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Rhodes wackelt, aber er stürzt nicht#

In Großbritannien ist eine Diskussion um das Erbe von Cecil Rhodes entbrannt - letzten Endes siegt das Empire.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 3. Februar 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Cecil Rhodes an der Fassade des Oriel College in Oxford
Die Statue des Anstoßes: Cecil Rhodes an der Fassade des Oriel College in Oxford.
© imago/ZUMA Press

Cecil Rhodes war ein Schwein.

Die Finger zögerten einen Moment lang, diesen Satz zu tippen. Aber sie ließen sich überreden:

  • Cecil Rhodes, der Diamantentycoon mit Privatarmee;
  • Cecil Rhodes, der die Minenarbeiter in Afrika ausbeutete;
  • Cecil Rhodes, der aus reiner Gier die Regierung in London überredete, das Betschuanaland (heute Botswana) erobern zu lassen;
  • Cecil Rhodes, der unabhängige afrikanische Reiche unter die britische Krone presste;
  • Cecil Rhodes, der eine Verschwörung betrieb, um die Regierung von Ohm Krüger (auch er keiner von den Guten) in Transvaal zu stürzen;
  • Cecil Rhodes, der Großbritannien in den Burenkrieg hetzte und damit 28.500 tote Soldaten und 26.000 niedergemetzelte Zivilisten auf dem Gewissen hat. Mindestens. Die Zahlen, über wie viele Leichen er insgesamt gegangen ist, differieren zu stark und sind teilweise zu übertrieben (60 Millionen), um sie ohne konkrete Überprüfungsmöglichkeit niederzuschreiben;
  • Cecil Rhodes, dessen Gesicht das des hemmungslosen Imperialismus ist, des Dünkels von der Überlegenheit der sogenannten weißen Rasse, genauer: der Überlegenheit des britischen Menschen.

Rhodes und Oxford#

In Oxford, an der Fassade des Oriel College, befindet sich eine Statue dieses Cecil Rhodes. Um die ist kürzlich ein massiver Streit entbrannt, der andauert und an Heftigkeit zunimmt. Geht es nach der Protestbewegung "Rhodes Must Fall", dann soll dieser Statue ebendieses widerfahren: Sie soll fallen. Doch die Universität Oxford sträubt sich mit Zähnen und Klauen. Denn Oxford ist Rhodes.

Zugleich erlebt man ein Lehrstück, wie schwer es ist, für eine Vergangenheit, zumal für eine großimperiale, die als glanzvoll empfunden wird, Rechenschaft abzulegen. Am besten werden die dunklen Seiten, die Abgründe, die Toten nicht einmal ignoriert.

Wie das geht, exerziert man ja als Österreicher genau genommen zweimal im Jahr vor. Es hat nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun. Vielmehr mit dem Silvester- und dem Neujahrskonzert: Um wie viel besser wäre es, statt beim Radetzky-Marsch lustig mitzuklatschen, einmal genauer anzusehen, wofür dieser Feldherr Johann Joseph Wenzel Anton Franz Karl Graf Radetzky von Radetz von Johann Strauß Vater im Revolutionsjahr 1848 gefeiert wurde. Friedenstaten waren es keine. Doch daran rührt man nicht, weil man sonst den flotten Marsch glatt auf alle Zeit absetzen müsste, wenn man guten Gewissens ins Neue Jahr gehen will.

Doch zurück von Radetzkys blutigem Marsch zu Rhodes’ blutigem Diamantenimperium. Der am 5. Juli 1853 in Bishop’s Stortford geborene Pfarrerssohn Rhodes wurde im Alter von 17 Jahren zu seinem Bruder nach Südafrika geschickt. Dort stieg er ins Gold-, vor allem aber auch ins Diamantengeschäft ein und wurde Minenbesitzer.

Danach kehrte er nach England zurück und studierte am Oriel College in Oxford.

Wieder in Südafrika, gründete er die De Beers Mining Company. 1881 wurde Rhodes Mitglied des Parlaments der Kapkolonie. Er behielt diesen Posten bis an sein Lebensende. Ihn nützte er, um seinen politischen Einfluss zu vervielfachen. Auf seine Einflüsterungen begann die britische Regierung in London mehrere bewaffnete Auseinandersetzungen in Südafrika, bei denen es ausschließlich um den Gewinn von Land und Bodenschätzen ging. Diese Kriege gipfelten im Zweiten Burenkrieg. Dessen Ende erlebte Rhodes nicht mehr: Die Verkörperung des britischen Imperialismus starb am 26. März 1902 in Muizenberg bei Kapstadt. Der von ihm angestachelte Krieg dauerte noch bis 31. Mai 1902.

Demontage eines Denkmals#

Zuvor, im Jahr 1888, hatte Rhodes die De Beers Consolidated Diamond Mines gegründet, mit der er das Monopol über die Diamantenproduktion im südlichen Afrika an sich reißen hatte können.

Die Organisation "Rhodes Must Fall" machte erstmals am 9. März 2015 an der Universität von Kapstadt auf sich aufmerksam. Auch hier entzündete sich der Protest an einer Rhodes-Statue auf dem Universitätsgelände. Tatsächlich wurde das Ehrenmal am 9. April 2015 beseitigt. Die Aktionen der Gruppe richten sich gegen Rassismus und Kolonialismus.

In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres lenkte die Organisation "Rhodes Must Fall" ihr Augenmerk auf das Oriel College in Oxford. Konkret ging es um eine Gedenkplakette, die Rhodes Verdienste unkritisch würdigte, und um die Statue.

Bei der Plakette konnte sich "Rhodes Must Fall" durchsetzen. Das Oriel College tauschte sie aus, der neue Text nimmt deutlich Abstand von Rhodes Taten und Meinungen. Bleibt die Statue. Und der Unwille des Oriel College, auch hier nachzugeben.

Rhodes und Oxford - das ist ein eigenes Kapitel. Rhodes nämlich, damals einer der reichsten Männer der Welt, brachte den größten Teil seines Vermögens testamentarisch in eine Stiftung ein, die jährlich 200 Studenten ein Rhodes-Stipendium zum Besuch der Universität Oxford verleiht. Diese Stipendien sind zahlenmäßig aufgeschlüsselt zwischen den Ländern des ehemaligen British Empire, den USA und Deutschland. Deutschland kam ins Spiel, weil sich Rhodes dafür bedankte, dass der Deutsche Kaiser Englisch zum Schul-Pflichtfach gemacht hat. Die Rhodes-Stiftung existiert bis heute. Rhodes-Stipendiaten waren unter anderem der frühere US-Präsident Bill Clinton, der Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark, der US-Schauspieler Kris Kristofferson und der ehemalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Die Stiftung residiert im Rhodes House in Oxford. Ihre Stipendien gehören zu den elitärsten und wichtigsten weltweit.

Gefühle treiben die Diskussion#

Die Vertreibung Rhodes’ aus Oxford ist somit eine Illusion. Selbst, wenn die Statue abgebrochen würde - der Name der Stiftung bliebe. Und wenn der Name der Stiftung bleibt - weshalb dann nicht auch des Stifters gedenken? Das Oriel College gab jedenfalls am 29. Jänner dieses Jahres bekannt, die Statue würde bleiben - aus prinzipiellen Überlegungen, aber auch, weil zahlreiche Sponsoren gedroht hätten, sie würden ihre Gelder zurückziehen, sollte man die Statue demontieren.

Hatte am Ende der britische Autor und Journalist Harry Mount recht, als er am 29. Dezember 2015 im "Telegraph" unter dem Titel "Es ist Zeit, unseren verwöhnten Studenten-Kaisern ,Nein‘ zu sagen" meinte, die ganze Rhodes-muss-fallen-Sache sei das Produkt "einer Generation, die erzogen wurde im Glauben, ihr Fühlen sei alles, was zählt"?

Vielleicht hat Mount recht und es geht wirklich ums Fühlen - aber um das der britischen Mehrheit. Das British Empire ist zwar einerseits irgendwie in den Commonwealth hinübergerettet, aber eine händeschüttelnde oder bestenfalls elefantenreitende Stippvisite von Mitgliedern der königlichen Familie in den Ländern, die man ehedem zum eigenen Vorteil hemmungslos auspressen konnte, ist ein schwacher Ersatz. Britannien ist in seiner Vergangenheit groß, und vom Gefühl der imperialen Macht, zu dem Rhodes einiges beigetragen hat, löst man sich schwer. Als Österreicher kann man das gut nachvollziehen. "Der Kaiser" wird schließlich auch glorifiziert - und was scheren uns angesichts des Habsburger-Großreichglanzes die Leiden der Kronländer und der Erste Weltkrieg? Wer zum Radetzky-Marsch klatscht, darf sich über die Rhodes-Verklärung nicht wundern.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 3. Februar 2016