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Der (letzte) Schneider vom Krakautal #

Ganz der Papa, Opa, Uropa: Roland Steinhart fertigt in vierter Generation traditionelle Lederhosen. #


Mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von der Kleinen Zeitung (Sonntag, 1. November 2015)

Von

Sarah Ruckhofer


An der Produktion der Lederhosen hat sich seit 1898 nichts Wesentliches geändert. Gearbeitet wird mit denselben Werkzeugen
An der Produktion der Lederhosen hat sich seit 1898 nichts Wesentliches geändert. Gearbeitet wird mit denselben Werkzeugen
© HOFFMANN

Hektik? Fehlanzeige. Wer Roland Steinhart Druck bei der Arbeit machen will, kann getrost wieder umdrehen, die Werkstatttür schließen, auf Nimmerwiedersehen. Im Herzen des Murauer Krakautals ticken die Uhren anders. Und zwar ähnlich wie im Jahr 1898, als sich Steinharts Urgroßvater weit über die Ortsgrenzen hinaus einen Namen als Schneider machte.

So groß, wie man meinen möchte, ist der Unterschied zwischen der Arbeit des Uropas und seines Urenkels beileibe nicht. „Wir arbeiten im selben Haus, in der gleichen Werkstatt“, erzählt der gelernte „Herrenkleidermacher“. Verwendet werden zum großen Teil Werkzeuge, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Technik hat nie Einzug gehalten in die kleine Werkstatt in Krakaudorf. Warum auch? „Auch mein Vater und mein Großvater haben die Lederhosen gleich geschneidert, und die Qualität ist bei Handarbeit einfach am besten“, erklärt Steinhart, während er mit einem „Stempfl“, „so alt wie das Haus selbst“, eine Pappe aus Bio-Roggenmehl zwischen zwei Lederschichten aufträgt. „Der beste Leim, noch immer.“

Roland Steinhart mit seinem Vater Wenzel
Roland Steinhart mit seinem Vater Wenzel. Das Schneidern liegt der Familie im Blut, trotzdem ist ein Ende der Ära absehbar
© HOFFMANN

Verändert hat sich nichts in der Werkstatt, dafür umso mehr vor ihren Türen. „Früher brauchten die Leute ihre Schneider. Mein Großvater hat Gamaschen, Skihosen und Tabakbeutel genäht. Heute ist die Lederhose ein Luxusprodukt, das absolut kein Mensch braucht. Und Schneider gibt es kaum mehr.“ Steinhart hält an Traditionen fest, verklärt zugleich seinen Beruf nicht. Der Lederhosenschneider vom Krakautal, er wird wohl die Ära beschließen. „Mein Sohn ist 17, meine Tochter 19. Beide studieren und haben keine Ambitionen, mich zu beerben. Entweder sie überlegen es sich oder es hört mit mir auf.“

Bis es (hoffentlich nicht) so weit ist, arbeiten Roland und sein bald 70-jähriger Vater Wenzel Steinhart weiter an traditionellen Lederhosen, die bei Liebhabern in ganz Europa, in Australien, den USA und Kanada gefragt sind. Im Schnitt verlassen pro Monat zwei maßgeschneiderte „Lederne“ die Werkstatt, eine aufwendig bestickte Hose nimmt gut und gerne 160 Arbeitsstunden in Anspruch.

Verarbeitet wird nur feinste Qualität – Leder vom heimischen Gatterwild, Garn aus Belgien, Knöpfe aus echtem Hirschhorn. Und das hat seinen Preis: Rund 1200 Euro kostet eine einfache Lederhose, spezielle Modelle beginnen bei 3500 Euro. Hält dafür ein Leben lang. „Aber für Geld macht man diesen Job eh nicht. Zu intensiv, zu viel Liebe muss man mitbringen“, weiß Steinhart. Kurz hat der Krakaudorfer einst überlegt, einen anderen Weg einzuschlagen. Ein Jahr in Salzburg als Computertechniker ist’s geworden, ehe die Werkstatt 1993 rief. Die richtige Entscheidung? „Ich bin glücklich hier.“

Glücklich, dass Handarbeit noch ihren Wert hat. Der Schneider betont, dass bei ihm der Kunde König ist – in Grenzen. „Tracht ist Tracht, da gibt es keinen Spielraum.“ Die „Steirische“ ist grün bestickt, die „Salzburger“ trägt Sattelnaht. Und Punkt. „Kitsch kommt mir nicht ins Haus. Gscheit oder gar net.“

Sprach’s und malt mit einer Feder und Eiklar die filigranen Muster auf die Lederhose. Weil moderner Kautschuk Spuren hinterlassen würde. Ganz der Uropa.

Schneiderei#

Die Familie Steinhart fertigt Lederhosen und Lederwaren. Auch Reparaturen werden vorgenommen. Die Wartezeit für eine Hose beträgt bis zu sechs Monate, die Fertigung nimmt zwischen 40 und 160 Stunden in Anspruch.

Jede Lederhose wird maßgeschneidert und von Hand gefertigt. Kosten: ab 1200 Euro.

Kontakt: Tel. (03535) 8282.

Kleinen Zeitung, Sonntag, 1. November 2015