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Der gute Nazi von Nanjing #

Ex-Siemens-Mitarbeiter John Rabe rettete 1937 im chinesisch-japanischen Krieg 200.000 Chinesen das Leben #


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 6. Juni 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Eva Pfisterer


Enkel verleiht John-Rabe-Preis in Wien: Ausgezeichnet werden zwei Österreicher. #

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Thomas Rabe vor der Statue seines Großvaters John Rabe in der ostchinesischen Stadt Nanjing.
Foto: © Österreichischer Auslandsdienst

Wien. Als im November 1937 japanische Kampfpiloten das Firmengelände von Siemens in Nanjing bombardieren und hilflose Chinesen von den Bomben zerfetzt werden, zögert der deutsche Siemens-Manager John Rabe, seit 1908 in der ostchinesischen, damaligen Hauptstadt Chinas, nicht lange: Er lässt auf dem etwa vier Quadratkilometer großen Gelände eine riesige Hakenkreuzfahne entfalten, unter der er mit vielen Chinesen Zuflucht vor den Bomben sucht – in der Hoffnung, dass dann die mit Deutschland verbündeten Japaner die Bombardierung einstellen. Was tatsächlich geschah.

Regisseur Gallenberger setzt in seinem 2009 erschienenen Film über John Rabe, den „guten Deutschen von Nanjing“, diese Episode in Szene. Ein Heldenepos über einen Nazi, in dem ein Hakenkreuz, Symbol der Nazi-Barbarei, mehr als 200.000 chinesischen Zivilisten das Leben rettet. Eine beklemmende, ungeheure Szene. „Um eine deutsche Schule in Nanjing errichten zu können, ist er aus der Ferne in die NSDAP eingetreten,“ erklärt sein Enkelsohn Thomas Rabe, der heute in Wien im Parlament den John-Rabe- Preis verleiht. Was in Deutschland vor sich ging, besonders vor der Reichskristallnacht, sei nicht oder nur sehr selektiv nach China gelangt oder wurde als falsche Propaganda gehalten.

„Mein Großvater agierte mit dem Herzen. Er wollte die Menschen nach 30 Jahren in China nicht im Stich lassen, obwohl er um sein eigenes Leben fürchten musste“, erklärt Thomas Rabe. Während die meisten Ausländer und reichen Chinesen vor der japanischen Armee flüchten, die Ende 1937 Nanjing in ein brennendes Inferno verwandelt, bleibt Rabe. Mit einigen Missionaren gründet er eine internationale Schutzzone, in der die Bevölkerung Zuflucht findet und die er mit Zivilcourage und Hakenkreuz verteidigt.

„Einem bleibt der Atem weg vor Ekel, wenn man Leichen von Frauen findet, denen Bambusstangen in die Vagina getrieben wurden …, schreibt John Rabe 1937 in sein Tagebuch. Frühe Vorboten der von den Nazi begangenen Greuel in Europa. John Rabe ist entsetzt, will dem Führer von den japanischen Massakern berichten, er wird jedoch von der Gestapo verhaftet und verhört. Er darf weder Vorträge halten noch über seine Tagebücher reden. 1950 stirbt er in Berlin, krank und verarmt.

Im Einsatz für die Völkerverständigung

Sein Enkel Thomas Rabe, Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universitätsklinik Heidelberg, will in seinen Vorträgen, seinem Buch über seinen Großvater und dem von ihm in Heidelberg gegründeten Kommunikationszentrum nicht nur das Leben seines Großvaters dokumentieren, sondern auch zur Völkerverständigung beitragen. Sein Traum: Eine Partnerschaft zwischen dem chinesischen Nanjing, wo 350.000 Chinesen von den Japanern getötet wurden, und dem japanischen Hiroshima, wo im August 1945 durch eine US-Atombombe 100.000 Bewohner elend zugrunde gingen. Erst durch das Ernstnehmen der Opfer, hofft Thomas Rabe, kann ein Volk über die eigene Rolle nachdenken.

Begeistert zeigt er sich über den vor 21 Jahren von dem Politikwissenschaftler Andreas Maislinger gegründeten Auslandsdienst. Über tausend junge Österreicher machen seit damals Gedenk- und Sozialdienst auf der ganzen Welt.

Auch im ehemaligen Wohnhaus von John Rabe in Nanjing, heute ein Museum mit einer permanenten Ausstellung, betreuen junge österreichische Friedensdiener Dissertationen und führen Menschen aus allen Nationen durch das Haus: „Dabei können wir auch vielen Jugendlichen vermitteln, dass es auf jeden Einzelnen von uns ankommt und jeder von uns sehr viel bewegen kann,“ sagt der ehemalige Friedensdiener im John-Rabe-Haus, Philippe Schennach.

„Die dort ausgestellten Texte und das Bildmaterial sind freilich äußerst sensibel, sagt Thomas Rabe, „denn mein Großvater hat die Vorgänge während des Massakers äußerst genau dokumentiert.“

Heute verleiht Thomas Rabe den John-Rabe-Preis an zwei ös österreichische Universitätsprofessoren, die sich um die chinesisch- österreichischen Beziehungen in besonderer Weise verdient gemacht haben: Gerd Kaminski und Richard Trappl.

Kaminski leitet seit seiner Habilitation 1978 das Ludwig-Boltzmann- Institut für China- und Südostasienforschung und seit 1971 die österreichisch-chinesische Gesellschaft. Mit mehr als 35 Büchern versucht er auch dem Westen die chinesische Kultur und Völkerrechtsauffassung näherzubringen. Richard Trappl, Direktor des Konfuzius-Instituts, habilitierte sich 2003 über die frühe chinesische Literatur, spricht wie Kaminski fließend Mandarin, initiierte viele Kooperations-Projekte mit China und Fortbildungsseminare. Trappl pflegt in China seit Jahrzehnten intensive Kontakte mit Universitäten und Regierungsstellen. Er setzt sich aus Überzeugung für einen friedlichen Dialog der Kulturen ein.

Das sind sehr wichtige Preise, ist Thomas Rabe überzeugt. Denn sie machen erst sichtbar, „wie viele Menschen tatkräftig am gegenseitigen kulturellen Verständnis und damit am Frieden mitwirken.“ Ein Wermutstropfen für Thomas Rabe bleibt: Der entscheidende Schritt, „Anerkennung der Taten und gegenseitiges Verzeihen, fehlt noch“. Deutschland und Japan haben in den 1930er und 1940er Jahren massive Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verantworten. Doch während Deutschland sich wieder in die westlichen Werte Europas eingliedern konnte, sind die Beziehungen Japans zu seinen Nachbarn China und Korea noch immer angespannt. Denn anders als Deutschland hat sich Japan - jedenfalls in den Augen seiner Nachbarn - niemals wirklich für die begangenen Greuel an Zivilisten und der massenhaften Vergewaltigungen an Frauen im Zweiten Weltkrieg entschuldigt.


Wiener Zeitung, Donnerstag, 6. Juni 2013