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Rühm, Gerhard#


* 12. 2. 1930, Wien


(experimenteller) Lyriker, Dramatiker und Prosaautor
ausgebildeter Musiker (Schüler von Josef Matthias Hauer)


Gerhard Rühm wurde am 12. Februar 1930 in Wien geboren.

Er studierte Klavier und Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, danach privat bei Josef Matthias Hauer und beschäftigte sich während eines längeren Aufenthalts in Beirut mit orientalischer Musik.

Auf sich aufmerksam machte er mit avantgardistisch-experimentellen Kompositionen wie der mit dem Pianisten Hans Kann geschaffenen "geräuschsymphonie" und einer "ein-ton-musik" für Klavier.

Die Begegnung mit H. C. Artmann Anfang der 1950er Jahre führte Gerhard Rühm zur Literatur. Zusammen mit Artmann, Friedrich Achleitner, Konrad Bayer und Oswald Wiener gründete er die "Wiener Gruppe", deren Ziel die Erneuerung der literarischen Aussage aus dem Material der Sprache und die Reflexion auf ihre Produktionsbedingungen war und deren radikale Sprachexperimente zu den wichtigsten literarischen Entwicklungen der Zeit nach 1945 zählten.

Gemeinsam mit Artmann und Bayer entstanden 1956 die "montagen", 1959 mit Artmann und Achleitner "hosn rosn baa", 1961 "konstellationen" und 1965 "söbstmeadagraunz. gedichte im wiener dialekt". Sprachmaterial wurde zerlegt und zu "optischen lautkonstellationen" transformiert.


Die Wiener Gruppe veranstaltete um 1958 erste Happenings und Aktionen in Österreich, die maßgeblich zur Entstehung des Aktionismus beitrugen. Die Radikalität der Gruppe zog auch Schwierigkeiten mit Verlegern und mit der Staatsgewalt nach sich. Da seine Arbeiten in Österreich keine Anerkennung fanden, ja sogar durch Publikationsverbot behindert wurden, verließ Rühm nach dem Auseinanderbrechen der Vereinigung 1964 Wien und ging nach Deutschland, wo er sich zunächst in Berlin und ab 1975 in Köln niederließ. 1967 gab er die Sammelpublikation "Die Wiener Gruppe" heraus, die großen Einfluss auf die österreichische Gegenwartsliteratur ausübte. 1972 wurde er als Dozent, später als Professor für freie Grafik an die Kunsthochschule Hamburg berufen, wo er bis 1995 unterrichtete.


Gerhard Rühm war in den 1950er und 1960er Jahren überwiegend literarisch tätig und wurde zuerst durch Buchveröffentlichungen experimenteller Poesie bekannt. Aber schon in seinen ersten "lautgedichten" arbeitete er am Grenzbereich der Kunstdisziplinen. Er bezeichnete sein Schaffen als "intermediale Arbeit" und entwickelte seine Dichtung in Richtung bildender Kunst (visuelle Poesie, gestische und konzeptionelle Zeichnungen, Fotomontagen, Buchobjekte) sowie ins Musikalische (auditive Poesie als Sprech- und Tonbandtexte, Chansons, Melodramen, Vokalensembles, Tondichtungen).

Im Unterschied zu seiner frühen sprachanalytischen und -spielerischen Phase setzte sich Gerhard Rühm in seinen Texten ab den 1970er Jahren zunehmend auch mit den Lebensbedingungen auseinander. Wie in seinem 1983 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichneten Hörspiel "Wald - Ein deutsches Requiem" kamen vor allem ökologische Themen wie das Waldsterben zur Sprache.

Als bildender Künstler legte Rühm seine Schwerpunkte auf die Bereiche Zeichnung und Fotomontage. Seine etwa von Liednotationen unterlegten Musikgrafiken bezeichnete er als "visuelle Musik", er kreierte Scherenschnitte, "automatische" Zeichnungen und Tuschen.

Neben zahlreichen Einzelausstellungen ab 1958 waren seine Arbeiten u.a. im Amsterdamer Stedelijk Museum, auf der documenta 1977 und 1987 in Kassel, in der Frankfurter Kunsthalle Schirn und 1997 (mit der "Wiener Gruppe") an der Biennale in Venedig vertreten. 2001 widmete ihm der "steirische herbst" einen Schwerpunkt.


Gerhard Rühm war als Komponist und Interpret, Dichter und bildender Künstler ein intermedialer Grenzüberschreiter, lange bevor der Begriff des "crossover" in Mode war.

Er war von 1978 bis 1983 Präsident der Grazer Autorenversammlung und lebt heute in Köln und Wien. 2012 erwarb die Österreichische Nationalbibliothek Rühms Vorlass.


--> Historische Bilder zu Gerhard Rühm (IMAGNO)

Auszeichnungen, Ehrungen (Auswahl)#

  • Karl-Szuka-Preis für das Hörspiel "wintermärchen", 1977
  • Österreichischer Würdigungspreis für Literatur, 1977
  • Großer Österreichischer Staatspreis, 1991
  • Goldenes Wiener Ehrenzeichen, 2007
  • Alice-Salomon-Poetik-Preis, 2007
  • Ehrendoktorat der Universität zu Köln, 2010
  • Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, 2013
  • Karl-Sczuka-Preis für das Hörspiel "Hugo Wolf und drei Grazien, letzter Akt", 2015

Werke (Auswahl)#

  • hosn rosn baa, 1959 (mit F. Achleitner und H. C. Artmann)
  • konstellationen, 1961
  • Gesammelte Gedichte und visuelle Texte, 1970
  • Die Frösche und andere Texte, 1971 (Prosa)
  • Ophelia und die Wörter, 1972 (Gesammelte Theaterstücke 1954-71)
  • Super Rekord 50 + 50, 1980
  • Dialektstücke, 1982
  • Reisefieber, 1989
  • theatertexte, 1990
  • Geschlechterdings, 1990 (Lyrik)
  • Die Winterreise dahinterweise, 1991 (Gedichte und Fotomontagen)
  • Textall. Ein utopischer Roman, 1993
  • Auf Messers Schneide, 1995 (Stücke)
  • Knochenspielzeug. Märchen, Fabeln und Liebesgeschichten, 1995
  • Visuelle Poesie, 1996
  • LICHT. Visuelle Poesie Visuelle Musik, Steirischer Herbst, 2001
  • Was verschweigt die schwarze Witwe?, 2004

Herausgeber

  • Die Wiener Gruppe, 1967
  • F. R. Behrens, Blutblüte, 1979
  • K. Bayer. Sämtliche Werke, 2 Bände, 1985
  • Hörspiele, Objekte, Musikpartituren, Tonbandkassetten


Ausstellungen (Auswahl):

Umfassende Retrospektiven

  • Kulturhaus, Graz, 1980
  • Museum Moderner Kunst, Wien, 1981
  • Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, 1982
  • Rupertinum (Moderne Galerie und Graphische Sammlung), Salzburg, 1987
  • Gesellschaft für aktuelle Kunst (Weserburg), Bremen, 1988
  • Kunstverein, Frankfurt am Main, 1989
  • Biennale di Venezia, 1997
  • Kunsthalle, Wien, 1998
  • Kunstverein, Bregenz, 1999
  • Museum für Moderne Kunst, Bremen, 2007
  • Gerhard Rühm. Die Ambivalenz des Konkreten. Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, MUMOK, Wien, 2010

Einzelausstellungen

  • Die Winterreise. Fotomontagen und Gedichte. Christine König Galerie, Wien (Fotografie, Montage), 1996
  • Zyklische Arbeiten aus 5 Jahrzehnten. Christine König Galerie, Wien (Fotomontage, Zeichnung), 1998
  • Fotomontagen, Zeichnungen, Tuschmalerei. Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz (Fotomontage, Zeichnung, Malerei), 1999
  • Organische und geometrische Formen. Galerie im Traklhaus, Salzburg, 1999
  • Sprech- und Simultantexte (Gerhard und Monika Rühm), Galerie 422, Margund Lössl, Gmunden (Zeichnung, Malerei, Collage), 1999
  • "I" love you. "Ich"-Bilder und -Objekte. Galerie Altnöder, Salzburg, 2000
  • Zwischenräume. Christine König Galerie, Wien (Fotomontage), 2001
  • Visuelle Poesie Visuelle Musik. Christine König Galerie, Wien - Kulturzentrum bei den Minoriten, Graz - Steirischer Herbst, Graz , 2001
  • Verlier nicht den Kopf aus Liebe. Christine König Galerie, Wien - Generalmusikdirektion, Graz / Österreich - Steirischer Herbst, Graz / Österreich, 2001
  • Galerie Leonhard, Graz, 2004
  • visuelle musik. Galerie Altnöder, Salzburg, 2004
  • weit weg und ganz nah. Kunsthalle Fridericianum, Kassel, 2006
  • Linzer Stadt- und Körperbauten. Galerie-halle, Linz (Zeichnung, Collage) , 2006
  • Sichtwechsel / Bild Zeichnung Schrift. Galerie Altnöder, Salzburg, 2010
  • Facetten Visueller Musik, Galerie Altnöder, Salzburg, 2013
  • Zeichnungen/Fotomontagen/Visuelle Musik, Galerie Sebastian Brandl, Köln, 2013

Literatur#

  • K. Schöning (Hg.), Hörspielmacher, 1983
  • Publikationen des G.-Rühm-Symposions, in: Protokolle 2, 1987
  • K. Bartsch (Hg.), G. Rühm, 1999
  • T. Eder, J. Vogel (Hg.), verschiedene sätze treten auf. Die Wiener Gruppe in Aktion, 2008

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl