmarschall-Leutnant, nichts ändern.

Lahousen leistete dennoch trotz zahlreicher schwerer und keineswegs ausgeheilter Verwundungen permanenten Front-Dienst im Ersten Weltkrieg wovon er sich auch nach der lebensgefährlichen Operation eines Lungen-Steckschusses durch den berühmten Chirurgen Anton Freiherr von Eiselsberg nicht abhalten ließ. Er nahm unter anderem an der 11. Isonzo - Schlacht und an den extrem verlustreichen Kämpfen am Monte San Gabriele teil, war also auf eigenen Wunsch immer im Brennpunkt des Kampfgeschehens.

Der italienischen Kriegsgefangenschaft entzog er sich durch rechtzeitigen Rückmarsch mit seiner Division nach Wien. Anschließend verrichtete er als Zugs-Kommandant der Depot-Wachen Kaiser-Ebersdorf und Floridsdorf zunächst Dienst in der "Deutschösterreichischen Volkswehr". 1920 wurde er in das österreichische Bundesheer übernommen, in dem er die "Höheren Offizierskurse" (so hieß damals die durch den Friedensvertrag von 1920 verbotene Generalstabsausbildung) mit Bestnoten absolvierte und nach einer Erprobungsphase dem Militär-Geheimdienst zugeteilt war.

Widerstand im Zweiten Weltkrieg#

Nach dem Anschluss wurde er durch das Amt Ausland/Abwehr unter Admiral Wilhelm Canaris übernommen und in der Folge zum Leiter der Abteilung II ( "Sabotage und Spezialaufträge" ) ernannt. Bei zahlreichen Besprechungen protestierte dann Lahousen im Auftrag von Canaris gegen die verbrecherischen Befehle des Regimes: Der Abwehr würden - um nur ein Beispiel zu nennen - laufend von der Front Informationen über die demoralisierende Auswirkung der Erschießung russischer Kriegsgefangener auf die eigene Truppe zugeleitet, da die Soldaten befürchteten, bei einer Gefangennahme das gleiche Schicksal zu erleiden, argumentierte er dabei sehr geschickt, aber wie bei allen übrigen Protesten erfolglos.

Lahousen konnte als Untergebener mit der Rückendeckung von Canaris viel schärfer kritisieren als dieser selbst: "Wird bei den Aussonderungen für die Exekutionen der Kriegsgefangenen nach Körpergröße oder Schuhnummer vorgegangen ? " , so eine Frage von Lahousen in einer Konferenz. Selbstverständlich waren derartige regelmäßig vorgetragene Einwände, mit denen er sich stark exponierte, auch für ihn extrem riskant. Noch dazu, wo das Reichssicherheits-Hauptamt der Abwehr sehr kritisch gegenüberstand und ihre Aktivitäten argwöhnisch beobachtete bis es 1944 gelang, sie endgültig zu eliminieren und Canaris und einen Teil seiner Mitarbeiter, wie etwa General Oster, zu verhaften. Deren Hinrichtung war dann nur mehr eine Frage der Zeit.

Schließlich entschlossen sich Canaris und Lahousen zu handeln. Im Gegensatz zu Canaris, der einer Verhaftung Hitlers den Vorzug gegeben hätte, befürwortete jedoch Lahousen ein Attentat mit anschließendem Staatsstreich aufgrund der dafür eigens adaptierten "Walküre"-Planungen. Gemeinsam brachten sie am 7. März 1943 den Sprengstoff für den Anschlag vom 13. März auf Hitler in das Hauptquartier der "Heeresgruppe Mitte" nach Smolensk, wo dann durch den Reserveoffizier Oberleutnant Dr. Fabian von Schlabrendorff eine als Cognac-Flaschen getarnte Sprengladung in das Führer-Flugzeug vom Typ Messerschmidt-Condor geschmuggelt wurde. Nach erfolgtem Attentat sollte der Staatsstreich - Versuch unter dem Code-Namen "Walküre" ausgelöst werden. Aus ungeklärten Gründen detonierte die englische Sprengladung jedoch nicht und musste daher nach der Landung Hitlers im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" im ostpreußischen Rastenburg unter dem Vorwand einer Verwechslung durch Schlabrendorff wieder zurück geholt werden.

Lahousens Möglichkeiten, Widerstand zu leisten, waren damit im wesentlichen erschöpft, weil er wegen der bevorstehenden Beförderung zum Generalmajor und der damit verbundenen obligatorischen Frontbewährung die Leitung der Abteilung an Oberst i. G. Wessel Freytag von Loringhoven abgeben musste. Dieser setzte die Widerstandstätigkeit auch als Abteilungsleiter konsequent fort und besorgte schließlich sogar den Sprengstoff für das Attentat vom 20. Juli 1944, was er allerdings mit seinem Leben bezahlte.

Ab August 1943 als Kommandeur der Grenadier-Regimenter 96 und 4 sowie des Jäger-Regiments 41 L eingesetzt, wurde Oberst i. G. Lahousen bei einem Volltreffer in seinem Gefechtsstand in Marnowo am Don am 19. Juli 1944, also einen Tag vor dem Stauffenberg-Attentat, wieder lebensgefährlich verletzt. Durch den Fronteinsatz und die neuerliche schwere Verwundung entging allerdings auch der Gestapo seine Tätigkeit im Widerstand, was ihm das Leben rettete.

Nach Kriegsende geriet er in US-amerikanische und britische Gefangenschaft, wobei er durch den englischen "Secret Service" monatelangen brutalen Vernehmungsmethoden ausgesetzt war, die seine Gesundheit nachhaltig beeinträchtigten.

Kronzeuge im "Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher"#

Ab dem 30. November 1945 sagte er beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher aus: "Ich muss aussagen für alle, die sie ermordet haben, ich bin der einzige - so sein damaliger Wissenstand - Überlebende " (der ehemaligen leitenden Abwehroffiziere) betonte er dabei gegenüber dem amerikanischen Gefängnis-Psychologen Gustav M. Gilbert.

Zentraler Gegenstand seiner Erklärungen waren die verbrecherischen Hintergründe des Kriegsgeschehens, die er als ranghoher Geheimdienst - Offizier kannte, sowie die grausame Behandlung von etwa drei Millionen russischen Kriegsgefangenen, von denen schon im Februar 1942 nur mehr eine Million (!) am Leben war.

Lahousen machte auch detaillierte Angaben über die der Abwehr erteilten Mordaufträge, die aber nicht ausgeführt wurden. Alle Aussagen wurden unter Eid geleistet und gehören zu den wichtigsten Quellen österreichischer Provenienz über den Zweiten Weltkrieg, weshalb sie auch in dem neuen Museum über die Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg dargestellt werden.

Schließlich wurden Österreicher dort nicht nur als Kriegsverbrecher verurteilt, wie etwa ernst Kaltenbrunner und Seyß-Inquart, sondern trugen wie der Kronzeuge der Anklage Lahousen entscheidend zu Aufklärung und Beweisbarkeit der Verbrechen bei. Dabei konnte er sich auf ein im Auftrag von Canaris geführtes geheimes Tagebuch stützen, das in den National Archives, in Washington D.C. aufbewahrt wird: "Schreiben Sie das auf meine Herren, Sie werden das später vertreten müssen", hatte Canaris angeordnet.

Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft am 4. Juni 1947 zog sich Lahousen nach Seefeld in Tirol zurück und heiratete die Witwe des ehemaligen österreichischen Staatssekretärs Dr. Znidaric. Nachdem er mit ihr und ihren drei Kindern nach Innsbruck übersiedelt war, erlag er am 24. Februar 1955 einem Herzinfarkt.

Gemeinsam mit Oberstleutnant i. G. Robert Bernardis und dem Ritterkreuzträger Oberst i. G. Heinrich Kodré, die beide so wie er in Linz heimatberechtigt waren, gehört Generalmajor Erwin Lahousen-Vivremont zu den drei wichtigsten Protagonisten des Widerstandes der Österreicher in der deutschen Wehrmacht.

Literatur#

  • K. Glaubauf, St. Lahousen, Generalmajor Erwin Lahousen-Vivremont - Ein Linzer Abwehroffizier im militärischen Widerstand, LIT - Verlag, Berlin - Hamburg - Münster 2005, ISBN 3-8258-7259-9.
  • Derselbe: Die Volkswehr 1918 - 192O und die Gründung der Republik, Wien 1993.
  • Der Nürnberger Prozess. Das Protokoll des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Militärgerichtshof, 14. November 1945 - 1. Oktober 1946, Digitale Bibliothek 4, Berlin 1999, ISBN 3-932544-25-0.
  • K.- H. Abshagen , Canaris - Patriot und Weltbürger, Mitarbeit Erwin von Lahousen, München-Berlin 1955.
  • W. Wette, Retter in Uniform, Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-15221-6.
  • DÖW (Hrsg.) Jahrbuch 2009, Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär, Wien 2009.



Dr. Glaubauf ist Autor des vorliegenden Beitrages...

-- Glaubauf Karl, Montag, 22. September 2014, 18:36


Das ZDF wird am 24. November einen äusserst informativen völlig neuen Film senden, um diesen österreichischen Protagonisten des Widerstandes ausführlichst zu würdigen, gestaltet wird der Film von Annette von der Heyde vom ZDF, einer international bekannten Dokumentarfilmerin. In Österreich selbst wird wieder einmal nichts gemacht. Lahousen löste den Weltkrieg mit dem Unternehmen Jablunka eine Woche zu früh aus, befehlsgemäß....Hätte sich aus vielen Gründen einen ORF Beitrag verdient...

-- Glaubauf Karl, Montag, 22. September 2014, 18:54