unbekannter Gast

Petrik, Dine #

* 3. 9. 1942, Unterfrauenhaid, Burgenland


Schriftstellerin


Dine Petrik
© Dine Petrik

Dine Petrik wurde am 3. September 1942 in Unterfrauenhaid im Burgenland geboren.

Nach einer harten Kindheit (verlor im Krieg einen älteren Bruder und den Vater) übersiedelte sie 1959 nach Wien, wo sie die Handelsschule und die Wiener Kunstschule in Abendkursen besuchte und später Malerei bei Prof. Matejka-Felden studierte.

Neben verschiedenen "Brotberufen" (Bürolehrling, Fakturistin, Apothekenhelferin, Sekretärin) veröffentlichte sie ab Mitte der 1980er Jahre Lyrik und Prosa in Anthologien und Literaturzeitzeitschriften. Seit 1990 veröffentlicht sie eigene Buchpublikationen, v. a. Lyrik und Reiseliteratur.

Dine Petrik hat zwei Kinder großgezogen und lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Sie erhielt mehrere Preise und Stipendien und ist auch als Reiseschriftstellerin und Essayistin hervorgetreten, für Aufsehen sorgte Petriks literarische Hertha Kräftner-Biographie, daneben sind weitere Arbeiten über Hertha Kräftner erschienen.

Dass lyrische Gedichte heutzutage keineswegs antiquiert sein müssen, beweisen Dine Petriks "Sonaten für Wasser und Wind"... Ein Zeilenumbruch mit ungewöhnlichem Enjambement ist charakteristisch für Petriks Sprachstil.
Ihre Texte – Hybride aus Essay und Reisebericht, kreisen höchst anregend um eine alte und immer aktuelle Frage: jene, was das Fremde sei. Dies freilich geschieht nicht abstrakt und aphoristisch, es geschieht im Entdecken, das sich im Reisen und Nachlesen vollzieht. Das Fremde ist dabei nicht zuletzt der oftmals zur Herausforderung „wahrer Kultur“ stilisierte Islam, das Eigene jenes Abendland, dem Dine Petrik Bigotterie und pragmatisch definierte Moral nachweist.


Preise, Auszeichnungen (Auswahl):

  • 1992 Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich
  • 1996 und 1999 Arbeitsstipendium des Bundesministeriums für Wissenschaft und Kunst
  • 1997 Förderungspreis Theodor Kery Stiftung
  • 1997 Buchprämie
  • 1998 Theodor Körner Preis (Wissenschaft
  • 1998 BEWAG Lyrik Preis
  • 2003 Reisestipendium, Kunstsektion Wien
  • 2006 Hermes Literaturpreis (Lyrik, 1. Platz)
  • 2008 FAST forWORT Poesiepreis, 2. Platz

Werke (Auswahl)#

  • Sonaten für Wasser und Wind. Gedichte. Eisenstadt: edition roetzer, 1990.
  • Kindheit. Die fremden Länder mein eigenes Leben. Sechs Lyrikzyklen und ein Materialienband. Hrsg.: Barbara Neuwirth. Wien: Wiener Frauenverlag, 1991.
  • Die Hügel nach der Flut. Was geschah wirklich mit Hertha K.? Salzburg, Wien: Otto Müller, 1997.
  • Befragung des Zorns. Gedichte. Salzburg, Wien: Otto Müller, 1999.
  • Jenseits von Anatolien. Eine Reise ins Oströmische Reich. Wien: Promedia, 2002.
  • Bibliotheca Alexandrina. Unterwegs auf Weltwunderboden. Wien: Sonderzahl, 2005.
  • Ausgewählte Gedichte. Wien: Podium Verlag, 2007.

ANTHOLOGIEN LYRIK (Hg.)

  • Eisfeuer, Erotische Gedichte, Wiener Frauenverlag, 1986
  • Fell aus Titan. Gedichte zum Thema Schmerz, Wiener Frauenverlag, 1989
  • sah aus, als wüsste sie die Welt, Wiener Frauenverlag, 1990
  • Wortweben, Verlag Der Apfel, 1991
  • SALON, Ars Nova Verlag, 1994
  • Alles Stille, Styria Verlag, 1997
  • Odyssee, Books on Demand, Norderstedt, 2003
  • Bibliothek: Deutschsprachige Gedichte VII, Realis-Verlags-GmBH, 2004
  • Morgenbetrachtung. Verweilen im Gesicht, Verlag Hohenems-Wien, 2008
  • Die Ferienfamilie. Roman. Salzburg, Wien: Residenz, 1981.

ANTHOLOGIEN PROSA (Hg.), LITERATURZEITSCHRIFTEN

  • Alles ist in mir. Notate zu Hertha Kräftner "Ich war nicht immer so": Verlag Art & Science, 2007
  • *Berührungen – Hertha Kräftner zum 80. Geburtstag, Edition Lex Liszt, 2008
  • *Literatur und Kritik, Otto Müller Verlag: Hertha Kräftner zum 80. Geburtstag, H. 423, 2008
  • *Etcetera, Über Leben und Werk der Dichterin Hertha Kräftner, H. 1, 1999
  • En Détail. Alte Wiener Läden, Holzhausen Verlag, 2002
  • Mord vor Ort, Verlag für Gesellschaftskritik, 1994
  • Literatur und Kritik, Samstagsmütter am Galatasaray, Essay, H. 333, 1999
  • Podium, Straßen, Essay, H. 117/118. Okt. 2000
  • RAK, Cesty Márie Terézie, Essay, slovart, 3, 2004

*ORF: "Libera me Domine", Sendung "Texte", Ö1


Leseprobe#

aus Dine Petrik - "Jenseits von Anatolien"

Bild 'ischinn_Petrik_Dine_Cover'

1923, Republiksgründung der Türkei

In der blutjungen türkischen Republik wird Ankara zur Haupt- und Residenzstadt gekürt und der darin residierende Staatspräsident zum "Ata" (arabisch Aba). Atatürk, der als Vaterlandsretter die Macht zentriert, schwebt ein "europäisch moderner Staat" vor. Er reformiert radikal darauf los und lässt ein entsetzliches Chaos entstehen. Die junge Republik fällt vom Aufruhr in Ablehnung oder in Depression und schließlich in eine überwiegende Bejahung. Atatürk steht zwischen Verträgen, Geboten, Verhandlungen und Verboten, sodass er auf seine "Brüder" [die Kurden] und sein Versprechen [ein eigener Staat und nationale Rechte] total vergisst. Es gibt Wichtigeres: Ein Völkeraustausch ist über politische Bühnen zu ziehen und findet danach tatsächlich statt. 1,5 Millionen Griechen haben ihre alteingesessenen Heimplätze und unschätzbaren Kultur -denkmäler zu verlassen, sie haben Griechenland aufzusuchen, wo sie nicht willkommen sind. Heimplätze gibt es dort nicht beziehungsweise sind diese erst mal zu schaffen. Die neue Heimat ist ihnen fremd. Bevor sie betreten werden darf, sind tausende tot. Umgekehrt haben 600.000 Türken Griechenland zu verlassen und zum Vater heimzukehren, wo sie gemachte Betten erwarten. Nur eine Wurzel des gegenseitigen Hasses, der bis heute blüht.

© 2002, Promedia Verlag, Wien
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags
LITERATURHAUS


Was bei Dine Petriks Gedichtband "Befragung des Zorns" ins Auge springt, ist die Absicht der Autorin, bereits mit der "Zuschnitzung" des Textblockes ein bestimmtes Umriß-Bild zu erzeugen: so rinnt etwa beim Regengedicht "shit" (S. 15) tatsächlich gegen Ende das Wasser durch die Zeilen und verfrachtet den letzten Sinn in ein großes, buchstabenloses Gewässer. Ein Pokalgedicht richtet sich nach den Konturen dieses Gefäßes, und wenn der Flattersatz hinten arg ins Zittern gerät, heißt das Gedicht "nervous" (S. 73)…


Leseprobe#

aus Dine Petrik - "Befragung des Zorns"


in pokalen

langsam wird das land ab
getragen der stein frisst es
aus monochromen bild grün
den spult luft ins gesicht kalt
und glühend ich wie die sichel
zum vollmond wird un-anfecht
bar gewohnt glatt rinne ab an
mir ich verliere die hüllen löse
mich aus der pasterze frei vom
stechgewand krachen gegang
ner gespräche legenden zer
hächelt vom storch - aus der
zeit fehlt die zwietracht ich
geb auf das in schwebe ge
haltne: geköchert im mo
lekül tropfender ado
leszenzen gelingt
noch staunen:
anziehend ist
fabulieren mit
rinnsalen lied
giften fluiden
zum paukenschlag
blanken schweigens
das ich er hören soll
(S. 79)

© 1999, Otto Müller, Salzburg, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

LITERATURHAUS

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl