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Sammeln - ein kulturelles Phänomen #

von Martin Lödl

Vom "Jagen und Sammeln" zum "Sammeln als Kulturphänomen"

Das Sammeln ist ein uraltes Phänomen. Das "Jagen und Sammeln" prähistorischer Zeit ist Überlebensstrategie, erst mit der Luxurierung der Lebensumstände, der Lebens- und Wohnsicherheit und der abgesicherten Versorgung beginnt das Sammeln in der Art, wie wir es heute kennen. Das Sammeln in der vollen Bandbreite zwischen wissenschaftlicher Notwendigkeit einerseits und entspannender Freizeitgestaltung andererseits. In jedem Fall aber ein wesentlicher Faktor des phylogenetisch jungen Triebes "Interesse".

Zuerst eine Begriffsbestimmung:

Wir verstehen unter "Sammeln" ein kulturelles Phänomen, das in seiner höchsten Ausformung 3 Stufen umfaßt:

1. Das Horten, also das "Erjagen" von Objekten und das Zusammentragen derselben.

2. Das Sichten, Ordnen und Systematisieren (Abbildung 1, Jugendlicher Sammlereifer, Maria C. Lödl)

3. Die Auswertung, die Schlussfolgerung und die Präsentation - also kurzum das Erschließen der Sammlung.

Diese drei Stufen charakterisieren die phylogenetische Entwicklung des Sammelns, so wie auch die jeweilige individuelle Geschichte einer jeden Sammlung.

Zuerst trägt man Dinge nach Hause, dann beginnt man, scheinbar wertlose Einzelteile nach bestimmten Gesichtspunkten zu sortieren, schließlich erreicht man die höchste Stufe: das ordnende Durchdringen der Welt (Kemper & Seggelke, 2003: 147 am Beispiel von André Breton, dem 1966 verstorbenen französischen Schriftsteller und Theoretiker des Surrealismus). Es gipfelt in wissenschaftlichen Thesen, historischen Erkenntnissen auf dem Sammelgebiet, Ausstellungen und Publikationen. Das Erschließen der Sammlung ist erreicht.

Jugendlicher Sammlereifer, Maria C. Lödl
Abbildung 1: Jugendlicher Sammlereifer, Maria C. Lödl

Mehrere Veranlagungen des Menschen führen zum Phänomen "Sammeln"

1. Durch unsere Intelligenz bedingt ist die Neugier. Diese läßt uns Dinge besonders plastisch und aufmerksam wahrnehmen. Man beschäftigt sich dann mit ihnen, nimmt sie mit nach Hause und häuft sie an.

2. An der Neugier kondensiert historisch gesehen unser relativ junger Trieb Interesse. Wir wollen Verschiedenstes von allen Seiten beleuchten, besitzen, damit hantieren, es ausprobieren und Hintergründe erforschen. Wir wollen Dinge im wahrsten Sinne des Wortes begreifen (ganz wichtig bei der Erkentnnis - schon im Kindesalter; man schaut nämlich nicht mit den Augen allein, sondern auch mit den Händen - ein verbreiteter Irrtum von Eltern, die ihre Kinder deshalb maßregeln). Und wir wollen Dingliches Systematisieren, Gemeinsamkeiten, aber auch das Trennende erkennen und herausfinden.

3. Parallel dazu sind wir Menschen starke Bindungswesen. Wir binden uns triebhaft nicht nur an andere Menschen und an unsere Haustiere, sondern auch an Dinge und an Gedankengebäude, an Überzeugungen.

4. Typisch für den Menschen - und verantwortlich für seine gute Seite - ist sein Vermögen zur Spiegelung. Mitgefühl, Mitdenken und Sichhineinversetzenkönnen wird durch Spiegelneuronen bedingt, diese verstärken und vertiefen Bindung. Sie machen uns offen für sentimentale Empfindungen, so wie wir sie auch oft für Sammelobjekte hegen.

So können wir die Beweggründe des Sammlers folgendermaßen zusammenfassen:

- neugieriges Interesse

- tiefes Lustempfinden am Vervollständigen und Erkennen

- bindungsorientierte Sentimentalität

Die Frage, ob jeder Sammler auch ein Jäger ist, ist einfach zu beantworten. Jeder Sammler ist in gewisser Weise auch ein Jäger - zumindest im übertragenen Sinne. Aber nicht jeder Jäger ist ein Sammler. Man darf nicht vergessen, daß bei vielen Jägern auch die Komponenten "sportliche Herausforderung", "Thrill" und "adrenalingeschwängerter Ehrgeiz" eine Rolle spielen, aber kein wirkliches sammlerisches Ziel verfolgt wird. Jagdtrophäen können allenfalls noch als "Sammlung persönlicher Erinnerungen" gedeutet werden, sie stehen aber oft gar nicht so sehr im Vordergrund jagdlicher Aktivitäten.

Verschiedene Sammlertypen und Sammlungen

Wir haben schon gehört, daß das Sammeln in drei Stufen verläuft: dem Horten, dem Ordnen und dem Erschließen. Da wir Menschen sehr komplexe Wesen sind, konzentrieren sich manche Menschen mit besonderer Vorliebe auf eine der drei Phasen, weil sie diese jeweils am lustvollsten wahrnehmen.

Phasentyp 1, der Horter:

Berühmt geworden durch die grandiose Darstellung von und mit Orson Welles: Citizen Kane. Das amerikanische Filmdrama aus dem Jahr 1941 zeichnet die Lebensgeschichte des fiktiven Multimillionärs Charles Foster Kane (angelehnt an die Biographie des amerikanischen Verlegers William Randolph Hearst). Kane wird im Film zum Prototyp des maßlosen Sammlers und Horters, der enorme Mengen Antiquitäten anhäuft und niemals wirklich zum Ordnen seiner Schätze kommt. Ein ausführlicher Beitrag ist zu finden unter https://de.wikipedia.org/wiki/Citizen_Kane

Horter hinterlassen oft bemerkenswert umfangreiche Sammlungen, Wohnungen voll von persönlichen Schätzen, gestapelt in Kisten, ganze Rumpelkammern. Sie sind die tragischen Figuren unter den Sammlern - werden oft mit Messies in einen Topf geworfen, von denen sie sich durch einen durchaus geregelten Wohnbetrieb und eine "Struktur" ihres Sammelns unterscheiden. Sie übertreiben zwar das Anhäufen, vermüllen aber nicht im herkömmlichen Sinne. Die größte Gefahr besteht darin, diese Sammlungen durch unachtsame Erben der Vernichtung und der Sperrmüllentsorgung preiszugeben. Daher ein Appell an alle, die Hinterlassenschaften betreuen - wenden sie sich im Zweifelsfall an Museen oder andere Sammler.

Daß auch "Sammlungen" von echten Messies je nach zeitlicher Situation einen erheblichen Wert als Sammlungen haben können, lässt sich leicht am Beispiel der Collyer-Brüder (https://de.wikipedia.org/wiki/Collyer_Brothers) nachweisen. Homer Lusk Collyer (geboren im November 1881; gestorben 21. März 1947) und Langley Collyer (geboren Oktober 1885; gestorben März 1947) lebten gemeinsam in einem Haus in New York. Sie lebten in diesem Stadthaus in praktisch vollständiger sozialer Isolation. Über die Jahre sammelte der jüngere Bruder Langley eine enorme Menge Gegenstände, Bücher, Musikinstrumente sowie alte Zeitungen und füllte das Haus bis obenhin mit insgesamt 103 Tonnen Material. Besonders bemerkenswert war ein labyrinthisches System an Gängen, das Langley anlegte und in dem es etliche Fallen gegen unerwünschte Eindringlinge gab. Durch die zunehmende Verwahrlosung des Hauses wurden schließlich Bank und Behörden aufmerksam und sahen sich veranlasst, einzuschreiten. Nach der Zwangsräumung, stellte man fest, dass Langley Collyer Opfer einer seiner eigenen Fallen geworden und der von ihm versorgte, offenbar behinderte Homer daraufhin verhungert war. Die Collyer-Brüder sind ein weithin gebrauchtes Fallbeispiel für das Messie-Syndrom und dem damit verbundenen zwangsneurotischen Verhaltens der Unfähigkeit zur Trennung von allem Dinglichen. Das Beispiel ist insoferne interessant, als die klassische Interpretation der "Wertlosigkeit" der angesammelten Objekte natürlich nur für den Moment des Zeitgeistes gilt. Im Falle der Collyerbrüder wurden Unmengen von Gegenständen sichergestellt (tausende Bücher und Zeitschriften, Gemälde, 14 Klaviere, zahlreiche Banjos und andere Musikinstrumente, eine reichhaltige Sammlung alter Waffen, wie Pistolen, Bajonette und Säbel, Wandteppiche, Uhren, Kronleuchter, u.v.m.) das insgesamt "nur" einen Verkaufserlös von 2000 Dollar erzielte. Da man davon ausgehen kann, daß das Material zu einem Großteil aus einer Zeit weit vor dem Zweiten Weltkrieg stammte, kann man leicht ermessen, welchen pekuniären Wert die 103 Tonnen Sammelmaterial auf heutigen Antiquitätenmessen erzielen würden. Vom ideellen Wert ganz zu schweigen. Man muß also durchaus feststellen, daß der objektive Wert von - augenscheinlich verwahrlosten und ungeordneten Sammlungen - unabhängig von der Intention des Sammlers zu sehen ist, sehr wohl aber im direkten Zusammenhang mit der Zeit interpretiert werden muß. Bedenken wir, daß das alltägliche Krimskrams (vom Trinkbecher bis zur Haarfibel) der Römerzeit heute als Schatz hinter den Panzergläsern von Museumsvitrinen präsentiert wird. Viele hochgeschätzte, lokale Heimat- und Bezirksmuseen (siehe hierzu auch Huemer, 1982) haben ihren Ursprung in der ungezügelten Sammelleidenschaft einzelner. Die Unterscheidung in "Anhäufung von Müll" und "kulturhistorisch wertvolle Antiquitäten" wird oftmals nur durch den Faktor Zeit bestimmt, was sehr schön mit Publikationen wie Curtis (1993) belegt wird.

Oft ist der Gedanke, "dieses oder jenes könnte man später vielleicht noch brauchen", die treibende Kraft, Alltagsgegenstände, altes Werkzeug, Steckdosen und Nägel und allerlei Schnickschnack aufzuheben. Eine Vorstellung, die gerade die Kriegsgenerationen prägte. Dies ist oft der Ausgangspunkt für eine später entdeckte, sehr wertvolle "Sammlung", obwohl ursprünglich die Intention zum Sammeln als kulturelles Phänomen fehlte. So ähnlich mag es auch in der Salzburger Jugendstilvilla gewesen sein, die Cornelia Meran erbte und feststellen mußte, daß ihre Bewohner 120 Jahre lang praktisch alles aufgehoben hatten. Ein spät gehobener Schatz der angewandten Kunst für einen Zeitraum von Jahrzehnten (Dusini, 2005). Die ausgestellten Alltagsgegenstände wurden später auch in der Ausstellung "an/sammlung an/denken" gezeigt (http://salzburg.orf.at/magazin/leben/stories/42760/ und http://www.kewego.at/search/?q=cornelia+meranhttp://www.kewego.at/search/?q=cornelia+meran).

So wie bei allen menschlichen Aktivitäten, macht auch die psychopathologische Seite des Menschen nicht Halt vor dem Kulturphänomen des Sammelns. Dies ist aber nicht häufiger, als bei allen anderen Aktivitäten. Sport kann zur selbstzerstörenden Sucht werden, Spiritualismus und Glaube in religiösen Wahn und Wahnsinn entarten, an sich altruistische Aktivitäten können von sado-masochistischen Tendenzen oder von Zwangshandlungen geleitet werden. Essen kann Menschen umbringen, Alkohol oder Spielsucht kann Familien zerstören und PC und Fernseher Kinder in ihrer Entwicklung nachhaltig negativ beeinflussen. All diese Phänomene gibt es, weil der Mensch zu sehr komplexen Reaktionen fähig ist.

Beim Sammeln wird sicher die zwanghafte Komponente bzw. das Entarten in Richtung Messie-Syndrom den Weg zum Pathologischen weisen. Im Wesentlichen bleibt aber das Sammeln befriedigende Beschäftigung mit kulturellem Auftrag, Wissensvermehrung und im positiven Sinne - zumindest ideelle - Wertschöpfung. Krobath & Krobath (1986) beschreiben einen Mann, der zwanzig Jahre lang täglich in die Pariser Arsenalbibliothek ging und sich einen Stapel Bücher bringen ließ. Diese blätterte er durch und ging wieder. Er machte sich nur einige Notizen. Tag für Tag das gleiche. Erst nach seinem Tod erfuhren die Bibliothekare, daß er ihnen zwei große Koffer voll mit Notizen hinterlassen hatte: Fein säuberlich hatte er Seiten- und Zeilenangaben aller Werke hinterlassen, wo der Name "Julius Caesar" zu finden war. Krobath & Krobath: "Die Tat eines Spinners, gewiß. Aber eines hatte dieser alte Herr aus Paris mit Millionen auf der Welt gemeinsam: er war Sammler." Letzteres darf bezweifelt werden. Das völlige Fehlen eines - zumindest theoretisch - strukturierten Sammelzieles läßt diese Form des "Sammeln" mehr unter einem zwanghaften Aspekt erscheinen, so wie das Vermüllen der Wohnräume eines echten Messies ebenfalls nichts mit den Gedanken einer ordnenden Weltsicht zu tun hat.

Es gibt aber auch den Phasentyp 2, den Ordner und den Phasentyp 3, den Präsentationsbewussten, also Menschen, die bevorzugt Objekte Sortieren und Ordnen oder die Präsentation, sowie die Publikation übernehmen, Vitrinen gestalten und Ausstellungen ausrichten und somit in der Volksbildung arbeiten. Dies kann bevorzugt geschehen, wenn Nachkommen eine Sammlung erben, die sie dann mit Sachverstand pflegen und zugänglich machen, selbst aber nicht weiter ausbauen. Im Alltag des Wissenschaftsbetriebes großer Museen, die naturgemäß über große und umfangreiche Sammlungen verfügen, begegnet man ebenfalls hin und wieder diesen beiden Typologien. Es handelt sich um Forscher, die selbst wenig Zeit im Freiland verbringen um neues Material für die Sammlungen heimzubringen. Sie konzentrieren sich auf die Aufarbeitung von Museumssammlungen und tragen so wesentlich zum Erschließen der wertvollen Bestände bei.

In Österreich ist wohl die bedeutende Sammlung des Grafen Hans Wilczek (https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Nepomuk_Graf_Wilczek) ein herausragendes Beispiel für die harmonische Bewältigung aller drei Phasentypen. Er ließ für seine Sammlungen die Burg Kreuzenstein (http://www.mamilade.at/burg/kreuzenstein/1006620-burgkreuzenstein.html) nahe bei Wien errichten. Walcher-Molthein (o.J., ca. 1925), der langjährige Kurator der Wilczek’schen Sammlungen berichtet von seinem Amtsantritt folgendes: "Als wir das erstemal über die Aufgaben sprachen, war bereits so gründliche Arbeit geleistet, daß ich den Eindruck gewann, als ob nicht mehr viel zu tun wäre. Die Speicher in den Schlössern Seebarn und Tresdorf waren angefüllt mit Werken der Plastik und Malerei, mit gothischen Möbeln und den Arbeiten deutscher Handwerker in allen möglichen Techniken. Wie in Kaufläden des Mittelaltersstanden Reihen alter Gläser, Tonkrüge und Zinnkannen hintereinander, dann wieder unzählige Folgen von gothischem Türbeschlag, altem Werkzeug, alchimistischen Retorten, usw." Man sieht also deutlich, daß hier sogar schon im Stadium des Hortens, noch vor dem Wiederaufbau der Burg Kreuzenstein, die Wilczek’s Museums werden sollte, eine kuratorisch beachtliche Ordnung herrschte.

Sammeln als Kulturphänomen bedeutet stets Wissenszuwachs und Wertschöpfung (ideel wie materiell). Sowohl für den einzelnen, als auch für die Gesellschaft. Deshalb ist es besonders schlimm, wenn durch mangelnden Sachverstand Sammlungen vernichtet werden (Entrümpelung, Verlassenschaften, Müllentsorgung). Oft lebenslange Bemühungen eines einzelnen werden so in wenigen Stunden zerstört. Der meist mehr ideelle als pekuniäre Wertzuwachs durch Sammlungen ist aber beträchtlich und schlägt sich in der persönlichen Befriedigung für den Sammler nieder. Ein besonderer Grund zur Freude ist, aus einer Anhäufung von an sich wertlosen Einzelobjekten eine wertvolle Struktur geordneter Objekte zu machen, die vielleicht später in einem nennenswerten Netzwerk an Wissen und historischer Erkenntnis gipfelt. Besonders gelungene Sammelleidenschaften spiegeln sich in Sammlungen, die irgendwann einmal in öffentlichen Museen oder als Stiftungen der Wissenschaft und der Volksbildung dienen. In Österreich allgemein bekannt sind die Kunstsammlungen Essl (http://www.sammlung-essl.at/) und Leopold (http://www.leopoldmuseum.org/). Aber auch viele Privatsammler - insbesondere im ländlichen Bereich - die ihre Sammlungen früher oder später zu Privatmuseen umfunktionieren. Die Erhaltung bäuerlichen Kulturgutes und die Präsentation der technischen Entwicklung der Landwirtschaft erfolgen auf diese Weise vorbildlich. So kann aus dem Scheunenfund eines einzelnen, alten Traktors der Grundstein für eine umfangreiche Sammlung landwirtschaftlicher Maschinen gelegt werden, die schließlich in einem technischen Museum mündet.

Sammlungen als Sinnbild kultureller Wertschöpfung sind besonders den Unbillen von Kriegswirren oder anderen Katastrophen ausgesetzt. Sie bedürfen ausreichenden Platzes, ständiger Pflege und Konservierung und selbstverständlich des Schutzes. Drei Kriterien, die in Krisenzeiten schwer zu erfüllen sind. Daß selbst die gesellschaftliche Akzeptanz des Sammelns in direkter Korrelation zu einer ungestörten, also weitgehend katastrophenfreien Gesellschaftsentwicklung steht, läßt sich eindrucksvoll an der abnehmenden Bedeutung des Sammelns in Zentraleuropa belegen. Ähnlich wie in Frankreich, so war auch in den deutschsprachigen Ländern das staatliche Mäzenatentum vorherrschend. Ganz gleich ob König, Kaiser oder Republik - die staatstragende Förderung der großen Sammlungen stand im Vordergrund. Mit der auslaufenden Herrschaft der Habsburger und ihrer reichhaltigen öffentlichen oder halböffentlichen Sammlungen brach über Zentraleuropa die desaströse Entwicklung zweier Weltkriege herein. Das, was nicht unmittelbar durch Kriegsereignisse zerstört wurde, fiel zumindest der allgemeinen Verarmung zum Opfer. Privatsammlungen konnten im 20. Jahrhundert nur sehr bedingt aufgebaut oder zumindest nur unter größten Mühen erhalten werden, fanden daher auch nur in geringem Ausmaß ihre Wege in die großen Museen.

Anders verlief die Geschichte des Sammelns freilich in den anglikanischen Ländern. In Großbritannien ist das Sammeln an sich bis heute eine gesellschaftlich anerkannte Disziplin. Das Sammeln ist dort kulturelle Berufung und gesellschaftliche Wertschöpfung und daher allgegenwärtig. Die großen, englischen Museen werden nicht nur von staatlicher Seite, sondern auch von Privaten reichhaltig gefördert. In den USA hat sich überhaupt der Weg des privaten Mäzenatentums durchgesetzt. Viele große Museen gehen auf private Initiativen zurück, wie zum Beispiel die Smithsonian Institution in Washington. Viele Sammelgebiete sind durch die Kriegswirren in Europa "ausgedünnt" worden.

Traktor Warchalowski WT14, Bj. 1958
Abbildung 2: Traktor Warchalowski WT14, Bj. 1958
Besonders eindrucksvoll kann man das an einem technisch sehr interessanten Sammelgebiet erklären. In den USA, aber auch in Großbritannien sind wesentlich weniger Traktorenklassiker dahingerafft worden. Viele noch mit Eisenrädern ausgestattete Modelle blieben erhalten. Sammlungen von Oldtimertraktoren sind daher in den anglikanischen Ländern traditionell besonders reich an Vorkriegsmodellen und auch an Modellen der Gründerzeiten (1910er Jahre). Dies sind Modellreihen, die in Mitteleuropa praktisch überhaupt nicht mehr erhalten geblieben sind, die Kriegsereignisse führten hier zu flächendeckender Zerstörung. Ähnlich verhält es sich mit Gebrauchtsgegenständen des Alltags sowie mit Verpackungsmaterialien, die in Europa durch die breitflächigen Zerstörungen der Städte unter Schutthalden verschwanden. Der Modernisierungsdrang der ausgebombten und mit dem Wiederaufbau beschäftigten Bevölkerung tat in den 50iger und 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Übrige, um von der angewandten Kunst und den Dingen des Alltagslebens der Vorkriegszeiten praktisch nichts übrig zu lassen. Ich kenne viele Sammler, die heute noch mit unstillbarer Wehmut an jene Schätze des Alltags und auch der alten, bäuerlichen Kultur denken, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts in den unzähligen Mülldeponien und Kiesgruben unseres Landes verschwanden (Abbildung 2).

Jede Zeit hat tatsächlich ihre Sammler und ihre Sammelleidenschaften.
Abbildung 3: Österreichmarken, Albumblatt Lödl
Abbildung 3: Österreichmarken, Albumblatt Lödl


Ich würde eine grobe Einteilung in folgende Gruppen vornehmen:

1. Klassische Sammelgebiete, die allgemein bekannt sind und über ein relativ hohes Sozialprestige verfügen. Hierher gehören in erster Linie Philatelie (Abbildung 3) und Numismatik - heute stark zurückgedrängt und als Altherrenhobby eingestuft. Durch berühmte Sammler, wie z.B. die englische Königsfamilie ist z.B. die Philatelie immer noch mit hohem Prestige ausgezeichnet (Courtney, 2004). Kunstsammlungen sind ebenfalls zeitlos, wohl noch zeitloser als die vorgenannten. Kunstsammeln ist in Mitteleuropa wahrscheinlich die heute üblichste Form gehobener Sammlerkultur. Nennen muß man auch das Sammeln von Klassischen Fahrzeugen (oft fälschlich "Oldtimer-Sammeln" bezeichnet) - auch dieses mit hoher gesellschaftlicher Anerkennung versehen, heute aber leider durch falsch verstandenen Umweltschutz und übertriebene Sicherheitsnormen gefährdet, da es für Privatpersonen immer schwieriger und bürokratisch aufwendiger wird, erhaltenswerte, ältere Fahrzeuge anzukaufen.

Grußkarten, ca. 1900, und Bierdeckeln
Abbildung 4: Grußkarten, ca. 1900, und Bierdeckeln
Das Sammeln von Naturalien (Schnecken und Muscheln, Insekten, Mineralien) war vor allem früher (vor 50-150 Jahren) ein weit verbreitetes Hobby der Bürgerschicht, ist aber heute weitgehend den wissenschaftlichen Naturmuseen vorbehalten. Ebenfalls falsch verstandene Naturschutzbemühungen und hypertrophierte Verwaltungsmaßnahmen haben dazu geführt, daß die zoologisch-botanische Forschung an den Universitäten und Museen stark unter Nachwuchsproblemen zu leiden hat. Die Anlage einer Schmetterlingssammlung unter Schülern ist heute weitgehend unüblich geworden, war früher jedoch gang und gäbe. Das Sammeln von Büchern, also die Anlage großer Privatbibliotheken hat dafür immer noch den Nimbus der Schicht des Bildungsbürgers oder des Adels. Klassische Sammelgebiete - mit mehr Breitenwirkung - sind auch das Sammeln von Postkarten (Abbildung 4).

2. Sentimentale Sammelgebiete werden gespeist von persönlichen Erlebnissen, idyllischen Erfahrungen der Kindheit und Jugend, individuellem Berührtsein durch Erinnerungen.
Hutschpferd 1950er Jahre (Sammlung Lödl)
Abbildung 5: Hutschpferd 1950er Jahre (Sammlung Lödl)


Typisch für dieses Sammelgebiet sind Spielsachen im weitesten Sinne (Abbildung 5, 6 und 7) und vieles mehr.

Sammler holen mit diesen - oft sehr sentimental gesehenen Objekten - schöne Erinnerungen der Kindheit hervor, sie ersetzen die längst im Müll achtlos entsorgten Spielsachen der Kindheit, sie erfüllen sich mit einem Tretauto einen Kindertraum, der damals vielleicht nicht in Erfüllung ging. Besonders das Alter zwischen 40 und 60 ist typisch für derartige Auslese. Besonders gute Beispiele für diesen Sammlertyp sind Bernard Macaire (Modellflugzeuge; Mouillefarine & Hinous, 1989: 20 ff.), der leider viel zu früh an Lymphdrüsenkrebs verstorbene Bernd Pfarr (Blechspielzeug; Kemper & Seggelke, 2003: 8 ff.), Armand Hui Bon Hoa (Spielzeugroboter; Mouillefarine & Hinous, 1989: 44 ff.), Manfred Jandl (Überraschungseier-Figuren - angeregt durch seine Söhne; Binder & Wobrazek, 2005: 60 ff.) und Josef Augustin (Puppenküchen; Binder & Wobrazek, 2005: 63). So hat jede Generation ihren eigenen Fokus der sentimentalen Sammlerinteressen (z.B. Pauser & Ritschl, 1999).

Eine wunderschöne Episode unterstreicht diese sentimentale Neigung zu Sammelobjekten. Eine dezente aber doch maßgebliche Nebenhandlung in "Citizen Kane" spiegelt dies wider. Der Milliardär Charles Foster Kane murmelt am Sterbebett als letztes Wort "Rosebud" - Rosenknospe. Die Frage geistert durch den ganzen Film: Was bedeutet dieses Wort? Wollte der zu Lebzeiten gefürchtete und allmächtige Mann der Nachwelt irgendetwas mitteilen? Die letzte Einstellung zeigt, wie ein ungeschlachter und desinteressierter Arbeiter Massen an vermeintlich wertlosem Zeug in einen Industrieofen schmeißt - darunter Kane’s Kinderschlitten mit der Aufschrift "Rosebud". Das zeigt die sentimentale Verbindung zu Objekten, die uns lieb und wert sind und die den Ausgangspunkt für ganze Sammlungen darstellen können (Abbildung 8).

Modellfahrzeuge M.Lödl - 12
Abbildung 6: Modellfahrzeuge M.Lödl - 12

Titze-Sammelbilder, 1930iger
Abbildung 7: Titze-Sammelbilder, 1930iger

Die erste Steinesammlung - der Autor in Werfen, 1963
Abbildung 8: Die erste Steinesammlung - der Autor in Werfen, 1963


3. Sammeln von angewandter Kunst - die Kunst den Alltag zu sammeln

Zigarettenschachteln
Abbildung 9: Zigarettenschachteln

Abbildung 10: Zündholzschachteln
Abbildung 10: Zündholzschachteln

Joghurtplatinen, 1987 (Sammlung M. Lödl)
Abbildung 13: Joghurtplatinen, 1987 (Sammlung M. Lödl)


Von Tageszeitungen, von Werbebroschüren und Postkarten über Zigarettenpackungen (Abbildung 9), Zündholzschachteln (Abbildung 10), Bierdosen, bis hin zu Gläsern, Flaschen (Abbildung 11) oder Blechdosen (Abbildung 12), Kronkorken und Etiketten, sowie Joghurtplatinen (Abbildung 13) reicht hier das Sammelgebiet.

Auch Alltagsgeräte gehören hier her, Werkzeug oder Schreibmaschinen (Abbildung 14).

Alte Flaschen
Abbildung 11: Alte Flaschen

Huntley & Palmers, Biscuits
Abbildung 12: Huntley & Palmers, Biscuits

Mignon AEG-Schreibmaschine, Type 3, Zwischenkriegszeit
Abbildung 14: Mignon AEG-Schreibmaschine, Type 3, Zwischenkriegszeit


Dieses Sammelgebiet hat aus 4 Gründen einen besonderen Reiz:

- es ist meist ein unbegrenztes Sammelgebiet vorhanden, das "Jagen" ist häufig von unbegrenztem Erfolg begleitet. Zigarettenpäckchen kann man überall, auch am Straßenrand in großen Mengen finden.

- die Objekte sind nach allgemeiner Meinung "Müll", "Verpackung", "Abfall" und werden weggeworfen. Sie sind daher gratis oder kosten nicht viel.

- es gibt wenig Konkurrenz, man ist nicht gezwungen in finanziell aufreibenden Versteigerungen um Objekte zu kämpfen, man bekommt sie sogar häufig geschenkt.

- Die Sammelgebiete sind meist so ausgefallen (Pizzaschachteln, Burger-Verpackungen (ein besonders engagiertes Beispiel: http://www.roland-barthel.de/Sammlung/index.html), Telefonwertkarten, Kronkorken), daß eine Sammlung im Verhältnis zu den Gestehungskosten einen sehr hohen ideellen wie auch sachlichen Wert annimmt. Man darf nämlich nicht vergessen, daß es auch bei Requisiteuren für Filme allgemein bekannt ist, daß es mitunter schwieriger ist aus dem frühen 20. Jahrhundert eine originale Verpackung von Haushaltsartikeln, wie Kernseifen, Waschmitteln u.ä. zu bekommen als einen echten Rolls Royce, von denen natürlich viele Exemplare gehütet wurden.

Das Sammeln von Verpackungsmaterialien kann man nur jedermann empfehlen, der wirklich einen Beitrag zur Kulturgeschichte der angewandten Kunst leisten will, bei gleichzeitig sehr geringen Anschaffungskosten und einem breiten Angebot an Sammel- und Jagdmöglichkeiten.

Das berühmteste Beispiel ist das Robert Opie Museum in England mit über 500.000 Alltagsobjekten unserer Konsumgesellschaft (http://www.robertopiecollection.com/ und McAlpine, A. & Giangrande, C., 1998: 28).

4. Das Sammeln der persönlichen Geschichte.

Die Pflege eines Familienarchivs mit Memorabilia, die Anlage von umfassenden Photodokumentationen in Form von Familienalben, Postkarten und Hüttenstempeln (Abbildung 15) der eigenen Ausflüge, das Sammeln persönlicher Eindrücke in Tagebüchern (Abbildung 16) und die Mitnahme von Erinnerungsstücken (ein Stein von jedem Ausflug), aber auch die rostigen Nägel und Schrauben, die bei Wanderungen am Straßenrand gefunden werden. Manche Menschen nehmen aus jedem Urlaubsland Sandproben in kleinen Glasröhrchen mit und schaffen auf diese Weise Kondensationspunkte annehmlicher Erinnerungen. Unser Bewusstsein versucht die Schwäche unseres Reflexionsvermögens auszugleichen. Versatzstücke der eigenen Geschichte dienen als Gedächtniskrücke und Anhaltspunkt für das Nachvollziehen unserer eigenen, höchstpersönlichen Geschichte.

Tourenbuch
Abbildung 15: Tourenbuch
Einen besonderen Weg hat Walter Kempowski, ein Schriftsteller aus Kreienhoop in Deutschland beschritten. Er sammelt seit etlichen Jahren die Lebensgeschichten von Menschen in Form von Tagebüchern und Bilderkonvoluten. 7000 private Tagebücher und über 300.000 Fotos und andere bildhafte Darstellungen hat er bisher zusammengetragen und damit ein mittlerweile gar nciht mehr so kleines Privatinstitut aufgebaut. Die Materialien werden mit dem PC erfaßt und dienen kulturhistorischen Studien, werden also wissenschaftlich ausgewertet. Das Sammeln von Lebensgeschichten als Zeitdokumente gewissermaßen. Viele Menschen senden ihre Tagebücher oder die ihrer Angehörigen an diese Sammlung, damit die persönlichen Lebensgeschichten auf diese Weise erhalten bleiben. (Kemper & Seggelke, 2003: 108 ff.)

Tagebuch von M. Lödl, 1967
Abbildung 16: Tagebuch von M. Lödl, 1967
Ein ganz anderer Weg die eigene Individualität zu leben und sammlerisch zu markieren ist der von Michael Rudolph in Schleswig. Er bringt von all seinen Reisen Samen, Früchte oder Setzlinge von Bäumen mit nach Hause und setzt sie in seinem vier Hektar großen Privatpark ein. Lebendige Versatzstücke aus der weltweiten Natur, Erinnerungen und Lebenszeugen seiner Streifzüge durch diese Welt. Ein beschauliches und gleichzeitig höchst ästhetisches Hobby. (Kemper & Seggelke, 2003: 60 ff.)

Ein krasser Gegensatz dazu ist die lebenslange Obsession des Fotografen Enrique Metinides. Mittlerweile ein hochbezahlter und in unzähligen Galerien präsenter Fotokünstler, wurde er schon treffend als "Bote des Unglücks" bezeichnet (Smoltczyk, 2004: 56 ff.). Verbrechen, Morde, Flugzeugabstürze - eine schaurige Aneinanderreihung von Einzelschicksalen, festgehalten als eine jeweils letzte Ikone der menschlichen Vergänglichkeit. Weltberühmt sein vielleicht ästhetischestes Bild: der Tod der mexikanischen Schriftstellerin Adela Rivas nach ihrem tragischen Verkehrsunfall von 1979 http://www.artnet.com/magazineus/reviews/garcia/garcia4-24-06_detail.asp?picnum=3). Besonders berührend, daß Adela Rivas als außergewöhnlich attraktive Frau, als Schriftstellerin und Intellektuelle gerade durch die Darstellung ihres letzten, so unvorstellbar tragischen Augenblicks Weltberühmtheit erlangt hat, da sie selbst in diesem noch Eleganz, Würde und Schönheit bewahrt.

5. Virtuelle Sammlungen. Dieses Sammelgebiet ist gänzlich neu und erst durch drei Dinge möglich geworden: Leistungsfähige Heimcomputer, erschwingliche Speichermedien im Gigabyte-Bereich und das Internet mit dem World Wide Web.

Ein Sammelgebiet, dessen wohltuende Wirkung, besonders für Menschen, die an ihr Zuhause gebunden sind (ältere Personen, Behinderte), noch gar nicht richtig erkannt wurde.

Man kann Bildarchive nach eigener Wahl anlegen, man kann eine Weltreise im www. unternehmen und alle Orte, Flüsse, Berge durch Bilder dokumentieren. Man kann eine Sammlung berühmter Nationalparks anlegen, ebenso wie eine virtuelle Markensammlung, eine virtuelle Insektensammlung eine Sammlung an klassischen Automobilen und deren Innenansichten. Man kann Bilder oder Videoclips speichern und die immer größer werdende Sammlung mithilfe einschlägiger Programme strukturieren und ausbauen. Die hier im Austria Forum recht aktiv betriebene Präsentation österreichischer Seen kann in gewisser Weise als eine solche virtuelle Sammlung eingestuft werden.

Die Recherche im www. ist das "Jagen", das Strukturieren und das Beschriften der Bilder das "Ordnen" und die Präsentation des ganzen auf entsprechenden Homepages oder das Anfertigen von bebilderten Skripten ist das "Erschließen".

Üblicherweise ist ein besonders lustvoller Aspekt des Sammelns das "Niemalsendenwollen". Die Vorfreude ist ungebrochen. Sammlungen werden ja in der Regel niemals komplett. Sammlungen sind mit hohem persönlichem Wert ausgestattet. Sie herzugeben fällt schwer und ist meist unmöglich. Erstaunlicherweise kommt es aber tatsächlich vor, daß auch Sammler, ein Sammelgebiet komplettieren und die Sammlung unter Umständen sogar abstoßen, um wieder mit etwas Neuem zu beginnen.

Einer der Grandseigneurs der Philatelie, der amerikanische Industrielle John R. Boker verkaufte seine Spezialsammlung "altdeutscher Staaten". Vollständigkeit und nachlassende Sehkraft sollen die Ursache gewesen sein. Er verfügte, daß die Sammlung wieder nach Deutschland zu bringen sei und dort versteigert werden sollte. Dabei wurde ein Gesamterlös von 30 Millionen Euro erzielt (http://www.doylenewyork.com/pr/boker/default.htm).

Die Regel ist aber das Gegenteil. Vielfach gehört es für eingefleischte Sammler zu den schlimmsten Lebenserfahrungen, wenn sie sich aufgrund äußerer Umstände (finanzielle Not, Alter, Krankheit, Änderung von Lebensumständen) von ihren Sammlungen trennen müssen.

Fragt man nach den tieferen Beweggründen für das Sammeln so kann man mindestens ebenso viele Gründe finden, wie es verschiedene Sammelobjekte gibt. Die Auslöser für Sammelgebiete können im rein fachlichen Interesse liegen, in der Befriedigung ästhetischer Bedürfnisse, im späten Erfüllen von Defiziten aus der Jugend ebenso wie im sentimentalen Nachspielen von Kindheitsidyllen. Beweggründe gibt es wie Sand am Meer. Aber auch einzelne Sammelobjekte können besonders hervorstechen, besonders angestrebt werden, weil sich eine höchstpersönliche Geschichte im Hintergrund verbirgt.

Meine Mutter zum Beispiel verbrachte die Ferien bei ihren Großeltern im Waldviertel. Wie Ende der 20iger Jahre üblich, waren die Stuben mit zahlreichen - für unsere heutigen Begriffe häßlichen und kitschigen - Hinterglasbildern und Haussegen ausgestattet. Ein Besuch in einem der vielen Heimatmuseen im Grenzgebiet Mühlviertel/Waldviertel erweckte in meiner Mutter eine unstillbare Sehnsucht nach dieser Kindheitsidylle. Sie begann plötzlich Haussegen zu erwerben, sie zu restaurieren, kaufte Fachliteratur und brachte alsbald ein ganzes, kleines Privatmuseum mit diesen bäuerlichen Alltagsgegenständen zustande. Der Auslöser - ich war damals dabei - war ein einziges Erinnerungserlebnis und das damit verbundene Wachwerden eines Kindertraumes. Interessanterweise erinnerte sie sich noch, daß sie die Bilder selbst - auch als Kind - als unschön und kitischig empfand. Die Idylle der behüteten, warmen Stube, ihre lieben Großeltern und die entspannte Atmosphäre der ländlichen Ferien, die gute Luft, das gute Essen - all das prägten das psychische Link zur Raumauststattung mit Hinterglasbildern und Haussegen. Die Basis für ein ganzes Sammelgebiet war gelegt.

Das Sammeln wird sicher durch eine besondere Disposition begünstigt. Ein Sammelvirus, wie oft behauptet wird, gibt es nicht. Jedenfalls nicht im medizinisch-pathologischen Sinne. Sammeln kann aber sehr wohl ansteckend sein, wenn man die Veranlagung in sich trägt. Sammler verstehen sich untereinander, sie verstehen einander, sie verstehen - unausgesprochen - die Beweggründe, wie diffizil sie auch sein mögen. Menschen ohne jede genetische Disposition verstehen dies meist nicht, für sie ist Sammeln ein unnützer Zeitvertreib, eine Zeitvergeudung. Im negativsten Sinn das unsinnige Anhäufen von nutzlosem Unrat. Daher kann man einem Nichtsammler auch niemals wirklich nachhaltig das Sammeln erklären.

Die großen Sammlungen des Naturhistorischen Museums Wien

Die bereits genannte Stufenentwicklung (Ansammeln, Ordnen, Erschließen) betrifft aber nicht nur die Entwicklung einer einzelnen, höchstpersönlichen Sammlung, also den "ontogenetischen" Werdegang einer Kollektion, sondern spiegelt auch die historische Entwicklung des Sammelns an sich. Ich will dies anhand der großen und unvergleichlichen, naturwissenschaftlichen Sammlungen des Naturhistorischen Museums in Wien (http://www.nhm-wien.ac.at/) näher beleuchten.

In der Mitte der 18. Jahrhunderts legte der Gemahl Kaiserin Maria Theresias (1717-1780), Franz Stefan von Lothringen (1708-1765) mit der Gründung des "kaiserlich königlichen Hofnaturaliencabinetes" den Grundstein für die Sammlungen, die heute den internationalen Ruf und den wissenschaftlichen Wert des Naturhistorischen Museums Wien ausmachen. Der Grundstock dieser ersten, kaiserlichen Privatsammlung, die im ehemaligen Bibliotheksgebäude bei der Augustinerkirche am Josefsplatz untergebracht war, entstammt der Naturaliensammlung von Johann Ritter von Baillou (1758-1802). Franz Stefan äußerte den Wunsch, diese Sammlung käuflich zu erwerben. .Kaiser Franz Stephan war auch Großherzog der Toskana und hat vermutlich dort die Sammlungsschätze von Baillou erstmals zu Gesicht bekommen. Diese ersten Naturaliensammlungen waren bloße Anhäufungen und Aneinanderreihungen verschiedenster exotischer Objekte, ein wissenschaftliches Interesse im heutigen Sinne existierte noch nicht oder nur in Ansätzen. Prestige und pekuniärer Wert der Objekte waren Ansporn zu dessen Erwerb. So erstand Franz Stefan das erste Exemplar der sogenannten Wendeltreppenschnecke (Scalaria preciosa) zum Preis eines Jahresgehaltes eines seiner höchsten Hofbeamten, nämlich 4000 Gulden. Heute ist sie gerade einmal für wenige Euro auf einschlägigen Sammlerbörsen erhältlich. Franz Stephan war persönlich um seine Sammlungen bemüht und besuchte sie - wie berichtet wird - fast täglich.

Die zu dieser Zeit immer stärker werdende Reisetätigkeit brachte in Verbindung mit eifrigem Sammeln natürlich immer wieder Nachschub an Raritäten nach Europa. Die Sammlung des Ritter von Baillou war insofern eine glückliche Ausnahme, als sie von Anfang an nach naturwissenschaftlichen Kriterien sortiert war. So konnte Ignaz von Born (1742-1791) bereits 1778 ein umfangreiches Verzeichnis der Schnecken und Muscheln anhand dieser Sammlung erstellen. Ritter von Baillou war auch der erste Vorstand des naturwissenschaftlichen Kabinetts, das zum Großteil aus den 30.000 Objekten seiner Sammlung bestand. Offensichtlich konnte sich Johann Ritter von Baillou nur schwer von seinen Schätzen trennen und folgte ihnen daher bis nach Wien. Ein verhalten, das jedem eingefleischten Sammler nur allzu verständlich sein dürfte.

Die kaiserliche Privatsammlung wurde immer umfangreicher wurde schließlich durch einen Schenkungsakt im Jahre 1811 in das Staatseigentum überführt. Mit Kaiser Ferdinand (1793-1875) begann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch eine Gliederung der Sammlungen in verschiedene "Cabinete".

Bestes Beispiel für den - gewissermaßen phylogenetischen - Übergang des Sammelns als Ordnen und Klassifizieren zu analytischer Erkentnnis ist der Vergleich der beiden Exponenten der Zoologie Carl von Linné (1707-1778) und Charles Darwin (1809-1882). Während das Ordnen und Klassifizieren bei Linné Lebensaufgabe war, gewann die Analyse und Interpreation der auf der Weltreise der Beagle zusammengetragenen Objekte im wahrsten Sinne des Wortes Weltbedeutung: Praktisch zeitgleich mit Alfred Russel Wallace (1823-1913) wurde so die Evolutionstheorie begründet. Sie sollte bis heute die tragfähigste Theorie zur Entstehung und zum Werden der Lebewesenvielfalt auf diesem Planeten bleiben. Die ersten systematischen Aufzählungen, die, wie erwähnt von Ignaz von Born Ende des 18. Jahrhunderts erfolgten, nutzten bereits die binäre Nomenklatur von Linné. Aber erst die, Mitte des 19. Jahrhunderts einen rasanten Aufklärungsschub verursachende Evolutionstheorie, gab den zahllosen und umfassenden Museumssammlungen eine völlig neue Bedeutung als Biodiversitätsarchive. Obwohl dieser moderne Name erst seit kurzem gezielt verwendet wird, so darf man sich nicht täuschen: die Verwendung von naturwissenschaftlichen Sammlungen als Grundlage der systematisch-biogeographischen Hypothesenbildung, reicht tief ins 19. Jahrhundert zurück. Die Natur konnte nun mit ihrer überbordenden Vielfalt als Entwicklungsprozess mit standardisierten sowie historischen Zügen interpretiert werden. Hypothesen zur Entwicklungsgeschichte des Lebens konnten anhand tausender und abertausender Objekte gebildet werden. Verifizierung und Falsifizierung fand ab sofort im Lichte der Sammlungsvielfalt statt. So ist letztlich jede Neuentdeckung und Neubeschreibung einer biologischen Art sowie ihre Abgrenzung zu anderen Populationseinheiten eine wissenschaftliche Hypothese, die mithilfe der Präparate näher untersucht wird, die sich anhand der konservierten und bereitgestellten Objekte glaubhaft machen läßt oder der Widerlegung unterwerfen muß.

Spulwurm (Ascaris) von Johann Natterer erbrochen (Photo NHMW)
Abbildung 17: Spulwurm (Ascaris) von Johann Natterer erbrochen (Photo NHMW)
Das Heranschaffen neuer Objekte gewann so immer mehr an Bedeutung. Die Sammlungen wurden durch Expeditionen in ferne Länder bereichert. Einer der erfolgreichsten und eifrigsten Sammler im Dienste des Naturhistorischen Museums war zweifellos Johann Natterer (1787-1843), der viele Jahre lang in Südamerika für das Naturhistorische Museum Material zusammentrug, zum Teil mit Mitteln, die wir heute als zweifelhaft bezeichnen würden. Sein Fanatismus beim Sammeln ging sogar soweit, daß er - selbst schwer erkrankt - einen von ihm erbrochenen Eingeweidewurm mit exakter Beschriftung konservierte, um ihn der Wissenschaft zu erhalten. Dieses Präparat ist heute ein gerne gezeigtes Objekt am Naturhistorischen Museum, ist es doch ein Beispiel fanatischen Forscherdranges (Abbildung 17).

Mit den Revolutionswirren des Jahres 1848 wurden wichtige Teile der kaiserlichen Sammlungen, darunter wertvolles Material aus Südamerika beschädigt und zerstört. Dabei verlor das Naturalienkabinett auch eine der ältesten und wertvollsten Schmetterlingssammlungen Mitteleuropas, die Denis und Schiffermüllersammlung. Mit ihrem Fokus auf die Falter der Wiener Gegend, wäre sie heute eine unschätzbar wertvolle Sammlung an Typus-Exemplaren, die damals der Erstbeschreibung vieler europäischer Falterarten zu Grunde lagen. Mit 1848 begann auch die Regentschaft von Kaiser Franz Joseph (1830-1916), der schließlich auch den Bau des Naturhistorischen Museums in den 70iger Jahres des 19. Jahrhunderts in Auftrag gab.

Martin Lödl bei der wissenschaftlichen Arbeit
Abbildung 18: Martin Lödl bei der wissenschaftlichen Arbeit
Der Niedergang des Sammelns in den zentraleuropäischen Ländern hat vor allem die naturwissenschaftlichen, beziehungsweise kulturhistorischen Fachrichtungen beschädigt. Gottseidank ist bis heute - wie bereits gesagt - das Sammeln von Kunst wenig von der allgemeinen gesellschaftlichen Reserviertheit dem Sammeln gegenüber betroffen. Der Aufbau großer, privater Kunstsammlungen in den letzten Dekaden beweist dies. Das Naturhistorische Museum bedarf aber, wie jedes andere naturwissenschaftliche Museum auch, des Ausbaues seiner Sammlungen um die Aussagekraft seiner Biodiversitätsarchive zu erhalten und zu erweitern. Bedeutet Quantität nicht unbedingt auch Zunahme an Qualität so ist dieser Satz doch für naturwissenschaftliche Sammlungen nur sehr bedingt gültig. Je größer der Umfang, je höher die Quantität einer biologischen Sammlung, umso weitreichender die Analysemöglichkeiten, die die Sammlung bietet. Heute scheint der Weg zurück zu angemessener staatlicher Unterstützung durch die erstarkten neoliberalen Züge in der europäischen Wirtschaft verwehrt zu sein. Daher ist eine erfolgversprechende Strategie das Naturhistorische Museum als Gesamtkunstwerk und Ort der bürgerlichen Begegnung sowie der gesellschaftlichen Identität zu positionieren. Nur eine sekundäre Verschränkung mit den allgegenwärtigen, gesellschaftlichen Interessen kann auch wieder den Blick öffnen und frei machen auf das, was unsere ureigenste Aufgabe ist: Das Sammeln und Bewahren als kulturelle Basis und ideelle Wertvermehrung, der Erhalt von Werten für unsere Nachkommen und die Bereitstellung von Forschungsmaterialien im Dienste internationaler Beziehungen.

Agrias narcissus, Südamerika (Foto NHMW
Abbildung 19: Agrias narcissus, Südamerika (Foto NHMW)
Für mich als Chef einer der größten wissenschaftlichen Insektensammlungen (http://www.nhm-wien.ac.at/Content.Node/forschung/2zoo/index.html) und damit Biodiversitätsarchiven ist unsere Museumssammlung in erster Linie ein Wissenschaftsarchiv. Selbstverständlich auch mit der ganzen Palette persönlicher Bindungen, die man zwangsläufig aufbaut, wenn man einen derartigen Schatz als Kurator zu betreuen hat. Seit 200 Jahren tragen wir hier über 10 Millionen Insektenpräparate zusammen (Abbildung 18 und Abbildung 19. Alle sachgerecht verwahrt, beschriftet und etikettiert. Wissenschaftliche Hypothesenbildung in Bezug auf Phylogenie, Artabgrenzung, Zoogeographie werden bei uns vorgenommen, hunderte Publikationen zeugen davon. Wissenschaftler aus aller Welt besuchen derartige Sammlungen und eine zoologisch-systematische Arbeit wäre ohne Referenzinstitute unseres Ranges nicht denkbar.

Das Archiv der Archive

Das Austria Forum kann sich als Plattform erweisen für die Präsentation der Sammlungen Österreichs, sowohl der öffentlichen Musealsammlungen, als auch der vielen kleineren und größeren Privatsammlungen. Ein "Archiv der Archive" könnte auf diese Weise entstehen. Dadurch eine Zusammenschau der kulturellen Wertschöpfung dieses Landes.

Viele Privatsammler werden die Gelegenheit begrüßen, Teile ihrer Sammlung als Bildmaterial und mit einem höchstpersönlichen Bericht ihrer Sammlungsgeschichte präsentieren zu können. Selbstverständlich unter Wahrung völliger Anonymität, falls dies gewünscht wird.

Auf diese Weise könnte ein allmählich wachsendes Forum an Sammlern dazu beitragen, ein Gesamtbild der österreichischen Sammlerszene zu schaffen. Eine neue, virtuelle Sammlung an Sammlungen - und damit im wahrsten Sinne des Wortes eine Scientia amabilis, eine liebenswerte Wissenschaft.

Literatur zum Thema Sammeln

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Curtis, T. 1993: A Fortune in your Attic.- Lyle Publications, Glenmayne, Galashiels, Scotland, 160 pp.

Dusini, M., 2005: Der Friedhof der Dinge. - Falter, Kultursommer 2005: 18, 20.

Huemer, G, 1982: Niederösterreichs Heimatmuseen.- Österreichischer Bundesverlag, Wien, 170 pp.

Kemper, H. & Seggelke, U.K., 2003: Sammellust.- Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 192 pp.

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Lödl, M. 2007: Vom Sammeln und Forschen - das Naturhistorische Museum Wien und seine kulturelle Identität.- Bioskop 1/07: 8-12:

Lödl, M. 2008: Das Sammeln - Vom Erjagen und Horten zur Kulturform.- Katalog zur Ausstellung "Jagen und Sammeln", Reichenau/Rax: 214-223.

Manroe, C.O. 1992: Designing with Collectibles.- Simon & Schuster, New York, 143 pp.

McAlpine, A. & Giangrande, C., 1998: Collecting & Display.- Conran Octopus Limited, London, 192 pp.

Meiss, S.v. & Guntli, R., 1999: Bücherwelten.- Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 256 pp.

Mouillefarine, L. & Hinous, P. 1989: Leurs Collections.- Éditions E.P.A., Paris, 216 pp.

Pauser, S. & Ritschl, W., 1999: Wickie, Slime und Piper. Das Online-Erinnerungsalbum für die Kinder der siebziger Jahre. - Böhlau, Wien-Köln-Weimar, 150 pp.

Smoltczyk, A., 2004: Der Bote des Unglücks.- Der Spiegel, 28/2004: 56-62.

Walcher-Molthein, A. (o.J., ca. 1925): Burg Kreuzenstein.- Eckart, Wien, 60 pp.