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Dem scheinbar Sinnlosen Sinn zu geben#

Am 28. Mai würde der Wiener Dramatiker Fritz Hochwälder seinen 100. Geburtstag feiern. In seinen Texten beschäftigt er sich mit einer Gesellschaft, die sich durch das Schweigen über die NS-Verbrechen auszeichnet.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (26. Mai 2011)

Von

Julia Danielczyk


Fritz Hochwälder
Aufnahmen des österreichischen Dramatikers Fritz Hochwälder im Profil.
Foto: © Wienbibliothek im Rathaus
Fritz Hochwälder
Ein Bild aus dem Hörspielstudio des Albertgymnasiums in Wien aus dem Jahr 1931.
Foto: © Wienbibliothek im Rathaus
Fritz Hochwälder
Wolfgang Bauer, H. C. Artmann und Fritz Hochwälder. Besonders während seiner ersten Zeit im Exil traf sich Hochwälder mit vielen bekannten Künstlern.
Foto: © Wienbibliothek im Rathaus

„Mein Söhnchen, ich umarme Dich von ganzem Herzen! Jede Veränderung ist letzten Endes für unsereins eine, die uns weiter in uns hineinführt! Dem scheinbar Sinnlosen Sinn zu geben – das macht ja unser Werk aus“, schrieb der väterliche Freund und Autor Franz Theodor Csokor am 28. August 1957 aus Henndorf an Fritz Hochwälder.

Hochwälder war zu diesem Zeitpunkt bereits 19 Jahre im Schweizer Exil und am Zenit seiner Karriere. Der internationale Durchbruch war ihm mit dem Stück „Das heilige Experiment“ gelungen, der Parabel von Recht und Macht, exemplifiziert am Untergang des Jesuitenstaates in Paraguay. 1943 wurde das Drama in Biel-Solothurn uraufgeführt, 1947 am Burgtheater gespielt und 1952 unter dem französischen Titel „Sur la terre comme au ciel“ am Théâtre de l’Athenée in Paris über 450-mal en suite gezeigt. 1986 diente es als Vorlage für Roland Joffés Film „Mission“, der mit Robert De Niro und Jeremy Irons reüssierte.

Jude und Marxist#

Im August 1938 war Hochwälder – Jude und Marxist (also doppelt in Gefahr) – mit so gut wie nichts in die Schweiz geflüchtet. Zunächst wurde er in ein Flüchtlingslager gebracht, dort schrieb er „Esther“, seine erste Abrechnung mit dem Antisemitismus. Ab 1943 kam er durch Unterstützung eines Schweizer Mäzens nach Zürich, wo er in einer Mansardenwohnung lebte und aufgrund der Bestimmungen für Emigranten keinem Beruf nachgehen konnte. Von nun an schrieb er kontinuierlich gegen das NS-Regime an, das Hochwälders Eltern auf dem Gewissen hatte.

Als Dramatiker hatte Hochwälder Schon in den 1930er Jahren erste Erfahrungen gemacht; sich selbst in der Nachfolge des Alt- Wiener Volkstheaters verstehend, beschäftigte sich der gelernte Tapezierer literarisch früh mit gesellschaftspolitischen Themen. 1933 verfasste er den Arbeitslosen-Roman „Donnerstag“, der erst posthum publiziert wurde. Die Tragödie „Jehr“ wurde im Studio der Kammerspiele uraufgeführt, das „Theater für 49“, welches „wirkliche Begabungen“ suchte, spielte 1936 „Eine Liebe in Florenz“.

Fritz Hochwälder
Fritz Hochwälder.
© Foto: Wienbibliothek im Rathaus
Konsequent zu schreiben begann er erst im Exil in Zürich. Hochwälder traf sich regelmäßig mit Hans Weigel, Fritz Wotruba, Georg Kaiser und Franz Theodor Csokor. Es entstanden „Hôtel du Commerce“, „Der Flüchtling“, „Meier Helmbrecht“ und das Revolutions-Kriminaldrama „Der öffentliche Ankläger“.

Alle Texte sind von der Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft geprägt, die sich durch Schweigen über die Verbrechen des NS-Regimes auszeichnet. Vor allem in der Komödie „Himbeerpfl ücker“, die er Helmut Qualtinger auf den Leib geschrieben hatte, decouvrieren sich die Mitläufer und Nutznießer des Nationalsozialismus selbst auf bitterböse Weise. Als der Film 1965 realisiert wurde, war Hochwälder längst zum offiziellen Dramatiker der Zweiten Republik avanciert.

Da auf den Spielplänen der Nachkriegsbühnen vor allem amerikanische Dramatik dominierte, kamen Hochwälders Stücke mit ihrer symbolischen Allgemeingültigkeit und der Verlegung konkreter Themen wie Diktatur und Massenmord in ferne Zeiten für die damalige Auseinandersetzung gerade richtig. Zugleich qualifizierte sich Hochwälder als exzellenter Dramen-Konstrukteur, der u. a. Satiren verfasste und dabei stets ein Anliegen hatte. Und nicht zuletzt war er als Verfolgter – der aber nie zurückgekehrt war – optimal für diese Rolle geeignet.

Als ihn Bruno Kreisky 1970 beinahe von der Rückkehr nach Wien überzeugen konnte, schrieb eine österreichische Tageszeitung, dass der Emigrant Hochwälder ab nun im Schloss Schönbrunn residieren wolle. Er, der sich stets mit Fragen nach der kollektiven Schuld und dem politischen Selbstverständnis der österreichischen Nachkriegsgesellschaft beschäftigt hatte, empfand diese Meldung als derartigen Affront, dass er sich entschloss, in Zürich zu bleiben.

Viel Potenzial vorhanden#

Dass Hochwälder, der am 28. Mai seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, seit 30 Jahren von den Spielplänen der österreichischen Bühnen verschwunden ist, hängt mit einem neuen Verständnis von Theater zusammen, das sich im Sinne der Postdramatik nicht mehr mit konventioneller Dramaturgie beschäftigt. Dabei bleibt oft verborgen, dass Hochwälder auch vom Avantgarde-Regisseur Erwin Piscator geschätzt wurde, der dessen Stück „Virginia“ 1951 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt hat.

Die eigene Zukunft voraussagend, meinte Hochwälder bereits 1966, dass das Regie-Interesse „weniger der dramatischen Hervorbringung gilt als der jeweiligen Repräsentation“.

Dass Text und Regie zusammengehen müssen und dies unabhängig von der Konjunktur einer bestimmten Dramatik gelingen kann, hat Martin Kušej mit seiner Inszenierung von Karl Schönherrs „Der Weibsteufel“ bewiesen. Auch in Hochwälders (vor allem unbekannten) Dramen steckt noch reichlich Potenzial für zeitgemäße Interpretationen.

DIE FURCHE, 26. Mai 2011