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Geyling, Remigius#

* 29. 6. 1878, Wien

† 4. 3. 1974, Wien


Maler und Bühnenbildner


Remigius Geyling, Kostümentwurf.© Christian Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU.
Kostümentwurf
Remigius Geyling, Portrait © Christian Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU.

Sohn des Historienmalers Rudolf Geyling (1839-1904), Großneffe von Carl Geyling. Remigius Geyling erlernte im Familienbetrieb die Glasfenstererzeugung und Glasmalerei, besuchte ab 1898 die Kunstgewerbeschulen in Wien und München und führte bis 1904 mit Otto Prutscher ein Atelier für Einrichtungs- und Ausstattungsbedarf.

1905 erhielt er Aufträge zur Ausstattung der Volksoper, 1908 wurde er Leiter der Kostümwerkstätten der Literarischen Kammerspiele. Für die Steinhofkirche Otto Wagners entwarf er die Altarmosaike. Geyling war einer der Begründer der Zeitschrift „Die Muskete", entwarf für die Wiener Werkstätte Postkarten, betätigte sich als Karikaturist und war an bedeutenden österreichischen Stummfilmproduktionen beteiligt (künstlerischer Beirat österreichischen Stummfilme).

Die Bilder entstammen mit freundlicher Genehmigung der Bilddatenbank von IMAGNO brandstätter images



Neuartige Bildprojektion #

Bei dieser Aufführung wurde nun ein Projektionsapparat verwendet, welcher Bilder in der Größe 9 mal 9 Meter scharf zur Darstellung brachte. Die Originalzeichnung für die Horizontprojektion wurde in einer Größe von etwa 50 mal 140 Zentimeter in Schwarz-Weiß angefertigt und auf Karton aufgezogen, damit sie im Verhältnis zur Bühnenhorizontkrümmung und aus der zur Wiedergabe errechneten Höhe photographisch aufgenommen werden konnte. Von dieser photographierten Originalzeichnung wurde nun ein Abbild im Verhältnis von Form und Größe des wiederzugebenden Bildes auf Photoplatten hergestellt, die projiziert wurden. Die Projektionsapparate im Burgtheater waren damals acht Meter hinter dem Prospekt aufgestellt und leider wurde durch die Geräte der Abstellraum blockiert. Ich änderte daher nach weiteren Versuchen den Standplatz der Apparate, da außerdem das Durchleuchten der ohnehin präparierten Shirtingleinwand viel Lichtstärke wegnahm und vom Zuschauerraum aus der hinten durchscheinende Lichtpunkt als störend empfunden wurde. Das optisch-theatralische Wechselbild war also ein Ergebnis jahrelanger Überlegungen und Experimente. Es galt nun, unter Mitarbeit von Professor Dr. L. Kann und Ingenieur Paul Planer, eine Möglichkeit zu entwickeln, den Schauspieler und die Vorderbühne, getrennt vom Hintergrund, hell zu erleuchten, ungeachtet der Helligkeit und Leuchtkraft des Prospektes. Zu diesem Zwecke ließen wir die Vorbühne in fünf Meter Tiefe mit Halbwattlampen und Glühbirnenscheinwerfern jeder Lichtstärke bestreichen, und dies erlaubte die Ausleuchtung des Schauspielers und seiner unmittelbaren Umgebung. Diese Lichtquellen waren natürlich mit Lichtschirmen und Blenden nach rückwärts abgeschirmt. Dreieinhalb Meter hinter dem Vorhang, auf einer Brücke in elf Meter Höhe, waren nun, genau im Zentrum der Bühnenhorizontkurve, die zusammengekoppelten Projektionsapparate angebracht. Diese Apparate bestanden aus einem mit Asbestplatten gesicherten Metallgehäuse mit einer Wechselbildeinrichtung für die Diapositive und einer eingebauten vierfachen Düsenluftkühlung und automatisch sich regulierenden Kohlenhältern für die zwei 110 Ampere starken Bogenlampen; denn nur Bogenlampen liefern eine genügend große Lichtstärke, um einen Dekorationsentwurf auf eine so große Fläche, wie sie ein Bühnenhorizont einnimmt, projizieren zu können.

--> Quelle: Remigius Geyling, a.a.O. Seite 20

Remigius Geyling - ein Bühnenbildner aus der Stilwende der Sezession
Aus der Dissertation von Gerald Szyszkowitz (Univ. Wien, 1960):

Professor Geyling wollte im Oktober 1924 für „“Peer Gynt““ Projektionsbilder verwenden; nur waren die Mittel zur Herstellung solcher Bilder sowie die Apparate zur Wiedergabe derselben äußerst primitiv und brachten Bilder auf Entfernung von 8 Metern nur In der Größe von 4.5 man 4.5 Meter, also eine Größe, die für das Burgtheater nicht in Frage kam.

Peer Gynt: Bei der erfolgreichen Aufführung des „Peer Gynt“ am 25. 4. 1925 verwandte Professor Geyling einen Apparat (den er zusammen mit einem Ingenieur Hauer konstruiert hatte), welcher Bilder in der Größe 9 mal 9 rein auszeichnete. Da Professor Geyling als Glasmaler schon erblich "belastet** war, wie ich schon zu zeigen versuchte, verursachte ihm das Maien der Diapositivbilder keinerlei Schwierigkeiten; ja, ich möchte fast sagen, dass das sein Steckenpferd wurde. Er fuhr dann durch ganz Europa, um die Möglichkeiten seiner Projektion zu demonstrieren, nach London zum Beispiel oder nach Paris. Hier erarbeitete Professor Geyling für den "Blauen Vogel" von Maeterlinck 36 farbige Wechselbilder, die dann bei der Aufführung in der Pariser Oper ungeheures Aufsehen erregten. Professor Geyling blieb anschließend noch drei Wochen in Paris, um eine Anzahl französischer Maler in der Erzeugung der Farbplatten zu unterweisen.

Nach weiteren Versuchen mit lng. Planer änderte Professor Geyling den Standplatz der Apparate, der sich 8 Meter hinter dem Prospekt befand, da durch die Geräte der Abstellraum blockiert wurde; denn das Durchleuchten der zwar ohnedies präparierten Shirtingleinwand nahm viel Lichtstärke weg und ein Großteil der Zuseher empfand; den durchscheinenden Lichtpunkt als störend. Geylings Lichtquelle von 110 Ampere besitzt eine derartige Temperatur dass sie jedes Diapositiv vernichten und jedes Glas zum Schmelzen bringen würde. Also nahm Professor Geyling eine Glasküvette von ca. 1.5 cm Durchmesser, welche vor das Bild zu stehen kam mit einem System von Röhren, in denen ständig frisches Wasser rinnen musste; hierauf versuchte er eine Luftkühlung, die aber zu viel Lärm erzeugte, der aber durch Umbau und Verlegung der Zuleitung behoben werden konnte.

Auch eine Umkonstruktion des Fotoapparats, der die Konturenzeichnung auf die Diapositivplatte übertrug (von der Originalzeichnung weg), musste vorgenommen werden. Das Ergebnis jahrelanger Überlegungen und Experimente war das optische Wechselbild (G.K.P. – 1.2.1924 bis 1.9.1948). Unter Mitarbeit von Professor Dr. Kann und Ing. P. Planer ist eine Möglichkeit entwickelt worden, den Schauspieler und die Vorderbühne getrennt vom Hintergrund hell zu erleuchten, unbekümmert von der Helligkeit und der Leuchtkraft des Prospektes! a) Die Darstellerbühne: Sie wird bis 5 Meter vom Proszenium gegen den Horizont mit Halbwattlampen und Glühbirnenscheinwerfern jeder Lichtstärke bestrichen, die die Ausleuchtung des Schauspielers und seiner unmittelbaren Umgebung erlaubt; alle diese Lichtquellen müssen natürlich mit Lichtschirmen und Blenden gegen rückwärts, das heißt gegen den Horizont, versehen werden. b) Die Hinterbühne mit dem kreisförmig angelegten Horizont: Auf dem Steg I, welcher 3.5 Meter hinter dem Vorhang liegt (in elf Meter Höhe), stehen die zusammengestellten Doppelapparate, genau im Zentrum der Horizontkurve; diese Apparate bestehen aus einem mit Asbestplatten gesicherten Metallgehäuse mit einer Wechselbildeinrichtung für die Diapositive und einer eingebauten vierfachen Düsenluftkühlung. Der Apparat benötigt eine 15 cm korrigierte Weitwinkeloptik, die die Firma L. Buschs & Co nach den Berechnungen von Prof. Dr. Kann geliefert hat. Dieser rechnete für das Burgtheater 9 Meter Distanz und eine Auszeichnungsmöglichkeit von 13 mal 15 Metern; wichtig ist außerdem noch ein sich automatisch regulierender Kohlenhälter für die zwei 110 Ampere starken Bogenlampen.

Die Darstellung von Hintergründen und deren Verwandlung ist, wie die bedeutendsten Fachmänner auf diesem Gebiet bestätigen und die Praxis bis 1942 bewiesen hat, nur mit der tausendfachen Lichtstärke der Bogenlampe zu erreichen. Ein Konsortium von sieben Fachmännern aus Amerika, die sich für die Sache interessierten, (darunter Jaques Philips, M.G.S. Messersmith) kamen 1928 nach Wien, um die Einrichtung Professor Geylings am Burgtheater zu studieren und erklärten, dass sie nie eine Halbwattlampe erzeugen werden können, die die Intensität der Bogenlampe auch nur annähernd ersetzen kann. Dass diese Voraussage richtig war, kann man daraus ersehen, dass auch heute, 1960, in den Filmateliers Bogenlampen bei derartigen Anforderungen verwendet werden.

Die Originalzeichnung für die Horizontdarstellung wird in einer Größe von ca. 50 mal 140 cm in Schwarz-Weiß angefertigt, auf Karton aufgezogen, damit sie im Verhältnis zur Horizontkrümmung und aus der zur Wiedergabe errechnete Höhe photographisch aufgenommen werden kann. Von dieser Originalzeichnung wird nun ein Abbild im Verhältnis von Form und Größe des wiederzugebenden Bildes auf Photoplatten hergestellt.

Farben: Professor Geyling verwandte zur Bemalung - nach Erprobung der allgemein käuflichen Photographiefarben - die Erzeugnisse der Firmen „Deka Textilfarben AG“ und „Georg Kiebitz, Photographiefarben“. Diese beiden Firmen interessierten sich sehr für seine Unterglasmalerei und stellten ihm extra starke Erzeugnisse her. Auch „Günther Wagner“ in Hannover sandte ihm die Eiweiß-Lasurfarben.

Die photographischen Platten, die als Malgrund für die Projektionsbilder dienten, waren von der Firma „Herganges & Co“ aus Hartglas hergestellt und mit einer besonders feinkörnigen Emulsion überzogen. Doch nicht durch Lichtkraft allen und durch die Leuchtkraft der Farben können die zu erwarteten Wirkungen erzielt werden: es muss zum Beispiel auch Rücksicht genommen werden auf das Gleißen des Horizontes, und man vermeidet daher die Reflexwirkung auf das Publikum durch einen quergegrillten Belag.

Der Horizont, auf den das Wechselbild geworfen wird, war bisher mit heller Aluminiumtinktur bestrichen. Da aber diese im Laufe der Zeit durch Staub und Ruß ihre Helligkeit und ihren Glanz einbüßte, schlug Professor Gerling Seidenrips vor. Seidenrips ist allen bekannten Arten an Dauerhaftigkeit, sowie in seiner Weichheit beim Aufflammen und Einziehen des Lichtes überlegen. Die webtechnische Bindung des Seidenripses bedingt eine außerordentliche Reflexion des Lichts: nach jahrelanger Verwendung als Rundhorizont kann man den Stoff immer noch ohne Verlust in verschiedenen Nuancen einfärben und in der Kostümschneiderei verwenden. Der Grund, warum das Bogenlichtbild zur Wiedergabe auf dem Horizont nicht mehr verwendet wird, meint Professor Geyling, ist der, dass im Jahre 1942 das Kupferkabel, das damals hohen materiellen Wert hatte, bei einer Metallsammlung eingezogen worden ist.
Jedenfalls war das Verfahren des optischen Wechselbildes eine große Bereicherung der Bühne und wurde im Burgtheater für Horizontalausleuchtung und Wandeldekorationen oft verwendet.


Margret Dietrich, in: Remigius Geyling, Biblos-Schriften, Band 59, Ausstellungskatalog Wien 1972, Seite 31
Am Wiener Burgtheater länger als ein Vierteljahrhundert als Ausstattungschef (insgesamt 420 Ausstattungen) tätig (1910—1913, 1922—1946), hatte Geyling keinen leichten Stand in den Notzeiten nach dem Ersten Weltkrieg. Gerade dieser Notzeit aber rang er seine Erfindung ab, mit Hilfe des „optischen Wechselbildes" teure Ausstattungen zu ersetzen. — In Zusammenarbeit mit Bühneninspektor Rudolf Lisatz, mit Professor L. Kann und mit Ingenieur P. Planer entwickelte er das GKP-Verfahren — nach den Namen Geyling-Kann-Planer benannt.

Es handelt sich hierbei um spezielle Projektionseinrichtungen, die bei voll ausgeleuchteter Spielbühne dennoch eine Projektion mit Weitwinkel¬optik auf den Horizont erlaubte, ohne dass Projektionsschatten in das Spielfeld fielen. Die Apparate standen daher nicht hinter dem Zuschauer¬raum und waren nicht in der Zuschauerraumdecke oder in den Portallogen, nicht in den Rampentürmen untergebracht, sondern unmittelbar oberhalb der Spielbühne, 3,50 m hinter der Rampe auf einem Arbeitssteg. Die Spielbühne konnte in jeder Lichtstärke ausgeleuchtet werden, doch die Spielbühnenleuchten waren dem Horizont zu mit Lichtschirmen und Blenden versehen. Die Horizontprojektion wurde von den Spezialgeräten aus — mit Bogenlampen — in steilem Winkel besorgt, sodass die Schauspieler nahe an den Horizont herangehen konnten, ohne dass ein Schatten auf dem Horizont entstand. Die Leuchtkraft dieser Direktprojektion war stärker als die der schon ausprobierten Rückprojektionen (Rückpros), die von hinten auf einen Prospekt projiziert wurden und nur den Durchscheinwert an Leuchtkraft aufwiesen. Die Schwierigkeit aber für das GKP-Verfahren lag in dem steilen Winkel der Projektion, der jedes Normalbild verzerrte. — Geyling eliminierte diese Verzerrung, indem er genau berechnete Gegenverzerrungen auf den Projektionsplatten herstellte und dadurch richtige, entzerrte Projektionsbilder auf dem Horizont erhielt. Wenn diese verzerrten Bilder, von den Projektionsapparaten aus in steilem Winkel auf den gekrümmten Horizont oder auf den Prospekt trafen, waren sie vollkommen natürlich und ohne jede Verzerrung. Zum ersten Mal wandte Geyling, der die Glasplatten selbst malte, dieses Verfahren 1925 in „Peer Gynt" an; er hatte einen unerhörten Erfolg damit — vor allem wegen der Leuchtkraft der Farben. aus — mit Bogenlampen — in steilem Winkel besorgt, sodaß die Schauspieler nahe an den Horizont herangehen konnten, ohne daß ein Schatten auf dem Horizont entstand. Die Leuchtkraft dieser Direktprojektion war stärker als die der schon ausprobierten Rückprojektionen (Rückpros), die von hinten auf einen Prospekt projeziert wurden und nur den Durchscheinwert an Leuchtkraft aufwiesen. Die Schwierigkeit aber für das GKP-Verfahren lag in dem steilen Winkel der Projektion, der jedes Normalbild verzerrte. — Geyling eliminierte diese Verzerrung, indem er genau berechnete Gegenverzerrungen auf den Projektionsplatten herstellte und dadurch richtige, entzerrte Projektionsbilder auf dem Horizont erhielt. Wenn diese verzerrten Bilder, von den Projektionsapparaten aus in steilem Winkel auf den gekrümmten Horizont oder auf den Prospekt trafen, waren sie vollkommen natürlich und ohne jede Verzerrung. Zum erstenmal wandte Geyling, der die Glasplatten selbst malte, dieses Verfahren 1925 in „Peer Gynt" an; er hatte einen unerhörten Erfolg damit — vor allem wegen der Leuchtkraft der Farben.



Das Innere der Heiliggeistkirche Javorca
Das Innere der Heiliggeistkirche Javorca


Während des Ersten Weltkriegs war Geyling Oberleutnant an der Isonzo-Front und gestaltete 1916 die Heiligengeistkirche auf der Javorca als Erinnerungsstätte der gefallenen österreichisch-ungarischen Soldaten.

1913-1922 war Geyling Leiter der Gesellschaft für Bühnen- und Filmkunst. Die Spannbreite seines künstlerischen Schaffens reicht vom Jugendstil über den Art Déco zum Expressionismus. Entwürfe für Theater und Festspiele (1920-1960) befinden sich im Besitz der Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

Der Pionier des zeitgenössischen Bühnenbilds schuf um 1920 auch Entwürfe für die familieneigene Glasmalerwerkstätte, war Gründungsmitglied des Österreichischen Werkbunds und 1926-46 Professor an der Wiener Kunstgewerbeschule.



Literatur#

  • Gerald Szyszkowitz: Remigius Geyling, ein Bühnenbildner aus der Stilwende der Secession. Diss. Univ. Wien. Wien 1960
  • Hans Vollmer (Hg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts. 6 Bände. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 1953-1962
  • Wien um 1900. Ausstellung veranstaltet vom Kulturamt der Stadt Wien, 5. Juni bis 30. August 1964. Wien: Selbstverlag 1964
  • Josef Mayerhöfer (Hg.): Remigius Geyling. Bühnenbildner zwischen Jugendstil und Expressionismus. Wien: Österreichische Nationalbibliothek Biblos-Schriften, Band 59 1971
  • Christian M. Nebehay (Hg.): Remigius Geyling. Künstler und Literaten, gezeichnet in Wien um 1900. Wien 1974
  • Werner J. Schweiger: Wiener Werkstätte. Kunst und Handwerk 1903 - 1932. Wien: Brandstätter 1982, S. 261
  • Isabella Ackerl / Friedrich Weissensteiner: Österreichisches Personenlexikon der Ersten und Zweiten Republik, Wien: Ueberreuter 1992

Redaktion: P. Diem