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Zemanek, Heinz#


* 1. 1. 1920, Wien

† 16. 7. 2014, Wien


Informatiker
Vater der Computer und Informatik in Österreich

Heinz Zemanek
Heinz Zemanek

Heinz Zemanek wurde am 1. Jänner 1920 in Wien geboren.

Von der Volksschule bis zur Technischen Universität absolvierte er alle Studien in Wien:
Dipl. Ing. 1944, Dr. techn. 1951, Dozent (Habilitation) 1958, tit.o.Prof 1964, tit.O.Univ.-Prof. 1984. Den Militärdienst leistete er 1940-1943 in einer Telephoneinheit ab, welche die Heeresgruppe Südost bediente, und als Lehrer an der Armee-Nachrichtenschule Saloniki (obwohl nur Gefreiter und dann Obergefreiter). 1943 gelang es ihm, in die Radar-Forschung der Deutschen Luftwaffe versetzt zu werden.

Nach dem Kriegsende 1945 versuchte er zuerst in Württemberg und dann in Wien, eine elektrotechnische Firma zu gründen, kehrte aber bald als Assistent an die Technische Hochschule Wien zurück, wo er von 1947 bis 1961 blieb.


Für das Studienjahr 1948/49 erhielt er ein Stipendium der Französischen Regierung in Paris (Sorbonne, École Supérieure de Télécommunications, École Normale Supérieure, Forschungslaboratorium der PTT), lernte dort Louis Couffignal kennen und arbeitete am französischen Pulse Code Modulations- (PCM-) System.

Während seiner 14-jährigen Assistentenzzeit arbeitete er in der Digitalen Übertragungstechnik, an Kybernetischen Modellen, Informationstheorie und Schaltalgebra. Damit und mit einem Relaisrechner (URR1) bereitete er sich auf eine Computerentwicklung vor. Im Jahre 1954 sammelte er eine Gruppe von Studenten um sich, die mit ihren Diplomarbeiten den Bau eines der (des) ersten vollständig transistorisierten Computers auf dem europäischen Festland vorbereiteten.

Mailüfterl
Mailüfterl
Dieser Computer, der den Namen MAILÜFTERL erhielt, war eine Art persönlicher Unternehmung ohne offiziellen Universitätshintergrund (aber gebilligt), unterstützt durch die inländische und ausländische Industrie und durch den Verband der Banken und Bankiers. Parallel dazu wurde in ähnlicher Technik ein Vocoder ( ein Sprachcodierer für die Einsparung von Bandbreite ) entwickelt.


Heinz Zemanek zum Mailüfterl 2009:


Das erste Großprogramm, das auf dem Mailüfterl lief, betraf die Theorie der Zwölfton-Musik. Der Komponist und Theoretiker Hanns Jelinek (12 Buchstaben!) wollte wissen, wie viele Alltonreihen es gibt: Reihen, in welchen jeder Halbton, aber auch jedes Intervall nur einmal vorkommt. Das Mailüfterl rechnete 70 Stunden und druckte 2 mal 1928 Reihen aus.


1961 übersiedelten beide Gruppen von der TU zur IBM. Die IBM hatte angeboten, um die MAILÜFTERL- und Vocoder-Gruppe ein "IBM-Laboratorium Wien" aufzubauen, das er von 1961 bis 1976 leitete. Auf der Basis des Vocoders entstand das erste Produkt, das auf der Arbeit des Labors beruhte, nämlich das Telephon-Antwortgerät für Tabellenabfrage IBM 7772 in der Familie IBM/360.


Die Hauptleistung des Wiener Laboratoriums war dann die Formale Definition von Syntax und Semantik der Programmiersprache PL/I. Einleitung dazu war die IFIP Arbeitstagung über „Formal Language Description Languages“ in Baden bei Wien 1964 (siehe weiter unten).


1934 war Heinz Zemanek der Gruppe 44 der St. Georgspfadfinder beigetreten, die ihr Heim im Haydn-Haus (Wien VI) hatte. 1937 nahm er am Jamboree (Weltpfadfinder-Lager) in Vogelenzang in Holland teil, und zwar als stellvertretenden Delegationsleiter. Er lernte dort Lord Baden-Powell und auch Dr. Otto von Habsburg kennen. Sofort nach seiner Rückkehr aus Deutschland im Jahre 1946 half er beim Wiederaufbau der Pfadfinder Österreichs, war 1947 wieder stellvertretender Delegationsleiter beim Jamboree im Moisson bei Paris. 1949 wurde er zum Internationalen Kommissär (wie Außenminister) gewählt; als solcher organisierte er den Österreich-Anteil an der Internationalen Pfadfinderkonferenz in Salzburg 1951 und nahm anschließend am Jamboree 1951 bei Bad Ischl teil. Diese Erfahrungen waren eine gute Vorbereitung auf die nationale und internationale Vereinstätigkeit der anschließenden Jahre.


Bei seiner Wahl zum Internationalen Kommissär in Matrei am Brenner 1949 lernte er seine spätere Frau, die Tiroler Wölflingsführerin Maria Lindebner kennen. Die Heirat folgte ein Jahr darauf, 1950, so daß sie im Jahre 2000 die Goldene Hochzeit feiern konnten und auf 2010 hoffen. Die beiden Kinder, Georg Veit (1953) und Benedicta Maria (1955) sind indessen natürlich selbständig, der Sohn als Informatiker in Deutschland und die Tochter als Sekretärin im Vorstand von Siemens Österreich.


Die genannte IFIP Arbeitstagung war ein Nebenprodukt einer anderen Tätigkeit, die Heinz Zemanek 1961 begann, nämlich der Vorsitz des IFIP Technischen Komitees No. 2 über Programmierungssprachen. Von 1967 an war er dann der Reihe nach Trustee, Vizepräsident und ( 1971-1974 ) Präsident der IFIP. 1977 wurde er zu ihrem Ehrenmitglied gewählt.


In diesem Zusammenhang gründete er die Österreichische Computergesellschaft, welche indessen zu einer äußerst erfolgreichen Fachgesellschaft geworden ist. Er ist nun Ehrenpräsident.

Im Jahre 1976 wurde Heinz Zemanek zum IBM-Fellow ernannt. Er wählte als Arbeitsgebiet die Theorie des Systementwurfs und nannte sie Abstrakte Architektur. Im Jahre 1985 trat er bei der IBM in den Ruhestand.


Während des Studienjahres 1985/86 hatte er einen Lehrstuhl für Geschichte der Informatik an der TU München und während des Studienjahres 1988/89 gab er eine Vorlesungsreihe über "Das geistige Umfeld der Informationstechnik" im Rahmen der SEL Stiftung an der Universität Stuttgart.


Insgesamt lehrte Heinz Zemanek ohne Unterbrechung an der TU Wien von 1947 bis 2007: 60 Jahre lang, wofür das Institut eine Briefmarke mit seinem Bild drucken ließ.


Neben dem Aufarbeiten seiner bisherigen Haupttätigkeitsfelder beschäftigte sich Heinz Zemanek im Ruhestand vorwiegend mit der Geschichte und mit der Philosophie der Informationstechnik. Außerdem arbeitete er an mehreren Museumsprojekten mit.

Heinz Zemanek starb am 16. Juli 2014 in Wien im Alter von 94 Jahren.


Zemanek, der zu Recht als Vater der Informatik in Österreich gesehen wird, wurde berühmt durch den Computer Mailüfterl, durch die Errungenschaften des von ihm gegründeten IBM Labors, durch seine zahlreichen Schüler, von denen heute viele in aller Welt angesehene Forscher oder Manager sind, durch seine umfangreichen Publikationstätigkeiten, sein öffentliches Engangement und seine unzähligen Ehrungen.

Werke (Auswahl)#

Verfasste Bücher
  • Informationstheorie ( auf Ungarisch - Információelmélet ); Zwei Bände im Kleinformat, Budapest 1956 / 1957; 108 / 120pp
  • Informationstheorie; R. Oldenbourg, München 1959; 120pp
  • Computer - Werkzeug der Information ( mit P. Goldscheider ); Begleitbuch zu 10 Fernsehsendungen (Österreich und ZDF ), Springer Verlag Berlin 1971; 217pp
  • Kalender und Chronologie; R. Oldenbourg, München 1979, II 1982, III 1984, IV 1987, V 1990; 160pp. VI in Arbeit (2008).
  • Ausgewählte Beiträge zu Geschichte und Philosophie der Informationsverarbeitung; R. Oldenbourg Wien 1988; 288pp
  • Weltmacht Computer - Weltreich der Information; Bechtle Verlag, München 1991; 528pp
  • Das geistige Umfeld der Informationstechnik;Springer Verlag, Berlin 1992; 303pp
  • Vom Mailüfterl zum Internet- Geschichte Perspektiven und Kritik der IT; Wiener Vorlesungen, Picus Verlag, Wien 2001, 63pp
  • Series "Classics of World Science" Vol. 8 - Heinz Zemanek, (S.S. Moskaliuk, Ed ) Timpani, Kyiv 2001, 512pp

Herausgegebene Bücher:

  • The Skyline of Information Processing; Proceedings of the Tenth Anniversary Celebration of IFIP, Amsterdam, October 25, 1970, North Holland, Amsterdam 1972; 146pp
  • A Quarter Century of IFIP - The IFIP Silver Summary: Proceedings of the 25th Anniversary Celebration of IFIP, Munich, 27 March 1985,North Holland, Amsterdam 1986; 469 + XII + 102pp
  • 36 Years of IFIP; IFIP Laxenburg 1996; 388 pp
  • 50 Years of IFIP; mit K. Brunnstein, in Planung


Bücher über oder für Heinz Zemanek:

  • Heinz Zemanek - Ein Computerpionier (G. Chroust, Hrsg.); Beiträge zur IFIP-Tagung 1985 Die Rolle abstrakter Modelle; 30 JAN 1985 in Wien, R. Oldenbourg, Wien und München 1985; 117pp
  • Formal Models in Programming ( E.J. Neuhold, G. Chroust, Eds. ) Proceedings of the IFIP TC2 Working Conference „Formal Models in Programming“, Vienna, Austria, 30 JAN to 1st FEB 1985, North Holland, Amsterdam 1985; 425pp

Zemanek von einem Herausgeber gewidmete Bücher:

  • Abstract Software Specifications, Proceedings of the 1979 Copenhagen Winter School (D. Björner, Ed.) Lecture Notes in Computer Science Vol. 86, Springer Verlag, Berlin Heidelberg 1980: 567 pp
  • Computers and International Socio-Economic Problems ( H. Sackman, Ed. ) An Anthology of Papers originating in IFIP TC 9 on Computer Relationships with Society. North Holland, Amsterdam 1987; 608pp

Hauptwerke und Akademische Arbeiten:

  • 1943 – 1944 (Diplomarbeit) erste nachrichtentechn. Mikrosekundenimpulse im deutschen Sprachbereich
  • 1951 Dissertation "Zeitteilverfahren in der Telegraphie"
  • 1956 – 1958 Bau des ersten kontinentaleuropäischen Voll-Transistor-Computers "Mailüfterl"
  • 1958 Habilitation "Zur Störverminderung imperfekter Schaltnetzwerke"
  • 1958 – 1961 Programmierung und Anwendung; Leiter einer der ersten Software Groups. Beispiel: Bestimmung der Allintervall-Reihe für die Theorie der Zwölftonmusik (es sind 2x1928), 60h Rechenzeit
  • 1964 – 1968 Auch Leitung der Entwicklung der Vienna Definition Language VDL und Formale Definition der Programmiersprache PL/I
  • 1976 – 1985 Entwicklung des Begriffs der Abstakten Architektur (Theorie des systematischen Entwurfs aller Arten)

Ausstellungen:

  • Geschichtswand des Computers nach einem amerikanischen Vorbild von Eames&Eames; europäisch und österreichisch gestaltet (vier Versionen)
  • Reihe von 10 Fernsehsendungen zu 30 min( siehe oben Buch „Computer – Werkzeug der Information )
  • Computer Abteilung des Deutsche Museums ( Mitwirkung )
  • Darstellung der Zemanekschen Arbeiten im Heinz Nixdorf Forum – Museum, Paderb

Auszeichnungen (Auswahl)#

  • 1960: Preis der Nachrichtentechnischen Gesellschaft, für das Buch „Informationstheorie“
  • 1969: Goldene STEFAN Medaille des Österreichischen Verbandes für Elektrotechnik
  • 1970 IEEE Fellow; British Computer Society Fellow
  • 1971 Mitglied der Akademie der Künste zu (West-) Berlin
  • 1972 Honorary Life Member of the Computer Society of South Africa; Honorary Life Member of the Operations Research Society of Argentina; Wilhelm Exner Medaille des Österr. Gewerbevereins
  • 1974 Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich
  • 1975 Honorary Member of the Information Processing Society of Japan; 1975 Ehrenmitglied der Österreichischen Studiengesellschaft für Kybernetik
  • 1976 IBM FELLOW; Ehren- ( Gründungs- ) Präsident der Österreichischen Computergesellschaft
  • 1977 Honorary Member of the International Federation for Information Processing (IFIP); IFIP Silvercore
  • 1978 Prechtl Medaille der Technischen Universität Wien
  • 1979 Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
  • 980 Marin Drinov Medaille der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften; Silber-Ehrennadel des VDE für 25 Jahre Mitgliedschaft; IBM Programming Book Series Award
  • 1982 Dr.techn. h.c. der Johannes Kepler Universität Linz
  • 1983 Diploma on the Entry in the Marquis Who is Who World Edition
  • 1984 Preis der ADV 1984 (Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung); Wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
  • 1984 Ordentliches Mitglied der Wiener Katholischen Akademie; Leonardo da Vinci Medaille der European Society for the Education of Engineers; Titel eines Ordentlichen Professors an der Technischen Universität Wien
  • 1985 Feier zum 65. Geburtstag und zur Pensionierung in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; Dazugehörig: Kolloquium The Role of Abstract Models in Information Processing an der TU Wien ( IFIP, OCG, TU )
  • 1985 Korrespondierendes Mitglied der Spanischen Akademie der Wissenschaften; Die Österreichische Computergesellschaft beschließt den Heinz-Zemanek-Preis der ab nun jährlich feierlich vergeben wird, Erster Empfänger war Dr. A. Kobsa (Ein Österreicher an der Universität Kaiserslautern )
  • 1986 Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien; IEEE Computer Pioneer Medal; Dr.-Ing. E.h. der Friedrich Alexander Universität Erlangen-Nürnberg; 10 Congresses Certificate of IFIP
  • 1987 Zweite und dritte Verleihung des Heinz-Zemanek-Preises (die in den Folgejahren werden hier nicht mehr explizit erwähnt); 50-Jahriges Matura-Diplom
  • 1988 Oscar-von-Miller-Plakette in Bronze des Deutschen Museums in München
  • 1989 John von Neumann Medaille der Ungarischen John-von-Neumann-Gesellschaft für Computerwissenschaften
  • 1990 Feier des 70. Geburtstags im Technischen Museum Wien (TMW, TU Wien, EVÖ); Ehrenmitglied der Wiener Gesellschaft für die Geschichte der Technik
  • 1991 Gedenktafel für Zemanek. am RG 6 in der Marchettigasse in Wien 6 (Die 2006 in das Innere des Hauses versetzt wurde )
  • 1992 Wahl zum Korrespondierenden Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; Bei der Firma Management Data Unternehmungsberatung wird ein Seminarraum nach H. Zemanek benannt
  • 1993 Wahl zum Ordentlichen Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste
  • 1994 Wahl zum Ausländischen Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften
  • 1995 Goldene VDE Ehrennadel (40 Jahre)
  • 1997 60 Jähriges Matura Diplom; Bolzano Medaille, Prag; Feier 50 Jahre Vorlesungen; Gastprofessor, Donau-Universität Krems
  • 1998 Internat. EMAC AWARD, Adelaide, Australien; I.L. Auerbach Award der IFIP, Musikverein; Eduard-Rhein-Ehrenring der Eduard Rhein-Stiftung verliehen im Deutschen Museum München
  • 1999 Ehrenmitglied der Österr. Ges. f. Informatik-Geschichte; Feier zum 80 Geburtstag bei den Altspatzen (Computer-Journalisten); Feier zum 80 Geb. in der Österr. Akademie der Wissenschaften mit Bundeskanzler KLIMA als Sprecher; Feier zum 80 Geb. durch das Inst. für Computertechnik;
  • 2000 Feier zum 80 Geb. durch die Pfadfinder Österreichs; Ehrung anläßlich der 75-Jahrfreier der RADIOTECHIK im ERB-Verlag; Zemaneksaal (Seminarraum in der Techn. Univ. Wien), Favoritenstraße 9 mit Feier zum 80. Geburtstag; WIENER VORLESUNGEN – TECHN. UNIVERSITÄT (Festrede); 40 Jahre IFIP (Ansprache); Ehrung zum 80. Geburtstag; 1. EM Ausz Bester Vortragender
  • 2001 Ehrenmitglied der Ungarischen Akad. der Wissenschaften; 2. EM Ausz Bester Vortragender; Ehrenpräsident der VEGA (Vereinigung ehemaliger Gumpendorfer Abiturienten); Ehrenmitglied der Gesellschaft für Wissenschafts- und Technikdokumentation; Goldenes Doktordiplom der TU Wien
  • 2002 3. EM Ausz. Bester Vortragender
  • 2003 4. EM Ausz Bester Vortragender; Großer Kardinal Innitzer-Preis (Anm.: Der Geldbetrag wurde geraubt!)
  • 2004 5. EM Ausz. Bester Vortragender; Altspatzenfeier zum 85. Geburtstag
  • 2005 Feier zum 85. Geburtstag ÖVE & OCG; Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft 1. Klasse; Goldene VDE Ehrennadel (50 Jahre)
  • 2006 Siegel der Stadt Maribor (Slowenien), überreicht vom Bürgermeister aus Anlaß der 7. IFIP Working Conference HCC – eine der neunzehn von Zemanek in Gang gesetzten Reihen der Working Conferences der IFIP.

Video (2013) Mailüfterl mit Prof. Dr. Zemanek, Dr. Kurt Walk, Dr. Viktor Kudielka und Dr. Karl Anton Fröschl.

Ein eigenwilliges Selbstportrait eines ungewöhnlichen Menschen#


Familie Zemanek, 1957
Familie Zemanek, 1957
H. Zemanek, 1965
H. Zemanek, 1965
Zemanek, 60 Jahre Vorlesung
Zemanek, 60 Jahre Vorlesung


Dass ich ein ordentlicher, ja systematischer Mensch bin, brauche ich nicht zu beweisen. Es geht unzweideutig daraus hervor, daß ich mich entschloß, diese Welt am 1 JAN 1920 ( JD 242 2325 --- JD ist das sogenannte JULIANISCHE DATUM, ausgedacht im 15 JH von J.S. Scaliger: es ist eine Tageszählung ab dem 1 JAN 4713 vChr, JD 0) zu betreten. Der österreichische Schriftsteller Hans Weigel hat gesagt, daß – in Österreich natürlich – an diesem Tag das 20. Jh. begonnen hat, und das heißt, daß ich ein authentischer Zeitzeuge für das 20. Jh. bin. Daß ich darüber hinaus heute noch im 21. Jh. schreiben kann, ist einer Zugabe Gottes unbestimmter Dauer zu verdanken. Natürlich reiche ich in die k.u.k. Monarchie zurück, schon durch meine 45% tschechische Ahnen, aber auch weil meine Eltern in der Hofburg getraut wurden. Mein Großvater hatte eine Dienstwohnung in der Spanischen Reitschule (von der dann auch in den ersten Monaten mein Schulweg ausging) und ich bin mit den Lipizzanern aufgewachsen. Und doch habe ich meine ersten vier Lebensjahre auf dem Lande zugebracht, in Slowenien in der Nähe von Laibach, wo mein Vater eine leitende Stellung angenommen hatte und wo wir 1924 ein frühes Opfer der jugoslawischen Nationalpolitik wurden: indirekt ausgewiesen. Von meinem Vater habe ich niemals ein Wort der Klage über die sinnlose Ausweisung gehört, die ihm fast zwei Jahre Arbeitslosigkeit und Wohnungslosigkeit einbrachte. Das 20. Jh. war um 1925 jedenfalls im Laufen.
Würde ich nun mein Zeitzeugnis in chronologischer Ordnung abliefern, wäre es dem Inhalt nach nicht elegant geordnet. Mein Lebenslauf ist nun einmal multithematisch und daher hatte ich die Idee, ihn aphoristisch zu charakterisieren, das heißt ihn in eine ungeordnete, ja absichtlich unsystematische Folge von Punktlichtern aufzulösen. Aber damit von vornherein zu erkennen ist, daß es auch anders ginge, will ich drei Systemkriterien vorausschicken, die eine innere Ordnung des Bezeugten ahnen lassen. Erstens erweist sich mein Leben als klar in Siebenjahresperioden gegliedert, mit dem 1 SEP 1961 ( JD 243 7544 ) als Mittel-punkt. Das war der Tag, an welchem Mailüfterl, Vocoder und Mannschaft offiziell von der Technischen Universität in das damit beginnende IBM Laboratorium Wien übersiedelten und im gleichen Jahr wurde ich mit dem Vorsitz des IFIP Technischen Komitees No. 2 (Programmiersprachen) betraut. Auf den Gedanken der Siebenjahresperioden kam ich über den englischen Programmierpionier Christopher Strachey, einem abschließenden Shakespeare-Nachkommen, von welchem die britische Computer-Journalistin Nancy Foy solche Periodizität behauptet hatte ( in einem Nachruf ). Als ich mein Leben dann durch einige Turbulenzen steuern mußte, erinnerte ich mich an die Behauptung, fand sie – nicht ohne Mühe – bestätigt und dann auch für mich zutreffend.


ARCHITEKTUR MEINES LEBENSLAUFES


1 APR 1919, JD 242 2050 1 SEP 1961, JD 243 7544 2 FEB 2004, JD 245 3038

Die Spiegelung meines theoretischen Zeugungstages am Mittelpunkt ergibt JD = 2453038, das ist der 2 FEB 2004: mein architektonischer Todestag. Er ist nicht sehr ernst zu nehmen. Kein Haus wird genau so, wie es der Architekt auf das Papier oder den Bildschirm zeichnet. Außerdem zeigt sich bei allen Leuten mit einer Siebenjahresarchitektur ( nicht alle weisen sie auf ) im Alter meist eine Dehnung. Dem Lieben Gott versucht man nicht in seine Pläne zu spionieren. Er lächelt über solche Amateurneugier. Aber über die Architektur darf man reden.

Zweitens ist mein Wesen durch drei Zugehörigkeiten geprägt: ich bin gläubiger Katholik, tief verwurzelter Österreicher und überzeugter Ingenieur. Es ging daher in meinem Leben um nützliche Produkte, um Erfolg in und für Österreich und um die Überhöhung in transzendente Geistigkeit. Diese Dreiheit und die folgende sind in mir zu einer Ganzheit verwirkt.

Professor Dr.Dr.h.c. Heinz Zemanek bei der Ehrung anlässlich seiner letzten Vorlesung
Professor Dr.Dr.h.c. Heinz Zemanek bei der Ehrung anlässlich seiner letzten Vorlesung
Drittens hat der Buchstabe I wie International in meinem Leben eine dreifache Rolle gespielt. Bei den Pfadfindern wurde ich an jenem Tag, an welchem ich meine Frau kennen lernte, zum Internationalen Kommissär gewählt, das ist etwas wie ein Außenminister mit dem Internationalen Pfadfinderbüro in London als Leitpunkt Vereinter Nationen. Der Eintritt in die IBM ergab die fachliche Weltweite und die IFIP (International Federation for Information Processing) die organisatorische. Im IFIP-Netz war ich sogar drei Jahre ein Präsident, in dessen Amtsbereich die Sonne nicht unterging. Alle drei I ergaben einen Bekanntenkreis und Freundschaftsbeziehungen über den Globus. Ich brauche keine Globalisierung, ich bin seit Jahrzehnten global, und ich war an ihrer Entwicklung beteiligt. Die Leute, die gegen die Globalisierung protestieren, verkennen das Übel. Dass die Informationstechnik für die Information und daher auch für das Geld Zeit und Raum spielend überbrückt, ist technisch gegeben und daher unvermeidlich. Das Übel kommt aus den falschen, bedenkenlosen Anwendungen eines technischen Wunders. Und Demonstrieren ist ein überholtes, schwächliches (außer in der dabei auftretenden Gewaltanwendung) politisches Mittel, eine Mikrosausgabe der Französischen Revolution (mehr Zerstörung als Nutzen). Der dritte Punkt läßt sich auch anders ausdrücken. Der Computer verlangt von seinen Wissenschaftlern, daß sie Universalisten werden – Voraussetzung ist allerdings, daß sie zuerst extreme Spezialisten werden, und dafür reicht ein Menschenleben nicht. Der Computer überfordert. Mein Leben ist eine Annäherung an die Computerherausforderung und wie jede Näherung unzulänglich. Ich habe mit dem Erwerb von Spezialwissen begonnen, aber mich dann – nicht schlagartig, sondern über eine gewisse Zeit verteilt – auf das Allgemeine und vor allem auf das Weltweite umgestellt.

       JahrPositionHauptthemaNebenthemaAusland
I1920 - 1924 Kindheit Laibach, Wien
II1926 - 1929Schule Volksschule, Unterrealschule  
III1933 - 1937 Studium Oberrealschule, Techn. Hochsch.St. Georgs Pfadfinder
IV1940 - 1943Kriegszeit Nachr. Truppe, Radar Forschg. Balkan, Berlin, Ulm
VI1954 Vocoder, Mailüfterl.  
VII1961 IBM, Labor WienFormale Definition IFIP, TC 2 
VIII1968 IBM, Labor Wien IBM Future System.IFIP, Exec. Body 
IX1975 IBM, Fellow Abstrakte Architektur IFIP, Publ. Comm.Böblingen

X1982IBM, Fellow Abstrakte Architektur
Pension
XI1989 Geschichte und PhilosophieFiasko Archiv
XII 1996 Geschichte und PhilosophieMausoleum
Inform. techn.
Zugabe 2003 Philosophie, Lebenslauf


Tonaufnahmen#


Österreichische Mediathek Hörprobe


Über den Ärger dem man mit dem Computer hat. Ausschnitt
Vortrag. Wien, 1997

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(Mit freundlicher Genehmigung des Phonogrammarchivs der OeAW)

Youtube Clip über das Mailüfterl entstanden Herbst 2013. 6 Minuten. Sprecher: Professor Zemanek, Dr. Walk, Dr. Kudielka

Weiterführendes#

Quellen#


Redaktion: H. Maurer, I. Schinnerl